
Zum Auftakt seiner letzten China-Reise besucht Bundespräsident Steinmeier VW in Hefei. Angesichts Rekord-Handelsüberschüssen warnt er vor Schieflage, fordert aber Dialog.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reist zum Abschied nach China und wirbt in Hefei für Kooperationen, mahnt jedoch angesichts massiver Handelsungleichgewichte mehr deutsches Selbstbewusstsein an.
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Frank-Walter Steinmeier besucht China als Bundespräsident letztmals vor dem Ende seiner Amtszeit im März 2027.
In Hefei wirbt der Bundespräsident für Kooperation, während Chinas Handelsüberschuss neue Rekorde erreicht. Doch Steinmeier verlangt auch mehr Selbstbewusstsein gegenüber Peking.
Frank-Walter Steinmeier ist letztmals als Bundespräsident zu Besuch in China. Seine Reise führt ihn unter anderem zu Volkswagen und zu Staats- und Parteichef Xi Jinping nach Peking.
Volkswagen entwickelt in Hefei elektrische, vernetzte Autos mit rund 3000 Mitarbeitern, um Kosten um 40 Prozent zu senken und Entwicklungszyklen um etwa 30 Prozent zu verkürzen.
Steinmeier kritisierte das wachsende Handelsungleichgewicht zwischen Deutschland und China, betonte aber die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen.
Hefei. Frank-Walter Steinmeier wirbt seit Jahrzehnten für enge Kooperationen zwischen Deutschland und China. Als Außenminister hatte er 2007 im Bundestag vor „Panik“ angesichts des Aufstiegs der Volksrepublik gewarnt. 2008 positionierte er sich in Chongqing gegen eine neue politische Blockbildung. Und auch an diesem Dienstag warnte er auf seiner letzten China-Reise im Amt als Bundespräsident in Hefei vor einem Denken in „Schwarz-Weiß-Rastern“.
Doch längst diskutiert Deutschland über den „China-Schock 2.0“: Der Überschuss der Volksrepublik im Welthandel stieg in den ersten neun Monaten 2026 auf 938 Milliarden Dollar, allein im September betrug er 133,5 Milliarden Dollar. Im Handel mit Deutschland legten Chinas Exporte im September um 31,4 Prozent zu, die Importe aus der Bundesrepublik nur um 0,1 Prozent.
Wie deutsche Unternehmen Antworten auf die neue Realität suchen, hat sich Steinmeier mit seiner Frau Elke Büdenbender zum Start der Reise in Hefei angeschaut. Die Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Anhui ist nicht nur eine aufstrebende Tech-Metropole, sondern auch ein Hoffnungsort für besorgte deutsche Unternehmensvertreter.
Kooperationsmodelle unter Druck
Hier entwickelt Volkswagen mit rund 3000 Mitarbeitern neue elektrische, vernetzte Autos. Nach Angaben des Konzerns sinken dabei die Kosten um rund 40 Prozent, und die Entwicklungszyklen verkürzen sich um etwa 30 Prozent.
„Es gibt viele Beispiele für gelingende deutsch-chinesische Kooperationen“, sagte Steinmeier beim Besuch des Luogang-Stadtparks, eines ehemaligen Flughafens, der an diesem Morgen wegen seines Besuchs gesperrt ist.
Doch Steinmeier übte dosiert Kritik: Das jährlich wachsende Ungleichgewicht im Handel, also der Überschuss, den China anhäufe, besorge Deutschland. Das Modell wirtschaftlicher Zusammenarbeit gerate in Schieflage, müsse aber fortgesetzt werden – jedoch zum beiderseitigen Nutzen, sagte er in Hefei.
Dort kooperiert VW mit chinesischen Start-ups. Die in Hefei gewonnenen Erkenntnisse will der Konzern weltweit nutzen. Die Vertreter in Hefei sind überzeugt, dass Deutschland von Chinas Entwicklungsgeschwindigkeit und Innovationskraft profitieren kann. Ralf Brandstätter, Chef von Volkswagen Group China, sieht durch den Standort weitere Marktchancen für den Autobauer, unter anderem in den Asean-Staaten und Zentralasien.
Die Lage ist angespannt. Kritiker sehen in Chinas Handelsüberschuss den wichtigsten Grund für den Verlust Tausender Arbeitsplätze pro Monat, vor allem in wichtigen deutschen Industriebranchen: Automobile und Maschinenbau.
Steinmeiers Botschaft verband die Themen: Dialog und Kooperation sollen weitergehen, zugleich dürfe Deutschland „sein Licht nicht unter den Scheffel“ stellen. Er fordert „Selbstbewusstsein“ im Auftreten gegenüber China – zwei Ansprüche, die sich auch widersprechen können.
Brüssel setzt auf Deals
Seine Reise fällt in eine Zeit, in der das europäisch-chinesische Kooperationsmodell unter Druck steht. Chinesische Hersteller gewinnen etwa auf dem deutschen Automarkt rasch an Anteilen, gerade bei Elektroautos.
Zugleich kann Steinmeier auf einen Teilerfolg aus Brüssel verweisen: EU-Handelskommissar Maros Šefčovič hatte vor wenigen Wochen in Peking mit Chinas Handelsminister Wang Wentao eine Einigung erzielt, nach der China seine Exporte von Hybrid- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeugen nach Europa in den kommenden Jahren signifikant reduzieren soll. Die gemeinsame Erklärung der EU und Chinas nennt jedoch keine konkrete Zahl.
Steinmeier bezeichnete die Einigung als einen „guten Anfangserfolg“, der auch für andere Branchen Hoffnung mache. Der Bundespräsident hat sich vor der Reise telefonisch mit Šefčovič abgestimmt, hieß es aus dem Bundespräsidialamt.
Der Staatsbesuch ist die erste China-Reise des Bundespräsidenten seit 2018. Zeitgleich reist Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach Singapur, Japan und Südkorea. Beide Reisen finden nach Darstellung des Bundespräsidialamts unabhängig voneinander statt, wurden aber im Vorfeld abgestimmt.
Ganz neu ist dieses Zusammenspiel nicht: 2022 reiste Steinmeier nach Japan und Südkorea, während der damalige Kanzler Olaf Scholz zeitgleich Peking besuchte. In der chinesischen Hauptstadt trifft Steinmeier am Freitag Staats- und Parteichef Xi Jinping, Ministerpräsident Li Qiang und den Vorsitzenden des Nationalen Volkskongresses, Zhao Leji. Am Donnerstag hält er eine Rede vor Studentinnen und Studenten der Peking-Universität.
Der frühere Außenminister und nun langjährige Bundespräsident gilt in Chinas Politik als einer der wenigen deutschen Politiker im Amt, mit denen der Austausch seit Jahrzehnten besteht. Nach zwei Amtszeiten scheidet Steinmeier im März 2027 aus dem Amt. Die Bundesversammlung wählt seinen Nachfolger am 30. Januar 2027. Die Debatte über seine Nachfolge läuft bereits.
Dass der Bundespräsident nun fast eine Woche die Volksrepublik bereist – nach Hefei das pittoreske Berggebiet Huangshan und schließlich Peking –, wurde innerhalb der begleitenden Delegation von einzelnen auch als Entgegenkommen der chinesischen Seite interpretiert.
Reise ohne Unternehmer
Steinmeier reist nicht mit einer Wirtschaftsdelegation, anders als Kanzler Merz, den Anfang des Jahres zahlreiche Unternehmer nach China begleitet hatten. Dem Bundespräsidenten gehe es um systemische Wirtschafts- und Handelsfragen, heißt es aus seinem Umfeld. Vertreter von Wirtschaftsverbänden wie Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), sind dennoch dabei.
Begleitet wird Steinmeier zudem von Vertretern aus Bundestag, Europäischem Parlament, Bundesregierung, Kultur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Dazu zählen die SPD-Politikerin Katarina Barley, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, sowie Omid Nouripour (Grüne), Hubertus Heil (SPD) und Johannes Volkmann (CDU), Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag.
Volkmann hat zwei Semester in China studiert, unter anderem an der Tongji-Universität in Shanghai, die besonders enge Beziehungen zu Deutschland pflegt. Mit dabei sind auch China-Experten, die aus politischen Gründen längere Zeit nicht nach China reisen durften, etwa Mikko Huotari, Direktor des Thinktanks Merics, und der Sinologe und Schriftsteller Tilman Spengler.
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Steinmeier trifft am Freitag in Peking auf Xi Jinping, Li Qiang und Zhao Leji.
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