Linke Politik: In Österreichs zweitgrößter Stadt regieren die Kommunisten – ein Modell für Berlin?
Die Kommunistische Partei Österreichs in Graz dient der Berliner Linken als Vorbild für bürgernahe Politik und den Wahlkampf, trotz wesentlicher Unterschiede in der Wohnungs- und Finanzpolitik.
Quick Look
- Die Berliner Linke orientiert sich stark an der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und deren Bürgermeisterin Elke Kahr in Graz.
- Während die KPÖ auf Neubau und pragmatische Kommunalpolitik setzt, plant Berlin unter anderem die Vergesellschaftung von Wohnungen, steht jedoch vor Herausforderungen bei Schulden und ideologischer Abgrenzung.
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Why It Matters
Die KPÖ gewann 2021 überraschend die Kommunalwahlen in Graz unter Elke Kahr. Die Berliner Linke orientiert sich seither an deren Wahlkampf- und Politikansätzen.
Berlin/Graz. „Wollen Sie eigentlich Bürgermeisterin werden?“, fragt ein TV-Moderator die linke Spitzenkandidatin am Tag nach der Wahl. Überraschend überholte die linke Kleinpartei die regierenden Konservativen und wurde damit erstmals stärkste Kraft in der Stadt. Mit dem Thema Wohnen und einem bürgernahen Wahlkampf konnte die Kandidatin punkten.
Die Rede ist hier nicht etwa von Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Berliner Linken, sondern von der Österreicherin Elke Kahr. 2021 gewann sie als Kandidatin der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) entgegen allen Umfragewerten die Kommunalwahlen in Graz, Landeshauptstadt der Steiermark und zweitgrößte Stadt Österreichs. International schlug der Sieg der Kommunisten Wellen: Sogar die „Washington Post“ berichtete über den überraschenden Linksruck in der österreichischen 300.000-Einwohner-Stadt.
Kahr ist mittlerweile seit 2021 Bürgermeisterin, erst in einer Koalition mit Sozialdemokraten und Grünen, dann nur mit den Grünen. 2026 wurde sie mit einem deutlichen Stimmenzuwachs wiedergewählt.
„Die Linke ist nicht nur vom New Yorker Bürgermeister Mamdani inspiriert, sondern auch vom Grazer Modell“, sagt Manès Weisskircher, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Auch personell gibt es enge und auch persönliche Verbindungen der beiden Parteien. Die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner etwa ist mit dem Grazer KPÖ-Stadtrat Robert Krotzer liiert, der als Kahrs designierter Nachfolger gilt.
Besonders das erfolgreiche Image der KPÖ als Kümmerer-Partei habe die Linke zum Vorbild genommen, so Weisskircher. Im Berliner Wahlkampf setzte die Partei daher auf Haustürwahlkampf und die persönlichen Gespräche über Sorgen und Anliegen mit potenziellen Wählern.
Schon im Bundestagswahlkampf habe man „sehr viel von der KPÖ gelernt“, sagte Ines Schwerdtner Ende 2025 der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“. „Diesen Ansatz ‚Helfen statt reden‘ zum Beispiel haben wir sehr stark übernommen in unsere eigene politische Praxis. Das baut alles auf vielen Erfahrungen der KPÖ auf, auch der Gehaltsdeckel“, erläuterte Schwerdtner.
Hohe Funktionäre beider Parteien spenden den Betrag ihres Gehalts, der über den Deckel hinausgeht. Laut Parteiangaben liegt die Grenze bei linken Bundestags- und Europaabgeordneten bei derzeit 5300 Euro brutto.
Es gibt aber auch Unterschiede. Die Berliner Linke will 220.000 Wohnungen von Immobiliengroßkonzernen vergesellschaften. Die Forderung, die Eralp zur Koalitionsbedingung macht, beschäftigt neben möglichen Regierungspartnern auch Wirtschaftsexperten, die der Maßnahme zum Teil sehr kritisch gegenüberstehen.
Die Grazer KPÖ setzt beim Thema Wohnen auf andere Methoden. Sie erleichterte den Zugang zu städtischen Wohnungen. Anfang 2026 meldete die Stadt den Bau von 420 neuen Gemeindewohnungen seit 2022. 300 seien außerdem laut Parteiportal in Fertigstellung und für weitere 400 seien bereits Grundstücke gesichert – für das kleine Graz nicht unerhebliche Zahlen.
Neubau sei um einiges leistbarer und ein effizienteres Mittel zur Mietpreislinderung als die Vergesellschaftung von Hunderttausenden Wohneinheiten, so ein Gutachten des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel). Allerdings kommt das auch zu einem Preis: Graz ist mit einem Schuldenstand von 6352 Euro pro Kopf die derzeit am höchsten verschuldete Stadt Österreichs.
Auch die Linke plant die Errichtung von jährlich 7500 Kommunalwohnungen mit gedeckelten Mieten durch landeseigene Wohnungsunternehmen. Dafür sollen jedes Jahr etwa zwei Milliarden Euro Kapital freigemacht werden. 2025 beliefen sich die Schulden im Berliner Landeshaushalt auf 66 Milliarden Euro. Die Baumaßnahmen würden die Stadt, zusätzlich zu einer vom IfW Kiel geschätzten 40,2‑Milliarden-Entschädigung für die Immobilienunternehmen, noch höher verschulden.
Ganz vergleichen ließe sich die Wohnpolitik jedoch nicht: „Es ist wichtig zu betonen, dass sich die Wohnungsmärkte stark unterscheiden: Berlin ist eine Weltstadt mit stetigem Bevölkerungswachstum, kaum Leerstand und zu wenig Neubau“, sagt Weisskircher. In Graz gab es zuletzt ein Überangebot an privaten Mietwohnungen – zusätzlich zu den stadteigenen Neubauten.
Beide Parteien vereint die sozialistisch-kommunistische Entstehungsgeschichte und eine starke Ideologisierung. Historisch sei die KPÖ moskaunah und habe sich von der Vergangenheit nicht gänzlich gelöst, so Politikwissenschaftler Weisskircher. Die Linke ging aus der PDS, diese wiederum aus der SED hervor. Sie habe sich deutlich stärker von ihrer Vergangenheit losgelöst, „erst recht nach dem jüngsten Generationenwechsel innerhalb der Partei“, sagt er.
Gegen einzelne ihrer Mitglieder gab es zuletzt allerdings mehrere Antisemitismusvorwürfe in Verbindung mit dem Nahostkonflikt. Betroffene Teile der Partei weisen die Vorwürfe von sich: Es handle sich um Kritik an Israels Angriff auf Gaza, die sich nicht an Jüdinnen und Juden richte. Elif Eralp distanzierte sich. Bei den Sondierungsgesprächen mit SPD und Grünen bekannte man sich in einem Schreiben zum Schutz von jüdischem Leben in Berlin. Am Dienstag wurden die Sondierungen deshalb kurz unterbrochen.
Im Gegensatz zur Berliner Linke wirkt die Grazer KPÖ in sich geschlossen, ideologische Streitereien gibt es dort kaum. Die KPÖ schaffe es, „eine unaufgeregte, pragmatische Politik zu betreiben, die auf konkrete Lösungen in kommunalpolitischen Sachfragen setzt“, sagt Weisskircher.
„Wie viele haben Sie gewählt, weil Sie Kommunistin sind, und wie viele, obwohl Sie Kommunistin sind?“, fragt der TV-Moderator damals Elke Kahr im Interview. Sie sei den Menschen als sorgende, kümmernde Politikerin schon viele Jahre persönlich bekannt. „Das könnte auch ein Grund sein, dass sie mir das Vertrauen geben“, sagt Kahr, „trotz KPÖ.“
Open Questions
- Werden die Koalitionsverhandlungen in Berlin erfolgreich sein?
- Wie will Berlin die immensen Kosten für Wohnungsankäufe finanzieren?






