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Krise des Liberalismus: Der Aufstieg des Postliberalismus in der Debatte
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FAZ5 hours agoPolitics6 min readGermany

Krise des Liberalismus: Der Aufstieg des Postliberalismus in der Debatte

Der Begriff „Postliberalismus“ erlebt in Deutschland einen rasanten Aufstieg. Drei Neuerscheinungen analysieren die Strömung zwischen Kritik und Krisendiagnose.

Quick Look

  • Der Begriff „Postliberalismus“ gewinnt in Deutschland an Bedeutung.
  • Drei neue Publikationen beleuchten die intellektuelle Strömung, die den Liberalismus für gesellschaftliche Krisen verantwortlich macht, selbst jedoch theoretische und politische Schwächen offenbart.

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Why It Matters

Der Begriff des Postliberalismus stammt ursprünglich aus dem Vereinigten Königreich und den USA und kritisiert die zerstörerischen Formen von Individualismus und Globalisierung des Liberalismus.

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Nach seinem Import in die deutsche Wissenschafts- und Presselandschaft hat der Begriff „Postliberalismus“ einen rasanten Aufstieg verzeichnet: Noch vor wenigen Jahren hierzulande kaum bekannt, wird inzwischen entweder vor einer postliberalen Politik von rechts gewarnt oder eine linke postliberale Agenda eingefordert. Das florierende Genre der Krisenliteratur liefert hierfür den Resonanzraum: Dass etwas Altes endet, ohne dass sich das Neue bereits erahnen lässt, verleiht der Rede vom Postliberalismus ihre Plausibilität.

In der nun auch in Deutschland einsetzenden Debatte lassen sich zwei begriffliche Verwendungsweisen unterscheiden. Einerseits wird das Attribut „postliberal“ zunehmend in einem zeitdiagnostischen Sinne gebraucht, um eine innerhalb liberaler Schranken verbleibende Politik (etwa in Sachen Klima, Mobilität, Verwaltung, oder Social Media) sowie eine durch Regeln und Verfahren beschränkte repräsentative Demokratie zu kritisieren, während der Postliberalismus als möglicher Exit aus dem inzwischen brüchig gewordenen Gehäuse liberaler Limitierungen antizipiert wird. Diese Verwendungsweise ist nicht grundsätzlich falsch, aber deutet darauf hin, dass das Konzept aus seinem ursprünglichen Bedeutungsrahmen gelöst wurde und nunmehr in einen allgemeineren Gebrauch überführt wird.

Im engeren Sinne bezeichnet Postliberalismus demgegenüber eine politiktheoretische Denkströmung, die sich in den Neunzigerjahren im Vereinigten Königreich entwickelte, anschießend auch in den Vereinigten Staaten etablierte und dort von Intellektuellen wie Patrick Deneen und Adrian Vermeule vertreten wird. Postliberale Denker sehen sich sowohl als Diagnostiker des Niedergangs des Liberalismus als auch als Vertreter einer neuen politischen Ordnung, die dessen Platz einnehmen soll. Ihr politisches Programm setzt dort, wo der Liberalismus zu destruktiven Formen von Individualismus, Kapitalismus und Globalisierung geführt habe, auf Gemeinschaft, Tugenden und eine gemeinwohlorientierte Sozialintegration.

Die akademische Rezeption des Postliberalismus im engeren Sinne läuft derweil auf Hochtouren. Dort zeichnen sich verschiedene Strömungen ab, die den Postliberalismus zwar insgesamt kritisch betrachten, dabei jedoch unterschiedliche Schwerpunkte verfolgen. Drei Analysemuster lassen sich finden: Erstens wird der Postliberalismus als theoretische Fehlanalyse des Liberalismus kritisiert, zweitens als Sackgasse für die politische Linke zurückgewiesen und drittens als ernstzunehmende Herausforderung für eine Erneuerung westlicher Gesellschaften interpretiert. Drei jüngere Publikationen spiegeln diese Muster und geben zusammengenommen einen fundierten Überblick über die aktuelle Debatte zur Krise des Liberalismus.

Die erste Position vertritt Matt Sleat in „Post-Liberalism“ (Polity Press, Cambridge 2026). Sein zentraler Vorwurf an Autoren wie Deneen und Vermeule lautet, dass sie eine bloße Karikatur ihres Gegners zeichnen und sich an einem liberalen Strohmann abarbeiten würden. In der postliberalen Krisenerzählung werde die liberale Tradition auf die Maximierung individueller Autonomie reduziert und damit monokausal für sämtliche politischen, sozialen und kulturellen Fehlentwicklungen der Moderne verantwortlich gemacht. Werden Phänomene wie Individualisierung, Bürokratisierung, Kapitalismus oder Säkularisierung unterschiedslos als Folgen liberaler Ideen verstanden, entstehe ein übersättigtes Zerrbild, das den historischen und begrifflichen Nuancen gesellschaftlicher Modernisierung kaum gerecht werde.

Für Sleat ist der Postliberalismus damit vor allem eine unzureichende, ja schlechte Krisentheorie, die die Prägekraft liberalen Denkens massiv überschätzt. Aber, so lässt sich fragen, müssen Vertreter des Postliberalismus das überhaupt leisten? Für eine politische Kritik genügt es zuweilen, Leerstellen, Pathologien und Widersprüche so zu plausibilisieren, dass sie anschlussfähig werden. In diesem Sinne ist Sleats Kritik im doppelten Sinne aufschlussreich: Sie weist zwar auf die theoretischen Defizite postliberaler Positionen hin, das dürfte allerdings nur in der akademischen Expertendebatte ins Gewicht fallen. Was Sleats Analyse nicht aufzuzeigen vermag, ist, warum der Postliberalismus als politisches Projekt gegenwärtig auf Resonanz stößt und manchen seiner politischen Vertretern, etwa dem US-Vizepräsidenten J.D. Vance, Erfolge beschert. Es genügt längst nicht mehr, die theoretischen Schwächen des Postliberalismus offenzulegen, solange die Krisenerlebnisse, aus denen er seine Überzeugungskraft gewinnt, unbeantwortet bleiben.

In „Against Post-Liberalism. Why ‚Family, Faith and Flag‘ is a Dead End for the Left“ (Polity Press, Cambridge 2025) entwickelt der Politikwissenschaftler Paul Kelly nicht nur eine stärker typologische Kritik, sondern richtet sich auch an jene Teile der politischen Linken, die im Postliberalismus eine Alternative zum erschöpften Liberalismus erkennen. Kelly nimmt den britischen Kontext zum Anlass, um vor der postliberalen Versuchung zu warnen: Ihm zufolge betreibe der Postliberalismus eine „Politik der Nostalgie“, die „Ungleichheiten in Bezug auf Wohlstand, Macht und letztlich auch Chancen verschleiert“. Linke Perspektiven, so Kelly, drohen auf dem postliberalen Pfad in eine Sackgasse zu geraten, weil ihre Orientierung an traditionellen Werten einem kulturellen Konservatismus das Wort rede, der soziale Hierarchien stabilisiere, ohne die Probleme ökonomischer Ungleichheiten wirksam anzugehen.

Kelly möchte dem Leser mit dieser rhetorischen Figur eine Dichotomie aufzwingen: Entweder solle man die Limitierungen eines normativ alternativlosen linken Liberalismus akzeptieren, oder man müsse das Spiel der Reaktionären betreiben. Insgesamt wiederholt sich hier ein bekannter Muster: Auch Kelly vermag es, auf die Defizite postliberaler Theorie hinzuweisen, während seine eigene Konzeption für einen stärker egalitär ausgerichteten Liberalismus blass bleibt und sich in den Bereich bekannter liberaler Rechtfertigungsstrategien einordnen lässt. Folglich schließt sein Beitrag mit einer wenig konkreten Hoffnungsformel, die weder politisch links wirkt noch als Anleitung aus der Krise zu überzeugen vermag: „Die Lösung für das Problem des Neoliberalismus kann nur aus dem Liberalismus selbst kommen und nicht von außerhalb.“

Ähnlich wie sein Kollege Sleat unterschätzt auch Kelly die politischen wie materiellen Ursachen des postliberalen Siegeszuges. Die Krise liberaler politischer Ordnung, die von lebensweltlichen Erfahrungen wie Jobverlusten, Atomisierung, Wohnungsnot, maroder Infrastruktur bis zu Prekarisierung und anderen Formen sozialer Ungleichheit reicht, bleibt Hintergrundrauschen. Eine Alternative dazu bietet der Beitrag des schwedischen Politikwissenschaftlers Stefan Borg. In „The Return of the Common Good“ (Routledge, London 2026) entwickelt Borg eine Perspektive, die sich weder mit einer skandalisierenden Kritik des postliberalen Denkens gemein macht noch in eine bedingungslose Verteidigung des Liberalismus abgleitet.

Borgs Zugang ist insgesamt zurückhaltender und von hermeneutischer Ernsthaftigkeit gegenüber seinem Gegenstand geprägt. Das Buch bietet die erste umfassende ideengeschichtliche Rekonstruktion des postliberalen Denkens in seiner amerikanischen wie britischen Spielart. Anders als die apodiktischen Verteidiger des Liberalismus versucht Borg, die Kritik der Postliberalen als eine teils treffende, vor allem aber unbequeme Einsicht in die Defizite und Strukturprobleme moderner Gesellschaften zu verstehen.

Den Aufstieg der Vokabel und der intellektuellen Bewegung Postliberalismus deutet er als Resultat eines historischen Prozesses, der von der Umdeutung des Liberalismus während des Kalten Krieges über die von Colin Crouch beschriebene Erosion politischer Partizipation seit den Neunzigerjahren, bis in die Gegenwart reicht. Letztlich, so sein Urteil, sei „der Postliberalismus ein Versuch, die schwierige Lage zu verstehen, in der sich liberale Demokratien befinden“. Damit ist Borg seinen Kollegen insofern voraus, als er den Erfolg postliberaler Argumente zuvorderst als Arbeitsauftrag versteht: Die postliberale Kritik könne sich als ein Mittel erweisen, um die krisenerzeugenden Defizite des Liberalismus zu reflektieren und zu einer überfälligen Selbstkritik beizutragen.

Ungeachtet solcher Unterschiede ist die erst beginnende Debatte von einem gemeinsamen theoretischen Meta-Problem geprägt, das Liberale wie Postliberale gleichermaßen betrifft. Die Verteidiger des Liberalismus scheinen in der Beschreibung ihrer hausgemachten Krisen zu versagen und einen Mangel an Problembewusstsein aufzuweisen. Weder wird sich die Malaise des Liberalismus an der Interpretation von John Stuart Mill oder John Rawls entscheiden, noch wird sich die derzeit steigende Zahl der wahlberechtigten Abtrünnigen des Liberalismus mit dem simplen Verweis auf ein zwar optimiertes, aber doch altbekanntes „weiter so“ wieder einfangen lassen, solange offenkundige Probleme fortbestehen.

Die Postliberalen hingegen tun sich schwer damit, ihren ideologischen Verkürzungen zu entkommen und eine attraktive wie plausible Alternative zur liberalen Gegenwart zu skizzieren. Wenn die Verteidiger nicht mehr verteidigen und die Angreifer nur kritisieren können, dann ist ein Deadlock erreicht, in dem sich gegenläufige Prozesse blockieren und eine ausweglose Situation droht. Ein Erkenntnisgewinn über die Krise des Liberalismus wäre hingegen dort zu suchen, wo die Debatte sich von der kritischen Überprüfung postliberaler Theorien auf die Ursachen ihrer gesellschaftlichen Relevanz verschiebt. Für dieses selbstkritische Manöver scheinen jedoch aktuell die Voraussetzungen zu fehlen.

Die Gegenwart kann als eine historische Umbruchphase beschrieben werden, in der der Liberalismus als normative Leitidee seine Attraktivität eingebüßt hat. Zugleich ist die liberale Theorie unfähig, praktikable Wege aufzuzeigen, die aus der Situation herausführen. In dieser doppelten Krise, in der sich sowohl der Bedeutungsverlust des Liberalismus als auch die Probleme seiner Theorie zeigen, spricht vieles dafür, dass die Öffentlichkeit mit den bei Sleat, Kelly und Borg aufgeworfenen Fragen noch länger beschäftigt sein wird. Weder ist eine rasche Genesung des kränkelnden Liberalismus in Sicht, noch zeichnet sich eine überzeugende Alternative ab: So viel lässt sich nach der Lektüre sagen.

Open Questions

  • Wie lässt sich die Krise des Liberalismus praktisch überwinden?
  • Welche konkreten Alternativen bieten postliberale Strömungen?

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This article was originally published by FAZ.

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