Bergführer Kurt Walde hat in 2800 Metern Höhe eine Höhle mit Überresten des urzeitlichen Höhlenbären Ursus spelaeus ladinicus gefunden.
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Der Höhlenbär war ein Großsäugetier der Eiszeit, das vor etwa 20.000 Jahren ausstarb. Studien deuten darauf hin, dass die Konkurrenz durch den Menschen zum Aussterben beitrug.
Als Bergführer Kurt Walde in den Dolomiten im Gadertal unterwegs ist, macht er eine außergewöhnliche Entdeckung: Hoch oben in einer Felswand öffnet sich der Eingang zu einer Höhle. Tief im Berg liegen dort die Überreste des urzeitlichen Höhlenbären Ursus spelaeus ladinicus.
„So etwas zu erleben, ist unglaublich“, sagt Walde in die Kamera, mit der er seine ersten Eindrücke kurz nach dem Betreten der Höhle festhält. Der Bergführer ist zugleich Höhlenforscher, und der Fund im vergangenen Juli war kein Zufall. „Eine solche Höhle findet man nur gezielt“, erzählte er kürzlich dem ORF. „Mit viel Aufwand habe ich den Einstieg auf 2800 Metern am Koltoron gefunden.“
Kurz nach der Entdeckung flog ein Team von Archäologen mit dem Hubschrauber zur Fundstelle, um erste Vermessungen vorzunehmen. „Wir sind mit Schutzkleidung hineingegangen, um die Höhle nicht zu kontaminieren. Anschließend wollten wir sie einbruchsicher verschließen, damit Unbefugte keinen Zutritt haben“, erklärt Christian Terzer, Direktor des Amts für Archäologie in Bozen (Südtirol), auf Anfrage von WELT.
Damit soll verhindert werden, dass sich wiederholt, was mit der Conturines-Höhle, die auch in den Südtiroler Alpen liegt, geschah: Sie war vor Beginn der Ausgrabungen 1987 nahezu vollständig geplündert worden. Diese erste Höhle liegt am selben Bergmassiv auf der gegenüberliegenden Seite, etwas tiefer als der neue Fund. Möglicherweise waren beide Höhlen ursprünglich miteinander verbunden. „Das gilt es als Erstes zu überprüfen“, sagt Terzer.
Die wissenschaftliche Bedeutung des Fundes liegt vor allem darin, dass das Innere der Höhle eine Art Zeitkapsel ist, unberührt von modernen Einflüssen. „Diese Unversehrtheit müssen wir bewahren, denn geplant sind DNA-Untersuchungen an Sedimenten und Knochenfragmenten sowie paläobotanische und paläoklimatologische Analysen“, erklärt Terzer.
Deshalb hätten die Archäologen am Eingang eine Schutzplane angebracht, wie sie etwa bei Renovierungen in Krankenhäusern während des laufenden Betriebs verwendet wird. Betreten hätten sie die Höhle nur in Schutzkleidung, wie sie auch bei der Untersuchung der Gletschermumie Ötzi zum Einsatz kommt. Geborgen wurde bisher nur ein einziger Knochen, der so nah am Eingang lag, dass er bei den Arbeiten beschädigt worden wäre.
Im Inneren liegen Tausende Knochen verstreut, manche noch im anatomischen Zusammenhang. „Wir werden daher sicherlich einzelne Tiere rekonstruieren können“, sagt Terzer zu WELT. Derzeit plant sein Amt ein interdisziplinäres Forschungsprojekt mit internationaler Beteiligung, an dem Paläontologen, Klimaforscher, Paläobotaniker, Speläologen und Spezialisten für alte DNA mitwirken sollen.
Mit dem Wintereinbruch ist die Felswand seit dieser Woche allerdings nicht mehr zugänglich. Die eigentliche Erforschung der Höhle soll im Juni 2027 beginnen.
Der Höhlenbär war eines der imposantesten Großsäugetiere des eiszeitlichen Europas. Er erreichte eine Schulterhöhe von etwa 1,70 Metern, aufgerichtet maß er rund 3,50 Meter. Ausgewachsene Tiere wogen bis zu einer Tonne. Wie Mammut, Wollnashorn, Riesenhirsch und Höhlenlöwe gehörte er zur eiszeitlichen Megafauna, und wie sie ist er ausgestorben, nach heutigem Kenntnisstand vor rund 20.000 Jahren.
Ein internationales Forschungsteam kam durch den Vergleich von Bären-Erbgut aus mehr als einem Dutzend europäischer Höhlen zu dem Schluss, dass vermutlich der Mensch für das Verschwinden des Höhlenbären verantwortlich war. „Der dramatische Einbruch in Vielfalt und Population des Höhlenbären fällt nach einer vergleichsweise stabilen Phase zeitlich mit dem Auftreten des modernen Menschen zusammen“, teilte Verena Schünemann vom Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich mit.
Aus dem mitochondrialen Erbgut von 59 Höhlenbären sowie bereits veröffentlichten Daten rekonstruierten die Forscher einen umfassenden Stammbaum, an dem sich der Niedergang der Art nachvollziehen lässt. Die Ergebnisse erschienen im Jahr 2019 im Fachjournal „Scientific Reports“. Beschleunigt wurde das Aussterben demnach durch die Lebensweise des Bären. Die Pflanzenfresser blieben ihren Geburtshöhlen treu, die meist in besonders günstigem, fruchtbarem Gelände lagen. Da auch der Mensch Höhlen für sich beanspruchte, wurde er zunehmend zum Konkurrenten des ortstreuen Bären. Die durch die Jagd stark dezimierte Population konnte sich nicht mehr erholen. Hinzu kam die Pflanzenknappheit während der letzten Eiszeit.
Andere Forscher hatten vermutet, die Spezialisierung auf bestimmte Nahrung sei dem Bären zum Verhängnis geworden: Viele Tiere seien im Winterschlaf verendet, weil sie für lange, strenge Kälteperioden nicht genug Fettreserven anlegen konnten. Dagegen spricht laut der Studie, dass der Höhlenbär zuvor bereits zwei Kältephasen überstanden hatte und sein Niedergang schon vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor rund 25.000 Jahren einsetzte.
Dass Menschen Höhlenbären jagten, ist lange bekannt, unklar war bislang nur das Ausmaß. Gefunden wurden Bärenknochen mit darin steckenden Projektilspitzen sowie Knochen mit Schnitt- und Kratzspuren. „Höhlenbären wurde auch der Kopf abgetrennt, sie wurden entfleischt und dienten dem Menschen als Nahrung“, erklärt Mitautorin Susanne Münzel vom Institut für naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen.
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Beginn der wissenschaftlichen Erforschung der Höhle
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