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Interview: Forscher: „Selbst wenn Meta nachts Instagram abschaltet, soll niemand glauben, dass die Pisa-Leistungen explodieren“
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Handelsblatt10/21/2026Education6 min readGermanyView translation

Interview: Forscher: „Selbst wenn Meta nachts Instagram abschaltet, soll niemand glauben, dass die Pisa-Leistungen explodieren“

Bildungsforscher Olaf Köller über Defizite im deutschen Schulsystem, verfehlte Pisa-Ergebnisse, veraltete Aufgaben und den Umgang mit Social Media und KI.

Quick Look

Der Bildungsforscher Olaf Köller kritisiert im Interview gravierende Defizite im deutschen Schulsystem und fordert eine Reform der Aufgabenkultur statt Scheindebatten über Social Media.

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Why It Matters

Aktuelle Pisa-Studien zeigen verheerende Befunde für das deutsche Bildungssystem mit einem Rekordwert an Risikoschülern im Lesen und in der Mathematik.

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Der Bildungsforscher Olaf Köller sieht starke Defizite im deutschen Bildungssystem. Als Hauptursache nennt er nicht Zuwanderung oder Social Media, sondern einen ganz anderen Punkt.

Bildungsforscher Olaf Köller: „Aufgaben, die vor 20 Jahren oder noch früher entstanden sind, motivieren Schüler heute nicht mehr.“

Herr Professor Köller, viele Bildungstests, zuletzt die aktuelle Pisa-Studie, zeigen verheerende Befunde für das deutsche Bildungssystem. Deutschlands Schüler schnitten im Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften so schlecht ab wie noch nie. Was muss jetzt geschehen?

Hinter diesen schlechten Ergebnissen steht die Risikogruppe: 32 Prozent der 15-Jährigen verfehlen das Mindestniveau im Lesen, 34 Prozent in der Mathematik. Diese jungen Menschen haben aufgrund ihrer geringen Kompetenzen kaum Chancen, in eine qualifizierte Berufsausbildung zu gelangen. Sie können nicht flüssig lesen, vor allem nicht sinnentnehmend. Auch in Mathematik sind sie bestenfalls auf dem Leistungsniveau von Sechstklässlern. Hier wäre es unumgänglich, bei der Förderung der ganz basalen Fähigkeiten deutlich nachzulegen.

Nach dem ersten Pisa-Schock vor 25 Jahren schien das Land aufgerüttelt. Empfinden Sie es dieses Mal genauso?

Tatsächlich hatten wir nach 2001 eine deutliche Offensive in der Sprachförderung in der Kita und in den übrigen Bildungsetappen. Viele dieser Programme hatten jedoch Projektcharakter und sind ausgelaufen. Uns fehlt Nachhaltigkeit im System. Jetzt legen wir wieder los, haben aber zwischendrin mindestens zehn Jahre verschlafen.

Was wurde konkret verpasst?

Schauen wir uns Mathematik am Gymnasium an: Seit 2009 hat Deutschland 55 Pisa-Punkte verloren. Das heißt: Unsere 15-Jährigen im Jahr 2025 liegen ungefähr zwei Schuljahre hinter denen von 2009. Hier ist etwas bei der Verbesserung der Unterrichtsqualität schiefgelaufen. Das hat vermutlich wenig mit Zuwanderung zu tun, mit Social Media oder damit, dass es allen emotional so schwerfällt.

Unterricht muss ‚catchy‘ sein.

Sondern?

Wir brauchen einen Unterricht des 21. Jahrhunderts, der stärker an die Lebenswelt der Schüler anknüpft. Wir reden über globale Krisen, Klimawandel, Pandemien, Energieprobleme – und der Mathematikunterricht ergeht sich in vielen Schulklassen nach wie vor im Abarbeiten von Routineaufgaben.

Das lenkt den Blick auf die Lehrer.

Ja, wir müssen uns von dem Glauben verabschieden, dass Unterrichtsmethoden und Aufgaben, die im Jahre 2000 gut funktioniert haben, heute noch funktionieren. Aufgaben, die vor 20 Jahren oder noch früher entstanden sind, motivieren Schüler heute nicht mehr. Nötig sind eine Weiterentwicklung der Didaktik und eine Neuausrichtung der Aufgabenkultur. Auch digitale Medien können hier helfen, Stichwort: intelligente tutorielle Systeme, die die Schüler beim Arbeiten unterstützen. Unterricht muss „catchy“ sein.

Wie könnte das aussehen?

Daten zum Klimawandel oder zur Biodiversität auswerten, grafisch aufbereiten, interpretieren und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Verstehen, dass aus dem Zusammenhang zweier Größen nicht automatisch folgt, dass die eine Größe Ursache der anderen ist – zum Beispiel die Korrelation zwischen Handynutzung und Schulleistungen dahingehend zu hinterfragen, was Ursache und was Folge ist. Die Pisa-Tests sind gespickt mit solchen interessanten Aufgaben. So etwas sehen wir im Unterricht zu selten.

Vita Olaf Köller

Olaf Köller ist Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Kiel, wo er seit 2009 auch das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) leitet. Köller promovierte in Psychologie, lehrte zunächst Pädagogische Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und dann Bildungsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war Gründungsdirektor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB).

Seit 2021 ist Köller Co-Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (SWK) für Bildungspolitik, des unabhängigen wissenschaftlichen Beratungsgremiums der Kultusministerkonferenz. Der 62‑Jährige ist zudem Vorstandsmitglied des Zentrums für Internationale Schülerbeurteilung (ZIB). Im September 2025 übernahm Köller den Co-Vorsitz der unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“, die Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) eingesetzt hat.

Das Motto des Bildungsforschers: „Mit meiner Forschung möchte ich dazu beitragen, dass möglichst alle Kinder und Jugendlichen so viel lernen, dass sie später in Wohlstand und Zufriedenheit leben können.“

An vielen Brennpunktschulen ist es schwierig, die Schüler überhaupt zu erreichen.

Ja. Hier mangelt es an Bildungsaspirationen. Gerade bei besonders schwachen Schülern ist es cool, die Schule zu schwänzen, schlecht zu sein und später möglicherweise gar nicht arbeiten zu wollen. Diesen Schülern mit leistungsunterminierenden Identitäten kann man nicht nur mit Deutsch- und Mathematikförderung begegnen. Hier muss sich die Schule stärker auf die herausfordernde Psyche der Schüler einstellen.

Bildungsministerin Karin Prien meint, im Moment funktioniere das Aufstiegsversprechen in Deutschland nicht. Wie sehen Sie das?

Ich teile das so nicht. Die Empirie sagt etwas anderes. Jeder Pisa-Punkt mehr trägt zum Wohlstand des Einzelnen und der Gesellschaft bei. Wir brauchen ein Narrativ, das Bildung und hohe Kompetenzstände als zentral für den individuellen Aufstieg darstellt. Umgekehrt: Die Schüler aus the Risikogruppe sind später diejenigen, die die Leistungen des Wohlfahrtsstaates in Anspruch nehmen.

Muten wir den Kindern zu wenig zu?

Wir sehen eine Absenkung der Anforderungen. Was vor zehn Jahren die Note 3 war, ist heute die Note 2. Es wird offensichtlich sehr liberal bewertet. Das zeigt auch immer wieder der große Kontrast zwischen Vornoten und den Noten in zentralen Abschlussprüfungen. Wir lassen die Schüler bei schwachen Lernerfolgen nicht mehr ein Schuljahr wiederholen, versäumen aber gleichzeitig, sie entsprechend zu fördern. Wir drücken einfach alle Augen zu und lassen sie durchlaufen, bis sie in Pisa in der Risikogruppe sind.

Schule muss eine Anstrengungskultur vermitteln.

Braucht Deutschland wieder mehr Leistung, mehr Disziplin?

Es kann nicht das Ziel der Schule sein, dass sich alle Schüler nur wohlfühlen. Schule muss eine Anstrengungskultur vermitteln, in der Kinder und Jugendliche erfahren, dass ihre Anstrengungen zu Lernerfolgen führen. Herausfordernde Aufgaben sind nötig, bei denen die Schüler ihre intellektuellen Ressourcen ausschöpfen können. Schüler strengen sich gern an, wenn es Spaß macht.

Sie haben vorhin schon kurz Social Media angesprochen. Welchen Anteil hat die Nutzung oder eine übermäßige Handynutzung am Negativtrend?

Es gibt weltweit Studien, die sich genau mit dieser Thematik beschäftigen. Doch hier gibt es ein Henne-Ei-Problem. Nutzen schlechte Schüler das Handy besonders viel? Oder sind die schlechten Leistungen die Folge der Handynutzung? Vermutlich besteht ein wechselseitiger Zusammenhang, der insgesamt jedoch sehr schwach ist.

Handynutzung von Kindern: Social Media kann den Leistungsabstieg nicht erklären.

Das müssen Sie bitte genauer erklären.

Unsere Gymnasiastinnen und Gymnasiasten haben seit 2009 in Mathematik 55 Pisa-Punkte verloren. Davon gehen vielleicht fünf Punkte auf die Nutzung von Social Media zurück.

Sie waren der Vorsitzende der von Bildungsministerin Prien eingesetzten Expertengruppe „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“. Da haben Sie doch die ganzen Risiken aufgelistet.

Natürlich schlägt sich die Nutzung sozialer Medien in anderen Bereichen nieder. Wer dort exzessiv unterwegs ist, fühlt sich schlecht und setzt sich Gefahren aus. Wir haben circa 300.000 Jugendliche, die süchtig sind, und über eine Million mit problematischem Social-Media-Verhalten. Aber den dramatischen Leistungsabstieg über die letzten 15 Jahre erklären nicht die sozialen Medien. Selbst wenn Meta nachts Instagram abschaltet, soll niemand glauben, dass die Pisa-Leistungen dann explodieren. Denn allein der Verzicht auf das Handy ersetzt keinen guten Unterricht.

Die Zuwanderung gilt ebenfalls als große Herausforderung für das Bildungssystem. Was ist zu tun?

Wir brauchen in allen Bildungsetappen eine umfassende Sprachförderung, um benachteiligte Kinder und Jugendliche zu unterstützen. Idealerweise beginnt das in der Kita, weil sich ansonsten die Defizite später kumulieren. Beispielsweise lernen Kinder mit Zuwanderungsgeschichte, die bei der Einschulung kein Deutsch sprechen, in der Grundschule viel zu wenig.

Und das Problem dürfte sich noch verschärfen.

Genau. Seit 2022 haben wir durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine weitere Kinder und Jugendliche ins Bildungssystem aufgenommen, die eine andere Herkunftssprache sprechen. Wir müssen weiterhin an die Menschen denken, die in der Flüchtlingskrise ab 2015 und in den Folgejahren nach Deutschland gekommen sind. Für ihre Kinder, die bereits in Deutschland geboren sind, ist es wichtig, so früh wie möglich in der Kita mehr Kontakt mit der Bildungssprache Deutsch zu haben. Zu Hause wird häufig viel in der Herkunftssprache gesprochen.

Befürworten Sie eine Kitapflicht?

Es spricht vieles dafür, mindestens ein oder zwei Kitajahre verpflichtend zu machen. Denn andernfalls werden vor allem bildungsbenachteiligte Kinder nicht erreicht. Außerdem brauchen wir starke öffentliche Kampagnen, um die Eltern zu motivieren, auch die unter Dreijährigen in die Kita zu geben.

Deutschland bräuchte also mehr Gelder für die frühkindliche Bildung?

Derzeit sinken die Größen der Geburtenkohorten. Damit wird es leichter, dass jedes Kind einen Kitaplatz bekommt. Außerdem muss es darum gehen, dass es nicht nur genügend Personal für die Kinder gibt, sondern vor allem qualifiziertes Personal. Hier ist es wichtig, dass Ministerin Prien Mittel für die Professionalisierung bereitstellt.

Wir versäumen, KI gewinnbringend im Kontext der Schule zu nutzen.

Jetzt kommt Künstliche Intelligenz. Wie kann Deutschland den Umbruch durch KI sinnvoll im Bildungssystem bewältigen?

Im Moment läuft es nicht gut. Die Kinder und Jugendlichen nutzen die generative KI irgendwie, aber ungesteuert, ungezügelt. Sie sitzen zu Hause mit ChatGPT und betreiben ein völliges kognitives Offloading. Sie denken also gar nicht mehr darüber nach, was die KI macht. Sie lernen möglicherweise nichts mehr. Wir nennen das „Deskilling“. Hier zeigt sich ein bildungspolitisches Problem: Wir versäumen, KI gewinnbringend im Kontext der Schule zu nutzen.

Wie schon bei der Digitalisierung der Schulen?

Ja. Das Problem gilt im Grunde für die ganze Digitalisierung von Schule. Wir haben zwar den Digitalpakt 2.0, aber immer noch keine nationale Strategie. Uns fehlt ein nationales Konzept dafür, wie wir neue Technologien gewinnbringend an die Schüler heranführen. Wir haben dazu Empfehlungen mit der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) abgegeben. Bislang ist davon nichts aufgenommen worden.

Was wäre ein guter Schritt?

Wir brauchen Systeme, die keine fertigen Produkte für die Schüler generieren, sondern sie beim Lernen unterstützen. Wie wäre es, wenn ChatGPT oder ein anderes System sagt: „Ich gebe dir nicht die Antwort, aber ich bin gerne bereit, gemeinsam mit dir die Antwort zu entwickeln.“ Und dann wird die Lösung dialogisch erarbeitet. Such systems see we in other countries. Sie sind Lernbegleiter und keine Leistungsproduzenten. Hier müssen wir besser werden.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Ausbau der Sprachförderung in Kitas und Schulen

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wie werden die Empfehlungen der Kommission konkret in die Praxis umgesetzt?
  • Wann kommt der geforderte Digitalpakt 2.0 mit nationaler Strategie?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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