Chemie: „Problematische Finanzierungsthemen“: Gewerkschaftschef verärgert Evonik
Michael Vassiliadis spricht öffentlich von „problematischen Finanzierungsthemen“ bei Evonik, was im Konzern auf scharfe Kritik stößt und rechtliche Fragen aufwirft.
Quick Look
- IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis löste mit Behauptungen über „problematische Finanzierungsthemen“ bei Evonik Irritationen aus.
- Der Konzern dementiert die Vorwürfe unter Verweis auf solide Ratings, während Experten die juristische Zulässigkeit der Äußerungen prüfen.
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Why It Matters
BASF hat ein Übernahmeangebot für Evonik in Höhe von zehn Milliarden Euro unterbreitet, das vom Evonik-Vorstand abgelehnt wurde. Die RAG-Stiftung hält 44 Prozent der Anteile an Evonik.
Düsseldorf. Eine Äußerung von IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis über die Finanzlage von Evonik sorgt in dem Essener Chemiekonzern für Unruhe. In einem Interview mit der „Rheinischen Post“ sagte Vassiliadis, Evonik sei „mit problematischen Finanzierungsthemen ausgestattet“. Der Essener Konzern habe diese Aussage „mit großer Verwunderung und Verärgerung“ zur Kenntnis genommen, hieß es in Unternehmenskreisen.
Den Kreisen zufolge haben Analysten am Freitagmorgen Evonik kontaktiert und nach der Vassiliadis-Aussage zu möglichen Finanzierungsproblemen nachgefragt. Evonik habe diese hart dementiert, hieß es weiter, und auf die jüngst verbesserten Einstufungen bei den Kreditratings verwiesen.
Die Aussage von Vassiliadis könnte auch rechtlich problematisch sein. Es müsse analysiert werden, ob eine derart kapitalmarktrelevante Aussage juristisch zulässig sei, ohne dass die Person Insiderkenntnisse über das Unternehmen habe, heißt es in den Kreisen. Vassiliadis ist als Gewerkschaftschef nahe an Evonik, sitzt dort aber nicht im Aufsichtsrat.
Vassiliadis hatte seine Aussage im Kontext der möglichen Übernahme von Evonik durch BASF gemacht. BASF hat ein erstes Angebot für die Essener in Höhe von zehn Milliarden Euro vorgelegt, das der Evonik-Vorstand zurückgewiesen hatte. Aktuell finden keine Gespräche zwischen beiden Unternehmen statt.
Der Gewerkschaftschef sagte in dem Interview, Evonik sei innovativ, der „große Schritt nach vorne“ stehe aber noch aus. Mehr Ideen ließen sich umsetzen, wenn der Konzern mehr Geld hätte, argumentierte Vassiliadis. Daran mangele es BASF nicht.
Brisant ist die Aussage, weil die Einschätzung der großen Ratingagenturen zuletzt in eine andere Richtung ging. Die Ratingagentur Moody’s hob das langfristige Emittentenrating von Evonik Ende August von Baa2 auf Baa1 an und versah es somit mit stabilem Ausblick.
Die Agentur begründete den Schritt unter anderem mit verbesserten Verschuldungskennzahlen, höherem Cashflow und einer konservativen Finanzpolitik. Auch S&P bewertet Evonik mit BBB+ und damit mit stabilem Ausblick. Beide Ratings liegen im Investmentgrade-Bereich, gelten also als solide Anlagen mit geringem bis moderatem Ausfallrisiko.
Evonik selbst hatte zuletzt ebenfalls eine Stärkung seiner Finanzlage betont. Im zweiten Quartal stieg das bereinigte Ebitda auf 630 Millionen Euro. Zugleich erklärte Finanzvorstand Michael Rauch, der Konzern wolle seine Verschuldungskennzahlen weiter verbessern, um zusätzlichen finanziellen Spielraum zu schaffen. Die Gewinnprognose für 2026 hat Evonik bereits erhöht.
Die Äußerungen des Gewerkschaftschefs fallen in eine angespannte Phase. BASF mache eine mögliche höhere Offerte davon abhängig, einen genaueren Einblick in Evonik zu erhalten, und wünsche sich dazu Gespräche mit dem Vorstand, heißt es in Kreisen des Konzerns.
Evonik wiederum sieht auf Basis des bisherigen Preises keine Grundlage für solche Gespräche und sieht sich laut einem Insider derzeit nicht unter Zugzwang. Die Aussagen von Vassiliadis zeugen von einem angespannten Verhältnis zwischen ihm und Evonik. Im Essener Konzern wird er so verstanden, dass er die BASF-Offerte unterstütze, hieß es in den Kreisen. Auch Evonik-Betriebsräte zeigten sich erstaunt.
Die Bemerkung zur Finanzierung von Evonik hat zusätzliches Gewicht: Vassiliadis sitzt nicht nur an der Spitze der IG BCE, sondern auch im Kuratorium der RAG‑Stiftung. Sie besitzt 44 Prozent der Anteile an Evonik. Als Hauptaktionärin spielt sie in dem Übernahmepoker eine Schlüsselrolle. Zugleich sitzt Vassiliadis im BASF‑Aufsichtsrat. Dort hat er sich wegen des möglichen Interessenkonflikts nach eigenen Angaben für befangen erklärt.
In Unternehmenskreisen war zuletzt die Erwartung geäußert worden, dass sich die RAG-Stiftung und die nordrhein-westfälische Landesregierung klar hinter die Eigenständigkeit des Konzerns stellen. Die Landesregierung blieb zunächst zurückhaltend und verwies vor allem auf Arbeitsplätze, Standorte und zentrale Funktionen in NRW.
Erst in einer Landtagsdebatte am Mittwoch stellte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) klar, dass die Regierung eine Übernahme durch BASF unter den aktuellen Bedingungen ablehnt.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Juristische Prüfung der Aussagen von Vassiliadis
Possible · Within weeks
Open Questions
- Sind die Aussagen von Vassiliadis juristisch zulässig?
- Wie reagiert die RAG-Stiftung auf die Vorwürfe?







