Im US-Bundesstaat Maine kämpft der demokratische Kandidat Troy Jackson um die Arbeiterklasse, während die Zollpolitik der Trump-Regierung die lokale Wirtschaft belastet.
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Die Demokraten versuchen, Arbeiterwähler zurückzugewinnen, die sich seit der Obama-Ära entfremdet haben. Die wirtschaftliche Lage in Maine ist durch Zölle und hohe Energiepreise angespannt.
Troy Jackson krempelt die Ärmel hoch und schwingt sich auf den Biertresen. Gut anderthalb Meter über dem Boden steht der 58-Jährige nun, vor sich rund 500 jubelnde Anhänger, hinter sich Reihen dunkler Bierflaschen. „Die Regierung in Washington ist kaputt“, ruft er in den Saal der Maine Beer Company im Küstenort Freeport. „Die Menschen im Land wollen Veränderung. Und ich freue mich darauf!“
Der Holzfäller in fünfter Generation gibt sich in seiner Rede kämpferisch, konkret wird er allerdings an keiner Stelle. Als er im Sommer eingewechselt wurde, wirkte Jackson zunächst wie eine Notlösung: Graham Platner, eigentlicher Kandidat und Nachwuchshoffnung der linken Demokraten, war wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe zurückgetreten. Doch der landesweite Aufwind seiner Partei trägt nun auch Jackson. Wenige Tage vor der Wahl stehen seine Chancen auf den Senatssitz ziemlich gut. Auch das Gouverneursamt im nordöstlichsten Staat des Landes dürften die Demokraten verteidigen.
Was sich im US-Bundesstaat Maine abspielt, geschieht landesweit im Großen. Die Partei profitiert von Donald Trumps Unbeliebtheit. Die Mehrheit der Amerikaner lehnt den Krieg im Iran ab, und die Enttäuschung über gebrochene Preisversprechen ist groß. Die Kriegsfolgen und eine grobschlächtige Zollpolitik haben die Preise für Sprit, Heizöl, Lebensmittel und Autos auf Rekordhöhen getrieben. Das ist das Gegenteil dessen, was Trump erreichen wollte.
Ein Selbstläufer zum blauen Wahlsieg ist die Unzufriedenheit dennoch nicht. Dafür müssen die Demokraten wichtige Wählergruppen zurückgewinnen, die Trump 2024 auf seine Seite zog, allen voran die Arbeiterklasse. Deren Entfremdung von der Partei begann lange zuvor, wohl schon in den Obama-Jahren, als reihenweise Fabriken schlossen und große Teile der Industrie nach Asien abwanderten.
Genau dieser Strukturwandel legte den Grundstein für Trumps Sieg 2016. So argumentiert etwa der demokratische Senator John Fetterman. In seinem jüngsten Buch wirft er der eigenen Partei vor, den Draht zur Arbeiterklasse verloren zu haben, die einst ihr Rückgrat war.
Die Theorie der Demokraten lautet nun: Merken die Arbeiter erst, dass Trumps Wirtschaftspolitik ihnen entgegen allen Hoffnungen mehr schadet als nützt, wählen sie wieder blau. An der Frage, ob das gelingen kann, dürften sich nicht nur die bevorstehenden Midterms entscheiden, sondern auch der Kampf ums Weiße Haus in zwei Jahren.
400 Kilometer nördlich von Freeport, nahe der Grenze zu Kanada, liegt Caribou. Über die Hauptstraße der Kleinstadt fegt ein kalter Wind, als Chris Lydon aus seinem Pick-up steigt und sein Büro aufschließt. Drinnen an der Wand steht Donald Trump als lebensgroßer Pappaufsteller neben einer amerikanischen Flagge. „Ihm fehlt leider eine Hand“, sagt Lydon, Kreisvorsitzender der Republikaner im Aroostook County. „Die ist irgendwann abgefallen.“
Dass der Mittsechziger den Papp-Präsidenten zu Terminen mitnimmt, dürfte eine Weile her sein. Im Gespräch äußert er sich zurückhaltend über Trump. „Die Leute sind wütend wegen der hohen Preise für Sprit und Heizöl“, sagt er. Jetzt, wo es kälter wird, wiege das besonders schwer. Im hohen Norden heizen die meisten mit Öl. Der Preisanstieg sei unverkennbar eine Folge des Irankriegs, so Lydon. Zugleich hält er die Angriffe für notwendig, um Teherans Atomprogramm auszuschalten.
„Auch wenn unter Trump sicher nicht alles perfekt läuft: Die Leute hier wählen weiter republikanisch“, glaubt er. Die Alternative seien schließlich linke Demokraten, „radikale Marxisten“, wie er sie nennt. „Das wollen die Menschen nicht.“
Und doch räumt der eingefleischte Republikaner ein, mit Blick auf die Präsidentschaft wäre wohl „mehr Substanz, mehr Vision und weniger politisches Trolling“ angebracht. Auch Trumps Angebot, jedem Amerikaner 5000 Dollar zu zahlen, hält Lydon für falsch: „Wo soll das Geld denn herkommen?“
Schon beim Wahlkampfauftakt im September zeigte sich, dass viele Parteifreunde kaum mit Trump in Verbindung gebracht werden wollen. Reihenweise blieben wichtige Senatoren dem Parteitag fern, teils mit fadenscheinigen Ausreden. Auf der Bühne rief Trump dem Volk zu: „Tut so, als würde ich auf dem Wahlzettel stehen.“ Dann folgte sein Angebot, gezielt gemünzt auf die von hohen Preisen gebeutelte Arbeiterschaft: 5000 Dollar für jeden erwachsenen Amerikaner, wenn die Republikaner gewinnen.
Beflügelt hat das die Umfragewerte kaum. Und so entscheiden genau die umkämpften Staaten wie Maine über die künftigen Machtverhältnisse. Der Norden des Staates hat Trump dreimal gewählt, und nun trifft ihn ausgerechnet dessen Zollpolitik. Holzfäller bangen um Aufträge, Papierfabriken um ihre Zukunft, der Handel mit Kanada schrumpft. Seit September gelten neue Zölle, die der Handelsbilanz ebenfalls schaden dürften. Dabei steht viel auf dem Spiel: Fast 90 Prozent Maines sind bewaldet, der Sektor trägt mehr als acht Milliarden Dollar zur Wirtschaft bei und sichert rund 30.000 Jobs.
Das erklärt, warum sich Demokrat Troy Jackson als Mann der hart arbeitenden Mitte inszeniert. Statt Anzug und Krawatte trägt er meist Cargo-Weste und Jeans, für seine Wahlkampffotos posierte er mit Kettensäge im Wald. Tatsächlich arbeitete der zweifache Vater seit Anfang der 2000er-Jahre im Parlament von Maine. Wahr ist aber auch, dass er davor Holzfäller war, Gewerkschafter wurde und Arbeitskämpfe anführte.
Es ist eine bemerkenswerte Biografie, die sich deutlich von denen anderer Hoffnungsträger im linken Lager abhebt. Auch Zohran Mamdani etwa, New Yorks Bürgermeister, gibt sich als Mann der kleinen Leute. Dabei wuchs er behütet im wohlhabenden Manhattan auf. Der Vater ist Professor, die Mutter Regisseurin. Dass ein Provinzler wie Jackson, der einen Arbeiterberuf gelernt hat, politisch Erfolg hat, ist selten.
„Jackson hat 25 Jahre nicht mehr im Wald gearbeitet. Aber er ist der Industrie eng verbunden“, sagt Dana Doran. Der Geschäftsführer des Holzfällerverbands Professional Logging Contractors (PLC) kennt den Politiker seit Jahren und hat Kontakt zu dessen Sohn, der selbst PLC-Mitglied ist. Am schwersten belasten die Zölle der Trump-Regierung aus Sicht des Lobbyisten Maschinen, Ersatzteile und Lkw-Komponenten, denn vieles davon kommt aus dem Ausland.
Auch der Absatz der weltweit verkauften Zellstoff- und Papierprodukte leide, da die Märkte „stark davon beeinflusst werden, was die Trump-Regierung tut“, und andere Länder mit Gegenzöllen antworteten. Verschärft werde die Lage durch den Dieselpreis, der früher 15 Prozent der Betriebskosten ausmachte und heute bis zu 30 Prozent. „Viele Holzernte-Unternehmen arbeiten momentan sogar mit Verlust“, so Doran.
Da sind sie wieder, die Unzufriedenheit mit dem Präsidenten und die Ungewissheit, die viele Branchen erfasst. Doch reicht harte Kritik an Trump, gepaart mit der Erzählung vom Holzfäller-Werdegang, um Wechselwähler und Arbeiter zu gewinnen? Gerade Jacksons Heimat im Norden Maines ist tief konservativ geprägt. In den Straßen von Caribou dominieren die roten Republikaner-Plakate. In einem Waffenladen winkt ein Kunde ab und lacht nur, auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, dieses Mal blau zu wählen.
Im liberalen Süden mit seinen Küstenstädten dagegen dominieren die Demokraten. Und genau hier zeigt sich ihr Problem. Nach Arbeiterklasse sieht das Publikum in der Brauerei in Freeport nicht aus, eher nach Bildungsbürgertum und linksliberalen Studenten. Gruppen also, die ohnehin nie für die Republikaner stimmen würden. Kein Wunder, dass Jackson auf dem Biertresen alle paar Sekunden Jubel erntet. „Wir werden uns für eine Regierung einsetzen, die für ganz normale Menschen da ist. Dafür kämpfe ich schon mein ganzes Leben“, ruft er.
Wie genau die Demokraten das Leben bezahlbar machen wollen, bleibt an diesem Abend offen. Trumps Versprechen waren die Zölle, die das Gegenteil bewirkt haben. Was das Versprechen der Demokraten ist, muss sich erst zeigen.
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