
General Christian Freuding fordert schnelleres Tempo bei der Modernisierung des Heeres und betont die Notwendigkeit technologischer Souveränität.
Heeresinspekteur Christian Freuding spricht über die Modernisierung des Heeres bis 2035, die Integration digitaler Führungsfähigkeit und die Notwendigkeit, bei Rüstungsprojekten und Drohnenabwehr schneller auf die reale Bedrohungslage durch Russland zu reagieren.
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Die Bundeswehr strebt bis 2035 eine Vollausstattung und technologische Modernisierung an, um auf die veränderte Sicherheitslage in Europa zu reagieren.
Dresden. Der Inspekteur des Heeres, Christian Freuding, ist zu Gast beim Innovationsforum an der Offizierschule in Dresden. Eine passende Gelegenheit, um sich im Interview gegen Vorwürfe zu wehren, dass die Bundeswehr vorwiegend „Altmetall“ bestelle und technologisch nicht auf der Höhe der Zeit sei. Aber zufrieden ist der ranghöchste Offizier der Landstreitkräfte noch längst nicht. Eher ungeduldig.
Das Heer wird größer sein, auch dank voll eingeplanter Reservistinnen und Reservisten; es wird sich nahe an der Vollausstattung bewegen mit vielen innovativen Fähigkeiten und von einer wertschätzenden und kameradschaftlichen Führungskultur geprägt sein. Kurz: Wir werden ein Heer haben, das sich durchsetzen und gewinnen kann.
Unser wichtigstes Zwischenziel war, die Panzergrenadierbrigade 37 digital führen zu können, wenn sie 2027 als Forward Land Forces die Rolle einer Speerspitze der Nato übernimmt. Das ist gelungen. Die Einsatzprüfung hat ergeben, dass wir fahren, funken und schießen können – auch unter anspruchsvollen taktischen Aufgaben und bei schlechten Witterungsbedingungen. Aber natürlich liegt noch viel Arbeit vor uns.
Wir müssen mit der weiteren Integration von D-LBO schneller vorankommen, noch mehr Waffensysteme und Fahrzeuge damit ausstatten, noch mehr Übertragungsmittel, wie zum Beispiel Satellitenkommunikation, integrieren, um die Leistungsfähigkeit des Systems auszuschöpfen. Und wir müssen weiter an der Stabilität arbeiten. All das hat uns die Industrie zugesagt, und ich vertraue darauf.
Der Marder erfüllt die von uns aufgestellten Kriterien bisher qualitativ noch nicht. Mir ist die Systemstabilität wichtig, und deshalb werde ich die Kriterien auch nicht aufweichen. Schließlich müssen die Soldatinnen und Soldaten des Heeres mit dem System im Gefecht bestehen. Das hat zur Folge, dass wir nun Aufträge im Heer umverteilen müssen. Davon wird das Panzergrenadierbataillon 112 im bayerischen Regen mit seinen Pumas betroffen sein.
Das ergibt Sinn, weil wir perspektivisch den Schützenpanzer Marder noch etwa zehn Jahre nutzen werden. Wir werden deshalb rund 120 Stück umrüsten, weil der Digitalfunk eben auch einen Qualitätssprung bedeutet.
Ja, natürlich dauert mir als Inspekteur die Umstellung zu lange, und nein, die Technologie ist topmodern. Denn es kommt weniger auf die Hülle des Funkgeräts an, sondern auf die Software, die drinsteckt. Wir nennen das Software Defined Defense. Und diese Software, das Innenleben des Systems, wird immer wieder in kurzen Abständen auf den neuesten Stand gebracht. Daher kommt bei der Neuaufstellung vieler Truppenteile des Heeres im Herbst dem Zentrum Digitalisierung Landoperationen eine besondere Bedeutung zu.
Das ist gewissermaßen unser App-Shop, über den wir künftig in regelmäßigen Abständen die Software aller unserer Waffensysteme aktualisieren werden. Modernität bemisst sich nicht mehr in der Dicke des Panzerstahls, sondern an der Aktualität der Software.
Wir sind mit unserer Ausplanung der künftigen Struktur fertig und stimmen sie gerade sehr zielgerichtet mit dem Verteidigungsministerium ab. Ich gehe davon aus, dass die Struktur noch in diesem Jahr gebilligt wird.
Ich will jetzt kein Hersteller-Bashing betreiben. Aber zu viele Beschaffungsprojekte liegen hinter dem Zeitplan und unter unserem Qualitätsanspruch.
Es gibt fünf Handlungsfelder, in denen wir signifikant besser werden müssen: Schutz gegen Bedrohungen aus dem bodennahen Luftraum, indirekte Wirkung, also weitreichende Artillerie und Loitering-Munition, elektromagnetischer Kampf, Integration unbemannter Systeme und digitale Führungsfähigkeit. Wir sehen auf allen Feldern Fortschritte. In einigen müssen wir noch schneller werden, in anderen kommen wir schon gut voran.
Bei der nächsten Übung der Brigade Litauen im November werden wir zum ersten Mal auch Loitering-Munition einsetzen – nur ein Jahr, nachdem wir begonnen haben, uns überhaupt mit dem Thema zu befassen.
Als Landstreitkräfte brauchen wir künftig auch die Möglichkeit zur Wirkung bis in eine Tiefe von 1500 Kilometern und darüber hinaus.
Derzeit verfügen wir nicht über diese Fähigkeit, aber es gibt verschiedene Ansätze. Einerseits schauen wir uns sogenannte Low-Cost-Cruise-Missiles an. Wir haben zwei Modelle in der näheren Betrachtung, die man noch für die Bundeswehr qualifizieren müsste, dann aber sehr rasch einführen könnte. Und dann gibt es High-End-Cruise-Missiles, die einerseits europäisch gemeinsam entwickelt und andererseits für den Übergang in den USA beschafft werden sollen.
Digitale Führungsfähigkeit umfasst verschiedene Ebenen. Die erste Ebene ist der Digital Backbone, also die Grundplattform. Dann geht es um die Frage, wie Daten verwaltet und zusammengeführt werden. Und die dritte Ebene ist das, was man in der Nato unter Data-Exploitation versteht, also die Möglichkeit, Daten, die man hat, auch in der Gefechtsführung zielgerichtet zur Anwendung zu bringen.
In allen Bereichen gibt es in der Bundeswehr Vorstellungen zur Gesamtarchitektur und auch erste konkrete Modelle und Anwendungen. Denken Sie zum Beispiel an Uranos KI, den KI-gestützten Aufklärungs- und Wirkverbund für die gepanzerten Kampftruppen, den wir schon im kommenden Jahr in der Litauen-Brigade einführen werden. Was wir jetzt schnell schaffen müssen, ist, diese Einzelprojekte zu einem digitalen Führungskonzept zusammenzuführen und dieses Führungskonzept Stück für Stück so umzusetzen, dass wir wirklich den Sprung ins 21. Jahrhundert schaffen.
Ich will nicht einzelne Anbieter bewerten. Mit Blick auf die Nato, die Maven nutzt, müssen wir uns abstimmen, bis zu welcher Ebene mit diesem System gearbeitet werden soll und wie wir unsere nationale Anschlussfähigkeit sicherstellen können. Klar ist, dass für uns bei digitaler Führungsfähigkeit die Aspekte Informationsgeschwindigkeit und Datensicherheit jeweils eine große Rolle spielen.
Da sehe ich drei Ebenen. Jede Soldatin und jeder Soldat muss künftig in der Bedienung und der Abwehr von Drohnen Grundkenntnisse haben. Zweitens müssen unbemannte Systeme den Einsatzwert unserer Truppengattungsverbände signifikant steigern. Dazu bauen wir Pilotkompanien in der Jäger-, der Panzer- und der Heeresaufklärungstruppe auf. Und die dritte Ebene ist das eigene, selbstständige Drohnenregiment, das wir aufstellen werden.
Das Regiment wird unterschiedliche Fähigkeiten haben, auf kurze, mittlere und auf weite Distanz zu wirken. Ich stelle mir Reichweiten bis zu 500 Kilometer vor, künftig gegebenenfalls sogar darüber hinaus. Und es wird zur Drohnenabwehr und zum elektromagnetischen Kampf in der Lage sein. Geplant ist auch eine eigene Kompanie für Test- und Versuchszwecke, sozusagen Tür an Tür mit den operationellen Kompanien, um mit dem hohen Innovationstempo in diesem Bereich Schritt halten zu können.
Ein Rahmenvertrag bedeutet nicht automatisch, dass die gesamte Stückzahl tatsächlich in die Truppe eingeführt wird. Natürlich ist es richtig, dass wir bei unserer Beschaffung mit dem Innovationstempo Schritt halten müssen. Das geht über sogenannte Vorhalteverträge, bei denen nicht eine bestimmte Stückzahl, sondern die Produktionskapazität im Mittelpunkt steht. Aber Vorhalteverträge allein erzeugen keine abschreckende Wirkung. Wir müssen eine Balance finden zwischen voll ausgestatteten Einheiten, erforderlicher Vorratshaltung und der Fähigkeit, im Fall des Falles schnell modernste Systeme in großer Stückzahl herstellen zu können. Wir brauchen also volle Depots und vorbereitete Fabrikhallen.
Wir investieren in den nächsten Jahren 35 Milliarden Euro in entsprechende eigene Fähigkeiten, auch um unabhängiger zu werden. Wir haben die Relevanz des Weltraums erkannt. Bei der Beschaffung jedes Waffensystems ist die Einbindung in unsere eigene souveräne Netzarchitektur Kriterium Nummer eins.
Ich bin sicher, Russland orientiert sich nicht an unseren Planungszeiträumen. Das bedeutet, dass wir jeden Tag schneller und besser werden müssen und bereit sind, wenn die Lage es erfordert. Das hybride Ausgreifen Russlands nimmt zu. Nehmen Sie die verschiedenen Drohnenvorfälle wie in Leipzig/Halle, Vorkommnisse in Munitionsfabriken in Italien, in Bulgarien, in den baltischen Ländern, Äußerungen aus Russland, dass man sich auch eine Spezialoperation in Litauen vorstellen könne. Die Bedrohung ist real, der BND-Präsident hat das kürzlich zu Recht „Schattenkrieg“ genannt. Ich finde diese Beschreibung sehr zutreffend.
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Billigung der neuen Heeresstruktur noch in diesem Jahr.
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