Interview: Sebastian Kurz warnt CDU: „Die Mitte wird von den Rändern überholt“
Quick Look
- Sebastian Kurz kritisiert die politische Entwicklung in Deutschland und Europa als falsch abgebogen in Migration, Energie- und Standortpolitik.
- Er warnt vor tiefgreifenden Veränderungen durch KI-Disruption, die stärker sein könnten als die industrielle Revolution, und betont die Notwendigkeit von Umsetzung statt bloßer Kommunikation in der Politik.
AI-generated summary
Why It Matters
Sebastian Kurz war zweimal Bundeskanzler Österreichs und führte Koalitionen sowohl mit der rechtspopulistischen FPÖ als auch mit den Grünen. Nach Korruptionsvorwürfen trat er 2021 zurück und gründete anschließend das Cybersecurity-Unternehmen Dream Security in Israel. Er ist Mitbegründer und hält etwa 15 Prozent an dem Unternehmen, das laut Presseberichten mit drei Milliarden Dollar bewertet wird.
Deutschland und Europa sind „falsch abgebogen“, sagt der österreichische Ex-Kanzler. Er verteidigt die Zusammenarbeit mit Rechtspopulisten – und skizziert die Gefahren der KI-Disruption.
Sebastian Kurz: „KI-Disruption wird stärkere Veränderungen auslösen als industrielle Revolution.“ Foto: Michael Baumgartner/Kito.Archi/d
Sebastian Kurz sieht in Europa und Deutschland gravierende fehlerhafte Entwicklungen in Migration, Energie- und Standortpolitik.
Die schnelle Disruption durch Künstliche Intelligenz wird laut Kurz zu tiefgreifenden Veränderungen am Arbeitsmarkt führen.
Die Firma Dream Security, die Kurz mitbegründet hat, entwickelt KI-basierte Cyberabwehr zur Absicherung kritischer Infrastruktur.
Kurz sagt, dass Europa bei den leistungsfähigsten KI-Modellen das Rennen gegen Amerika und China verloren hat, aber bei darauf basierenden Anwendungen noch Chancen hat.
Die Zusammenfassung wurde mithilfe von KI erstellt und redaktionell geprüft.
Herr Kurz, Sie haben als Chef der österreichischen konservativen ÖVP mehrere Wahlen gewonnen. Die Schwesterpartei CDU kämpft gerade darum, Volkspartei zu bleiben. Lässt sich der Verfall noch stoppen?
Deutschland war jahrzehntelang der Stabilitätsanker Europas. Jetzt erleben wir die politisch unruhigste Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Einige Gründe sind extern: der Krieg in der Ukraine, der Irankonflikt, ein anderer US‑Präsident. Aber der Großteil ist aus meiner Sicht hausgemacht: eine Wirtschaftspolitik, die zur Deindustrialisierung geführt hat, eine verschleppte Staatsmodernisierung, hohe Bürokratie – und das alles verbunden mit einer ungesteuerten Migration, die Deutschland nicht sicherer gemacht, sondern auch die Sozialsysteme belastet hat.
Und Ihr Eindruck ist, dass die CDU diese Themen vernachlässigt hat und der AfD damit den Boden bereitet?
Die meisten Menschen in Ländern wie Deutschland oder Österreich sind weder Nazis noch Rassisten noch große Ideologen. Sie wollen in einem sicheren Land leben, in dem sie sich keine Sorgen machen müssen, wenn ihre Töchter abends auf die Straße gehen, wo harte Arbeit sich lohnt und wo die Altersversorgung funktioniert, sodass man sich darauf verlassen kann. Das sind normale Grundbedürfnisse. Die Menschen wollen jemanden, der entschlossen für sie und diese Bedürfnisse kämpft.
Und das macht Friedrich Merz nicht?
Friedrich Merz braucht keine Ratschläge von mir. Die Fehlentwicklungen, die zu diesen politischen Verschiebungen geführt haben, haben vor seiner Zeit stattgefunden. Allgemein hoffe ich, dass die Landtagswahlen als das verstanden werden, was sie sind: eine Zäsur im Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Was folgt daraus? Kanzler Merz sagt, er müsse vor allem besser erklären, besser kommunizieren. Wird das reichen?
Ich glaube, in der Politik geht es gar nicht um Kommunikation. In Wahrheit geht es darum, was man wirklich tut. Das heißt nicht, dass man alles sofort umsetzen kann. Aber die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob jemand etwas nur sagt oder ob er es umsetzt oder zumindest dafür kämpft. Auch wenn ein medialer Shitstorm hereinbricht.
» Lesen Sie auch: Merz entsetzt – „Der Extremismus dringt mit aller Wucht in unsere Parlamente ein“
Sie haben damals auch die Wahlen gegen die rechtspopulistische FPÖ gewonnen, weil Sie deren Themen wie Migration selbst besetzt haben. Das brachte Ihnen viel Kritik ein.
Die Themen habe ich nie aus taktischen Gründen besetzt, sondern auch daran geglaubt. Vieles, wofür ich mich vor zehn Jahren starkgemacht habe, löste damals keinen Applaus aus – ich wurde in den Medien abgewatscht und in die rechte Schublade gesteckt.
Sie haben aber auch mit der FPÖ koaliert. Resultat war am Ende eine Art Staatskrise nach den Korruptionsvorwürfen gegen Ihren Koalitionspartner in der Ibiza-Affäre. War das rückblickend die richtige Entscheidung?
Ich stehe zu hundert Prozent zu der Koalition mit der FPÖ. Das war eine absolut richtige Entscheidung. Natürlich wird gerne das Ibiza-Ende herausgegriffen. Aber die Regierungsjahre davor sind aus meiner Sicht relevanter als das Ende: Sie haben zum ersten Budgetüberschuss seit Jahrzehnten geführt, zu Steuersenkungen, zur Entbürokratisierung und Arbeitszeitflexibilisierung – Schritte, von denen es noch viel mehr gebraucht hätte, die auch aus meinem Mitte-rechts-wirtschaftsliberalen Weltbild in die richtige Richtung gingen.
Aber nichtsdestotrotz ist die FPÖ eine rechtsradikale Partei, die es mit dem Rechtsstaat auch in Ihrer Koalition nicht so genau nahm. So wurde unter Ihrem damaligen Innenminister Herbert Kickl von der FPÖ eine Razzia beim Verfassungsschutz angeordnet. Das führte zu massivem Vertrauensverlust bei den europäischen Geheimdiensten.
Natürlich gab es auch negative Facetten. Es war nicht alles Milch und Honig. Um genau zu sein: Die Razzia hat ein Richter auf Ersuchen der in Österreich definitiv nicht rechten Staatsanwaltschaft angeordnet. Das wird gerne ausgeblendet, weil man nicht die Justiz, sondern die FPÖ dafür kritisieren möchte. Aber wie dem auch sei: In den großen Fragen haben wir viel erreichen können.
Vita: Sebastian Kurz
Sebastian Kurz, geboren 1986 in Wien, war Chef der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und zweimal Bundeskanzler Österreichs: von 2017 bis 2019 in einer Koalition mit der rechtspopulistischen FPÖ und von 2020 bis 2021 mit den Grünen. Nach Korruptionsvorwürfen trat er 2021 zurück.
2023 gründete er mit Shalev Hulio das israelische Cybersecurity-Unternehmen Dream, an dem er rund 15 Prozent hält. Dream wird laut Presseberichten mit etwa drei Milliarden Dollar bewertet.
Sie würden der CDU also empfehlen, ein Bündnis mit der AfD zu wagen und die Brandmauer sein zu lassen?
Ich gebe keine Empfehlung ab. Aber die Wahlergebnisse, ob rechts oder links, zeigen: Die Mitte muss sich schleunigst etwas überlegen, denn im Moment wird die Mitte von den Rändern überholt – und dann führen sich Brandmauer-Diskussionen irgendwann selbst ad absurdum.
Sie traten als Kanzler zweimal zurück, einmal wegen der Vorwürfe gegen die FPÖ, beim zweiten Mal wegen Korruptionsvorwürfen gegen Sie selbst. Vom Vorwurf der Falschaussage wurden Sie freigesprochen, andere Ermittlungen laufen noch. Ärgert es Sie manchmal, wie Ihre politische Karriere geendet hat?
Am Anfang fiel es mir sehr schwer. Wir haben rund um die Uhr für die Republik gearbeitet, und dann kamen Vorwürfe, die falsch und extrem konstruiert waren. Mittlerweile bin ich auch damit im Reinen. Wenn meine politische Karriere nicht geendet hätte, hätte ich weder meine heutige finanzielle Unabhängigkeit erreicht noch die Erfahrungen als Unternehmer gemacht.
Aber zurück in die Politik wollen Sie nicht?
Es hat ein paar Möglichkeiten gegeben in den vergangenen fünf Jahren, wieder in die Politik einzusteigen. Ich habe mich bisher immer dagegen entschieden.
Und in der Zukunft?
Ich bin erst 40 und habe noch viele Jahre vor mir. Aber derzeit fühle ich mich sehr wohl mit dem, was ich tue.
Seit Ihrem Ausstieg aus der Politik sind Sie Unternehmer und mittlerweile Multimillionär. Zu Beginn haben Sie ausgerechnet mit Peter Thiel zusammengearbeitet, einem nicht unumstrittenen Investor, der auch die Frage stellt, ob Demokratie und Freiheit dauerhaft zusammenpassen. Warum dieser Schritt?
Zur Ehrenrettung von Peter Thiel: Er ist Philosoph, schreibt, diskutiert und provoziert auch gerne. Vor Jahren hat er in einem Artikel hinterfragt, ob Freiheit und Demokratie zusammenpassen, und wird seither als Antidemokrat abgestempelt. Das ist lächerlich und kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Spannend an ihm ist, dass er – egal ob bei Paypal, SpaceX oder Facebook – Mitgründer oder früher Investor war und so viel erreicht hat wie kaum ein anderer. Das finde ich unglaublich. Für mich war es sehr interessant, nach der Politik in diese für mich damals neue Tech-Welt einzutauchen.
Tech-Investor
Peter Thiel im Handelsblatt-Interview von 2023: „Google ist völlig im Panikmodus“
Was haben Sie gelernt?
Dass diese KI-Revolution noch viel disruptiver ist, als wir uns alle vorstellen können.
Inwiefern? Wo sehen Sie Gefahren, wo Chancen?
Ich glaube, die Chancen sind nahezu unbegrenzt, und die Horrorszenarien sind teils nicht ganz falsch. Zu den Chancen: Wir werden einen enormen Produktivitätsschub erleben, Dinge möglich machen, die wir uns heute nicht erträumen können – gerade in der Medizin werden wir länger und gesünder leben können, mit Durchbrüchen in der Behandlung von Krankheiten, die alle Vorstellungen übertreffen.
Die KI-Disruption wird eine stärkere Veränderung auslösen als die industrielle Revolution. Sebastian Kurz
Und zu den Gefahren?
Diese schnelle Disruption wird wahrscheinlich eine stärkere Veränderung auslösen als die industrielle Revolution, vor allem am Arbeitsmarkt. Darüber hinaus bin ich mir sicher, dass 2026 als das Jahr in die Geschichte eingehen wird, in dem Künstliche Intelligenz vom Werkzeug zum sich verselbstständigenden System wurde. Wir haben das bereits erlebt, etwa bei vollständig automatisierten Cyberangriffen oder als sich ein KI-Agent verselbstständigte und in das australische Gesundheitssystem eindrang.
Worauf müssen wir uns da in Europa einstellen?
Das Ausmaß an Cyberattacken wird dramatisch zunehmen, die Zahlen werden stetig wachsen. Das ist die Schattenseite, wenn Technologie wie KI falsch eingesetzt wird. In der aktuellen geopolitischen Lage wird das noch beschleunigt: Neben den Kriegen in der Ukraine und im Iran nimmt hybride Kriegsführung zu. Staaten wie Deutschland, Österreich oder die Schweiz haben ein geringeres Risiko einer echten militärischen Auseinandersetzung. Aber hybride Kriegsführung wird künftig auf der Tagesordnung stehen: von Cyberattacken bis hin zu Drohnenangriffen.
Sie haben Dream Security mitgegründet, ein Unternehmen für KI und Cybersicherheit. Ihr Mitgründer hat vorher die sehr umstrittene Pegasus-Software aufgebaut.
Dass man eine Spähsoftware, die technisch Zugriff auf jedes Handy der Welt ermöglicht, kritisch sieht, ist mir als freiheitsliebendem Menschen völlig klar. Wichtig ist: Sie wurde von fast allen Nato-Staaten gekauft, um gegen Terroristen, Pädophile, Menschenhändler und organisierte Kriminalität vorzugehen. Außerdem ist es, unabhängig davon, wie man das bewertet, technologisch fast wie Zauberei: ein Produkt, mit dem man allein durch das Kennen einer Telefonnummer auf jedes Handy der Welt zugreifen kann. Das konnte zuvor niemand bauen, und das finde ich technologisch beeindruckend.
Porträt aus 2023
Wunderkind oder Luftikus? Das zweite Leben des Sebastian Kurz
Das birgt aber natürlich Gefahren, wenn es in die falschen Hände gelangt.
Da haben Sie vollkommen recht. Wie bei jeder Waffe oder bahnbrechenden Technologie ist es immer dramatisch, wenn diese in die falschen Hände gelangt. Deshalb bauen wir bei Dream keine offensiven Cyberprodukte. Was wir in meinem Unternehmen tun: Wir haben zahlreiche Hacker angeworben und verbinden ihr Wissen mit Künstlicher Intelligenz. So haben wir eine Plattform gebaut, die kritische Infrastruktur schützt.
Sie haben Dream Security in Israel gegründet. Warum dort?
Mich fasziniert diese Region, vor allem die Emirate und Israel. Die Kombination aus Talenten und Innovationskraft, verbunden mit dem Willen, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, gibt es nur an sehr wenigen Orten der Welt.
Europa ist in drei zentralen Fragen – Migration, Energiepolitik, Standortpolitik – falsch abgebogen. Sebastian Kurz
Und in Europa ist das nicht möglich?
Europa ist in drei zentralen Fragen – Migration, Energiepolitik, Standortpolitik – falsch abgebogen. Wir leben in einer schnellen Zeit: Wer dreimal falschliegt, trägt enorme Konsequenzen, wer dreimal richtigliegt, kann als Staat innerhalb von zehn Jahren einen Riesensprung machen.
Ist der Zug abgefahren bei KI?
Bei den Frontier-Modellen ist das Rennen gelaufen. Wer glaubt, Europa könne da noch einsteigen, irrt sich. Es bleiben einige amerikanische und chinesische Player übrig, das war's. Bei den darauf aufbauenden Anwendungsfällen hat Europa aber noch alle Chancen, und da sollten wir dringend versuchen, aufzuholen.
Wie?
Künstliche Intelligenz lebt von Daten und deren Nutzung. In Europa steht an erster Stelle der Datenschutz. Aber ohne Datennutzung, etwa im Gesundheitsbereich, sind keine Durchbrüche möglich. Und die ganze Regulierungsdebatte könnten wir uns sparen: Ein Mindestmaß an Regulierung kann nur global sinnvoll sein. Reguliert sich ein Kontinent allein, während die Musik in den USA und China spielt, bringt das nichts.
Verwandte Themen
EuropaDeutschlandSebastian KurzCDUFriedrich MerzÖsterreich
Verstehen Sie die Weltuntergangsstimmung in Europa, speziell in Deutschland?
Ja, die verstehe ich. Früher brauchte ein etablierter europäischer Weltkonzern Jahrzehnte, um langsam zu sterben, in unserer schnelllebigen Zeit und mit dem Turbo der KI kann das innerhalb einiger Jahre passieren. Das spüren die Menschen. Und das macht ihnen zu Recht Angst.
Mehr: „Geh, opfere dich – wenn du den endgültigen Tod annimmst“: Protokoll des KI-Angriffs, der die Welt verschreckt
Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien.
Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige
remind.me Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
2026 wird als Jahr in die Geschichte eingehen, in dem Künstliche Intelligenz vom Werkzeug zum sich verselbstständigenden System wurde.
Likely · Within months
Das Ausmaß an Cyberattacken wird dramatisch zunehmen und die Zahlen werden stetig wachsen.
Very likely · Within months
Open Questions
- Welche konkreten Schritte schlägt Sebastian Kurz für Europa vor, um im KI-Anwendungsbereich wettbewerbsfähig zu bleiben?
- Wie plant Dream Security konkret, kritische Infrastruktur vor KI-gestützten Cyberangriffen zu schützen?
- Welche spezifischen Reformen in Migration, Energie- und Standortpolitik schlägt Kurz für Deutschland und Europa vor?






