Erste erfolgreiche Anwendung der Crispr-Genschere in der deutschen Regelversorgung
An der Berliner Charité wurde erstmals ein Patient mit Beta-Thalassämie mittels der Genschere-Therapie „Casgevy“ außerhalb klinischer Studien behandelt.
Quick Look
- Die Berliner Charité hat erstmals in Deutschland einen 19-jährigen Patienten mit Beta-Thalassämie erfolgreich mittels der Crispr-Genschere-Therapie „Casgevy“ behandelt.
- Der Patient ist nach der Behandlung nicht mehr auf regelmäßige Bluttransfusionen angewiesen.
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Why It Matters
Die Crispr-Technologie ermöglicht gezielte genetische Veränderungen. Casgevy ist für die Behandlung von Sichelzellkrankheit und Beta-Thalassämie zugelassen.
Zum ersten Mal in Deutschland ist nach Charité-Angaben ein Patient erfolgreich mit einem Medikament behandelt worden, das auf der Genscheren-Technologie Crispr beruht.
Die Entwicklerinnen der Methode, Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, hatten dafür 2020 den Nobelpreis erhalten. Der 19-jährige Patient Mohammad hat die genetisch bedingte Bluterkrankung Beta-Thalassämie und ist nach Angaben der Berliner Charité dank der Behandlung nicht mehr von Bluttransfusionen abhängig. „Auch Mohammads Immunsystem ist regeneriert, es geht ihm aktuell wirklich hervorragend“, so das Universitätsklinikum.
Das Medikament mit dem Namen „Casgevy“ ist seit 2024 für die Behandlung der Sichelzellkrankheit und der Beta-Thalassämie für bestimmte Patienten ab zwölf Jahren in der Europäischen Union zugelassen. Bislang wurde das Präparat in Deutschland nur im Rahmen klinischer Studien eingesetzt. Mit der Behandlung des 19-Jährigen kam die Genscheren-Therapie erstmals in der regulären Versorgung zum Einsatz. „Damit ist aus Grundlagenforschung medizinische Versorgung geworden“, sagte Charité-Oberärztin Lena Oevermann.
Beiden genetisch bedingten Bluterkrankungen liegen Fehler im Gen für Hämoglobin zugrunde. Das ist ein eisenhaltiger Proteinkomplex, der in roten Blutkörperchen vorkommt und dazu dient, Sauerstoff zu transportieren. Die Beta-Thalassämie ist bei schwerer Ausprägung lebensbedrohlich. Symptome sind unter anderem starke Müdigkeit, Schmerzen, Störungen der körperlichen und kognitiven Entwicklung sowie eine Eisenüberladung, die die Organe schädigen kann. Jedes Jahr werden laut Charité weltweit rund 60.000 Kinder mit schwerer Beta-Thalassämie geboren.
Um zu überleben, benötigen betroffene Kinder nach Angaben der Charité alle drei Wochen Bluttransfusionen, die auf Dauer allerdings teils gravierende Nebenwirkungen haben. Mit einer Stammzelltransplantation könne die Krankheit geheilt werden, allerdings dürfe der Patient nicht älter als etwa 14 Jahre sein. Mohammad sei bereits zu alt für den Eingriff gewesen.
Als Alternative wurde dem 19-Jährigen daher im Mai 2026 zum ersten Mal das Medikament mit dem Wirkstoff Exagamglogene Autotemcel an der Charité verabreicht. Charpentier habe den Patienten selbst besucht, hieß es. Die Behandlung erstrecke sich über etwa zwölf Monate.
„Casgevy“ dient dazu, Gene in Knochenmark-Stammzellen der Patienten so zu verändern, dass sie wieder funktionierendes Hämoglobin produzieren. Dafür werden Stammzellen dem Knochenmark entnommen, im Labor bearbeitet und dann wieder in den Patienten eingesetzt.
Im Mai seien dem 19-Jährigen 900 Millionen seiner genveränderten Stammzellen per Infusion ins Blut zurückgegeben worden, erklärte Charité-Ärztin Lena Oevermann, die das Programm für Hämoglobinopathien leitet.
Nach der Infusion habe der Körper des Patienten innerhalb von etwa 40 Tagen angefangen, das bis dahin fehlende Hämoglobin zu bilden, hieß es von der Charité weiter. Mittlerweile sei der Wert im Normbereich, sodass keine Transfusionen mehr nötig seien. Der 19-Jährige könne nun einen normalen Alltag führen.
Die Therapie hat auch Nebenwirkungen und Risiken. Um Platz im Knochenmark zu schaffen, müssen sich die Patienten einer Chemotherapie unterziehen. Diese kann laut Oevermann zu schmerzhaften Entzündungen der Schleimhäute und Leberschäden führen und macht mit einiger Wahrscheinlichkeit unfruchtbar. „Außerdem haben wir noch keine Daten zur langfristigen Sicherheit und Wirkung der Gentherapie.“
Das Arzneimittel ist daher nur unter bestimmten Bedingungen zugelassen. Dazu zählt unter anderem eine Nachbeobachtung des Patienten über einen Zeitraum von 15 Jahren. Die Kosten für die Behandlung übernehmen in Deutschland die Krankenkassen, die Klinik muss aber einen speziellen Antrag stellen, wie die Charité erklärt.
Einige Experten haben Bedenken, was die Methode angeht. Joachim Kunz vom Universitätsklinikum Heidelberg erklärte einmal, die Therapie sei extrem komplex, erfordere eine aufwendige Logistik und werde absehbar aufgrund der benötigten Ressourcen nicht unbegrenzt skalierbar sein, sondern nur für eine begrenzte Zahl von Patienten pro Jahr zur Verfügung stehen.
What to Watch
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Nachbeobachtung des Patienten über einen Zeitraum von 15 Jahren.
Very likely · Within years
Open Questions
- Wie sieht die langfristige Sicherheit der Therapie nach 15 Jahren aus?
- Wie wird die Skalierbarkeit der komplexen Behandlung gelöst?


