José Mourinhos Rückkehr zu Real Madrid: Vom 'Special One' zum 'Calm One'
Der portugiesische Trainer hat bei Real Madrid die Machtverhältnisse neu geordnet und setzt auf eine gereifte, ruhigere Führungsrolle, um den Klub nach titellosen Jahren zurück an die Spitze zu führen.
Quick Look
- José Mourinho ist als Trainer zu Real Madrid zurückgekehrt.
- Nach einem politisch aufgeladenen Wahlkampf, in dem Präsident Florentino Pérez seine Macht festigte, hat Mourinho nun die sportliche Leitung übernommen und setzt auf eine neue, ruhigere Führungsphilosophie.
AI-generated summary
Why It Matters
Real Madrid drohte nach zwei titellosen Saisons eine interne Krise, die zu einem Machtkampf um die Präsidentschaft führte. Florentino Pérez setzte sich gegen Herausforderer Enrique Riquelme durch und verpflichtete Mourinho als Trainer.
Es hatte sich reichlich Spannung aufgebaut. Zwei Monate waren schon vergangen, seit die Rückkehr von José Mourinho angekündigt worden war. Und der Trainingsauftakt der Königlichen in der Ciudad Real Madrid war auch schon einen Monat her – ohne dass der neue, alte Trainer zu den spanischen Journalisten gesprochen hatte.
Als Mourinho es dann endlich tat, waren einige von ihnen angenehm überrascht, andere aber enttäuscht. 41 Minuten stand der mittlerweile 63 Jahre alte Portugiese Rede und Antwort – doch es fiel verdammt schwer, aus dem, was er sagte, knackige Schlagzeilen zu ziehen. Es gehe ihm gut, erklärte der einstige Meister des Zynismus in verbindlichem Ton. Sein Auftritt hatte nichts Provokantes. Es gab auch kein Sprüchefeuerwerk. Aus „The Special One“ ist, so schien es, ein „The Calm One“ geworden: ein ruhiger Mensch.
Für ihn sei es „eine weitere Saison“, sagte Mourinho. Er habe viel erlebt. Natürlich genieße er es, wieder bei Real zu sein – dem größten der elf Vereine, die er in seiner langen Karriere als Cheftrainer in Portugal, England, Italien, der Türkei und nun erneut Spanien gecoacht hat. Doch er wurde nicht überschwänglich. „Um die Wahrheit zu sagen: Ich bin niemand, der Dinge vermisst oder bedauert. Wer wie ich vor über 20 Jahren Portugal verlassen hat und nur einmal zurückgekehrt ist, der denkt nicht so“, erklärte er. Von der Gelassenheit, die er sich mittlerweile angeeignet habe, hätte der junge Mourinho, der von 2010 bis 2013 bereits bei Real war, nicht einmal träumen können.
Ganz im Widerspruch dazu stand jedoch die Aufregung, die es vor und um seine Rückkehr gegeben hatte. Als sich im April abzeichnete, dass dem 15-maligen Gewinner der Champions League und des Vorgängerwettbewerbs Europapokal der Landesmeister die zweite titellose Saison in Folge droht, brach Hektik aus. Die Frage, wie es weitergehen soll, spaltete den Klub – und sorgte dafür, dass ein heftiger Kampf um die Macht entbrannte.
Nach insgesamt 23 Jahren an der Spitze hatte sich eine Opposition gegen Präsident Florentino Pérez formiert – obwohl der Patriarch doch alle Register gezogen hatte, um genau das zu verhindern. So stellte sich der 79-jährige Bauunternehmer zwar einer Wahl, verschärfte gleichzeitig aber massiv die Kriterien für eine Gegenkandidatur: Wer gegen ihn antrete, müsse mindestens 20 Jahre Mitglied sein und mindestens zehn bis 15 Prozent des Umsatzes von Real durch Eigenkapital abdecken können. Trotzdem vergingen keine 24 Stunden, bis ein Herausforderer seinen Hut in den Ring warf: der Milliardär Enrique Riquelme. Und mit den ehemaligen Real-Stars Iker Casillas und Raúl hatte der 37 Jahre junge Geschäftsmann sogar prominente Unterstützer.
Es folgte ein bizarrer Wahlkampf. Die Kandidaten überboten sich mit Versprechungen. Pérez stellte die Verpflichtung von Ibrahima Konaté sowie eines Stürmers „auf dem Niveau von Cristiano Ronaldo“ in Aussicht. Riquelme konterte mit Rodri, dessen Name schon seit Jahren auf der Real-Wunschliste steht, sowie mit Erling Haaland – damals beide Spieler von Manchester City. Während einer Live-Fernsehsendung hielt Riquelme sogar ein Real-Trikot mit dem Namen von Haaland in die Kamera.
Danach sah es tatsächlich so aus, als könnte die Ära Peréz enden – allerdings nur kurz. Denn es meldete sich Alf-Inge Haaland zu Wort. Der Vater des norwegischen Torjägers ließ über den Transferexperten Fabrizio Romano ausrichten, die Riquelme-Show sei zwar „sehr unterhaltsam, aber nicht wahr“. Er würde beiden Kandidaten trotzdem „das Beste für die Wahlen wünschen“. Manchester City fand das Name-Dropping nicht so witzig – und kündigte rechtliche Schritte gegen Riquelme an.
Dem Herausforderer unterlief aber noch ein weiterer Fehler. Während seiner Live-Sendung postete das Pérez-Lager ein KI-Video von Mourinho, der ein Real-Trikot trägt und kurz und knapp „sí“ sagt. Riquelme, der sich bezüglich seiner Trainerauswahl bedeckt gehalten hatte, wurde kalt erwischt. Als er damit konfrontiert wurde, lächelte er verlegen und begann zu stammeln.
Das war am 3. Juni – und danach gab es nur noch ein Thema: die Rückkehr des Startrainers. Dass Benfica Lissabon, wo Mourinho noch für eine weitere Saison unter Vertrag stand, auf die Barrikaden ging, interessierte niemanden. Die Real-Fans stritten nur darüber, ob Mourinho tatsächlich der Retter sei – oder doch nur ein Relikt aus der Vergangenheit, das in Krisenzeiten beschworen wird. Der Portugiese hat nach wie vor fanatische Befürworter, allerdings auch entschiedene Gegner, die seine Art des Coachings für überholt halten.
Pérez interessierte das nur am Rande. Für ihn war entscheidend: Es wurde nicht mehr über seine Fehler der vergangenen Jahre geredet – und auch nicht mehr über die umstrittenen Maßnahmen, die er angekündigt hatte: den Stopp für die Aufnahme neuer Mitglieder und seine Entscheidung, den Klub nicht gegenüber Investoren zu öffnen. Kritiker fürchten vor allem deshalb, dass Real gegenüber Paris St. Germain und den englischen Spitzenvereinen an Boden verlieren könnte. Doch das Kalkül von „Papa Pérez“ ging auf: Er wurde mit 65 Prozent der Stimmen wiedergewählt – und dann kaufte er tatsächlich Mourinho für 15 Millionen Euro aus seinem Vertrag mit Benfica heraus.
Mittlerweile ist wieder Ruhe eingekehrt. Real startete gut in die neue Saison. Am kommenden Dienstag kommt Inter Mailand zum Auftakt der Champions-League-Saison ins Bernabeu (21 Uhr, DAZN). Vor allem das Abschneiden in diesem Wettbewerb entscheidet, wie die zweite Ära von Mourinho, der einen Drei-Jahres-Vertrag bekam, einmal bewertet werden wird.
Die Mannschaft ist dazu in allen Teilen verstärkt worden. Innenverteidiger Konaté kam vom FC Liverpool, Mittelfeldspieler Bernardo Silva von Manchester City. In dem spanischen Weltmeister Marc Cucurella (Chelsea) und Denzel Dumfries (Inter Mailand) wurden zwei neue Außenverteidiger geholt. Dazu kommen die Offensiven Carlos Espi (Levante) und Yan Diamonde von RB Leipzig, der mit einer Sockelablöse von 125 Millionen Euro einer der teuersten Einkäufe der Klubgeschichte ist. Überhaupt: Mit 225 Millionen Euro gab Real so viel für Ablösen aus wie seit sieben Jahren nicht mehr.
Trotzdem gelang nicht alles. Tatsächlich hatte auch Peréz einen Vorstoß wegen Rodri angeordnet. Der jedoch scheiterte. Der Mittelfeldstratege, den viele als entscheidendes Puzzlestück gesehen hatten, um Real wieder an Europas Spitze zu führen, zog es ausgerechnet zum FC Barcelona. Mourinho trug es mit Fassung. „Er wäre die Kirsche auf der Torte gewesen, aber ich glaube auch nicht, dass wir ohne ihn ein Defizit haben“, sagte er.
Er sei mit den Transfers zufrieden – wohl auch deshalb, weil er sie massiv mitbestimmt hat. Das ist für Real Madrid ungewöhnlich. In den vergangenen Jahren hatte der Klub die wesentlichen Entscheidungen unabhängig von den Trainern getroffen. Weder Xabi Alonso, mit dem Real in die vergangene Saison gegangen war, hatte großen Einfluss gehabt – noch Álvaro Arbeloa, der im Januar auf ihn gefolgt war. Selbst Carlo Ancelotti, der mit Real dreimal die Champions League gewonnen hat, verfügte in den vier Jahren seiner zweiten Amtszeit nur über begrenztes Mitspracherecht.
Mourinho profitiert von seiner persönlichen Nähe zu Pérez – und nutzte sie, um zu gestalten: sowohl den Kader, als auch sein Trainerteam. Gleich sieben Co-Trainer hat er mitgebracht, darunter drei von Benfica sowie den früheren deutschen Nationalspieler Sami Khedira. Für den 39-Jährigen, der in Mourinhos erster Zeit bei Real unter ihm gespielt hat, ist es der erste Trainerjob. Er soll das Bindeglied zu den Spielern sein – jemand, der ins Team hineinhört. In der vergangenen Saison hatte es vermehrt Spannungen gegeben. Vor dem Clasico gegen Barcelona war es in der Kabine sogar zu Handgreiflichkeiten zwischen Aurélien Tchouaméni und Federico Valverde gekommen. Solche Peinlichkeiten sollen sich nicht wiederholen.
Mourinho und Pérez sind sich einig: Das, worauf es in den kommenden Jahren ankommen wird, ist Menschenführung. Das Starensemble benötigt keinen Taktikguru – der Mourinho auch nie war –, sondern einen erfahrenen, charismatischen Gruppenleiter. Jemand, der führen kann und dem gefolgt wird.
Darauf versteht sich der Altmeister – mittlerweile möglicherweise sogar besser als in seinen erfolgreichen Jahren, als er mit dem FC Porto (2004) und Inter (2010) die Königsklasse gewinnen konnte. „Ich habe mich sehr verändert, ich bin wesentlich weniger emotional und viel kontrollierter“, sagte er. Langjährige Klubmitarbeiter, die ihn noch aus seiner ersten Zeit in Madrid kennen, bestätigen das: Mourinho fühle sich nicht mehr von Feinden umgeben. Das Misstrauen, das er früher gehegt habe, sei verschwunden.
Vor allem aber genießt er es, wieder mit Spielern dieser Klasse arbeiten zu können. Das war ihm länger nicht mehr vergönnt. Harry Kane, den er zwischen 2019 und 2021 bei Tottenham trainiert hatte, dürfte der letzte Superstar gewesen sein – fünf Jahre ist das her. Danach kam er trotz seiner Titel für die absolute Spitze nicht mehr infrage.
Wenn Mourinho jetzt über die Real-Stars redet, ist dies fast schon schwärmerisch. Kylian Mbappé sei „unglaublich“, sagte er. Der bringe ihn sogar während des Trainings zum Lachen. „Weil er einfach sooo gut ist.“ Der gereifte Mourinho arbeitet mit positiven Verstärkungen. „Bellingham ist nicht nur ein Topspieler, sondern ein Leader“, erklärte er.
Besonders aufmerksam wurde verfolgt, wie er mit Vinícius Jr. umgeht – oder besser: wie der Brasilianer auf seinen neuen Trainer reagieren wird. Im vergangenen Februar, als der Flügelstürmer während des Champions-League-Spiels bei Benfica von Gianluca Prestiani beleidigt worden war, hatte Mourinho eine Täter-Opfer-Umkehr gemacht. Vini Jr. trage eine Mitverantwortung, da er in vergangenen Jahren durch provokantes Verhalten mit dazu beigetragen habe, gab er zu verstehen. Das sagte ausgerechnet Mourinho.
Warum er das getan habe, wurde er in Madrid gefragt. „Die Antwort ist sehr einfach“, erklärte er. „Prestianni war mein Spieler. Vini weiß das. Er weiß, auf welcher Seite ich stehe – und auch, dass er auf mich zählen kann“, so Mourinho. Spaniens Medien berichten, dass Vinícius dies zwar immer noch anders sehe – doch dass sein Verhältnis zum Trainer trotzdem gut sei. Vor einem Monat hat er seinen Vertrag verlängert.
Mourinho weiß, dass vor es vor allem das Ziel sein wird, das seine Spieler mit ihm verbinden werden: endlich wieder Titel zu gewinnen – und nach Möglichkeit die Königsklasse.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Real Madrid spielt am kommenden Dienstag gegen Inter Mailand in der Champions League.
Very likely · Within days
Open Questions
- Wie wird sich die sportliche Leistung unter Mourinho entwickeln?
- Wie stabil bleibt das Verhältnis zwischen Mourinho und Vinícius Jr.?
