Der ehemalige Nationalmannschaftskapitän plädiert für gesellschaftlichen Zusammenhalt und reflektiert über seine Wurzeln und die Geschichte seines Großvaters.
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Das deutsch-türkische Anwerbeabkommen wurde am 30. Oktober 1961 unterzeichnet, um den Arbeitskräftemangel in der Bundesrepublik zu lindern.
Der frühere Fußball-Nationalmannschaftskapitän İlkay Gündoğan hat mit bewegenden Worten an die Gastarbeitergeschichte seiner Familie erinnert. Zudem ruft er zu mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt sowie einem selbstbewussten Umgang mit kultureller Vielfalt auf.
„Lasst euch nicht in Schubladen stecken. Nutzt die Vielfalt, die ihr in euch tragt, als Stärke und Chance“, appellierte der 36-Jährige an die nächste Generation. Für das Zusammenleben in Deutschland wünsche er sich „mehr echtes Miteinander und weniger Spaltung“.
Vorurteile aufgrund seiner türkischen Wurzeln hat Gündogan selbst erlebt. „Es gab vereinzelt Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass Blicke oder Bewertungen strenger waren“, berichtete der Mittelfeldspieler von Galatasaray Istanbul.
Das habe ihn jedoch zusätzlich angespornt. „Beides – meine deutschen und meine türkischen Einflüsse – gehören zu meiner Identität und haben mich als Sportler und Mensch geprägt“, sagte der einstige Nationalspieler.
Wie viel Mut und Durchhaltevermögen in seiner eigenen Familiengeschichte stecken, verdeutlicht laut Gündogan der Lebensweg seines Großvaters Ismail. Der kam 1973 im Zuge des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens ins Ruhrgebiet. Die Vereinbarung war am 30. Oktober 1961 – also vor genau 65 Jahren – geschlossen worden, um den Arbeitskräftemangel in der Bundesrepublik zu lindern.
Bis zum Anwerbestopp im November 1973 kamen nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung rund 870.000 Arbeitskräfte aus der Türkei nach Deutschland. Etwa eine halbe Million Menschen gingen im gleichen Zeitraum zurück.
„Die Geschichte meiner Großeltern und Eltern ist das Fundament von allem, was ich heute bin. Mein Großvater kam mit nicht viel mehr als einem Koffer und dem festen Willen ins Ruhrgebiet, seinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen“, sagte Gündogan. „Auch wenn sich unsere Welten auf den ersten Blick unterscheiden, verbindet uns derselbe Kern: Fleiß, Mut, Anpassungsfähigkeit und die Bereitschaft, für seinen Traum alles zu geben. Ohne seinen Mut damals stünde ich heute nicht hier.“
Gündogan wurde 1990 in Gelsenkirchen geboren, gewann unter anderem mit Borussia Dortmund die Meisterschaft, mit Manchester City die Champions League und führte die Nationalelf bei der EM 2024 in Deutschland als Kapitän auf das Spielfeld. Seine Nationalmannschaftskarriere hatte Gündogan im Anschluss an das Turnier beendet.
„Gelsenkirchen und das Ruhrgebiet haben meine Einstellung geprägt: Hier zählt der Zusammenhalt, hier schaut man nicht darauf, woher du stammst, sondern wie du dich einbringst und ob du das Herz am rechten Fleck hast“, sagte er.
Besonders emotional sei für ihn die EM in Deutschland gewesen. „Wenn du vor der eigenen Familie die Nationalhymne hörst und weißt, welchen Weg mein Großvater als Gastarbeiter vor Jahrzehnten begonnen hat und dass sein Enkel nun Spielführer der deutschen Nationalmannschaft ist, schließt sich ein Kreis.“
Die Geschichte seiner Familie will Gündogan auch an die eigenen Kinder weitergeben. Sie sollten stolz auf ihre Wurzeln sein und verstehen, dass Wohlstand keine Selbstverständlichkeit sei. „Sie stehen auf den Schultern von Menschen, die im Bergbau hart gearbeitet haben.“
Aktuell steht Gündogan bei Galatasaray unter Vertrag, spielt dort aber keine große sportliche Rolle mehr. Er kommt in dieser Saison erst auf vier Kurzeinsätze. Beim 2:1-Derbysieg gegen Fenerbahçe am Montagabend kam er nicht zum Einsatz.
In einem Interview mit der „Zeit“ hatte Gündogan zuletzt schon seinen Plan für die Zeit nach der aktiven Karriere verraten. „Ich würde gerne als Trainer arbeiten. Ich habe erlebt, was Trainer bewirken können“, sagte er. „Letztlich hat mein ehemaliger Coach Pep Guardiola den Gedanken in mich gepflanzt. In seiner Rolle habe ich meine künftige erkannt.“ Guardiola coachte Gündogan in dessen Zeit bei Manchester City.
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