Deutschland-Gipfel: Was Deutschland für ein neues Wirtschaftswunder braucht – und Wirtschaftschefs dafür fordern
Auf dem Deutschland-Gipfel von „Handelsblatt“ und „Wirtschaftswoche“ in Berlin skizzieren Experten Wege aus der Stagnation.
Quick Look
Auf dem Deutschland-Gipfel in Berlin fordern Spitzenmanager und Ökonomen wie Christian Sewing, Isabella Weber und Ludwig Straub mehr Tempo, Deregulierung und Investitionen, um die deutsche Wirtschaft aus der Stagnation zu führen.
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Why It Matters
Deutschland befindet sich nach Analysen von Ökonomen in einer Phase wirtschaftlicher Stagnation, bedingt unter anderem durch den Aufstieg Chinas, die demografische Alterung und den Ukrainekrieg.
Topmanager und Ökonomen skizzieren in Berlin, wie das Wirtschaftswachstum angekurbelt werden kann: Investitionen in Zukunftstechnologien, Tempo, Mut – und mehr Arbeitsstunden.
Berlin. Ökonomen und führende Unternehmer Deutschlands haben auf dem Deutschland-Gipfel von Handelsblatt und Wirtschaftswoche mehr Mut und Geschwindigkeit gefordert, um die deutsche Wirtschaft wieder nach vorn zu bringen. Der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, sprach sich vor rund 250 Gästen in Berlin für eine Stärkung des europäischen Binnenmarktes und eine starke Positionierung Deutschlands innerhalb Europas als „Lokomotive im globalen Handel“ aus.
Die vor einem Jahr ins Leben gerufene Initiative „Made for Germany“, die den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken soll, bezeichnete Sewing als guten Ansatz, um Wirtschaft und Politik stärker auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Der Vorstandsvorsitzende des Konsumgüterkonzerns Henkel, Carsten Knobel, stellte in seiner Zukunftsvision verlässliche Rahmenbedingungen und wettbewerbsfähige Energiepreise in den Mittelpunkt.
Eine Stabilisierung der Energiepreise forderte auch die Ökonomin Isabella Weber. Überdies müssten mehr Investitionen in erneuerbare Energien getätigt werden. Marc Billeb, Sprecher der Geschäftsführung von PwC Deutschland, fasste es so zusammen: „Wir brauchen mehr Investitionen in die Welt von morgen.“
Zielvorgabe: 40 Wochenarbeitsstunden
Sewing zufolge gehört dazu auch, dass in Deutschland mehr gearbeitet wird, sonst könne man weltweit nicht mehr mithalten. Ähnlich sieht es Knobel: „Richtung 40 Wochenstunden ist kein schlechter Wert.“
Wo Deutschland gerade steht, macht Harvard-Ökonom Ludwig Straub klar: „Heute befindet sich Deutschland ganz klar in einer Phase der Stagnation.“ Deutschland habe eine verlorene Dekade hinter sich, unter anderem wegen des Aufstiegs Chinas, der Alterung der Bevölkerung und des Ukrainekriegs.
Trotzdem befinde sich die Bundesrepublik nicht in einer ausweglosen Situation: „Unsere Wirtschaft kann durchaus wachsen.“ Dafür müsse es den Unternehmen ermöglicht werden, flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren.
Straub zufolge sind einzelne Faktoren besonders wichtig, damit Deutschland sein Potenzial wieder ausschöpfen und neue Wachstumsfelder erschließen kann. Der Professor für Makroökonomie zählt dazu die Deregulierung und Entbürokratisierung sowie eine breit aufgestellte Industrie und intelligente steuerliche Investitionsanreize.
Unter anderem riet er zu einer Reduzierung der Nachweispflichten, schnelleren Baugenehmigungen, einfacheren Unternehmensgründungen und einer Flexibilisierung des deutschen Kündigungsschutzes, besonders für Gutverdiener.
Straub nannte ein Beispiel, an dem sich Deutschland orientieren sollte: den Nachbarn Schweiz: „Wenn wir unser Wachstum Richtung Schweiz orientieren, dann würde es den Leuten in unserem Land spürbar besser gehen.“ Letztlich riet Straub dazu, mutig zu agieren, dann sei auch kein Wunder nötig. Deutschland ist im vergangenen Jahr laut dem Statistischen Bundesamt um insgesamt 0,2 Prozent gewachsen, die Schweiz um 1,6 Prozent.
Anderson: Mehr Mission, mehr Selbstverantwortung
Bayer-Chef Bill Anderson beobachtet ein Phänomen in Deutschland und anderen westlichen Nationen: Früher seien die Menschen stolz auf die technologischen Errungenschaften im Land gewesen und darauf, wie sie mit ihren eigenen Leistungen dazu beigetragen haben. Heute gäbe es eher die Erwartung, dass der Staat alles richte. Das müsse sich wieder ändern, sagte Anderson auf dem Deutschland-Gipfel.
Nötig dafür seien zwei Dinge: „Man braucht eine klare Mission und muss die Selbstverantwortung der Menschen stärken.“ Anderson hat dies bei Bayer in den vergangenen Jahren so umgesetzt und die interne Arbeitsweise komplett verändert. Statt in Hierarchien werden bei den Leverkusenern die operativen Entscheidungen in Teams getroffen, die Mitarbeiter sollen sich als Eigentümer verstehen.
Auch ein Land wie Deutschland brauche eine Mission, die alle kennen und mit der sie sich identifizieren können, sagte Anderson. Die Menschen sollten spüren, dass sie an diesem gemeinsamen Auftrag mitarbeiten können und Verantwortung tragen.
Was die deutsche Wirtschaft schaffen kann, hat das Handelsblatt Research Institute in einer gemeinsamen Studie mit der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman erarbeitet. Trotz aller Standortprobleme seien die Chancen für die deutsche Wirtschaft gut. „Die Schlussfolgerung ist falsch, dass Deutschlands wirtschaftlich beste Zeiten zwangsläufig hinter uns liegen“, heißt es darin.
Deutschland gewinne nicht dort, wo es andere kopiert: nicht beim nächsten universellen Sprachmodell, nicht beim billigsten Elektroauto, nicht beim billigsten humanoiden Roboter.
Studie skizziert acht Wachstumsgebiete
Es komme darauf an, vorhandene Kompetenzen neu zu kombinieren, heißt es in der Studie „Deutschland: Chancenland“. Darin werden acht Wachstumsgebiete identifiziert, mit denen Deutschland der wirtschaftliche Wiederaufstieg gelingen könne:
Industrielle Künstliche Intelligenz: Gerade deutsche Unternehmen mit ihrer großen installierten Maschinen- und Anlagenbasis haben die Chance, mit der Nutzung von Daten für Industrieprozesse neues Geschäft zu etablieren.
Physische Künstliche Intelligenz: Technologien wie Robotik, autonome mobile Systeme, industrielle Software, digitale Zwillinge sowie Sensor- und Steuerungstechnik sind Innovationstreiber.
Halbleiter und Photonik: Die Verbindung von Chips und der technischen Nutzung von Licht gilt als aussichtsreiche Technologie für Laserbearbeitung, optische Messtechnik, Medizintechnik und Quantentechnologien.
Autoindustrie: Für den langfristigen Erfolg müsse die deutsche Automobilindustrie nicht jede Mobilitätsinnovation anführen. Zählte früher Brillanz bei Motor, Getriebe und Fahrwerk, so sind es heute elektrischer Speicher, Software, Energiesystem und Lebenszyklus.
Healthcare: Die Gesundheitswirtschaft der Zukunft wird durch eine engere Verzahnung von Dienstleistungen, Daten, KI, Robotik, Pharma, Biotech und Versorgung bestimmt. Daraus können neue Ökosysteme entstehen.
Klimaschutz und Energie: Der Umbau des Energiesystems stärkt die Resilienz Deutschlands. Gleichzeitig entsteht dabei wertvolles technologisches Know-how in Bereichen wie Maschinenbau, Elektrotechnik, Anlagenbau und Automatisierung.
Verteidigung und Sicherheit: Die neuen geopolitischen Rahmenbedingungen bringen neue, eigenständige Wachstumsfelder: Verteidigungstechnik, Luft- und Raumfahrt, Cybersecurity und digitale Systeme für das Krisenmanagement.
Grundstoffindustrie und Kreislaufwirtschaft: Energieversorger kooperieren mit Unternehmen aus der Chemie-, Stahl- und Zementindustrie beim Aufbau von Wasserstoff-, Strom- und Wärmenetzen. Gleichzeitig entstehen durch die Nutzung von CO2 als Rohstoff, etwa für synthetische Kraftstoffe oder chemische Grundstoffe, neue industrielle Chancen.
An Wissen fehle es in Deutschland nicht. Das Problem sei die Umsetzung. Denn die beschriebenen neuen Kombinationen verlaufen quer zu bestehenden Branchen-, Unternehmens- und Ressortgrenzen. „Genau dort ist bislang niemand zuständig“, heißt es in der Studie. „Deutschlands Schwäche liegt weniger in einzelnen Kompetenzen als in deren Kopplung.“
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AI outlook — possibilities, not facts
Umsetzung neuer strategischer Wachstumsgebiete laut Studie
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Open Questions
- Wie genau will die Politik die geforderten Deregulierungen umsetzen?
- Werden sich Unternehmen und Gewerkschaften auf 40 Wochenarbeitsstunden einigen?




