Quick Look
- Genetische Analysen zeigen, dass der Asiatische Wildapfel der Urvater aller Kulturäpfel ist.
- Wissenschaftler untersuchten die genetische Vielfalt von 218 Apfelgenomen und bestätigten die Spuren von Wildäpfeln sowie die Verwandtschaft mit dem Orientapfel, was für die Züchtung neuer Sorten wichtig ist.
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Why It Matters
Tausende Apfelsorten existieren, doch viele sind gefährdet. Genetische Analysen zeigen, dass der Asiatische Wildapfel der Urvater aller Kulturäpfel ist und Wildäpfel die genetische Vielfalt prägten.
Es gibt viele Tausende Apfelsorten, aber nur die wenigsten schaffen es in den Supermarkt oder auf den Wochenmarkt: Manche Sorten sind sehr klein, schmecken nicht, andere sind sehr druckempfindlich oder halten nur kurz. Und so finden sich immer mehr Sorten wie der Altländer Pfannkuchenapfel, für Apfelkuchen und Apfelmus einst hochgeschätzt, auf der Roten Liste der gefährdeten einheimischen Nutzpflanzen wieder.
Aber wie kam es zu dieser großen Vielfalt? Genetische Analysen zeigen, dass der Asiatische Wildapfel (Malus sieversii) der Urvater aller Kulturäpfel ist. Das Verbreitungsgebiet dieses Apfels erstreckt sich vom südlichen Kasachstan bis ins chinesische Xinjiang. Seine recht ansehnlichen Früchte variieren in Form und Farbe und reichen geschmacklich von sauer bis süß. Damit bot sich die Chance, aus dem Angebot der Natur besonders leckere Äpfel auszuwählen und durch Züchtung weiter zu optimieren.
Mutmaßlich über die historische Seidenstraße gelangten Kulturäpfel wohl zunächst ins Verbreitungsgebiet des Orientapfels (Malus orientalis), das sich vom Kaukasus bis in die Türkei und den Norden Irans erstreckt. Dieser Wildapfel hat ähnlich kleine Früchte wie der hauptsächlich in Mitteleuropa heimische Holzapfel (Malus sylvestris). Beide Äpfel enthalten gewöhnlich so viele Gerbstoffe, dass sie in rohem Zustand völlig ungenießbar sind. Selbst gekocht oder vergoren schmecken sie ausgesprochen herb. Da Honigbienen und Hummeln oft weite Strecken zurücklegen, werden die Blüten von Kulturäpfeln bisweilen mit den Pollen von Wildäpfeln bestäubt.
Wie solche „wilde Gene“ die Kulturäpfel geprägt haben, studierten kürzlich Wissenschaftler um Xilong Chen von der Université Paris-Saclay in Gif-sur-Yvette und Komlan Avia von der Université de Strasbourg in Colmar. Gemeinsam mit Forschern aus China, Armenien, Rumänien, Belgien, Spanien, Österreich und den USA analysierten sie 218 Apfelgenome, sowohl Kulturäpfel als auch Wildäpfel aus Europa, dem Kaukasus, Kasachstan und China. Bei den Kulturäpfeln bestätigten sich die tiefgreifenden genetischen Unterschiede zwischen Tafeläpfeln einerseits und Mostäpfeln andererseits. Schließlich wurden beide für ganz verschiedene Verwendungen gezüchtet. Wildäpfel haben in den jeweils verschiedenen Teilen des Genoms ihre Spuren hinterlassen. Eines haben Tafeläpfel und Mostäpfel jedoch gemeinsam: Beide sind mit dem Asiatischen Wildapfel und dem Orientapfel enger verwandt als mit dem europäischen Holzapfel. Wie Xilong und Kollegen in „Current Biology“ berichten, lässt sich aber nicht nur das Erbe von Wildäpfeln nachweisen. In der DNA vieler Mostäpfel haben auch Tafeläpfel ihre Spuren hinterlassen – und umgekehrt.
Wildgene kreuzen sich über Pollen ein
Neue Sorten wurden traditionell aus Apfelkernen herangezogen. Wenn die Züchter vorher nicht zum Pinsel gegriffen hatten, um die Blüten mit ganz bestimmten Pollen zu bestäuben, war der Vater unbekannt. Es konnte ein Kulturapfel gewesen sein oder auch ein lokaler Wildapfel. Bei der Züchtung von Tafeläpfeln waren andere Eigenschaften gefragt als bei Mostäpfeln. Letztere durften saurer und herb sein. Denn Gerbstoffe und Säure, wie für Holzäpfel so typisch, geben Apfelwein nicht nur ein spezielles Aroma, sie machen ihn auch länger haltbar.
Wem diese Geschmacksnoten nicht so ganz zusagen, der kann zum Gespritzten, einer Mischung aus Apfelwein und Mineralwasser, greifen. Mostäpfel müssen außerdem nicht lange lagerfähig sein. Schließlich werden sie ohnehin zeitnah gekeltert. Bestimmte Genvarianten, darunter solche, die Schutz vor Krankheiten bieten oder die Blütezeit beeinflussen, wurden bei Tafeläpfeln allerdings gleichermaßen bevorzugt wie bei Mostäpfeln.
Beim Züchten werden langlebige Obstbäume über viele Jahre immer wieder bewertet und selektiert, um ein präsentables Ergebnis zu erreichen. Damit die speziellen Qualitäten der Äpfel unverändert bleiben, werden bewährte Sorten ausschließlich als Klon vermehrt: Aus kleinen, abgeschnittenen Zweigen lassen sich viele neue Bäume mit genau derselben genetischen Ausstattung heranziehen. Üblich ist es, Zweige der gewünschten Apfelsorte auf ein junges Stämmchen einer robusteren Sorte zu pfropfen, sodass beide miteinander verwachsen. Dank dieser Prozedur, Veredelung genannt, kann das Apfelbäumchen schneller wachsen und früher Früchte tragen. Bei einer bestimmten Apfelsorte sind genetische Abweichungen unerwünscht.
Betrachtet man jedoch eine Vielzahl von Sorten, so erweist sich die genetische Vielfalt des Kulturapfels als erstaunlich groß. Sie ist sogar größer als beim Asiatischen Wildapfel und beim Holzapfel. Wie Xilong und Kollegen anmerken, kann das umfangreiche genetische Erbe womöglich helfen, passende oder bessere Sorten zu züchten.


