
Der Unternehmer Lars Hinrichs startet mit „Simsalasim“ ein Experiment: Ein Handytarif-Anbieter, der fast vollständig auf Künstliche Intelligenz setzt und mit minimalem Personalaufwand die Branche umwälzen will.
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Lars Hinrichs war über zehn Jahre im Aufsichtsrat der Deutschen Telekom tätig, bevor er sein Amt im Januar 2025 niederlegte. Er ist bekannt als Gründer des sozialen Netzwerks Xing.
Telekom-Chef Tim Höttges antwortet nur mit einem Emoji. Der Unternehmer Lars Hinrichs hatte ihm geschrieben, dass seine neue Firma bald startet. Und der Telekom-Chef sendete einen Affen zurück, der sich die Augen zuhält. Hinrichs schickt den Screenshot gern, denn er weiß genau, wie man ihn lesen kann. Bis vor 18 Monaten saß Hinrichs noch im Aufsichtsrat der Telekom, jetzt macht er ihr Konkurrenz. Aber was heißt schon Konkurrenz. Bei Hinrichs klingt das anders: „Es ist ein kompletter Angriff auf die Telekom, Vodafone und viele, viele andere.“ Kleiner macht er es nicht, der alte Serienunternehmer.
Einmal hat Lars Hinrichs es schon geschafft, zumindest hat er ein Unternehmen zu Millionenwerten geführt und zu einem Namen gemacht, den die meisten Deutschen kennen. Dann hatte er auch die eine oder andere Fehlzündung. Und jetzt probiert er es noch mal.
Dabei ist das, was Hinrichs anbietet, aus Kundensicht erst mal schlicht ein Handytarif. Simsalasim soll er heißen und zehn Euro im Monat kosten. Da gibt es billigere Tarife am Markt – Hinrichs wirbt allerdings mit einem anderen Versprechen: Flatrates und Roaming. Für das Geld bekommt der Kunde unbegrenzte Telefonminuten und SMS in 50 Ländern, unbegrenztes Datenvolumen ohne Drosselung in 100 Ländern (allerdings ohne dass das Handy zum Router für den Laptop werden darf). Im Gespräch sollen die Kunden einen KI-Assistenten aufrufen können: Der kann zum Beispiel noch mehr Leute ins Gespräch holen, das Telefonat mitschreiben oder übersetzen. Auch Eltern sollen gut kontrollieren können, was ihre Kinder mit dem Handy machen. Im Lauf der kommenden Woche soll es losgehen.
Hinrichs betreibt auch in Zukunft kein eigenes Handynetz. Wie so viele Anbieter von Handytarifen kauft er Leistung von den Netzbetreibern, die das Land mit Antennen versorgen – in Deutschland von Telefonica. Das heißt: Er hängt mit seinen Kosten auch daran, was diese Netzbetreiber von ihm verlangen.
Auf diese Weise sei das nur deshalb möglich, sagt Hinrichs, weil er mit seinem Team den kompletten Softwarekern selbst entwickelt habe – bis hin zu den Programmen, die normalerweise von den Tarifanbietern nicht selbst erledigt werden. So kann er mehr Funktionen anbieten. So geplant war das noch nicht, als er vor mehr als einem Jahr seine Firma gründete. „Vor zweieinhalb Jahren hatten wir die Idee, dass wir ein paar Kernelemente nachprogrammieren und dann einfach den Rest lizenzieren“, sagt Hinrichs. Mit der Zeit hat das Team bemerkt, dass Künstliche Intelligenz auch die Softwareentwicklung deutlich erleichtert.
Jetzt betreibt Hinrichs das Unternehmen mit nur zwei Dutzend Mitarbeitern, dafür will er alles von Künstlicher Intelligenz machen lassen, was nur geht – nicht nur die Softwareentwicklung, sondern auch Abrechnung, Marketing und Kundenservice. Hinrichs erzählt, er zahle knapp 80.000 Euro im Monat für die Nutzung von KI-Diensten. „Aber da kommen hundert Entwickler bei raus.“
So wagt Hinrichs in Simsalasim eines der größeren Experimente der deutschen Wirtschaft: Ist es möglich, ein Unternehmen weitgehend mit Künstlicher Intelligenz zu betreiben? „One-Person-Unicorn“, frei übersetzt: „Einhorn mit nur einem Mitarbeiter“ nennt man unter Start-ups den neuen Trend, möglichst erfolgreiche Unternehmen dank der neuen Technik mit sehr wenig Personal zu stemmen. Oder stellt Hinrichs in einiger Zeit fest, dass er doch mehr Personal braucht als geplant und dann die Kalkulation nicht mehr so aufgeht wie geplant?
Würde das Unternehmen am Schluss nur ein normaler Handytarif-Anbieter unter mehr als 100 in Deutschland werden, dann hätte Hinrichs sein Ziel nicht erreicht. Er will die gesamte Telekommunikationsbranche umwälzen.
Wenn Hinrichs das im Mobilfunkmarkt schafft, dann kann es womöglich auch in anderen Branchen funktionieren: Dann könnte Künstliche Intelligenz wirklich neuen Start-ups den Einstieg erleichtern und die alteingesessenen Konkurrenten unter Druck setzen, mit besserem Service oder mit niedrigeren Preisen. Jetzt schon wächst die Zahl der Gründungen in Deutschland, und der Startup-Verband führt das nicht zuletzt auf die Künstliche Intelligenz zurück. „Wenn du jeden Prozess auf Basis von KI neu denken kannst, dann ist jetzt die Chance, neue Geschäftsmodelle zu verwirklichen“, sagt Julian Riedlbauer, der Start-ups bei den Verhandlungen mit Investoren unterstützt. „Es ist toll, dass er jetzt die nächste Firma gründet.“
Kaum einem wird unter Start-up-Gründern für dieses Experiment bessere Chancen eingeräumt als Hinrichs. In seiner Laufbahn als Unternehmer hat der 49-Jährige nicht aus jedem seiner Vorhaben so einen Erfolg gemacht wie Xing, aber er war mit seinen Versuchen oft vorn dabei. Und das nicht nur, weil Xing damals eines der ersten sozialen Netzwerke der Welt war.
Xing, genauer sein Vorläufer, entstand aus einer Enttäuschung heraus. 23 Jahre ist es her. Hinrichs, der aus einer Hamburger Großbäckerfamilie stammt, hatte da schon einen Wehrdienst hinter sich, in dem er mitgeholfen hatte, die erste Homepage der Bundeswehr zu bauen. Sein Studium hatte er am ersten Tag abgebrochen, dafür eine PR-Agentur für Internetfirmen gegründet, doch die hatte nicht reüssiert, es gab Streit mit dem Geschäftspartner, nach dem Platzen der New-Economy-Blase musste die Firma Insolvenz anmelden, als die KfW ihren Förderkredit zurückforderte. Diese Phase nennt Hinrichs öfter mal seinen eigentlichen MBA, seine eigentliche unternehmerische Ausbildung.
„Also bin ich nach Mexiko und Kuba gefahren, habe viel gelesen und beschlossen, dass ich nur noch Dinge mache, die mich begeistern“, so sagte er es 2008 im Gespräch mit der F.A.S. Im Urlaub las er das berühmte Buch von Malcolm Gladwell, so erzählte er es später, namens „Tipping Point“. Das brachte ihn auf die Idee: Man könnte doch eine Website bauen, auf der sich Menschen verbinden, die beruflich Kontakt haben. „Ich lerne immer gern die Kontakte meiner Kontakte kennen, da war die Gründung einer Netzwerkplattform im Internet irgendwie logisch“, sagt Hinrichs.
Leute zusammenzubringen – das zieht sich durch Hinrichs’ Unternehmergeschichte. Und weil gerade alle möglichen Leute ihre Arbeitsplätze verloren, drohten sie sich aus den Augen zu verlieren und waren dankbar für so eine Seite. OpenBC wurde geboren, eines der ersten sozialen Netzwerke der Welt.
Hinrichs benannte seine Schöpfung in Xing um, brachte sie im Dezember 2006 an die Börse, bei einem Wert von 190 Millionen Euro verkaufte er einen Großteil seiner Anteile im Jahr 2009 an den Burda-Verlag, wo Xing noch weiter wuchs. Heute ist das Netzwerk ein Schatten seiner selbst, überrundet von der amerikanischen Konkurrenz namens LinkedIn, die ihrerseits wieder an Dynamik verliert, weil zu viel Künstliche Intelligenz unterwegs ist – all diese Entwicklungen allerdings wirft niemand Hinrichs vor.
Nach seinem Ausstieg gründete Hinrichs ein Unternehmen namens „HackFwd“, in dem er nicht einfach nur neue Start-ups finanzierte, wie es Investoren in der Szene sonst oft taten. Stattdessen ließ er die Start-ups auch gegenseitig voneinander lernen – ein Konzept, das sich mit der Zeit an immer mehr Stellen durchgesetzt hat. Das bekannteste Zentrum dieser Art ist derzeit der „Y Combinator“ in San Francisco, einst geleitet von Sam Altman, der heute die ChatGPT-Schmiede Open AI leitet.
Und doch ist aus dieser Zeit kein Unternehmen hervorgegangen, das heute jeder Deutsche kennen würde. Hinrichs selbst spricht davon, dass er seine Investitionen sechs- oder siebenmal zurückbekommen habe. Das Projekt allerdings ist beendet. Er habe vor allem deshalb nicht weitergemacht, weil es immer mehr ähnliche Konzepte gegeben habe – und: Für eine Vergrößerung hätte er Geld von Investoren holen müssen, sein eigenes hätte nicht mehr ausgereicht, gleichzeitig hätte er aber weniger Zeit für seine bisherigen Unternehmen gehabt. Dann baute er eine Plattform, die in der betrieblichen Altersvorsorge und Krankenversicherung die Unternehmen und ihre Vermittler mit den Kunden verbindet.
Und er probierte sich im Immobilienmarkt. In Hamburg baute er ein Mehrfamilienhaus, in dem er die Wohnungen technisch besonders üppig ausstattete. Und auf Ibiza betreibt er ein Ferienhaus, für das er teils mehr als 100.000 Euro je Woche verlangt. Das Model Rosie Huntington-Whiteley mit seinem Mann, dem Action-Schauspieler Jason Statham, hat auf Instagram-Fotos schon dokumentiert, dass es in dem Haus zu Besuch war, Medien sprachen auch über Fußballstar Lionel Messi und Sängerin Alicia Keys.
Kurz vor der Eröffnung soll dagegen ein Digitalmuseum stehen, das Hinrichs seit einigen Jahren in der Hafencity aufbaut.
In Aufsichtsräten war er auch immer wieder präsent. Der prominenteste war der der Deutschen Telekom, dem er mehr als zehn Jahre angehörte. Im Januar 2025, als er Simsalasim gründen wollte, schrieb er einen Brief an den Aufsichtsratschef und besuchte danach keine Sitzung mehr. Aus seinem Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden Tim Höttges erzählt Hinrichs: „Tim meinte, es ist ein kleiner Markt.“ Er selbst habe geantwortet: „Na ja, Tim, ich glaube da dran. Ich werde jetzt mein Amt niederlegen.“
Und schafft er es jetzt, mit einem neuen Handytarif die Welt zu verändern? Zumindest ist Hinrichs jemand, der das Prinzip des One-Person-Unicorns besser ausprobieren kann als viele andere. „Er ist gut darin, kleine Teams zusammenzubringen und zu motivieren“, sagt einer, der ihn lange kennt – und betont dabei, dass es kleine Teams sein sollten. Große Konzerne mit Tausenden von Mitarbeitern, in dieser Welt fühlt sich Hinrichs nicht wohl, das sagt er selbst – aber wenn man mit einem kleinen Team und viel Technik plötzlich einiges bewegen kann, dann kommt das genau Hinrichs’ Stärken entgegen.
Andererseits war das Innovationstempo in der Telekommunikation in den vergangenen Jahren nicht riesig. 2018, in seiner Aufsichtsratszeit, lobte Hinrichs noch die Innovationskraft der Telekom. Jetzt formuliert er sehr selbstbewusst: „Im Bereich Telekom gab es keine wirkliche Innovation in den letzten zwanzig, dreißig Jahren. Das ist immer Zeit gleich Preis oder Daten gleich Preis.“ Wer schon länger in der Branche arbeitet, stimmt da nicht unbedingt zu – und doch: dass in der Branche oft noch alte Software am Werk ist und manche Innovation verhindert, das sehen selbst Leute aus klassischen Telekommunikationskonzernen so. „Ich habe im Aufsichtsrat mehrfach von schwarzen Schwänen gewarnt, die in jeder Industrie auftreten“, sagt Hinrichs heute. „Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich der schwarze Schwan bin.“
Gleichzeitig fragen sich Branchenkenner, wie Hinrichs sein Produkt an die Kunden bringen will. Handytarife gibt es unter so vielen verschiedenen Marken, da muss man sich erst mal Gehör verschaffen. Das billigste Angebot wird Hinrichs nicht haben. Da kommt der Telekonmunikationsexperte Peter Winzer von der Hochschule Rhein-Main ins Spiel, der die Bundesnetzagentur in ihrem wissenschaftlichen Arbeitskreis berät. Winzer zweifelt daran, dass die Leistung für große Mengen von Kunden wirklich ausschlaggebend ist. Viele reisten gar nicht in hundert Länder. „Die wenigsten werden es wirklich brauchen, wenn man ehrlich ist.“ Den meisten reiche eine Handvoll Länder außerhalb der EU vollkommen. Zudem schöpften die meisten Mobilfunkkunden ihre Datenmenge sowieso nicht aus. So gesehen blieben als Anreiz für die Kunden vor allem die Telefonfunktionen, die die Künstliche Intelligenz ermöglicht. Gleichzeitig sagt Winzer: Wenn Hinrichs einen guten Vertriebskanal zum Verkaufen aufbaue, dann könne er etwas erreichen.
Marketing für Handytarife ist nicht leicht. Welches Handy jemand in der Hand hat, das ist leicht zu sehen. Welcher Tarif darauf läuft, das nicht. Trotzdem haben viele erfolgreiche Anbieter es geschafft, dass die Kunden mit ihrer Marke irgendetwas verbinden. Sei es Einfachheit, Qualität oder Marketing an eine bestimmte Gruppe von Leuten.
Hinrichs selbst setzt wieder einmal auf sein Adressbuch – die Kontakte, die sind es wieder für ihn. Er will natürlich Werbung auf Social Media schalten, aber vor allem sollen die Kunden sein Produkt anderen empfehlen. Für das Unternehmen, aus dem später Xing wurde, hat er 1000 Menschen angeschrieben, 492 meldeten sich an. Jetzt kennt er mehr Leute. Dieses Mal sollen es 16.000 sein. Mal sehen, ob das reicht, um die Welt zu verändern.
AI outlook — possibilities, not facts
Marktstart von Simsalasim in der kommenden Woche.
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