
Lazar Samardzic und Derry Scherhant trafen in der Münchner Arena aufeinander – ein Symbol für die wachsende Zahl an Spielern, die sich gegen den DFB entscheiden.
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Immer mehr junge Fußballer mit doppelter Staatsbürgerschaft entscheiden sich nach ihrer Ausbildung in DFB-Juniorenteams für das Herkunftsland ihrer Eltern.
Wie leibhaftige Beweise dafür, dass die Dinge sehr schnell ganz anders laufen können als erwartet, standen Lazar Samardzic und Derry Scherhant in der Münchner Arena und unterhielten sich angeregt. Ihre verschwitzten Trikots hatten sie gerade getauscht. Beide hängten den Fetzen Stoff des jeweils anderen lässig über die Schulter. Als sie dort standen und plauderten, kam ihr ehemaliger Klassenlehrer von der Tribüne für ein gemeinsames Foto hinunter. Es galt den Moment des ersten Länderspiels festzuhalten, bei dem beide gemeinsam auf dem Platz standen.
Wer zu ihren Schulzeiten darauf gewettet hätte, dass Samardzic und Scherhant einmal zusammen bei einem Länderspiel auf dem Rasen stehen, hätte nun sicher eine Vervielfachung seines Einsatzes erhalten. Noch höher wäre die Quote für denjenigen gewesen, der beide in unterschiedlichen Mannschaften vermutet hätte. Scherhant für Deutschland, Samardzic für Serbien.
Anders als Samardzic hat Scherhant erst sehr spät und nur sehr wenige Junioren-Länderspiele für Deutschland absolviert. Ein Spätberufener, der als Siebzehnjähriger noch in der Junioren-Regionalliga kickte.
„Ich bin dem DFB sehr dankbar für alles, aber ich fühle mich serbisch“
Samardzic dagegen galt früh als kommender Profi, einige sahen in ihm gar ein Wunderkind. Oder wie Guido Streichsbier sagt: „Ein Hochtalentierter“. Streichsbier hat Samardzic in den U-Mannschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) trainiert, ihn sogar im älteren Jahrgang spielen lassen. „Auch dort hat er auf sich aufmerksam gemacht“, sagt Streichsbier.
An Superlativen wird bei jungen Fußballern selten gespart. Die Hoffnungen, die von verschiedenen Seiten in sie gesetzt werden – von den Vereinen, Beratern, Verbänden –, sind oft riesig. Umso größer war die Enttäuschung aus Verbandssicht, als sich Samardzic 2023 gegen die deutsche Nationalmannschaft und für Serbien entschied. Das Land seiner Eltern. „Es war eine Entscheidung des Herzens. Ich bin zu Hause serbisch erzogen worden, esse serbisches Essen und trage einen serbischen Namen. Ich bin dem DFB sehr dankbar für alles, aber ich fühle mich serbisch“, sagt er.
Samardzic ist einer von mehreren talentierten Fußballern der Jahrgänge 2002 bis 2005, die sich nach einer erfolgreichen Zeit in den Junioren-Mannschaften des DFB für das Land ihrer Eltern entschieden. Can Uzun, Kenan Yıldız (beide Türkei), Ibrahim Maza (Algerien) oder Paul Wanner (Österreich) taten es Samardzic gleich. Die einzelnen Gründe dafür sind von Spieler zu Spieler unterschiedlich, ein gemeinsamer Nenner ist aber die erhöhte Konkurrenzsituation in der deutschen Nationalmannschaft.
Weltmeister haben oft ein Überangebot im zentralen Mittelfeld
Alle Genannten fühlen sich im offensiven Mittelfeld am wohlsten; dort, wo im DFB-Team auch Florian Wirtz und der zu Juniorenzeiten für England spielende Jamal Musiala zu Hause sind. „Das hat bei meiner Entscheidung auch eine Rolle gespielt. Beide spielen dort, wo ich auch am liebsten spiele, außerdem sind sie noch jünger als ich“, sagt Samardzic. Wirtz und Musiala sind beide 2003 geboren, ein Jahr nach Samardzic.
Den leichteren Weg gehen, wer will es den Spielern verdenken. Guido Streichsbier hat dafür weniger Verständnis. „Deutschland hatte in seinen erfolgreichsten Zeiten immer mehrere überragende Fußballer auf einer Position“, sagt er.
Streichsbier erinnert an die Weltmeister von 1990, bei denen der damalige Bundestrainer Franz Beckenbauer im zentralen Mittelfeld auch auf ein Überangebot zurückgreifen konnte. Oder die Weltmeister von 2014. „Für einen Lazar Samardzic hätte sich immer ein Platz gefunden. Genau wie für die anderen Spieler, die sich gegen den DFB entschieden haben“, sagt er. Streichsbier ist da immer noch ganz Ausbilder, der Verlust von Talenten schmerzt ihn.
Wenn innerhalb weniger aufeinanderfolgender Jahrgänge immer wieder Spitzenspieler mit ähnlichen Profilen ausgebildet werden, muss dann die Philosophie hinterfragt werden? Liegt der Fokus dann zu stark auf bestimmten, offensiv ausgerichteten Fähigkeiten? Und werden im Gegenzug andere vernachlässigt?
Von den von 2002 bis 2005 geborenen, ausgebildeten Außenverteidigern wird aktuell nur Nathaniel Brown gehobenes internationales Niveau nachgesagt. Brown kommt vorzüglich auf der linken Seite zum Einsatz. Rechts testet Bundestrainer Jürgen Klopp gerade den Freiburger Philipp Treu, der in den Nachwuchsmannschaften des DFB keine Rolle spielte. Treu kam vor sieben Jahren nur auf zwei Einsätze für die U19.
Bei Sichtungen fallen die auf, die gut mit dem Ball umgehen können
„Es ist schon so, dass bei den Sichtungen erst mal die Zentrumsspieler auffallen, die gut mit dem Ball umgehen können“, sagt Streichsbier. Spieler mit Potential für defensive Positionen haben es da schwerer. „Wir sind in der Pflicht, diese Jungs zu entwickeln. Oder Spieler, die sich in der Zentrale sehen, umzuschulen“, sagt Streichsbier. Als Beispiele nennt er Ridle Baku und Benjamin Henrichs, die von zentralen Mittelfeldspielern zu Außenverteidigern wurden. Oder David Raum, der als Stürmer begann und nun auf der linken Bahn zu Hause ist.
Für Samardzic wäre eine Umschulung schwer vorstellbar gewesen. Er sieht sich im zentralen Mittelfeld am besten aufgehoben. In den deutschen Junioren-Mannschaften wirbelte er meist gemeinsam mit Karim Adeyemi und Nick Woltemade, auch sie hat er in München wiedergesehen. „Das war cool. Ich freue mich für beide, dass sie ihren Weg auch in der Nationalmannschaft gehen“, sagt er. Wehmut an die gemeinsame Zeit verspüre er keine. „Nick und Karim sind andere Spielertypen, haben andere Stärken. Vor allem für Karim ist es gut, dass der neue Bundestrainer jetzt verstärkt auf echte Flügelspieler setzt“, sagt Samardzic.
Woltemade muss sich seit Neuestem im offensiven Zentrum unter anderem gegen Younes Ebnoutalib durchsetzen, der auch für die Nationalmannschaft Marokkos hätte spielen können. Sein Vater ist gebürtiger Marokkaner. Ebnoutalib aber entschied sich für sein Geburtsland. Bei den Mittelstürmern ist die Konkurrenzsituation überschaubarer als auf vielen anderen Positionen.
Ebnoutalib galt in Deutschland nie als herausragendes Talent, zeitweise kickte er beim FC Gießen in der vierten Liga. Anders als Samardzic. Obwohl mit herausragenden Fähigkeiten gesegnet, reichte es für ihn bei Hertha BSC und RB Leipzig nur zu wenigen Einsätzen in der Bundesliga. Der damalige Leipziger Trainer Julian Nagelsmann sprach ihm gar das Zeug für eine erfolgreiche Karriere ab. Zu bequem sei er, hieß es.
Der Durchbruch gelang Samardzic in Italien. Zuerst bei Udinese Calcio, inzwischen spielt er bei Atalanta Bergamo, dem Europa-League-Sieger von 2024. Während seiner erfolgreichen Zeit in Udine gab es auch Kontakt zum damaligen Bundestrainer Hansi Flick, der Samardzic nominieren wollte. Das Telefonat fiel aber kurz aus. „Da hatte ich mich schon für Serbien entschieden“, sagt Samardzic.
Deutschland drückt er in Zukunft aus der Ferne die Daumen. „Aber nur, wenn es nicht gegen Serbien geht“, sagt er. Das Rückspiel findet am 13. November in Belgrad statt, im Stadion von Roter Stern. Dann hofft Lazar Samardzic, wieder dabei sein zu dürfen und auch seinen Kumpel Derry Scherhant wiederzusehen. Guido Streichsbier hätte es besser gefunden, beide würden in einer Mannschaft spielen – in der deutschen.
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Rückspiel zwischen Serbien und Deutschland am 13. November in Belgrad.
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