
Nach den jüngsten Vorfällen in Michigan und Kansas rückt die „hidden violence“ der erweiterten Suizide in den Vereinigten Staaten in den Fokus der Debatte.
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Erweiterte Suizide, bei denen Täter Familienmitglieder töten, werden in den USA oft nicht zentral erfasst. Statistiken des FBI führen Morde und Suizide meist in getrennten Kategorien.
Fast vier Wochen nach der Auslöschung einer Familie mit sechs Kindern im amerikanischen Michigan bleibt das Motiv ein Rätsel. Wie der Sheriff des Bezirks Ottawa im Westen des Bundesstaates rekonstruierte, erschoss der Manager Kristopher K. erst seine Ehefrau Amanda, bevor er die gemeinsamen Kinder Keegan, Bennett, Caroline, Ella, Smith und Teddy durch Kopfschüsse tötete. Der Siebenundvierzigjährige soll seine vier leiblichen Söhne und die in China adoptierten Zwillingstöchter im Alter von fünf bis 15 Jahren in ihren Betten ermordet haben. Auch Mandy, wie seine Ehefrau bei Freunden und Verwandten hieß, wurde vermutlich im Schlaf getötet.
Als Feuerwehrleute ihren Leichnam am Vormittag des 24. Juli in ihrem Haus im wohlhabenden Viertel Riverwood in Grand Haven Township fanden, hatte die Neununddreißigjährige ein Kissen über dem Gesicht. Ihr Ehemann, der tot neben ihr lag, hielt die Waffe noch in der Hand. Der Rauch der Brände, die K. in jedem der Kinderzimmer und im Keller gelegt hatte, hatte Nachbarn aufmerksam gemacht. „Wir gehen von Morden in Verbindung mit einem Suizid aus. Nach den bisherigen Ermittlungen wurden die Feuer nach den Schüssen auf Ehefrau und Kinder gelegt“, fasste der Sheriff Jake Sparks das Verbrechen zusammen.
Knapp drei Wochen später wurden die Vereinigten Staaten ein weiteres Mal von einem sogenannten murder-suicide erschüttert. Am Morgen des 11. August ging bei der Polizei in Winfield im Bundesstaat Kansas ein Notruf ein. Ronald W. gestand den Beamten, gerade seine Ehefrau Kelly und die gemeinsamen Kinder Carol, Ronald Jr., Sarah und Kelly getötet zu haben. Der Dreiundfünfzigjährige ließ die Polizei auch wissen, sich nach dem Notruf das Leben zu nehmen. Als eine Streife des Winfield Police Department wenige Minuten später das schlichte Holzhaus der Familie an der Ninth Avenue erreichte, hallte ein Schuss.
Wie befürchtet, fanden die Beamten sechs Leichen. „Die Mutter und die Kinder waren wunderbar. Nur mit dem Mann konnte man nicht auskommen. Er war völlig gestört“, sagte Meagan Higgins, eine Nachbarin, dem „Wichita Eagle“. Der Täter, der wegen Diebstahls und sexueller Belästigung vorbestraft war, soll wiederholt durch Wutausbrüche aufgefallen sein. Ein Motiv für das Auslöschen seiner Familie nannten Kansas Bureau of Investigation (KBI) und Winfield Police Department nicht.
Dass über die Tötungen in Michigan und Kansas seit Wochen debattiert wird, geht vor allem auf die hohe Zahl der Todesopfer zurück. Dass ein Täter Partner, Kinder oder andere Familienmitglieder ermordet, bevor er Suizid begeht, kommt in Amerika jedoch weit häufiger vor als angenommen.
Einen Tag nach dem „murder-suicide“ in Kansas erschoss ein Einundvierzigjähriger in Minnesota Tochter, Ehefrau und Schwiegermutter, bevor er die Waffe gegen sich richtete. Wiederum einen Tag später tötete ein Kalifornier seine Ehefrau in der Garage seines Hauses in San Diego. Der Einundsechzigjährige starb am nächsten Tag im Krankenhaus an der Schussverletzung, die er sich nach dem Mord beigebracht hatte.
Laut Recherchen des Violence Policy Center (VPC) werden je Woche durchschnittlich neun Morde in Verbindung mit einem Suizid in den Vereinigten Staaten gemeldet. Da Datenbanken wie das Uniform Crime Reporting (UCR) der amerikanischen Bundespolizei (FBI) Morde und Suizide meist in unterschiedlichen Kategorien aufführen und Mordprozesse nach dem Suizid des Täters ausbleiben, erregen die Verbrechen aber oft kaum Aufmerksamkeit. „Morde in Verbindung mit Suiziden sind weiter verbreitet als bislang angenommen“, stellte eine Studie der Columbia University im vergangenen Jahr fest. Trotz mehr als 800 Todesopfern je Jahr gehörten diese Fälle weiterhin zu der „hidden violence“ der Vereinigten Staaten.
Wie Katherine Keyes herausfand, die an der New Yorker Universität zu Epidemiologie forscht, werden „murder-suicides“ in etwa drei von vier Fällen durch Männer begangen. Viele von ihnen litten unter Depressionen. „Häufig werden Männer, die einen erweiterten Suizid begehen, von besitzergreifender Eifersucht getrieben“, beobachtete David Adams, Autor des Buches „Why Do They Kill? Men Who Murder Their Intimate Partners“. Meist tötet der Täter ein Opfer, in der Regel die Lebensgefährtin oder eine ehemalige Partnerin. Fälle mit sieben Ermordeten wie in Grand Haven stellen aber eine Ausnahme dar.
Wie die Ermittlungen der Justizbehörden in Michigan zeigen, hatte Kristopher K. einige Tage vor dem Verbrechen seine Stelle als Marketingmanager bei der Organisation American Heart Association verloren. In den Wochen vor ihrem Tod berichtete seine Ehefrau Amanda in sozialen Medien zudem von einer Affäre des Siebenundvierzigjährigen mit einer Praktikantin. „Ich sagte mir immer, dass ich meine Kinder mehr liebe, als ich meinen Ehemann hasse“, erklärte sie die Entscheidung, sich nicht zu trennen.
Laut Columbia University und VPC kommen bei neun von zehn „murder-suicides“ Schusswaffen zum Einsatz. In Bundesstaaten mit eher laxen Waffengesetzen wie Alaska und Arizona registrierten sie weit mehr Fälle je Bewohner als in Massachusetts, bekannt für strikte Regelungen zu Kauf, Tragen und Aufbewahrung von Schusswaffen. Auch in Kansas, wo Ronald W. vor knapp zwei Wochen seine Ehefrau und die gemeinsamen vier Kinder erschoss, reichten die Gesetze nicht aus, um dem vorbestraften, aggressiven späteren Schützen eine Waffe zu verbieten.
Aber auch strenge Vorschriften sind nicht immer ein Garant für Schutz. Michigan, das vor vier Wochen von einem „murder-suicide“ mit ungewöhnlich vielen Opfern erschüttert wurde, gehört zu den Bundesstaaten mit strengen Waffengesetzen. Kristopher K. hatte die Pistole, mit der er am 24. Juli seine Ehefrau und die gemeinsamen sechs Kinder tötete, einige Tage vor dem Verbrechen legal erworben – nach Hintergrundprüfung und Genehmigung.

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