
Verteidigungsminister Pistorius plant 1,35 Milliarden Euro für den Ausbau, doch fehlende Abstimmungen mit der Deutschen Bahn und Infrastrukturprobleme gefährden den Zeitplan.
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Bremerhaven soll bis 2031 als zentrale Logistikdrehscheibe für die Nato ausgebaut werden, um im Verteidigungsfall Truppen und Material an die Ostflanke zu transportieren.
Berlin. Seit Ende September ist es amtlich: 1,35 Milliarden Euro stellte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) dem Küstenstandort Bremerhaven vor einem Monat offiziell in Aussicht, um mit dem Geld bis zum Jahr 2031 eine zentrale Logistikdrehscheibe für das westliche Verteidigungsbündnis Nato an der Nordsee zu errichten.
Bis zum Jahresende sollen bereits 160 Millionen Euro für Bauarbeiten in das „Deployment Hub“ getaufte Projekt fließen, wie Matthias Magnor, Vorstandschef des Bremer Hafenbetreibers BLG, gegenüber dem Handelsblatt nun ankündigte – die durch den seit Jahren andauernden Ukrainekrieg zunehmende Bedrohung durch Russland dulde keinen Aufschub.
Deutschlands zweitgrößtem Hafen fiele damit im Verteidigungsfall eine zentrale Rolle zu. Es müssten von dort 800.000 Soldaten und Soldatinnen „in Richtung Ostflanke“ der Nato durchgeschleust werden, präzisierte General Jochen Deuer, Kommandeur beim Logistikkommando der Bundeswehr, den Investitionsauftrag vor dem Branchenverband Bundesvereinigung Logistik (BVL) in Berlin.
Zusätzlich über das Drehkreuz abgewickelt werden müssten nach Aussage Deuers dann 150 bis 250 Container mit militärischer Ausrüstung pro Tag. Parallel gelte es, die Bevölkerung zu versorgen, betonte er. „Resilienz beginnt vor der Krise“, ordnete der General das milliardenschwere Projekt für Bremerhaven ein.
Doch den ambitionierten Plan von Nato und Bundeswehr droht ausgerechnet ein Unternehmen im Staatsbesitz zu verzögern: die Deutsche Bahn (DB). Deren für Schienennetz und Bahnhöfe verantwortliche Konzerntochter DB InfraGo kündigte vor wenigen Tagen an, die sanierungsbedürftigen 74 Kilometer zwischen Bremen und Bremerhaven nun doch nicht im kommenden Jahr zu erneuern. Den Start der sogenannten Korridorsanierung terminiert die Bahn-Tochter nun auf 2032, also genau auf das Folgejahr der geplanten Inbetriebnahme des „Deployment-Hub“.
Nato und Bundeswehr kann dies kaum gefallen, denn ohne ein gut funktionierendes Schienennetz dürfte das geplante Drehkreuz schwerlich voll genutzt werden können. „Die Umgebung braucht eine tragfähige Infrastruktur“, heißt es dazu bei der Bundeswehr. „Außerdem müssen Anbindungen zu Bahnstrecken und Flugplätzen funktionieren.“
Genau damit hatte der Bremer Hafenbetreiber BLG, der seit Dezember 2023 immer wieder im Verteidigungsministerium vorstellig wurde, aber in seiner Bewerbung gepunktet. „Wir verfügen über 1500 Doppelstock-Waggons, 200 Flachwagen und sieben Inlandterminals“, zählt BLG-Chef Magnor seine Transportmöglichkeiten auf. Darüber hinaus hebt er einen Rangierbahnhof der BLG südlich von Berlin hervor.
Demnächst aber dürfte die Deutsche Bahn als Betreiber des Gleisnetzes, die sich mit ihrer Güterbahntochter DB Cargo selbst um die Transportaufträge der Bundeswehr bemüht, den Konkurrenten BLG zumindest zeitweise um diese Vorteile bringen. Denn nicht nur bleibt die Störanfälligkeit der Bahnstrecke zwischen Bremen und Bremerhaven für weitere sechs Jahre bestehen. Zusätzlich ist auf der einzigen Gleisanbindung des Hafens während der anschließenden geplanten Bauzeit mit Behinderungen zu rechnen. All das kann folglich auch Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft der Nato haben.
Eine Sprecherin von InfraGo versucht auf Anfrage zu beschwichtigen: „Wo Reparaturen an der Strecke dringend benötigt werden, setzen wir sie schon früher um“, sagt sie. Bei der anschließenden Komplettsanierung sei geplant, die Strecke zumindest eingleisig offenzuhalten.
Doch bis die Logistikdrehscheibe funktionieren kann, sind noch zahlreiche weitere Herausforderungen zu bewältigen. Insgesamt 42 Maßnahmen seien in Bremerhaven vorgesehen, um die Logistikdrehscheibe für das Militär zu ertüchtigen, sagt Magnor. Dazu zählen ein neuer, als „Schwerlastbrücke“ bezeichneter Kran, ein Verbindungskanal samt Drehbrücke, eine neue Feuerwache sowie der Ausbau von Straßen und Bahnverbindungen.
Hinzu kommen bereits länger diskutierte Vertiefungen von Hafenbecken und der Weser. Und obwohl der Freihafen nach Aussage des BLG-Chefs nicht vergrößert wird, sollen mehrere Kaianlagen gebaut und zusätzlich befestigt werden – zum Teil unter der Führung der hansestädtischen Infrastrukturgesellschaft Bremenports. Über die Verteilung dieser Investitionen entscheidet allerdings nicht die BLG, sondern das Land Bremen.
Ungewiss bleibt dabei die bereits seit 2012 geplante Vertiefung der Außenweser, der meerseitigen Zufahrt zum Hafen. Großen Containerschiffen ist sie bislang bei Ebbe verwehrt, doch gegen die Vertiefung der Fahrrinne stemmen sich Umweltverbände. Magnor jedoch drängt: „Sie muss kommen.“
Wichtige Nutzer der Wasserstraße teilen seine Ansicht: Die dänische Reederei Maersk hat bereits angekündigt, gemeinsam mit dem Joint-Venture-Partner Eurogate zeitnah eine Milliarde Euro in das eigene Terminal im Freihafen zu investieren, um zusätzlich eine Million Container pro Jahr an der Kaikante umzuschlagen. Bedingung sei aber die Vertiefung, heißt es bei Maersk.
In Kopenhagen wie in Bremerhaven erzählt man von solchen Verbindungen zu den Streitkräften nur hinter vorgehaltener Hand: In der deutschen Stadt arbeitet man bereits seit Ende des Zweiten Weltkriegs für das US-Militär und beschäftigt sogar 70 zertifizierte Panzerfahrer im Hafen. Allerdings „redet man nicht darüber“, sagt Magnor.
Ebenso bleibt ungewiss, wie die militärische Anpassung des Bremer Flughafens aussehen wird, die Teil des von Pistorius angekündigten Milliarden-Investitionsprogramms ist. Nach dem vorläufigen Abzug der Lufthansa und dem für 2027 angekündigten Rückzug von Ryanair plagen den Flughafen indes heftige finanzielle Sorgen.
Gern hätten die Bremerhavener auch einen weiteren Zuschlag vom Militär erhalten: den für einen zweiten Nordsee-Marinehafen nach Wilhelmshaven. „Platz hätten wir gehabt“, sagt Magnor und verweist auf den „Blexer Bogen“, ein südlich der Stadt gelegenes Gelände an der Weser, auf dem sich das Naturschutzgebiet Luneplate befindet.
Dort allerdings war es der BLG zuvor schon nicht gelungen, einen Offshore-Terminal für Windparkinstallationen zu errichten. Auch einer kleineren Version des Projekts, dem „Energy Port“, drohen bereits Klagen von Umweltverbänden.
Gebaut wird der Militärhafen zum Leidwesen der Bremerhavener nun in Emden, wo Verteidigungsminister Pistorius Anfang Oktober Investitionen von einer Milliarde Euro ankündigte. Auf die 2000 neuen Arbeitsplätze, die durch die Stationierung von sieben Fregatten, zehn Minensuchbooten und zehn Schleppern entstehen sollen, muss Bremen somit verzichten.
In der Hansestadt gibt es seither Gerüchte: Dort glaubt man an eine Absprache zwischen Pistorius, der in Hannover seinen Wahlkreis hat, und Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies.
Bei der BLG-Konkurrenz in Emden dagegen freut man sich über den Zuschlag. Für den unmittelbar am Hafen gelegenen Industriepark „Frisia“, der kürzlich noch einen Leerstand von 80 Prozent beklagte, hat sich der heimische Logistiker Dirks 90.000 Quadratmeter an Hallenkapazitäten gesichert. „Wir sind beim Thema Instandhaltung schon seit Längerem mit der Bundeswehr im Geschäft“, sagt Geschäftsführer Klaus Lübbers. „Jetzt müssen wir die Lagerkapazitäten skalieren.“
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