Irankrieg treibt Nachfrage nach Chinas grünen Technologien
Quick Look
- Der Irankrieg treibt die Preise für Öl und Gas weltweit, was die Nachfrage nach grünen Technologien erhöht.
- China profitiert stark von diesem Trend, insbesondere bei Elektroautos und Solaranlagen, da seine Industriepolitik seit Jahren auf saubere Energie ausgerichtet ist.
- US-Präsident Trumps Politik unterstützt indirekt Chinas Aufstieg.
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Why It Matters
Der Irankrieg hat weltweit die Preise für Öl und Gas in die Höhe getrieben. Dies führt zu einer erhöhten Nachfrage nach grünen, von fossilen Brennstoffen unabhängigen Technologien. China, das seit Jahren in saubere Energien investiert, profitiert besonders von diesem Trend.
Berlin, Shanghai. Der Irankrieg treibt weltweit die Preise für Öl und Gas. Und damit die Nachfrage nach grünen, von fossiler Energie unabhängigen Technologien. Davon profitiert vor allem ein Land: China.
Damit lagen sie nur wenig unter dem jüngsten Rekordniveau aus dem März – ein Plus von rund 30 Prozent seit Beginn des Krieges. Am 28. Februar starteten die Militärschläge der USA und Israels.
Deutlich zulegen konnten zuletzt vor allem die Exporte chinesischer Elektroautos. Sie stiegen von rund 6,5 Milliarden US-Dollar im Februar auf rund 9,1 Milliarden US-Dollar im April. Das ist ein Anstieg von etwa 40 Prozent und zugleich ein neues Rekordhoch. In dem Zeitraum legten die Ausfuhren nach Europa um mehr als 25 Prozent zu. Aber auch Batterietechnologie und Solaranlagen erlebten eine Nachfragespitze.
Donald Trump wollte eigentlich etwas völlig anderes: Seit seiner Rückkehr ins Weiße Haus Ende Januar 2025 setzt der US-Präsident wieder stärker auf fossile Energien, kürzt staatliche Unterstützung für grüne Technologien, und die USA sind aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen. Mit seiner harten Linie gegenüber dem Iran und der erneuten Eskalation bewirkt der US-Präsident jedoch das Gegenteil.
Denn die Unsicherheit an den Energiemärkten macht erneuerbare Technologien weltweit plötzlich wirtschaftlich attraktiver – und treibt viele Staaten auf der Suche nach günstiger und schnell verfügbarer Energieversorgung zunehmend in Richtung des US-Systemrivalen China. „Indirekt hilft Trump China“, sagt Alexander Brown, Senior Analyst beim Mercator Institute for China Studies.
Zwar ließ sich auch schon vor der Nahostkrise ein Anstieg der Exporte grüner Technologie beobachten, aber „dieser Trend wird derzeit durch die durch den Krieg im Iran ausgelösten Energiekrisen noch verstärkt“, sagt Brown.
Auf solch einen Moment scheint Chinas Staatschef Xi Jinping sein Land vorbereitet zu haben. „Saubere Energie und grüne Technologien stehen bereits seit mindestens 2010 im Mittelpunkt der chinesischen Industriepolitik“, erklärt Brown. Die chinesische Regierung habe über Jahre enorme Summen in Forschung, Entwicklung und den Aufbau eines Heimatmarktes investiert. Gerade bei Elektroautos habe China früh Technologien gefördert, die damals noch als nicht marktreif galten.
Gleichzeitig hätten Staat und Kommunen gezielt Nachfrage geschaffen – etwa durch den Kauf großer Elektroautoflotten für Taxibetriebe oder Behörden. Auf diese Weise hätten chinesische Hersteller Produktionskapazitäten und Lieferketten in einem Ausmaß aufbauen können, das heute weltweit kaum Konkurrenz habe. „Chinesische Unternehmen dominieren mittlerweile die wichtigsten Alternativen zu fossilen Energien“, sagt Brown.
Das zeigt sich auch bei Solartechnologie: Laut Ember stammen inzwischen rund 80 Prozent der weltweiten Solarzellenexporte aus China. Zuletzt zog die Nachfrage nochmals deutlich an. Im April exportierte China 60 Prozent mehr Solarzellen als im gleichen Monat des Vorjahres. Im Vergleich zum Rekordmonat März gingen die Exporte zwar zurück – hier hatten insgesamt 50 Länder Rekordimporte chinesischer Solaranlagen verzeichnet.
Ein Teil des enormen Anstiegs im März dürfte allerdings auch auf Sondereffekte zurückzuführen sein. Viele Käufer bestellten chinesische Solartechnologie offenbar noch vorgezogen, bevor China Anfang April steuerliche Vergünstigungen für Exporte zurückfuhr und die Produkte damit teurer werden konnten.
Aber das ist nur ein Teileffekt, bestätigt Brown: „Insgesamt sehen wir langfristig massive Veränderungen bei der Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Hersteller, insbesondere im Bereich der Elektrofahrzeuge, sowie bei ihrer Fähigkeit, ins Ausland zu exportieren.“ Außerdem sei China in der Lage, innerhalb des Landes zu wesentlich geringeren Kosten zu produzieren und bei der Qualität vieler anderer Anbieter mitzuhalten.
Dass China seit Jahren seine marktbeherrschende Stellung bei grünen Technologien ausbaut, bekommt auch Deutschland in der längeren Betrachtung stark zu spüren. Laut einer Analyse der Friedrich-Naumann-Stiftung, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, stieg Chinas Anteil bei den Importen von Solarpanels weiter von 88,8 Prozent 2023 auf 92,6 Prozent im vergangenen Jahr.
Allerdings ist der direkte China-Anteil bei Wechselrichtern gesunken. Die Geräte sind für Solarenergie zentral: Sie wandeln den in Photovoltaikanlagen erzeugten Gleichstrom in Wechselstrom um, der im Haushalt genutzt oder ins Netz eingespeist werden kann. Zusammengenommen – über große und kleine Wechselrichter – fiel der Importanteil aus China den Zahlen nach von 51,3 Prozent (2023) auf 40,7 Prozent (2025). „Die sinkende Abhängigkeit bei Wechselrichtern ist ein erfreuliches Signal“, schreibt Autor Frederic Spohr in der Analyse der FDP-nahen Stiftung. Grund seien wachsende Marktanteile europäischer Hersteller aus Tschechien und Ungarn beispielsweise.
Die Marktmacht Chinas durch Exporte wird auch bei der anstehenden Chinareise von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in der kommenden Woche zur Sprache kommen, die auch für die Energiepolitik der Bundesregierung zuständig ist. Reiche reist zum ersten Mal zu politischen Gesprächen nach Peking und im Anschluss in die südchinesische Metropole und Handelsstadt Guangzhou. Sie wird von einer Wirtschaftsdelegation begleitet.
Besonders sichtbar wird die Entwicklung Chinas zum Vorreiter von grüner Technologie auch in Schwellen- und Entwicklungsländern. Für viele dieser Länder geht es dabei weniger um Klimaschutz als um Versorgungssicherheit und Kosten. In zahlreichen Regionen spielen Dieselgeneratoren weiterhin eine zentrale Rolle für die Stromversorgung von Haushalten und Fabriken.
Steigende Ölpreise treffen diese Staaten deshalb besonders hart. In Nigeria etwa stiegen die Dieselpreise seit Kriegsbeginn um mehr als 40 Prozent. Solaranlagen und Batteriespeicher gelten daher zunehmend als vergleichsweise günstige und schnell verfügbare Alternative. Brown verweist allerdings darauf, dass ein Teil der stark steigenden Exporte auch mit neuen Handelsströmen zusammenhängen könnte. „Nigeria könnte als Umschlagplatz für die Region dienen“, sagt er. Auch Malaysia spiele möglicherweise eine Rolle dabei, chinesische Solartechnologie in andere Märkte weiterzuleiten und so Handelsbarrieren zu umgehen.
So schnellten die Importe chinesischer Solartechnologie in Nigeria von 17,78 Millionen US-Dollar im Februar auf 97,89 Millionen US-Dollar im März nach oben – ein Anstieg von rund 450 Prozent. Im April gingen sie zwar wieder auf 69,55 Millionen US-Dollar zurück, lagen damit aber weiterhin klar über dem Niveau zu Jahresbeginn.
Auch andere Länder verzeichneten massive Zuwächse. In Pakistan legten die Importe im März gegenüber Februar um rund 93 Prozent zu, in Malaysia um rund 360 Prozent und in Äthiopien sogar um rund 470 Prozent. Im April schwächte sich die Dynamik auch hier etwas ab, die Nachfrage nach chinesischer Solartechnologie blieb jedoch deutlich erhöht.
Letztlich legten auch die Exporte chinesischer Batterien im März deutlich zu. Sie stiegen laut Ember um 44 Prozent auf mehr als zehn Milliarden US-Dollar. Besonders stark war die Nachfrage in der EU, Australien und Indien, die ihre Speicherkapazitäten für erneuerbare Energien derzeit massiv ausbauen. Auch hier gingen die Exporte im April zwar wieder auf rund 8,4 Milliarden US-Dollar zurück, lagen damit aber weiterhin auf hohem Niveau. Viele Länder setzen zunehmend darauf, tagsüber erzeugten Solarstrom zu speichern, um ihn in den Abendstunden nutzen zu können.
Allerdings hat auch China selbst noch Probleme mit den Auswirkungen des Irankriegs. Rund die Hälfte der chinesischen Ölimporte stammt aus den Golfstaaten und wird über die Straße von Hormus transportiert. „Insgesamt wird China wirtschaftlich trotzdem unter dem Irankrieg leiden“, sagte Brown. Die Vorteile durch den Greentech-Boom würden die wirtschaftlichen Schäden vermutlich nicht ausgleichen können.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Chinesische Unternehmen werden ihre marktbeherrschende Stellung bei den wichtigsten Alternativen zu fossilen Energien weiter ausbauen.
Very likely · Medium term
Die Unsicherheit an den Energiemärkten wird die Attraktivität erneuerbarer Technologien weltweit weiter erhöhen.
Likely · Short term
Deutschland wird seine Abhängigkeit von chinesischen Wechselrichtern weiter reduzieren.
Possible · Medium term
Open Questions
- Wie wird sich die US-Politik unter Trump langfristig auf die globale Energieversorgung auswirken?
- Welche weiteren Länder werden ihre Abhängigkeit von chinesischen grünen Technologien erhöhen?
- Wie wird Deutschland seine Handelsbeziehungen zu China im Bereich grüner Technologien gestalten?
- Welche Auswirkungen hat die Verlagerung der Produktionskapazitäten auf die globale Wettbewerbsfähigkeit?




