Deutsche Bahn: Drei Tage Büropflicht: Bahn-Beschäftigte gehen ihren Vorstand im Intranet an
Die Deutsche Bahn verlangt künftig drei Präsenztage pro Woche im Büro, baut gleichzeitig aber massiv Büroflächen ab. In der Belegschaft sorgt das für scharfe Kritik und Spott.
Quick Look
- Die Deutsche Bahn führt eine dreitägige Präsenzpflicht im Büro ein, während gleichzeitig ein Fünftel der Büroflächen abgebaut werden soll.
- Die Belegschaft reagiert im Intranet mit heftiger Kritik, Unverständnis und Spott über die neue Kultur.
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Why It Matters
Die Deutsche Bahn stellt sich unter neuer Führung organisatorisch neu auf und plant den Abbau von mindestens einem Fünftel der bundesweiten Büroflächen.
Bahn-Chefin Palla will Präsenz der Mitarbeiter erzwingen, der Konzern aber Büroflächen abbauen. Die Belegschaft sieht darin mehr als nur einen Widerspruch – und zeigt sich teils aufgebracht.
Berlin, Düsseldorf. Mittwoch, der 7. Oktober, 7 Uhr. Im DB Planet, dem Intranet der Deutschen Bahn, erscheint ein Brief des Konzernvorstands unter der Überschrift „Gemeinsam vor Ort“. Wer bei der Bahn mobil arbeiten kann, soll künftig regelmäßig drei Tage pro Woche ins Büro kommen. Bahn-Chefin Evelyn Palla und ihre fünf Vorstandskollegen begründen das mit dem Umbau des Konzerns. „Präsenz stärkt Zusammenarbeit und Zusammenhalt.“
Zwei Stunden später hat der Beitrag 125 Kommentare. „Es gibt nach wie vor keinen Beleg zur positiven Korrelation zwischen Büropräsenz und Produktivität“, schreibt ein Mitarbeiter. Ein anderer rechnet seinen künftigen Arbeitstag vor: „Anstelle mit den Kolleg:innen in der Videokonferenz zusammenzuarbeiten, fahren wir also erstmal mit einem 60 Prozent pünktlichen Verkehrsmittel ins Großraumbüro, um dort den ganzen Tag Videokonferenzen zu machen.“
Andere Mitarbeiter warnen vor unbeabsichtigten Folgen. „Ich glaube, dass der Schuss nach hinten losgeht und genau das Gegenteil eintreten wird von dem, was gewünscht ist“, schreibt einer. Die Produktivität werde sinken, Krankenstand und Fluktuation würden steigen. In seinem Team würden Kollegen „massive Steine in den Weg gelegt“. Er habe „schon wechselwillige Stimmen vernommen“.
Für zwei von drei DB‑Mitarbeitenden gelte diese Frage ohnehin nicht, sagte eine DB-Sprecherin auf Anfrage des Handelsblatts. Sie hielten seit jeher täglich vor Ort das Eisenbahngeschäft für unsere Kundinnen und Kunden am Laufen. „Mehr Präsenz fördert eine bessere Zusammenarbeit, schnelleren Wissensaustausch und den Teamgeist.“ Das sei besonders wichtig in Zeiten, in „denen wir den Konzern neu aufstellen und eine leistungsfähige Bahn bauen“.
Weniger Büros, höhere Präsenzpflicht
Palla steht seit dem 1. Oktober 2025 an der Spitze der Bahn. „Eine bessere Bahn braucht einen konsequenten Neustart und ein radikales Umdenken auf allen Ebenen“, sagte sie im Dezember. Dazu gehöre „eine konsequente Dezentralisierung von Aufgaben und mehr unternehmerisches Handeln“. Ein Mitarbeiter, der den Beleg für mehr Produktivität vermisst, hält ihr das nun vor. „Dieses Micromanagement widerspricht der Prämisse, Verantwortung in der Fläche zu übernehmen.“
Im September kündigte Palla an, bundesweit mindestens ein Fünftel der Büroflächen aufzugeben. Wie mehr Beschäftigte an mehr Tagen auf weniger Fläche arbeiten sollen, steht nicht im Brief.
Umsetzen sollen die Regel die einzelnen Konzerngesellschaften, spätestens bis Ende 2027. Bestehende Vereinbarungen wollen sie „unter Wahrung der Beteiligungsrechte der Interessenvertretungen“ überprüfen. Bei DB Regio, die Palla vor ihrem Wechsel an die Konzernspitze führte, gilt die Präsenzpflicht bereits.
Mitarbeiter verhöhnen eigene Werbung
Zur neuen Strategie der Bahn-Chefin gehört auch eine „neue Unternehmenskultur“. Dabei brodelt es in der Belegschaft bereits seit Wochen, Pallas neue „Leistungskultur“ komme bei vielen nicht gut an, erfuhr das Handelsblatt aus Gesprächen mit Beschäftigten.
Bereits vor drei Wochen gab es im DB Planet eine ähnlich hitzige Debatte. Schon Ende August hatte Kommunikationschef Jens-Oliver Voß in DB Planet den neuen Markenauftritt der Bahn vorgestellt. Den roten DB-Puls, 2021 beim Red Dot Design Award als „Best of the Best“ ausgezeichnet, ersetzt nun ein Balkenmuster namens „Schwelle“. Voß argumentierte, ein einheitliches Design senke „dramatisch die Kosten“.
Die Mitarbeiter widersprachen. „Das senkt aus meiner Sicht überhaupt keine Kosten, es verursacht erst mal enorme Kosten und Aufwand“, schrieb einer. „Das wirkt doch, als hätten wir bei der DB sonst nichts zu tun, als an unserem Marken-Design rumzuschrauben.“
In hunderten Kommentaren hielten die Mitarbeiter ihren Chefs einen Spiegel vor. Für Werbung und Verkaufsförderung hat die Bahn in den vergangenen drei Jahren 386 Millionen Euro ausgewiesen. In diesem Jahr vergab sie ihre Etats für Marken- und Produktkommunikation, Social Media und PR neu an fünf Agenturen. Seit 2020 gewannen der Konzern und seine Agenturen mindestens 60 Kommunikations- und Werbepreise, die meisten davon 2025. In jenem Jahr erreichten 60,1 Prozent der Fernzüge pünktlich ihr Ziel.
„Wir brauchen funktionierende Züge, KEIN weiteres Redesign“, erklärte ein Mitarbeiter, was er für das Wichtigste hielte. Ein anderer riet: „Das beste Marketing eines Unternehmens ist, mit Leistung zu überzeugen.“
Bei den neuen Plänen zur Arbeitsplatzpräsenz vermuten die Mitarbeitenden eine Verbindung zum geplanten Arbeitsplatzabbau. Einer schreibt: „Ein Schelm, wer irgendeinen Zusammenhang mit einem forcierten Arbeitsplatzabbau sieht.“
Wie das Handelsblatt aus Bahnkreisen erfuhr, wurden Ende September erste Modelle zur Altersteilzeit und Abfindungen vorgestellt. Ziel sei, eine „wettbewerbsfähige Quote von Verwaltungskräften zu operativen Kräften“ herzustellen.
Unter dem Brief vom Mittwoch zielt ein Kommentar auf den Zeitpunkt. Das Thema kursiere bereits seit Wochen im Konzern, heißt es darin. Veröffentlicht habe der Vorstand den Brief aber erst nach dem Ende der Mitarbeiterbefragung. Ein Mitarbeiter schrieb: „Ein Schelm, wer Böses denkt.“
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Überprüfung bestehender Vereinbarungen durch Konzerngesellschaften bis Ende 2027
Likely · Within months
Open Questions
- Wie soll auf reduzierter Fläche mehr Präsenz realisiert werden?
- Welche konkreten Konsequenzen hat die Kritik für die Umsetzung der neuen Regeln?




