
Ein Machtkampf zwischen dem Superstar und Nationaltrainer Jorge Jesus führt zum vorzeitigen Abschied des Kapitäns aus dem Trainingslager in Kopenhagen.
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Ronaldo spielt seit 23 Jahren für Portugal. Jorge Jesus übernahm kürzlich das Traineramt und setzt auf ein taktisches System, das Ronaldos Spielstil entgegensteht.
In den 23 Jahren seiner Nationalmannschaftskarriere hat sich nicht nur Cristiano Ronaldo gewandelt, sondern auch das ganze Land. Als Ronaldo am 20. August 2003 sein erstes Länderspiel für die Selecção bestritt, gab es nur eine Handvoll Fernsehsender in Portugal. Jetzt sind es unzählige Kanäle und fünf davon 24-Stunden-Nachrichtensender, die seit Mittwochnachmittag ununterbrochen über das ganz große Drama berichten: Ronaldos Bruch mit dem portugiesischen Nationalteam. Das Ende einer innigen, glücklichen und komplizierten Verbindung zwischen Portugals größtem Sportler und Medienstar und einer kleinen, sensiblen Nation.
Der Vorhang für den vorläufig letzten Akt dieses Epos öffnete sich in der vergangenen Woche. Ein gut gelaunter Cristiano Ronaldo verkündete im Trainingsdress der Selecção, dass er sich vor seinem Karriereende noch zwei Ziele vorgenommen habe: Erstens die magische Zahl von 1000 Toren zu erreichen und zweitens mit Portugal die Nations League zu gewinnen.
An seiner Seite saß der Mann, mit dem er den letzten seiner bisherigen Titel gewonnen hatte: Jorge Jesus, bis zum Sommer Trainer bei Ronaldos saudi-arabischem Klub al-Nassr und seit wenigen Wochen Nationalcoach von Portugal. Der Einundsiebzigjährige ist einer der ganz wenigen, der Ronaldo in der Öffentlichkeit mit seinem Kosenamen anspricht: „Chris ist ein Symbol Portugals und der Nationalelf.“ Ronaldo lächelte und fügte hinzu: „Wenn der Trainer mich braucht, kann ich spielen, ausgewechselt oder eingewechselt werden oder auch gar nicht spielen.“ Das nahm Jesus wörtlich.
Im ersten Qualifikationsspiel der Nations League gegen Wales (1:0) spielte Ronaldo von Anfang an. Sein Mannschaftskollege João Félix erzielte den Siegtreffer. Ronaldo ließ mehrere hochkarätige Torchancen liegen und wurde bereits in der 60. Minute ausgewechselt – mit leicht verstimmtem Ausdruck im Gesicht.
Die Selecção ist ohne Ronaldo in der Gegenwart angekommen
Gegen Norwegen (2:1) verzichtete Jorge Jesus dann ganz auf den Superstar. Er ließ ihn in der zweiten Halbzeit lange Zeit wie einen Debütanten an der Seitenlinie warmlaufen und wechselte ihn dann doch nicht ein. Ronaldo musste zusehen, wie sein Nachfolger auf der Mittelstürmerposition, Gonçalo Ramos, genau das tat, was er selbst mit seinen 41 Jahren nur noch streckenweise hinbekam: hohes Pressing, Balleroberung vor dem gegnerischen Strafraum und blitzschnell einen gefühlvollen Heber über den norwegischen Torhüter hinweg ins Tor und zum Siegtreffer für Portugal. Auf diesen Moment hin hatte Jorge Jesus das Spiel konzipiert. Der Sieg gab die Bestätigung, dass die Selecção ohne Ronaldo in der Gegenwart des Spitzenfußballs angekommen war.
Ronaldo machte beim Schlusspfiff in Oslo eine abwertende Geste und verließ das Spielfeld in Richtung Kabine. Portugals Auswärtserfolg gegen eine der stärksten Mannschaften Europas feierten die Spieler ohne ihren Kapitän.
In den folgenden Tagen vor dem Spiel in Dänemark am Donnerstagabend war die portugiesische Fußballelite darum bemüht, die Gemüter des alternden Stars zu besänftigen. Jesus nahm ihn in Schutz, obwohl er kein Mal mit der Mannschaft trainierte. Der portugiesische Verbandspräsident Pedro Proença flog einen Tag früher nach Kopenhagen, um die Wogen zu glätten. Ohne sichtbaren Erfolg.
Machtkampf zwischen zwei Alphamännern
In der Pressekonferenz am Mittwochnachmittag betonte Jorge Jesus einen seiner absoluten Grundsätze: „Der Status eines Spielers gewährt ihm keine besonderen Rechte. In einem Verein hat der Präsident das Sagen. In der Mannschaft habe ich das Sagen. In allem, woran ich beteiligt bin. Und das betrifft auch die Spieler.“ Im Machtkampf zwischen zwei Alphamännern hatte Ronaldo den Kürzeren gezogen – und das passierte im Umfeld der Selecção zum ersten Mal.
Ronaldo hat sich in seiner langen Karriere mit mehreren Trainern der Nationalelf angelegt. In Carlos Queiroz (2008 bis 2010) und Paulo Bento (2010 bis 2014) hatte der Fußballstar bereits vor dem portugiesischen Fußballverband sein Vertrauen verloren. Er blieb den ersten Länderspielen nach den jeweiligen enttäuschenden WM-Misserfolgen 2010 sowie 2014 fern und beeinflusste damit auch eine Mannschaft, die zu sehr von Ronaldos Treffsicherheit abhängig war. Queiroz und Bento misslang der Neustart, sie wurden vom Verband gefeuert. Ronaldo kehrte bei den nächsten Spielen zurück.
Auch der bislang erfolgreichste portugiesische Nationaltrainer Fernando Santos musste sich nach der WM 2022 im Machtkampf mit Portugals Fußballikone geschlagen geben. Santos hatte in der K.-o.-Phase Ronaldo auf die Bank verfrachtet. Nach einem furiosen Achtelfinalerfolg gegen die Schweiz (6:1) scheiterte die Selecção im Viertelfinale gegen die Überraschungsmannschaft Marokko. Santos musste gehen. Und Ronaldo bekam den spanischen Fußballdiplomaten Roberto Martínez vorgesetzt, der – so munkelten portugiesische Fußballkommentatoren – in seinem Vertrag eine Klausel unterschrieben hatte, dass Ronaldo eine absolute Startelfgarantie bekommen würde.
Der Fußballverband bekommt mehr Geld, wenn Ronaldo spielt
Hinter dieser Übermacht des ehemaligen Weltklassestürmers steckt ein finanzielles Argument. Laut Presseberichten zahlen Sponsoren dem portugiesischen Fußballverband deutlich höhere Beiträge, wenn Ronaldo auf dem Platz steht. Die Reichweite des Ausnahmefußballers ist kaum zu übertreffen: Rund 680 Millionen Follower zählt Ronaldo allein auf Instagram und ist damit auf der Plattform die Person mit dem weltweit größten Publikum.
Der Verband hat nach der enttäuschenden WM in den USA nach einem neuen Nationaltrainer gesucht, der die immer größer werdende Kluft zwischen den sportlichen und den finanziellen Erträgen des portugiesischen Superstars überbrücken könnte. Jorge Jesus schien der ideale Kandidat. Vor einem Jahr war er in Saudi-Arabien vom Erzrivalen Al-Hilal zum Ronaldo-Klub al-Nassr gewechselt, um Ronaldo – nach dreieinhalb Jahren in der Wüste – zu seinem bislang einzigen Meistertitel zu verhelfen.
Das persönliche Vertrauensverhältnis zwischen Ronaldo und Jesus mag ein Vorteil gewesen sein. Doch die Art und Weise, wie Jorge Jesus Fußball denkt, musste in einem Widerspruch enden. Der Mann mit den langen, weißen, wehenden Haaren bringt eine emotionale Intensität mit in das Spiel, die in Portugal einen ganzen Erzählband mit Anekdoten und Kurzgeschichten füllen könnte. Jorge Jesus hat sich den langen, steinigen Weg von dem drittklassigen Provinzklub Amora über Benfica und Sporting Lissabon bis in die Nationalelf hart erarbeitet. Er spricht wie ein Mann des Volkes. Und niemand im europäischen Fußball kaut während des Spiels so leidenschaftlich Kaugummi wie er.
Ronaldos Flucht mit dem Privatjet
Jorge Jesus ist kein Freund von Tikitaka. Das endlose Kurzpassspiel rund um den gegnerischen Strafraum ist unter Roberto Martínez wichtiger Taktik-Bestandteil der Selecção gewesen, auch weil es einem nicht mehr allzu schnellen, aber reaktions- und abschlussstarken Ronaldo im Sturmzentrum zugutekam. Jesus dagegen ist Ballbesitz egal. Er setzt auf hohes Pressing, endlose Laufbereitschaft seiner Spieler und schnelle, gefährliche Konter. In dieses Spiel, das Jesus vor allem gegen die stärkeren Gegner wählt, passt kein Angreifer, der nur dann läuft, wenn er die Chance auf ein Tor wittert.
Mitten in der Wohlfühl-Pressekonferenz vor einer Woche in Lissabon hatte Cristiano Ronaldo fast unbemerkt trotzdem beschrieben, wie das große Drama um seinen Abschied aus der Nationalelf enden würde: „Wenn ich merke, dass ich hier nichts mehr mache, dass ich auf dem Spielfeld nichts dazufügen kann, wenn ich keine Tore schieße oder zu einer schlechten Stimmung beitrage oder wenn sie nicht mehr wollen, dass ich dabei bin, dann nehme ich nicht meine Fußballschuhe in die Hand, nein, ich nehme gleich meine Tasche und gehe.“ Und genau das tat Ronaldo am Mittwochnachmittag in Kopenhagen.
Nur ging er nicht. Er flog mit seinem Privatjet nach Madrid. Und auf den 24-Stunden-Nachrichtenkanälen in Portugal lief in einem kleinen Bildschirm am rechten unteren Rand stundenlang die App eines Flugmonitors. Ganz Portugal konnte die Flucht von Ronaldo aus der Selecção live mitverfolgen.

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