Joachim Gauck bei Lanz: Über Freiheit, Heimat und die AfD
Quick Look
- Joachim Gauck diskutiert bei Markus Lanz über die Herausforderungen der globalisierten Moderne, das Bedürfnis nach Entlastung von Freiheit und die Attraktivität von Nationalpopulismen.
- Er bezieht sich auf eine Studie über "Entdecker und Verteidiger" und kritisiert die inflationäre Nutzung des Faschismus-Vokabulars.
- Gauck sieht einen "Grundverdacht gegenüber unserer offenen Gesellschaft" als Ursache für die Flucht zur AfD und schlägt ein Bündnis von Union und Linken vor, um "weniger Schlechtes" zu gestalten.
AI-generated summary
Why It Matters
Joachim Gauck äußert sich in einem Sommergespräch bei Markus Lanz zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. Er thematisiert die Komplexität der modernen Welt und das Bedürfnis nach Orientierung.
Einmal im Jahr ist bei Lanz der Gauck-Sommertag. Da wird der Bundespräsident a.D. im Sommergespräch zum Großen und Ganzen vernommen, zu Überschriften-Themen wie der Rolle Deutschlands in der Welt oder dem Wandel der politischen Kultur. Joachim Gauck sagt dann Dinge, die er nach eigenem Bekunden „schon hundertmal“ gesagt hat, die dabei aber die freie Assoziation ins Offene hinein ermöglichen, also weiter gedacht und in neue Zusammenhänge gestellt werden können. Es gilt die Balance zu halten zwischen dem fidel aussagbaren Immerrichtigen und seiner riskanten Konkretion.
Die globalisierte Moderne und ihre Überforderungen sind bei Gauck wenn kein Running Gag, so doch eine stets wiederkehrende Bezugsgröße des Menschlichen. Evidenzsignale werden in diesem Anthropologie-light-Rahmen gerne auch mittels Spruchweisheiten gesetzt wie „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel“ (Gauck) oder „Diese Messe ist noch nicht gelesen“ (Lanz). Das adressierte Kollektivsubjekt sind „die Deutschen“ oder „Deutschland“, denen von panoptischer Warte her nachdenklich begegnet wird. Die Ebene der Betrachtung ist das Psychische und Habituelle noch vor dem Politischen.
Bedürfnis nach Entlastung von Freiheit?
Da geht es dann um Fragen wie diese, das etablierte Gaucksche Freiheitsthema aufnehmend: Will der Mensch überhaupt frei sein oder ist ihm das zu anstrengend, und er sucht deshalb von Haus aus die Gefolgschaft? Gleich zu Beginn macht Lanz sein Publikum darauf aufmerksam, dass Gauck unlängst vom psychologischen Bedürfnis nach Entlastung gesprochen habe. Die gewichtige Art, mit welcher der Moderator an dieser Stelle die Entlastungs-Vokabel platzierte, ließ die Kenner in der nächtlichen Lanz-Gemeinde aufmerken: Gauck als Wiedergänger Arnold Gehlens?
Als Anker in der Wissenschaft berief sich der Altbundespräsident diesmal auf eine Münsteraner Studie des Psychologen Mitja Back und anderer Forscher, die europaweit einen Identitätskonflikt zwischen „Entdeckern und Verteidigern“ ausmachen, womit gemeint ist: zwischen den habituell eher Reformfreudigen und den eher Besitzwahrenden. Ein Ansatz, der für Gauck offenbar mehr Erklärungskraft für die Attraktivität der Nationalpopulismen hat als die Inflation des Faschismus-Vokabulars, dessen flächige Anwendung er ähnlich skeptisch zu sehen scheint wie Jan Philipp Reemtsma. Wenn Nationalpopulisten und deren Anhänger in ganz Europa „von einigen als Faschisten“ bezeichnet würden, so Gauck, dann „greifen sie wirklich total daneben“. Natürlich gebe es „unter denen Irre und Faschisten, aber es gibt hauptsächlich verunsicherte Menschen, die sich fragen: Wo bleibe ich in einer Welt, die sich so dynamisch verändert, dass ich Existenzängste habe?“
Ein Grundverdacht gegen die offene Gesellschaft
Mit dem Sprung vom Psychischen zum Politischen ist der Erklärungsbedarf freilich nicht abgedeckt, sondern stellt sich recht eigentlich erst. Für Gauck sind Menschen, die zur AfD flüchten, auf einem „Irrweg“, den er im weitesten Sinne kulturpolitisch herleitet, aus einem „Grundverdacht gegenüber unserer offenen Gesellschaft“. Er verurteile AfD-Wähler nicht als Faschisten, sondern meine, dass sie falsch wählen im Sinne einer Blockade für dringend benötigte Entwicklungen. Von einem AfD-Wahlsieg verspricht sich Gauck heilsame Schockwirkungen: „Das wird ein Schock sein für diejenigen, die uns regieren, dass nicht mehr die Profilierungsängste und – süchte in den Koalitionären das Leitmotiv sind, sondern: Was nützt diesem Land?“ Stuft Gauck damit die AfD-Wahl zur unpolitischen Denkzettelwahl herab? Werden rechtsextreme Gehalte auf diese Weise kurzerhand suspendiert?
Tatsächlich stellt Gauck im AfD-Diskurs die Heimat-Vokabel zentral, die als solche ja noch nicht völkisch infiziert ist. Ein Problem der Fortschrittsdebatten sei gewesen, dass „wir die Bedürfnisse der Menschen nach Beheimatung dort, wo wir sind, verächtlich gemacht haben“. Gerade „die progressiven Menschen“ hätten oftmals diese Bedürfnisse entweder denunziert oder gar nicht richtig verstanden. Hier vermisste man die Belegstruktur: Welcher Heimatbegriff ist von wem wie denunziert worden? Wenn das Bedürfnis nach Beheimatung den völkischen Verdacht auffangen, ihn erst gar nicht aufkommen lassen soll, braucht es eine Begriffsarbeit, die über eingängige Metaphern wie jene der „unguten Suppe“, die sich die Verängstigten zusammengebraut hätten, hinausgeht.
Mit Gauck (und ein wenig wohl gegen Gauck selbst) ließe sich auch sagen: Es braucht „mehr argumentativen Eifer“ gegen die AfD. Um sie zu verhindern, empfiehlt der Altbundespräsident politisch ein Bündnis von Union und Linken. Überraschung? Nein, manchmal gehe es in der Politik auch „um die Gestaltung des weniger Schlechten“ statt ums absolut Gute. Bleibt die Frage, wer die „katholische Intellektuelle“ ist, die Gauck sich für die Steinmeier-Nachfolge im Schloss Bellevue vorstellen kann. Lanz konnte es seinem sommerlich gut gelaunten, hellwachen Gast nicht entlocken.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Ein Wahlsieg der AfD könnte eine Schockwirkung auf die Regierenden haben und eine Neuausrichtung auf die Bedürfnisse des Landes bewirken.
Speculative · Medium term
Open Questions
- Wer ist die "katholische Intellektuelle" für die Steinmeier-Nachfolge?
- Wie genau wird Heimatbegriff von "progressiven Menschen" denunziert?



