Lebenserwartung in Deutschland: So alt werden Deutsche im weltweiten Vergleich
Menschen werden immer älter. Doch wie lange unser Leben geht, entscheidet auch der Wohnort. Ein Überblick der Unterschiede zwischen den Ländern.
Quick Look
- Die Lebenserwartung in Deutschland steigt seit 2023 wieder an.
- Trotz medizinischen Fortschritts liegt sie jedoch unter dem EU-Schnitt.
- Faktoren wie Einkommen, Lebensstil und regionale Unterschiede beeinflussen das Sterbealter maßgeblich.
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Why It Matters
Die Lebenserwartung in Deutschland war während der Coronapandemie kurzzeitig gesunken, steigt aber seit 2023 wieder an. Einkommensunterschiede korrelieren statistisch mit der Sterblichkeit.
Die Lebenserwartung in Deutschland steigt laut Statistischem Bundesamt (Destatis). Dabei zeigen sich Unterschiede sowohl zwischen den Geschlechtern als auch den Regionen Deutschlands.
Wo werden die Deutschen und die Menschen weltweit am ältesten? Welche Faktoren beeinflussen die Lebenserwartung? Das Handelsblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.
Die durchschnittliche Lebenserwartung für im Jahr 2025 geborene Frauen liegt hierzulande bei 83,6 Jahren. Deutsche Männer werden im Schnitt 79,1 Jahre alt, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Im Vergleich zum Vorjahr beträgt das Plus an Lebenszeit bei Frauen zwei Monate. Bei Männern sind es drei.
Seit 2023 steigt die Lebenserwartung beider Geschlechter. Zuvor hatte sie im Zuge der Coronapandemie kurzzeitig abgenommen. Laut Statistischem Bundesamt werden „die verbesserten Lebensumstände, zurückgehender Tabak- und Alkoholkonsum sowie der medizinische Fortschritt“ auch künftig sehr wahrscheinlich zu einem weiteren Anstieg führen.
Unter den Bundesländern lag im Zeitraum 2023 bis 2025 Baden-Württemberg bei beiden Geschlechtern vorn. Frauen konnten dort mit 84,4 Jahren Lebenszeit rechnen, Männer mit 80,3 Jahren. Das Bundesland führt die entsprechende Destatis-Rangliste bereits seit mehreren Jahren an. Am unteren Ende stehen statistisch Frauen im Saarland mit 82,0 Jahren und Männer in Sachsen-Anhalt mit 76,4 Jahren.
In der Forschung liegen Lebenserwartung und Einkommen nahe beieinander. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat auf Basis des Sozioökonomischen Panels (SOEP) für die Jahre 1992 bis 2016 die Lebenserwartung nach Einkommensgruppen berechnet. Demnach liegt die mittlere Lebenserwartung bei Geburt für Männer in der niedrigsten Einkommensgruppe 8,6 Jahre unter der von Männern in der höchsten. Bei Frauen beträgt die Differenz 4,4 Jahre.
Auch beim Anteil derer, die vor dem 65. Lebensjahr sterben, unterscheiden sich die Gruppen. In der niedrigsten Einkommensgruppe sind es 27 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen. In der höchsten Einkommensgruppe sind es 14 Prozent der Männer und 8 Prozent der Frauen.
Die Daten belegen einen statistischen Zusammenhang zwischen Einkommen und Sterblichkeit, jedoch keine direkte Wirkung von Einkommen auf Sterblichkeit. Das Einkommen gilt in der Forschung als Indikator für die soziale Lage insgesamt. Dazu zählen auch Bildung, Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnisse und Gesundheitsverhalten.
Die höchste Lebenserwartung bei Geburt hatten im Jahr 2024 laut Weltbank Monaco mit 86,5 Jahren, San Marino mit 85,8 Jahren und Hongkong mit 85,4 Jahren. Die Werte für Kleinstaaten wie Monaco und San Marino gelten wegen der geringen Bevölkerungszahl allerdings als statistisch schwankungsanfällig. Unter den größeren Ländern führen neben Hongkong die Schweiz (84,4 Jahre), Schweden (84,1) und Japan (84,0) die Rangliste an.
Deutschland liegt mit 80,8 Jahren deutlich dahinter, auch hinter Nachbarn wie Frankreich (83,0) und Österreich (82,0). Der weltweite Durchschnitt beträgt 73,5 Jahre, am niedrigsten ist die Lebenserwartung in Nigeria mit 54,6 Jahren. Frauen leben dabei statistisch gesehen länger als Männer.
Deutschland hat 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 538,2 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben. Das sind 6.444 Euro pro Kopf und 12,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotzdem lag die Lebenserwartung laut Eurostat 2024 mit 81,2 Jahren knapp unter dem EU-Schnitt und fast drei Jahre unter der Spaniens (84,0).
Der Abstand zum übrigen Westeuropa ist laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) und dem Max-Planck-Institut seit 2000 von 0,7 auf 1,7 Jahre bis 2022 gewachsen. Demnach haben vor allem deutsche Männer zwischen 55 und 74 Jahren und Frauen ab 75 eine geringere Lebenserwartung. Hauptursache ist die vergleichsweise hohe Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die die Forscher auch auf unzureichende Prävention und Primärversorgung zurückführen.
Dazu passt eine Zahl der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD): Mit 810 vermeidbaren Krankenhauseinweisungen pro 100.000 Einwohner liegt Deutschland weit über dem OECD-Schnitt von 473. Diese weist auf Lücken in der ambulanten Versorgung hin. Zugleich hält Deutschland mit 7,7 Betten pro 1.000 Einwohner fast doppelt so viele Krankenhausbetten vor wie der Durchschnitt.
Es gibt einige demografische Kriterien, die Einfluss auf die Sterblichkeit nehmen. Einer der vermutlich wichtigsten Faktoren für das zu erwartende Alter ist der medizinische Fortschritt eines Landes oder einer Region. Zudem gilt: Je wohlhabender eine Gesellschaft ist, desto höher ist auch das durchschnittliche Sterbealter.
Laut dem Statistischen Bundesamt wirken sich neben dem medizinischen Fortschritt auch neue Arzneimittel, die Prävention von typischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Gesundheitszustand der Bevölkerung auf die Lebensdauer aus. Hygiene, Bildung sowie Arbeits- und Lebensweise beeinflussen ebenfalls die Lebenserwartung.
Ein Beispiel: Menschen leben tendenziell am längsten in Ländern mit durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher medizinischer Versorgung, sicheren Einkommensverhältnissen und wenigen politischen Krisen. Dazu zählen etwa Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz.
Nigeria, Tschad und die Zentralafrikanische Republik gehören hingegen zu den Ländern mit der niedrigsten Lebenserwartung. Sie lag beispielsweise in Nigeria 2024 bei nur 54 Jahren.
In Deutschland haben Frauen eine höhere Lebenserwartung von etwa fünf Jahren. Dem Max-Planck-Institut zufolge könnten dafür genetische Komponenten und auch der Lebensstil verantwortlich sein. So gehen nach Angaben des Instituts Frauen im Durchschnitt früher und häufiger zum Arzt, trinken tendenziell weniger Alkohol, rauchen seltener und würden mehr auf eine gesunde Ernährung achten. Außerdem seien Männer gerade in jungen Jahren risikobereiter, etwa im Straßenverkehr.
Open Questions
- Wie entwickeln sich die Präventionsmaßnahmen langfristig?
- Wann schließt Deutschland die Lücke zum EU-Durchschnitt?



