
Eine Kooperation mit Neurochirurgen aus München soll Deutschland bei der Technologie in die weltweite Spitzengruppe bringen.
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Gehirn-Computer-Schnittstellen messen neuronale Aktivitäten und wandeln sie in Steuerbefehle um. Der Markt wird bisher stark von US-Firmen wie Neuralink dominiert.
Eine Kooperation mit Neurochirurgen aus München soll Deutschland bei der Technologie in die weltweite Spitzengruppe bringen. Clemens Fischer will mehr als 100 Millionen Euro investieren.
Clemens Fischer will bis 2030 die weltweit führende Generation von Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCI) entwickeln und plant dafür Investitionen von mehr als 100 Millionen Euro.
Sein Unternehmen hat einen Hirnchip entwickelt, der auf der Gehirnoberfläche aufliegt, statt ins Hirngewebe einzudringen.
Fischer kooperiert mit Neurochirurg Bernhard Meyer vom Klinikum der Technischen Universität München, der die Klinik zum führenden europäischen Standort für Gehirn-Computer-Schnittstellen machen will.
Die Forschung an Gehirn-Computer-Schnittstellen wird durch Mittel der Europäischen Union, des Bundesforschungsministeriums, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Industriepartnern und Fischers Unternehmen finanziert.
München. Er hat mit frei verkäuflichen Medikamenten wie dem Darmmittel Kijimea ein millionenschweres Pharmaunternehmen aufgebaut. Jetzt will Clemens Fischer, 51, im Markt für Gehirnchips vorn mitspielen. Ein Tochterunternehmen seiner Futrue-Unternehmensgruppe hat eine Gehirn-Computer-Schnittstelle (Brain-Computer-Interface, BCI) entwickelt, die noch in diesem Jahr bei einem gelähmten Patienten implantiert werden soll.
„Ich bin überzeugt, dass die wirklich bahnbrechenden Innovationen im Gesundheitssektor künftig nicht mehr aus den Pharmalaboren kommen, sondern aus den Tech-Laboren dieser Welt“, sagt Unternehmer Fischer. Bis 2030, so sein Ziel, will er die weltweit führende Generation von BCIs erschaffen. Mehr als 100 Millionen Euro will Fischer in die Entwicklung investieren. Als führend in diesem Bereich gilt die mit Milliarden ausgestattete Firma Neuralink von Tech-Milliardär Elon Musk.
BCIs messen – vereinfacht gesprochen – elektrische oder magnetische Aktivität der Gehirnzellen (Neuronen) und senden Signale an einen Computer. Der wandelt sie in konkrete Steuerbefehle um, damit Menschen etwa einen Cursor auf dem Bildschirm oder einen Roboterarm bedienen oder via Computer sprechen können.
Fischer kooperiert mit dem Team von Neurochirurg Bernhard Meyer vom Klinikum der Technischen Universität München (TUM). Meyer leitet seit zwei Jahrzehnten die Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am TUM‑Klinikum. Auch der Neurochirurg hat große Ziele: Bis 2030 will er die Klinik am Standort München zum Nummer-eins-Hub bei Gehirn-Computer-Schnittstellen in Europa aufbauen.
Bereits zwei Patienten hat Meyer eine dauerhafte Hirn-Computer-Schnittstelle implantiert – das Produkt kam von der US-amerikanischen Firma Blackrock Neurotech. Das nächste BCI, das Meyer implantiert, soll nun aus der Entwicklung von Fischers Firma Futrue Neurosciences kommen: Im Unterschied zu dem US-Implantat dringt der deutsche Chip nicht in das Hirngewebe ein, sondern liegt auf der Gehirnoberfläche auf. Auf dem sogenannten Array des Chips, das etwa halb so dünn wie ein Haar ist, sitzen 512 Mikroelektroden, die auf kleinem Raum dicht gepackt sind und von denen jede einzelne angesteuert werden kann.
Mit diesem Chip sieht sich Fischer im Vorteil gegenüber Neuralink. Deren BCI habe zwar 1024 Elektroden, die Signale lesen können, aber nicht im vergleichbaren Umfang auch stimulieren können.
Aus Sicht von Neurochirurg Meyer ist das Futrue-Produkt führend bei den sogenannten bidirektionalen Systemen. Die bieten die Möglichkeit, nicht nur Signale aus dem Gehirn zu lesen, sondern auch Signale zu „schreiben“, also zu stimulieren. „So können auch haptische Signale zurück ans Gehirn gesendet werden, was wichtig für die präzise Steuerung etwa von Roboterarmen ist“, sagt der 64-jährige Meyer.
BCIs werden nach Einschätzung von Fischer auch die Schmerztherapie revolutionieren. „In zehn oder 20 Jahren werden wir chronische Schmerzen nicht mehr mit Arzneimitteln behandeln“, ist er überzeugt.
Auf dem Feld der Schmerztherapie kennt sich Fischer, Mediziner mit MBA-Abschluss (Master of Business Administration), aus: Eines seiner Unternehmen hat kürzlich die erste Zulassung für ein Cannabis-Medikament erhalten, das gegen sogenannte neuropathische Schmerzen eingesetzt wird. Die entstehen durch eine Schädigung oder Funktionsstörung des Nervensystems. Geschädigte Nerven senden dann mitunter fehlerhaft elektrische Signale an das Gehirn.
Aktuell arbeiten Fischer und Neurochirurg Meyer an zwei Forschungsprojekten: Das eine zielt auf chronische Schmerzpatienten. Hier soll die Gehirn-Computer-Schnittstelle in Zukunft dafür sorgen, dass chronische Schmerzen gar nicht erst ins Bewusstsein des Menschen gelangen.
Während akute Schmerzen wichtige Warnsignale aussenden, dass im Körper etwas nicht in Ordnung ist, haben chronische Schmerzen laut Neurochirurg Meyer keine Funktion. „Wir wollen versuchen, mit einer Hirn-Computer-Schnittstelle zu erreichen, dass neuronale Aktivierungsmuster für chronische Schmerzen nicht entstehen können“, sagt er.
Das zweite Projekt, bei dem demnächst die erste Implantation erfolgen soll, richtet sich an Tetraplegiker, also Menschen, die eine schwere Form der Querschnittlähmung haben, bei der alle vier Gliedmaßen sowie der Rumpf von einer Funktionsstörung oder Lähmung betroffen sind. Ursache ist dafür meist eine Schädigung des Rückenmarks im Bereich der Halswirbelsäule. Hier soll das BCI für die Steuerung von Prothesen beziehungsweise Roboterarmen sorgen.
Marcello Ienca, Professor für Ethik der KI und Neurowissenschaften an der TUM School of Medicine and Health, sieht gute Chancen, dass sich Europa durch solche Forschungsallianzen wie in München im weltweiten Wettbewerb gut positionieren kann. „In einer Zeit, in der die technologische Welt von den USA und China dominiert ist, ist dies wissenschaftspolitisch extrem wichtig. Europa ist bei KI bereits im Hintertreffen, aber im Bereich Gehirnmaschinen-Schnittstellen und Neurotechnologie absolut wettbewerbsfähig“, sagt er.
Europa hat laut Ienca zudem den Vorteil eines grundrechtsorientierten Regulierungsrahmens, der den Schutz individueller Rechte und einen fairen Zugang zu Innovationen in den Mittelpunkt stellt. „Technologien wie Brain-Computer-Interfaces dürfen weder primär staatlichen Kontrollinteressen wie in China noch den Geschäftsinteressen weniger großer Unternehmen wie in den USA untergeordnet werden“, sagt der Experte.
Noch ist die BCI-Forschung in München im Stadium der Grundlagenforschung. Bis zur Zulassung einer Hirn-Computer-Schnittstelle als Behandlungsoption für Patienten werden noch Jahre vergehen. Neurochirurg Meyer hofft, Zulassungsstudien noch vor 2030 starten zu können. Ein Einsatz in der klinischen Routine könnte dann zwischen 2035 und 2040 erfolgen, „bei den Schmerzimplantaten vielleicht sogar etwas früher“, sagt er.
Finanziert wird die Forschung über Drittmittel im achtstelligen Bereich von der Europäischen Union, dem Bundesforschungsministerium und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Hinzu kommen die Beiträge verschiedener Industriepartner und die Millionen von Unternehmer Fischer.
Die Futrue-Unternehmensgruppe, zu der mehr als 20 Firmen gehören, erwirtschaftete 2024 einen Umsatz von knapp 227 Millionen Euro, der Jahresüberschuss nach Minderheiten betrug 3,8 Millionen Euro. Der niedrige Wert liegt an den hohen Forschungskosten für die Entwicklung des Cannabis-Medikaments, in das Fischer in den vergangenen Jahren mehrere Hundert Millionen Euro investierte.
„Futrue ist bewusst so gebaut, dass der Jahresüberschuss klein ist. Unser operatives Geschäft erwirtschaftet inzwischen ein Ergebnis im dreistelligen Millionenbereich. Dieses Geld reinvestieren wir nahezu vollständig in Forschung, Entwicklung und damit verbundenes Personal – überwiegend in Deutschland“, sagt der Unternehmer. Nach einem Umsatz von 301 Millionen Euro im vergangenen Jahr plant er in diesem Jahr mit rund 500 Millionen Euro Umsatz und einem operativen Ergebnis vor Forschungsausgaben von mehr als 100 Millionen Euro. Der Betrag soll wieder weitgehend investiert werden.
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Start von Zulassungsstudien für Gehirn-Computer-Schnittstellen vor 2030
Possible · Within years

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