Isar Aerospace erreicht mit Spectrum-Rakete den Erdorbit – zweiter Testflug erfolgreich
Quick Look
- Die Spectrum-Rakete von Isar Aerospace erreichte beim zweiten Testflug den Erdorbit nach etwa sieben Minuten Flugzeit.
- Der Start erfolgte vom norwegischen Andøya, wobei neun Triebwerke mit 40 Tonnen flüssigem Sauerstoff und Propan betrieben wurden.
- Der Erfolg positioniert das deutsche Start-up als Vorreiter im europäischen Mikrolauncher-Sektor und unterstreicht die wachsende Nachfrage aus dem Verteidigungsbereich.
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Why It Matters
Isar Aerospace ist ein deutsches Start-up, das die Spectrum-Rakete entwickelt, um im wachsenden Markt für Mikrolauncher wettbewerbsfähig zu sein. Der zweite Testflug folgte auf mehrere frühere Verschiebungen aufgrund technischer Probleme und externer Störungen wie einem Fischerboot in der Sperrzone.
Der zweite Testflug der Spectrum-Rakete stand unter dem Motto „Onward and Upward“ – vorwärts und aufwärts. Am Samstag hatte das Team am späten Nachmittag damit begonnen, die Rakete auf der Startrampe im norwegischen Andøya, fast 300 Kilometer nördlich des Polarkreises, zu betanken. Gegen 22.12 Uhr deutscher Zeit konnte die Spectrum dann in den Nachthimmel abheben, wie im Livestream zu sehen war. Insgesamt 40 Tonnen flüssiger Sauerstoff und Propan befeuerten die neun Triebwerke der ersten Stufe.
Anders als beim ersten Flug, der Ende März vorigen Jahres nach einer halben Minute wegen der Panne mit einem Ventil beendet war, stieg die Rakete am Samstagabend immer weiter gen Weltraum. Nachdem die Abtrennung der oberen Stufe mit der Nutzlast geklappt hatte, erreichte die Spectrum nach rund sieben Minuten den Erdorbit. Dies ist die Voraussetzung für kommerzielle Flüge um die Erde. Ob die Satelliten erfolgreich in die Umlaufbahn ausgesetzt wurden, war nicht unmittelbar klar. Nach zehn Minuten war die Videoübertragung zum Boden abgerissen, nachdem die Rakete die maximale Reichweite der Verbindung überschritten hatte.
Nach früheren Angaben Metzlers soll schon der nächste Flug rein kommerziell werden. Beim jetzigen Testflug waren fünf Kleinsatelliten und ein wissenschaftliches Experiment von Hochschulen und Firmen an Bord der Rakete, die insgesamt eine Tonne Nutzlast fasst. Die Kunden seien sich des Risikos bewusst, sagte Metzler. Sie hatten den Mitflug bei einem Wettbewerb des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gewonnen, der Isar Aerospace auf diese Weise gemeinsam mit der europäischen Raumfahrtagentur Esa unterstützte.
Viel Glück hatten die Gründer beim zweiten Testflug ihrer Kleinrakete bislang nicht gehabt. Ende Januar gelang der Start wegen eines defekten Ventils nicht, im März wegen eines Fischerbootes in der Sperrzone und Anfang April wegen eines Lecks in einem Druckbehälter. Mitte Juni musste das Team dann den Start wegen eines undichten Heliumtanks erneut verschieben.
Firmenchef Metzler hatte sich im Vorfeld trotzdem optimistisch gegeben: „Wir haben schon beim zweiten Flug das Gefühl, dass wir relativ weit kommen können. Am Ende müssen dafür trotzdem mehr als 100 000 Teile, verschiedene Systeme und Software ineinandergreifen.“ Wenn nicht, dann klappt es eben beim nächsten Mal. Schließlich sei es „deutlich billiger und schneller, dass wir eine Rakete einfach fliegen, aus den Ergebnissen lernen und sie in die nächste Trägerrakete mit einfließen lassen“, sagte Metzler. „Wir müssen einfach neue Dinge ausprobieren, die uns schneller machen können, weniger reden, weniger analysieren, da müssen wir mutig sein.“ Die Frage sei nur: „Brauchen wir zwei, drei, vier, fünf Versuche? Wir werden es herausfinden“, sagte Metzler vor einer Woche im SZ-Interview.
Mit dem jetzigen Erfolg war Isar Aerospace sogar schneller als die Konkurrenz von Space-X, die vor 18 Jahren bei der Falcon 1 vier Flüge gebraucht hatte, um den Orbit zu erreichen. „Deutschland kann Raumfahrt“, teilte Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) am Abend mit. Dass erstmals eine deutsche Trägerrakete den Erdorbit erreicht habe, sei ein Meilenstein, der die Innovationsfähigkeit und das technische Wissen Deutschlands unter Beweis stelle. „Er zeigt, dass deutsche Ingenieurskunst nicht nur national, sondern auch international – hier in enger Zusammenarbeit mit unseren norwegischen Partnern – neue Wege im Weltraum eröffnet.“ Sie lobte das Zusammenspiel von Forschung und Industriepolitik sowie die grenzüberschreitende Kooperation.
Bei Isar Aerospace sind die Raketen für die Flüge drei bis sieben in der Produktion, bis 2028 sei das Start-up „ausgebucht“, sagte Metzler zuletzt. In diesem Jahr wollte die Firma noch mehrmals starten, 2027 sind sechs bis acht Starts geplant. Isar Aerospace zieht derzeit in eine neue Fabrik östlich von München. Sie ist mit 40 000 Quadratmetern achtmal so groß wie bisher in Ottobrunn. Isar Aerospace will dort Platz für den Bau von 40 Raketen im Jahr schaffen. DIe Firma ist gut finanziert und das erste deutsche Raumfahrt-Einhorn, wird also mit mehr als einer Milliarde Euro bewertet. Das Start-up hat gerade weitere 270 Millionen Euro eingesammelt. Damit soll die Serienproduktion der Spectrum ausgebaut werden. Zu den neuen Investoren gehören Island Green Capital (USA) und Molten Ventures (Großbritannien). Zusätzlich zu dem Startplatz in Norwegen ist der Aufbau einer weiteren Startmöglichkeit in der ostkanadischen Provinz Nova Scotia geplant. Jüngst hat Isar Aerospace zudem 200 Millionen Euro von der Esa für die Raketenentwicklung bekommen.
Mehr als 60 Prozent der Anfragen kommen aus dem Defense-Bereich
Metzler zufolge kommen mittlerweile mehr als 60 Prozent von Anfragen potenzieller Kunden aus dem Defense-Bereich. Dies ist auch eine Folge der unsicheren Weltlage und der Ankündigung von Verteidigungsminister Boris Pistorius, bis Ende des Jahrzehnts 35 Milliarden Euro für Weltraumsicherheit zu investieren. Erklärtes Ziel ist es, Deutschland und Europa in der Raumfahrt unabhängiger zu machen. Der jetzige Start sei „ein deutliches Zeichen für den aufstrebenden kommerziellen Raumtransport in Europa“, sagte Esa-Generaldirektor Josef Aschbacher im Vorfeld. Isar Aerospace trage dazu bei, „ein widerstandsfähiges und autonomes Europa im Weltraum“ voranzubringen.
Bisher fliegen nur die Esa-Raketen Ariane und Vega. Sie können allerdings größere Satelliten mitnehmen und haben eine Nutzlastkapazität von bis zu 20 respektive drei Tonnen, Spectrum eine Tonne. Metzler weist auch darauf hin, dass es mit Andøya nun den ersten kontinentalen Startplatz gebe. Dies sei auch strategisch wichtig, weil die Raketen von dort aus sogenannte Polarorbits erreichen können – dies sei für die Erdbeobachtung wichtig.
In Europa gibt es mehrere Firmen, die mit solchen Kleinraketen – im Fachjargon Microlauncher – Geld verdienen wollen. Das britische Start-up Orbex musste allerdings erst kürzlich Insolvenz beantragen. In Deutschland will auch die OHB-Tochter Rocket Factory Augsburg ihren Microlauncher RFA One in einigen Monaten erstmals starten. Von Saxavord auf den Shetlandinseln aus. Der dritte deutsche Raketenbauer Hyimpulse hatte bereits im Mai 2024 mit seiner kleineren Höhenforschungsrakete SR75 von Australien aus etwa 50 bis 60 Kilometer Höhe erreicht. Ein weiterer Start der SR75 ist für das zweite Halbjahr geplant, diesmal auch von Saxavord aus. Der eigentliche Microlauncher SL1 soll voraussichtlich im kommenden Jahr erstmals abheben.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Isar Aerospace wird den ersten kommerziellen Flug der Spectrum-Rakete bis Ende 2027 durchführen.
Likely · Within months
Die Serienproduktion der Spectrum-Rakete wird durch die zusätzlichen 270 Millionen Euro von Island Green Capital und Molten Ventures ausgebaut.
Very likely · Within months
Isar Aerospace wird eine weitere Startmöglichkeit in Nova Scotia, Kanada, entwickeln.
Likely · Within years
Open Questions
- Wurden die fünf Kleinsatelliten und das wissenschaftliche Experiment erfolgreich in die Umlaufbahn ausgesetzt?
- Wann genau wird der erste kommerzielle Flug der Spectrum-Rakete stattfinden?
- Wie wird die Finanzierung durch die zusätzlichen 270 Millionen Euro von Island Green Capital und Molten Ventures die Serienproduktion beeinflussen?




