KI-Einfluss auf Gehälter: Werberin verdient 80 Prozent weniger
Quick Look
- KI-Sprachprogramme wie ChatGPT übernehmen zunehmend Aufgaben von Werbetextern und Übersetzern, was zu Einkommensverlusten führt.
- Während gut ausgebildete Fachkräfte mit KI-Kenntnissen höhere Gehälter erzielen, sinken die Honorare in stark automatisierbaren Berufen.
- Die wirtschaftliche Lage verschärft den Druck auf Freelancer zusätzlich.
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Why It Matters
Künstliche Intelligenz (KI) verändert Arbeitsmarkt und Lohnstrukturen. Während KI-Kenntnisse Gehälter steigern, können stark automatisierbare Tätigkeiten zu Einkommensverlusten führen.
Aus dem Handelsblatt-Archiv: Eine Werbetexterin verdient deutlich weniger, seit Algorithmen ihre Arbeit übernehmen. Erste Effekte von KI auf Löhne sind messbar. Aber es gibt auch überraschende Befunde. Franziska Telser, Luisa Bomke 23.06.2026 - 08:32 Uhr Artikel anhören
Lohnstrukturen: Der Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf die Gehälter wächst. Foto: Getty Images
Düsseldorf, Berlin. Carolin Kresse hatte immer ganz gut von ihrem Einkommen als Freelancerin leben können. Die 35-Jährige ist Werbetexterin im Erotikbereich. Sie schreibt Produkttexte, Blogeinträge oder Webseiteninhalte. „Beziehungsweise ich habe das geschrieben“, sagt sie. Denn seit geraumer Zeit übernehmen ihre Aufträge oft KI-Sprachprogramme wie ChatGPT.
Seit 15 Jahren ist Kresse nun schon selbstständig. Gerade wenn sie viel gearbeitet habe, erzählt sie, habe sie auch sehr gut verdient. „Manchmal habe ich so viele Anfragen gehabt, dass ich sie gar nicht alle annehmen konnte.“ Doch das ist seit dem Boom von Sprachmodellen wie Chat-GPT nun vorbei. Zuerst brachen ihr die kleinen Aufträge weg. Dann auch die Kooperationen mit ihren großen, langfristigen Auftraggebern.
Das, was sie früher geschrieben hat, übernimmt die KI. „Ich verdiene nur noch 20 Prozent meines früheren Einkommens“, sagt Kresse. Um ihre Miete zu bezahlen, hat sie einen Minijob angenommen.
Künstliche Intelligenz (KI) verändert nicht nur die Tätigkeiten, sondern auch die Machtverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt.
„Bei Freelancern sieht man das schon sehr stark“, sagt Fabian Stephany. Er forscht an der Universität Oxford zu den Folgen von Künstlicher Intelligenz für den Arbeitsmarkt.
Besonders deutlich zeigen sich die Effekte dort, wo KI menschliche Arbeit weitgehend ersetzt. Bei Übersetzern und Werbetextern sind die Einkommen spürbar gesunken. Einer Studie von Forschern der Universitäten Singapur, Rochester und Tsinghua zufolge verdienten Freelancer für Übersetzungen im Schnitt fast 30 Prozent weniger. Bei professionellen Schreibarbeiten insgesamt gingen die Honorare sogar um rund 40 Prozent zurück. Grundlage der Analyse waren rund drei Millionen Ausschreibungen, die vor und nach dem Durchbruch generativer KI veröffentlicht wurden.
Neu ist, dass KI auch Berufe trifft, die sehr gut ausgebildet sind. Christina GathmannArbeitsmarktökonomin und Professorin
Die Autoren beschreiben dabei einen Kipppunkt. Solange KI die Arbeit unterstützt, steigert sie die Produktivität – und damit oft auch die Einkommen. Sobald die Technologie Aufgaben jedoch eigenständig erledigen könne, beginne die Verdrängung menschlicher Arbeit. Die Folge: sinkende Honorare und wegfallende Aufträge. Während einige Branchen dank KI einen regelrechten „Verdienstboom“ erlebten, würden Tätigkeiten in der Schreib- und Übersetzungsbranche zunehmend unter Druck geraten. Das betreffe nicht nur Freiberufler, sondern alle Beschäftigten.
Christina Gathmann, Arbeitsmarktökonomin und Professorin am Luxembourg Institute of Socio-Economic Research sagt: „Neu ist, dass KI auch Berufe trifft, die sehr gut ausgebildet sind.“ Das sei bei früheren technologischen Entwicklungen so nicht der Fall gewesen, sagt Gathmann. So sind laut der Studie auch Programmierer betroffen.
KI-Kenntnisse sorgen für Gehaltsplus
Was die bisherige Forschung klar zeigt: Wer KI-Kompetenzen mitbringt, ist derzeit stark gefragt – und kann höhere Gehälter verlangen. Im Finanzwesen zahlen laut einer Befragung der Personalberatung Robert Half 68 Prozent der Unternehmen mehr für Bewerber mit KI-Know-how. In der IT sind es 76 Prozent, im kaufmännischen Bereich 59 Prozent.
„Wenn viele Unternehmen eine bestimmte Kompetenz suchen, diese aber nur wenige Bewerber mitbringen, steigen die Gehälter“, sagt Forscher Stephany. „Das ist reine Marktwirtschaft.“ Je besser sich jemand mit KI auskennt, sagt er, desto höher fallen im Moment auch die Lohnsteigerungen aus.
Daten aus den USA und Großbritannien zeigen: Vor allem in technischen Berufen sorgen KI-Kenntnisse für höhere Gehälter. Datenbankentwickler verdienen laut einer Analyse der Unternehmensberatung PwC aus dem Jahr 2024 in Großbritannien mit KI-Kompetenzen rund 58 Prozent mehr. Bei App-Entwicklern beträgt der Aufschlag in den USA 32 Prozent.
Der Effekt reicht jedoch auch über IT-Berufe hinaus. Finanzanalysten mit KI-Skills erhalten in Großbritannien der PwC-Analyse zufolge ein Plus von 32 Prozent, Juristen mit entsprechender Spezialisierung verdienen in den USA sogar fast 50 Prozent mehr. „Das ist nicht nur ein US-Phänomen. Das sehen wir auch im deutschen und europäischen Kontext – in Frankreich, Belgien und Deutschland“, sagt Forscherin Gathmann.
Besonders deutlich sind die Lohnsteigerungen, wenn Beschäftigte den Arbeitgeber wechseln. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) erzielten Bewerber mit KI-Nähe – also Fachkräfte, die häufig mit KI-Systemen zu tun haben oder diese nutzen – ein Lohnplus von durchschnittlich 17,3 Prozent. Während Wechsler mit KI-fernen Tätigkeiten lediglich auf 11,1 Prozent kamen.
Besonders gefragt sind laut Gathmann „Kombinationen aus Fachwissen und KI-Kompetenzen – also sogenannte Cross-Domain-Skills“.
Doch was ist mit den Jobs, die sich stark automatisieren lassen – also mit sehr vielen Tätigkeiten, die KI weitgehend übernehmen kann? Sinken dort die Gehälter flächendeckend? „Solche Effekte lassen sich bislang nur schwer belegen“, sagt Stephany. Möglich seien sie aber. Denn auch hier gelte: „Das Angebot bestimmt die Nachfrage.“
KI vergrößert den Kandidatenpool – und sorgt so für sinkende Gehälter
Was Arbeitsmarktexperte Stephany sagt, konnten kürzlich auch zwei Forscher der Harvard University zeigen. Sie analysierten rund 20.000 Aufgaben aus 900 Berufen. Für jede Aufgabe prüften sie, wie gut KI-Modelle auf dem Stand von 2025 sie erledigen können. Anschließend verglichen sie zwei Szenarien: das erforderliche Kompetenzniveau ohne KI – und mit KI.
Darauf basierend berechneten die Forscher, wie sich der Kreis potenzieller Bewerber verändert, wenn KI einen bestimmten Teil der Arbeit übernimmt. Was spannend ist: Der Kandidatenpool wird nicht automatisch größer, je höher das Automatisierungslevel ist. Einfluss hat vor allem, welche Tätigkeiten von KI übernommen werden können.
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Bei wissenschaftlichen Hilfskräften an Hochschulen übernimmt KI etwa anspruchsvolle Aufgaben wie Notenvergabe oder die Vorbereitung von Kursen. Die Anforderungen an Erfahrung und Fachwissen sinken. Der Kreis potenzieller Bewerber wächst.
Anders bei Luft- und Raumfahrtingenieuren. Dort übernimmt KI vor allem Routinearbeiten wie das Schreiben von Protokollen. Für den Mitarbeiter bleiben hochkomplexe Aufgaben, die spezialisiertes Wissen erfordern. Der Kandidatenkreis wird kleiner.
Die Studie zeigt ein klares Muster: In Berufen mit mittlerem bis hohem Qualifikationsniveau öffnet KI oft den Markt für mehr Bewerber. An der Spitze jedoch, also bei den Topexperten, bleibt der Kandidatenpool weiter exklusiv.
Was heißt das für die Gehälter? Die Studienautoren verweisen – ebenso wie Stephany – auf das Prinzip der Marktwirtschaft: Wächst der Kandidatenpool, steigt damit das Angebot. Unternehmen können Stellen leichter besetzen, Bewerber wiederum können weniger fordern und die Löhne sinken.
Forscher Fabian Stephany: Wie wirkt sich KI auf Lohnstrukturen aus? Foto: Internet Institut der Uni Oxford
Weil der Einsatz generativer KI die Knappheit an Fachkräften reduziert, gehen die Forscher in vielen Bereichen von einem eher leicht dämpfenden Effekt auf die Gehälter aus. Im beruflichen Mittelfeld könnten die Gehälter langfristig weniger stark steigen oder sogar sinken. Bei hochspezialisierten Fachkräften prognostizieren die Fachleute dagegen Lohnsteigerungen.
Nach Einschätzung der Arbeitsmarktökonomin Gathmann sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt bislang nur wenige direkte Lohneffekte von KI zu erkennen, auch weil die Entwicklung noch am Anfang steht. Allerdings gebe es Hinweise darauf, dass in Berufen, die stark automatisierbar seien, geringere Einstiegsgehälter gezahlt und weniger Stellen angeboten würden. „Aber es ist noch nicht eindeutig, ob das allein auf KI zurückzuführen ist.“ Es sei aber auch bei früheren Technologien so gewesen, dass die Anpassung zunächst Berufseinsteiger getroffen habe.
IT-Expertin: Durch KI verändert sich der Arbeitsmarkt und die Lohnstruktur. Foto: E+/Getty Images
Grundsätzlich sagt Gathmann aber: „Wenn KI vor allem Routinetätigkeiten übernimmt, kann das Menschen produktiver machen – und dann steigen tendenziell auch die Löhne.“ Wenn KI jedoch eine zentrale Aufgabe eines Berufs übernehme, etwa beim Übersetzen oder Korrekturlesen, könnte es zu Einkommensverlusten kommen.
Wirtschaftliche Lage verschärft Druck
Thomas Maas, CEO der Plattform Freelancermap, die Freiberufler an Unternehmen vermittelt, sieht jedoch weitere Ursachen für die derzeit schwierige Lage vieler Freelancer. Der spürbare Druck auf die Stundensätze sei aus seiner Sicht vor allem strukturell bedingt. „Die Auslastung vieler Freelancer hat im vergangenen Jahr nachgelassen, Projekte werden zögerlicher vergeben“, sagt Maas.
Das zeigten erste Auswertungen des Freelancer-Kompass 2026. Künstliche Intelligenz werde in der öffentlichen Debatte und von Unternehmen häufig vorschnell zum Erklärungsfaktor gemacht.
Grundsätzlich zeigt der Freelancer-Kompass, der jährlich die Lage der Branche analysiert, einen moderaten, aber konsistenten Zusammenhang zwischen Stundensätzen und ausgewiesenen KI-Kenntnissen.
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Freiberufler, die Künstliche Intelligenz explizit in ihrem Tätigkeitsprofil angeben, erzielen danach im Durchschnitt höhere Honorare als vergleichbare Personen ohne KI-Fertigkeiten. Zudem sind die Einkommen von Freelancern ohne KI-Skills zuletzt deutlich langsamer gestiegen. „Der Anstieg fällt damit spürbar schwächer aus als bei Profilen mit KI-Skills“, sagt Maas. KI wirke daher eher als Differenzierungsfaktor – nicht als pauschaler Preisdämpfer.
Dennoch trifft die KI-Entwicklung viele Freelancer hart. Menschen wie Carolin Kresse gehören auf jeden Fall zu den Verlierern durch Künstliche Intelligenz. Natürlich hat sie selbst auch schon Sprachmodelle wie ChatGPT ausprobiert. Mittlerweile boykottiere sie allerdings KI. „Ich habe gemerkt, dass das Arbeiten mit ChatGPT meine Kreativität gestört hat“, sagt sie. „Außerdem mag ich nicht, welche Einflüsse KI auf die Umwelt, die Gesellschaft und die Kreativbranche hat.“
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Sprachmodelle würden immer die offensichtlichsten Antworten ausgeben. „Da fehlen die Emotionen.“ Trotzdem setzen viele Unternehmen lieber KI ein, wo sie früher Kresse beauftragt haben. „Generative KI ist zwar nicht gut, aber gut genug“, sagt sie. „Und vor allem günstig.“
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What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Löhne im mittleren Qualifikationsbereich könnten langfristig stagnieren oder sinken.
Likely · Long term
Hochspezialisierte Fachkräfte werden weiterhin Lohnsteigerungen erfahren.
Very likely · Long term
Open Questions
- Wie werden sich die Lohnunterschiede langfristig entwickeln?
- Welche weiteren Berufe sind stark von KI betroffen?
- Welche Gegenmaßnahmen sind für betroffene Arbeitnehmer möglich?




