Die unterschätzte Macht der Insekten für das Leben auf der Erde
Eine neue Studie zeigt die immense Bedeutung von Insekten für Wirbeltiere – von Nahrung über Schutz bis hin zur Hygiene.
Quick Look
Eine Studie von über 20 Wissenschaftlern im Fachjournal „Nature Reviews Biodiversity“ beleuchtet die vielfältigen und oft unbekannten Beziehungen zwischen Insekten und Wirbeltieren weltweit.
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Why It Matters
Eine internationale Forschergruppe hat im Fachjournal Nature Reviews Biodiversity die Beziehungen zwischen Insekten und Wirbeltieren untersucht.
Viele Tiere haben Insekten zum Fressen gern – doch nur daran zu denken, greift viel zu kurz, wenn es um die immense Bedeutung von Insekten für das Leben auf der Erde geht.
Ein Team von mehr als 20 Wissenschaftlern hat viele und kaum bekannte Beispiele zusammengetragen. Wohl nur wenige Menschen dürften zum Beispiel wissen, dass nektarsaugende Kolibris ebenso wie gewaltige Grizzlys ihr Überleben manchmal kleinen Insekten verdanken.
Fast drei Viertel aller Land- und Süßwasserwirbeltiere mit verfügbaren Daten ernähren sich von Wirbellosen, wobei Insekten häufig den Hauptteil ihrer Nahrung ausmachen, wie es im Fachjournal „Nature Reviews Biodiversity“ heißt. Mehr als zwei Fünftel tun dies sogar ausschließlich.
Die Zahl der Insektenarten auf der Erde werde auf etwa 14 bis 30 Millionen geschätzt, erklärt das Team um Rob Cooke vom Center for Ecology and Hydrology in Wallingford. In öffentlichen Debatten zum Insektenrückgang geht es oft vor allem um ihre Rolle als Vogelfutter. Tatsächlich fressen von den gut 580 für die Auswertung berücksichtigten Vogelarten rund zwei Drittel Insekten. Oft stellen diese mehr als die Hälfte der Nahrung.
Oft geht es aber gar nicht so um die Menge, sondern um den Zeitpunkt: Viele Reptilien fressen als Jungtiere Insekten, auch Arten, deren erwachsene Tiere überwiegend Pflanzen fressen. Bei vielen Vögeln hängt die Versorgung und damit das Überleben der Küken von Insekten ab. Sogar die zierlichen Kolibris schlürfen anders als vielfach angenommen keineswegs nur Nektar. Wie andere Nektar- oder Saftfresser brauchen sie Eiweiß für Wachstum und Gewebeaufbau – und schnappen dafür Insekten.
Grizzlybären können im Hochsommer, einer Phase intensiver Nahrungsaufnahme vor der Winterruhe, tausende Heerwurmmotten täglich unter Steinen hervorklauben. Die fettreichen Insekten sichern vor allem dann das Überleben im Winter, wenn andere Beutearten wie Lachse rar sind. Schimpansen fressen nach Waldbränden Macrotermes-Termiten, wenn andere Nahrung knapp ist.
Und manche können gar nicht genug bekommen: Die Schaufelfußkröte Scaphiopus couchii kann bei einer Mahlzeit eine Termitenmenge verschlingen, die mehr als der Hälfte ihres Körpergewichts entspricht. Die Studie nennt das als ausreichend, um ihren Kalorienbedarf für ein Jahr zu decken. Beim Berg-Pygmäen-Beuteltier wiederum, auch Bergbilchbeutler genannt, hängt die Fortpflanzung stark am Auftreten eines einzelnen Insekts: der Bogong-Motte. Steht es schlecht um diese Frühjahrsspeise, gibt es kaum Nachwuchs bei den mausähnlichen Beuteltieren.
Hinzu kommen unzählige indirekte Zusammenhänge: Manche Reiher werfen Insekten auf die Wasseroberfläche, um Fische anzulocken. Insekten bestäuben Pflanzen und verbreiten Samen, die anschließend Wirbeltieren Nahrung liefern. Feigenwespen zum Beispiel bestäuben Feigenbäume – wovon mehr als 1.000 feigenfressende Vogel- und Säugetierarten profitieren, wie das Team um Cooke schreibt.
Auch Kreisläufe zu wechselseitigem Nutzen gibt es demnach: Im Fell von Faultieren zum Beispiel leben Motten. Sie tragen Stickstoff ein, der die Algen im Fell stärker sprießen lässt. Die wiederum mampft das Faultier. Und wenn es dann mal muss, legen die Motten Eier in seinem Kot ab, aus denen die nächsten Faultierbewohner schlüpfen.
Körperpflege und Infektionsschutz
Insekten liefern anderen Tieren nicht nur Nahrung, sondern auch Schutz und Baumaterial. So nutzen zahlreiche Wirbeltiere Ameisen- oder Termitenbauten als Brut- und Rückzugsorte. Manche Vogelarten bauen ihre Nester zudem gezielt in der Nähe von Wespen oder Ameisen – vermutlich, weil die wehrhaften Nachbarn Nesträuber abschrecken.
Ameisen-Körperpflege ist bei mehr als 200 Vogelarten dokumentiert, wie es in der Studie heißt: Entweder reibt ein Vogel dabei aktiv einzelne Ameisen ins Gefieder – oder er setzt sich auf eine Ameisenstraße oder einen Ameisenhaufen und lässt die Tiere ins Gefieder wuseln. Vermutet werde, dass die Ameisensekrete Federparasiten, Bakterien oder Pilze hemmen.
Auch Schimpansen reiben Insekten auf offene Wunden, was als möglicher Fall von Selbstmedikation gedeutet wird. Angenommen wird, dass Körperstoffe der verwendeten Insekten schmerzlindernd, entzündungshemmend oder antimikrobiell wirken könnten. Gesicherte Erkenntnisse gibt es bisher nicht.
Würmer und Einzeller
Häufig gibt es indirekte Effekte: Dungkäfer und andere dungfressende Insekten entfernen Kot, in dem Krankheitserreger und Parasiten vorkommen können. In manchen Vogelnestern leben Motten, die Kot, Federn, Fell oder Gewölle abbauen – und damit Quellen für die Vermehrung etwa von Parasiten beseitigen.
Doch nicht immer sind Insekten „die Guten“. Von Stechmücken übertragene Vogelmalaria trifft Vogelarten weltweit, wie es in der Studie heißt. Gnitzen übertragen das Blauzungenvirus unter Wiederkäuern. Auch viele den Menschen befallende Erreger werden von Mücken übertragen. Flöhe wiederum übertragen bakterielle Erreger wie Yersinia pestis, den Erreger der Pest.
Und das wird oft vergessen: Insekten sind nicht nur Gejagte, sondern auch Jäger: Viele von ihnen erbeuten Wirbeltiere, wie es in der Studie heißt. Fangschrecken fangen Kolibris; Wasserinsekten wie Libellenlarven, Wasserwanzen oder Wasserkäfer erbeuten kleine Fische und Kaulquappen.
Insekten liefern Nahrung, schaffen Nistplätze und Schutzräume, helfen bei Hygiene und Parasitenkontrolle und verändern Lebensräume. Die fast allgegenwärtigen Wechselwirkungen zwischen Insekten und Wirbeltieren deuten den Wissenschaftlern zufolge klar darauf hin, dass weitverbreitete Insektenrückgänge viele Wirbeltierpopulationen ernsthaft treffen dürften.
Es gebe zum Beispiel deutliche Zusammenhänge zwischen verfügbarer Insektenbeute und dem Fortpflanzungserfolg von Vögeln. In Nordamerika seien seit 1970 rund drei Milliarden Vögel verloren gegangen. Der Rückgang traf vor allem Arten, die während zumindest eines Teils ihres Lebenszyklus auf Insekten angewiesen sind.
Open Questions
- Welche konkreten Schutzmaßnahmen folgen aus den Studienergebnissen?
- Wie stark ist der weltweite Rückgang einzelner Insektenarten genau?

