
Ralf Reichert über Sportswashing-Vorwürfe, die Verlegung nach Paris und die Institutionalisierung des E-Sports.
Ralf Reichert, CEO des Esports World Cup, spricht über die Internationalisierung des Turniers, die Vorwürfe des Sportswashings gegenüber Saudi-Arabien und die geplante Einführung eines Esports Nations Cup ab 2027.
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Der Esports World Cup wurde aufgrund der Sicherheitslage im Nahen Osten kurzfristig von Riad nach Paris verlegt. Das Turnier ist Teil einer umfassenden Investitionsstrategie Saudi-Arabiens im Gaming-Sektor.
tagesschau.de: Herr Reichert, der "Esports World Cup" (EWC) fand in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Wie hat sich das Event aus Ihrer Sicht in den E-Sport integriert?
Ralf Reichert: Im E-Sport gibt es viele Turniere, die aber immer nur für ein Spiel und eine Community gemacht sind: etwa die "IEM Cologne" für Counter-Strike oder die "Worlds" für League of Legends.
Die Idee des "Esports World Cup" war es, E-Sport auf das nächste Level zu bringen und die Gaming-Industrie dahinter zu vereinen. Mit 25 Turnieren in 24 verschiedenen Spielen decken wir fast die ganze Bandbreite der Gaming-Industrie ab. Durch den kurzfristigen Umzug nach Paris konnten wir den EWC erstmals internationalisieren: geboren in Riad, jetzt in die Welt gebracht.
Der Vorwurf des Sportswashings steht im Raum
tagesschau.de: In Bezug auf den "Esports World Cups" gibt es immer wieder den Vorwurf des so genannten "E-Sportswashings", also dass Saudi-Arabien mit der Ausrichtung des Wettbewerbs sein Image in der Welt aufbessern und von der Menschenrechtssituation im Land ablenken wolle. Wie blicken Sie auf diesen Vorwurf?
Reichert: Wer den Begriff "Sportswashing" kreiert, sagt damit: Ihr macht dieses Event gar nicht aus Interesse am Sport, sondern aus anderen Motiven. Dieser Logik folge ich nicht ganz. Wenn ein Event als "Sportswashing" negativ gelabelt ist, könnte es ja gar nicht mehr als positives Marketing funktionieren. Dann ist das System sozusagen von Anfang an kaputt. Deswegen tue ich mich mit diesem Argument schwer.
In Saudi-Arabien ist Gaming Teil der nationalen Strategie und wird stark unterstützt. Im Sommer kann man aufgrund der Hitze kaum etwas draußen machen, da ist Gaming ein logisches Hobby. 70 Prozent der Saudis sind Gamer. Und so wie hier in Deutschland gerne Fußball gespielt und in Fußballplätze investiert wird, wird dort in Gaming investiert.
Saudi-Arabien ist ein Land, das historisch auf einem ganz anderen Wertekanon basiert als Deutschland. Das ist kein Geheimnis. Was ich aber dort gesehen habe und weshalb ich diesen Job angenommen habe, ist, dass sich das Land in den letzten zehn Jahren mit einer Geschwindigkeit weiterentwickelt hat, die für deutsche Öffentlichkeit schwer wahrzunehmen und zu fassen ist.
Mein Argument ist daher immer: Kommt vorbei und schaut euch das an. Dann gehen nicht alle Vorurteile weg, und das ist auch okay. Aber die Realität vor Ort ist ganz anders als das Bild, das viele im Kopf haben. Ich sage: Seeing is believing.
Wegen des Iran-Kriegs nach Paris ausgelagert
tagesschau.de: Sie mussten den "Esports World Cup" aufgrund der Sicherheitslage im Nahen Osten innerhalb weniger Wochen von Saudi-Arabien nach Paris umziehen. Was war dafür nötig?
Reichert: Weil der EWC bereits etabliert und fester Teil des E-Sport-Kalenders ist, konnten wir das den Spielern nicht wegnehmen und absagen. Eine zeitliche Verschiebung war nicht mehr möglich, weil sie sich nicht mit dem Rest des Kalenders vereinen ließ. Also blieb nur die physische Verschiebung. Nur wohin?
Erstmal muss der Ort die Infrastruktur mitbringen, Basics wie genügend Hotels und einen Flughafen. Man benötigt aber auch institutionelle Unterstützung. Wir haben 2.000 Spieler, von denen fast 1.000 ein Visum brauchten. Da braucht man Stadt, Land und Bund, die unterstützen.
Wir hatten mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bis hin zum Bürgermeister von Paris Unterstützung auf allen Ebenen. Ein weiterer Aspekt ist, ob man genügend Publikum vor Ort hat, um eine World-Cup-Stimmung zu erzeugen. Frankreich hat eine der besten E-Sport-Communitys weltweit. So fiel die Entscheidung für Paris.
"Das Ökosystem muss nachhaltig bleiben"
tagesschau.de: Mit insgesamt 75 Millionen US-Dollar hat Ihr Turnier einen enormen Preispool ausgeschüttet. In vielen E-Sport-Titeln übersteigen die Preisgelder die Turniere des restlichen Kalenders, vor allem bei weniger populären Spielen. Sorgt das für ein Ungleichgewicht und Abhängigkeit vom "Esports World Cup"?
Reichert: Das ist eine totale Bedenkenträger-Sichtweise. Wir leben im Sport in einer Leistungskultur, in der wir als Gesellschaft herausragende Leistungen zelebrieren. Die Fußball-Nationalmannschaft - das sind alles Multimillionäre. Wenn jemand Formel 1-Weltmeister wird, dann ist der reich. Im Leben gibt es ein Aufstiegsversprechen: Wenn ich der Beste in etwas werde und mich wirklich darauf fokussiere, dann lohnt sich das für mich. Und das ist im E-Sport bislang nur zum Teil so.
Im Spiel "Tekken" hat sich in diesem Jahr ein pakistanischer Spieler über die letzte Qualifikationsrunde für den EWC qualifiziert, anschließend das Hauptturnier und 250.000 US-Dollar gewonnen. Das ist in seinem Land ein Vermögen und für mich die schönste Story des Turniers, dass wir so etwas ermöglichen können.
Ich teile die Sorge, dass das Ökosystem nachhaltig bleiben muss. Aber es muss auch ein Aufstiegsversprechen geben.
tagesschau.de: Ein einziger Wettbewerb, der im Vergleich zu allen anderen so viel Geld ausschüttet, klingt nicht wirklich nachhaltig. Wenn der Esports World Cup mal verschwindet, was wäre dann?
Reichert: Das ist Fortschrittslogik minus eins. Da könnte man überall argumentieren: Lass uns keinen Fortschritt machen, denn der Fortschritt könnte irgendwann auch zurückgehen. Ich sage ja auch nicht: Ich baue jetzt keine Straße, nur weil ich nicht weiß, ob die in 100 Jahren auch noch da ist.
"Es geht um die Institutionalisierung des E-Sport"
tagesschau.de: Ihre Foundation plant ab 2027 auch die Ausrichtung des "Esports Nations Cup", bei dem Nationalmannschaften gegeneinander antreten sollen. Wie soll dieses Turnier neben dem "World Cup" existieren und sich etablieren?
Reichert: E-Sport basiert auf Klubs, das ist der Ursprung. Diese Teams waren schon immer international, weil E-Sport keine Grenzen kennt. Aus dem klassischen Sport wissen wir aber, dass die größten Turniere immer Nationalteam-Turniere sind.
Als wir den "Esports Nations Cup" angekündigt haben, hat mir meine Mutter eine SMS geschrieben und gesagt: "Da komme ich hin!" Mit den Klubs kann sie nichts anfangen, weil sie keinen Bezug dazu hat. Zu Nationalmannschaften hat sie einen Bezug.
Es geht aber auch um die Institutionalisierung des E-Sport. Sport wird in allen Ländern der Welt in hohem Maße von Regierungen unterstützt, weil wir als Gesellschaft entschieden haben, dass Sport ein kulturelles Gut ist. E-Sport hatte bislang keinen Zugang dazu, auch weil die Identifikation auf einer nationalen Ebene fehlt.
Das Klub-Ökosystem ist und bleibt die Basis des E-Sports. Aber für Nationalteams ergibt sich eine wahnsinnige Möglichkeit. Ich glaube, das ist eine der besten Entwicklungen in den letzten Jahren für den E-Sport.
Andere Austragungsorte auch künftig denkbar
tagesschau.de: Für den "Esports World Cup" 2027 planen Sie wieder eine Ausrichtung in Saudi-Arabien. Könnte der EWC in Zukunft noch einmal außerhalb Saudi-Arabiens stattfinden?
Reichert: Das ist absolut denkbar. Der EWC ist eine internationale Marke, die der Welt gehört und dafür auch um die Welt reisen muss. Wir sehen die Ausgabe in Paris als Erfolg, auch um den Spielern und der Spieleindustrie zu helfen. Für uns ist es daher eine große strategische Frage, wann der "Esports World Cup" wieder reisen wird und wohin.
Beim "Esports Nations Cup", dem Turnier der Nationalmannschaften, haben wir bereits angekündigt, dass die zweite Edition 2029 außerhalb Saudi-Arabiens stattfinden wird. Dafür haben wir eine Menge Bewerber.
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Ausrichtung des Esports Nations Cup ab 2027
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