
Deutschland hat über 850 Netzbetreiber, die vor enormen finanziellen und organisatorischen Herausforderungen stehen. Experten fordern Fusionen, doch die Kommunalpolitik bremst.
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PwC schätzt den Investitionsbedarf der Stadtwerke für Klimaneutralität bis 2045 auf rund 535 Milliarden Euro.
Netzausbau, Digitalisierung und milliardenschwere Investitionen für die Energiewende bringen viele kleinere Stadtwerke und Netzbetreiber an ihre Grenzen. Folgt jetzt eine Übernahmewelle?
Deutschland hat über 850 Netzbetreiber, vor allem Stadtwerke, die vor finanziellen und organisatorischen Herausforderungen stehen.
PwC schätzt den Investitionsbedarf der Stadtwerke und Regionalversorger für Klimaneutralität bis 2045 auf rund 535 Milliarden Euro.
Der Verband kommunaler Unternehmen rät zu Zusammenarbeit statt Zwangskonsolidierung, da weniger Netzbetreiber nicht automatisch effizientere Abläufe garantieren.
Kommunale Gesellschafter und Politiker erschweren Fusionen, da sie auf die Selbstständigkeit der Stadtwerke und Netzgesellschaften pochen und in Aufsichtsgremien mitwirken.
Berlin, Düsseldorf. In keinem anderen Land gibt es so viele Netzbetreiber für die Strom- und Gasversorgung wie in Deutschland. Über 850 sind es aktuell, die meisten von ihnen sind Stadtwerke. Und viele kommen jetzt an ihre Grenzen – finanziell und organisatorisch.
„Es fehlt at Kompetenz in den Bereichen Digitalisierung und KI, an Fachkräften und an Investitionskraft“, sagt Marc Hansmann, Finanz- und Infrastrukturvorstand bei Enercity in Hannover, einem der größten kommunalen Unternehmen Deutschlands. Er ist überzeugt, dass sich die Anzahl der Stadtwerke hierzulande mindestens halbieren muss, um die nötigen Investitionen für die Zukunft zu stemmen.
Auch Andreas Feicht, Chef der Kölner Rheinenergie, rechnet damit, dass nicht alle Stadtwerke die Transformation der nächsten Jahre überstehen werden: „Das Geschäft wird immer komplexer, schwieriger und erfordert viele Investitionen. Da braucht es eine kritische Größe“, sagt er dem Handelsblatt. So langsam sei diese Erkenntnis auch bei vielen kleineren und mittelgroßen Stadtwerken angekommen, sagt Feicht.
Und der Druck wächst. Die Stadtwerke müssen Milliardensummen mobilisieren, damit die anstehenden Investitionen in Strom- und Wärmenetze bewältigt werden können. Viele sind organisatorisch schlicht überfordert, das erforderliche Kapital aufzutreiben.
Eine Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland für die staatliche Förderbank KfW kommt zu dem Ergebnis, dass Stadtwerke und Regionalversorger in Deutschland bis 2045 rund 535 Milliarden Euro in die Transformation zur Klimaneutralität investieren müssen.
PwC beziffert die Finanzierungslücke auf 346 Milliarden Euro. Nur etwa ein Viertel der Mittel können die Stadtwerke und Regionalversorger demnach aus eigener Kraft stemmen. Fast alle Unternehmen benötigten in den nächsten Jahren zusätzliches Eigenkapital. Viele Kommunen als Allein- oder Mehrheitseigentümer sind dazu aber gar nicht in der Lage, weil ihnen selbst das Geld fehlt.
Eine Studie des Beratungsunternehmens BET im Auftrag des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), in dem sich die Stadtwerke zusammengeschlossen haben, kommt zu dem Ergebnis, dass die bestehenden Strukturen unter den aktuellen Anforderungen zunehmend an Effizienzgrenzen stoßen. Die Herausforderungen „treffen insbesondere kleinere und mittlere Verteilnetzbetreiber, die über begrenzte Ressourcen und eingeschränkte Möglichkeiten zur internen Spezialisierung verfügen“, heißt es in der Studie.
„Weniger Netzbetreiber bedeuten nicht automatisch mehr Geschwindigkeit“
Kooperationen könnten dabei helfen, „Skaleneffekte zu realisieren, Ressourcen zu bündeln und die Umsetzungskapazität zu erhöhen, ohne die Vorteile dezentraler Strukturen vollständig aufzugeben“. Der VKU appelliert an die Verteilnetzbetreiber, sich mit allen Formen einer Zusammenarbeit auseinanderzusetzen. Es sei wichtig, alle Optionen durchzuspielen. Das könne beim gemeinsamen Einkauf beginnen und auch in einer Fusion münden.
Gleichzeitig warnt VKU-Chef Ingbert Liebig davor, Stadtwerke und Netzbetreiber pauschal zur Konsolidierung zu drängen. „Weniger Netzbetreiber bedeuten nicht automatisch mehr Effizienz und Geschwindigkeit“, sagte er dem Handelsblatt. Liebing verweist auf das Beispiel Niederlande, wo es nur sechs Verteilnetzbetreiber gibt. Das niederländische Verteilnetz sei aber dennoch das „vollste Netz in Europa mit entsprechenden Wartezeiten für Netzanschlüsse“, sagte der VKU-Chef.
Für die Energiewende sei entscheidend, wie effizient Verteilnetzbetreiber zusammenarbeiteten, heißt es auch vonseiten der Stadtwerke München. „Netzanschluss- und Transportkapazitäten werden vor allem durch die technische Auslegung und den Ausbau der Netze bestimmt. Sie hängen nicht unmittelbar davon ab, wie viele Netzbetreiber organisatorisch in Deutschland tätig sind“, sagte ein Sprecher dem Handelsblatt. Die Münchener gehören zu den größten Stadtwerken Deutschlands.
Die Vielfalt der Netzbetreiberlandschaft bringe den Vorteil mit sich, dass viele Unternehmen über eine hohe Kenntnis der regionalen Gegebenheiten und Kundenbedürfnisse verfügten. „Wer die Energiewende schneller und kostengünstiger voranbringen will, sollte Kooperationen fördern, statt über Zwangskonsolidierungen zu diskutieren“, sagt Verbandschef Liebing.
Soll die Bundesnetzagentur Fusionen und Übernahmen fördern?
Enercity-Finanzchef Hansmann sieht verschiedene Optionen: von der Partnerschaft über gemeinsame Dienstleistungen in einzelnen Bereichen bis zur Übernahme. Erst im Januar hatte Enercity das Stromnetz in der Stadt Garbsen mit rund 600 Kilometern Leitungen und etwa 37.000 Haushalten übernommen. Das Gasnetz (rund 800 Kilometer) folgt zum 1. Januar 2028. „Nur so lassen sich Skaleneffekte schaffen“, ist Hansmann überzeugt.
Auch die Rheinenergie bündelt in der Rhenag, an der sie mit 54,5 Prozent die Mehrheit hält, Beteiligungen und bietet kleineren Stadtwerken Dienstleistungen an, ob bei der Beschaffung, beim gemeinsamen Betrieb von IT-Systemen oder bei der Netzsteuerung.
Und auch kleinere kommunale Unternehmen wie die Stadtwerke Soltau haben erkannt, dass sich etwas ändern muss. Mit rund 100 Mitarbeitenden zählt das Unternehmen aus Niedersachsen zwar nicht zu den größten kommunalen Versorgern, aber es hat einiges angestossen, um die kapitalintensiven Projekte wie Wärmewende, Netzausbau und Digitalisierung zu meistern. „Wir sind mittlerweile auch Dienstleister für andere Stadtwerke. Das sind erste Schritte in Richtung Zusammenarbeit, Kooperation und mittelfristig auch zu Fusion“, sagt Geschäftsführer Daniel Töpfer.
Seit 2023 ist Töpfer an der Spitze der Stadtwerke Soltau. Davor war er selbst acht Jahre hauptamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Weissach. An der Konsolidierung der Stadtwerke führt in seinen Augen kein Weg vorbei: „Bei vielen Netzbetreibern ist die Erkenntnis schon gereift, dass es alleine nicht mehr lange geht. Die Gesellschafter haben es dagegen oft noch nicht verstanden“, sagt er.
Die kommunalen Gesellschafter, sprich die Politiker vor Ort, halten in den meisten Fällen jedoch bis zum Ende am „eigenen Stadtwerk“ und an der „eigenen Netzgesellschaft“ fest, berichten Insider.
Fusionen scheitern in der Praxis, weil die Kommunalpolitik auf die Selbstständigkeit des jeweiligen Stadtwerks oder der jeweiligen Netzgesellschaft pocht. Denn dort, wo Stadtwerke und Netzbetreiber in kommunalen Händen sind, ergeben sich Betätigungsfelder für Kommunalpolitiker. Sie wirken in den Aufsichtsgremien mit und müssen grundlegende Entscheidungen mittragen.
Enercity-Finanzchef Hansmann schlägt vor, die Bundesnetzagentur könnte Fusionen, Beteiligungen und Übernahmen beispielsweise mit positiven Anreizen unterstützen. Aber die Zukunft scheint klar: „Die Sparkassen haben es vorgemacht: Sie haben ihre Anzahl mehr als halbiert“, so der Manager. Dieselbe Entwicklung werde man auch bei den Netzbetreibern sehen.
AI outlook — possibilities, not facts
Halbierung der Anzahl der Stadtwerke in Deutschland
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