
Die KI nimmt uns wiederkehrende Arbeiten ab, schafft so Raum für Kreativität und strategische Entscheidungen. Doch was ist mit denjenigen, die das nicht wollen?
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Studien zeigen, dass der Anteil an Routineaufgaben in der Arbeitswelt seit 2006 gesunken ist. Gleichzeitig wächst die Debatte über die Auswirkungen der KI auf die Ausbildung von Berufseinsteigern.
Düsseldorf. Die neue Fachkraft im Malerhandwerk erinnert an einen überdimensionierten Staubsauger: ein weißes Fahrgestell, ein dunkelblauer Maschinenarm, ein Sprühkopf mit Schläuchen. 140 Kilogramm wiegt der Roboter, bis zu 3,20 Meter hoch reicht sein Arm, vier Stunden malt er laut Hersteller Conbotics mit einer Akkuladung.
Seit ein paar Jahren sind solche Malerroboter nun auf Baustellen unterwegs. Sie arbeiten sorgfältig und effizient, ersetzen fehlende Fachkräfte. Und, so werben die Hersteller: Die Roboter befreien die Handwerker von körperlich belastenden, wiederkehrenden Tätigkeiten.
Nicht nur im Malerhandwerk sollen Maschinen künftig lästige Routinen übernehmen, auch andere Berufe werden entschlackt: Programmierer müssen nicht mehr programmieren, Juristen nicht mehr Gesetzbücher wälzen, Berater keine Präsentationen mehr erstellen. Besonders dort, wo sich wiederkehrende und standardisierte Abläufe einfach automatisieren lassen, setzt sich KI schnell durch.
Routine ist schon heute auf dem Rückzug. In den repräsentativen Erwerbstätigenbefragungen des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gaben 2006 noch 51 Prozent der Beschäftigten an, dass sich in ihrem Job häufig ein und derselbe Arbeitsgang bis ins Detail wiederhole. 2024 waren es nur noch 42 Prozent. Zugleich stieg der Anteil der Beschäftigten, bei denen dies nie vorkommt, von 11 auf 15 Prozent.
Meist wird diese Entwicklung positiv bewertet: Qualifizierte Arbeitskräfte könnten sich auf Entscheidungsfindung, Kreativität und Strategie fokussieren, da ihnen KI-Agenten die sich wiederholenden Tätigkeiten abnehmen, schrieben etwa die beiden Softwareunternehmer Jovan Jovanovic und Dino Osmanagić im vergangenen Jahr in einem Beitrag für das Weltwirtschaftsforum. Und laut einer Befragung des Personaldienstleisters Randstad glauben 84 Prozent der Personalverantwortlichen, dass Wissensarbeiter künftig mehr Zeit für anspruchsvollere Aufgaben haben, da Routineaufgaben automatisiert werden.
Nur – wollen das überhaupt alle? Zurück zum Malerroboter. Unternehmensberaterin Susanne Kremeier hat einen Betrieb beraten, als der ein solches Gerät einführte. Und kam dabei mit den Mitarbeitern ins Gespräch: „Manche Maler waren sehr froh, sich künftig stärker auf Planung, Koordinierung und kreative Tätigkeiten konzentrieren zu können“, erzählt sie. „Aber es gibt eben auch die“, so Kremeier weiter, „die weiter den Pinsel schwingen wollen.“
Die Rolle in den Eimer tunken, Farbe gleichmäßig auftragen. Wieder von vorn. Eintönig? Sicher. Aber das muss nichts Schlechtes sein. „Wir wissen aus der Forschung, dass manche Beschäftigte die Routine schätzen“, sagt Christoph Metzler, der am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) unter anderem zur Personalpolitik in Zeiten der Digitalisierung forscht.
Das gilt insbesondere für Menschen, die nach dem Big-Five-Persönlichkeitsmodell als besonders gewissenhaft gelten. Schon vor mehr als 20 Jahren zeigte eine Studie der Iowa State University, dass ein Zusammenhang zwischen der Neigung zur Gewissenhaftigkeit und dem Interesse an Tätigkeiten mit festen Abläufen besteht. „Das bedeutet keineswegs, dass die Tätigkeiten simpel sein müssen“, stellt IW-Forscher Metzler klar. Denn auch Tätigkeiten, die immer nach demselben Schema ablaufen, können komplex sein: zum Beispiel das Prüfen einer Steuererklärung.
Dagegen entscheiden sich Menschen, die sich nach dem Big-Five-Modell durch eine besonders große Offenheit auszeichnen, laut einer Studie eines estnischen Forscherteams überdurchschnittlich häufig für kreative und künstlerische Berufe. Doch auch in diesen Jobs haben Routineaufgaben einen Wert: Sie wirken ähnlich wie eine Mittagspause. Forscher der Universitäten Freiburg und Kassel befragten vor einigen Jahren mehr als 300 Beschäftigte zweimal täglich zu ihren aktuellen Aufgaben und ihrem Energielevel.
Das Ergebnis der Studie: Wenn sie zuvor eine Routinearbeit erledigt hatten, fühlten sich die Beschäftigten energiegeladener. Bereits 2006 fand ein Team der TU Braunschweig in Zusammenarbeit mit einer deutschen Hightech-Firma heraus, dass Routine und Kreativität positiv verknüpft sind. Es brauche beides, resümierten die Autoren: anspruchsvolle Aufgaben, die bewusste Entscheidungen verlangen, und einfachere Tätigkeiten, die den Kopf weniger beanspruchen.
Als gesellschaftlich und wirtschaftlich noch relevanter könnte sich jedoch eine andere Frage entpuppen, die IW-Forscher Metzler umtreibt: „Wenn Routinetätigkeiten wegfallen – welche Aufgaben geben wir dann den jungen Leuten und wie bereiten wir sie darauf vor?“ Er sieht die Gefahr, dass sich viele Berufe – auch von erfahrenen Beschäftigten – inhaltlich verändern und anspruchsvoller werden, die Arbeitskräfte aber nicht qualifizierter. Noch ist also unklar, wie die erforderlichen Kompetenzen in Zukunft vermittelt werden können.
Auch Philipp Riedel, Chef des Personaldienstleisters YER Deutschland, sieht darin ein langfristiges Risiko für Unternehmen. „KI schließt kurzfristig eine Personallücke, reißt langfristig aber eine Erfahrungslücke auf“, sagt er. Denn sie übernehme vor allem Aufgaben, an denen Berufseinsteiger bislang lernen konnten. Wenn Unternehmen heute aus Kostengründen weniger Junioren einstellen, dann, so befürchtet Riedel, „fehlen ihnen morgen genau die Seniors, die sie schon heute verzweifelt suchen.“
Beraterin Kremeier hält deshalb künftig deutlich mehr außerbetriebliche Ausbildung und Weiterbildung für nötig – und zwar nicht nur für klassische Ausbildungsberufe, sondern zum Beispiel auch für Steuerberater. Zugleich sollten Unternehmen bei der Automatisierung nicht allein fragen, welche Aufgaben Maschinen übernehmen können. Sie müssten auch darauf achten, wie ihre Beschäftigten künftig arbeiten und lernen wollen – und die Aufgaben dann mithilfe der KI so koordinieren, dass die Mensch-Maschine-Zusammenarbeit reibungslos funktioniere.
„Jeder Mensch sollte entscheiden dürfen, welche Tätigkeiten er erledigen möchte“, findet Kremeier. Nur: Wer wird ihn dafür bezahlen, wenn es eine billigere KI-Lösung gibt?
Diese Frage reicht über betriebswirtschaftliche Überlegungen hinaus. In einem vielbeachteten Essay schlug Microsoft-Gründer Bill Gates jüngst vor, bestimmte Tätigkeiten für Menschen zu reservieren – ähnlich wie Naturreservate für Tiere und Pflanzen. Bislang ist keine Rede davon, Routine unter Artenschutz zu stellen. Vielleicht sollte sich das ändern.
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