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Melina Schuh: Die Wissenschaftlerin, die die Fruchtbarkeit verbessern will
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FAZ3d agoScience8 min readGermany

Melina Schuh: Die Wissenschaftlerin, die die Fruchtbarkeit verbessern will

Quick Look

  • Melina Schuh, Direktorin am Max-Planck-Institut, erforscht die Alterung von Eizellen und hat Ansätze zur Verbesserung künstlicher Befruchtungen entwickelt.
  • Sie gründete das Start-up Ovo Labs, um ihre Erkenntnisse zu kommerzialisieren und Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zu helfen.

AI-generated summary

Why It Matters

Melina Schuhs Forschung konzentriert sich auf die Verbesserung der Fruchtbarkeit durch die Untersuchung von Eizellenalterung und die Entwicklung von Ansätzen zur Erhöhung der Erfolgsquoten künstlicher Befruchtungen.

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Die Sache mit den Seesternen könnte man als eine Kleinigkeit abtun. Aber dann würde man etwas Wichtiges übersehen. Als Melina Schuh den ersten großen Schritt ihrer akademischen Laufbahn nahm, mit dem Biochemie-Diplom frisch in der Tasche und einer Stelle als Nachwuchsforscherin versorgt, sollte sie zur Expertin für Seesterne werden. Das war die Idee ihres neuen Chefs. Alles war dafür gerichtet, der Weg schien vorgezeichnet: Eine Langzeitstudie mit den Eizellen der stachelhäutigen Meeresbewohner sollte Schuh den Weg zu ihrer Promotion bahnen. Feinste Grundlagenforschung.

Die junge Wissenschaftlerin hatte damals sicher auch das Zeug, eine hervorragende Meeresbiologin zu werden. Bloß, dass sie sich nicht an die üblichen Spielregeln hielt. Statt dankbar den Vorschlag des Institutsleiters anzunehmen, ging Schuh aufs Ganze. „Für die Seesterne konnte ich mich einfach nicht richtig begeistern“, sagt sie gut 20 Jahre später. „Sie wurden so oft krank, verletzten sich dauernd an ihren Armen.“ Das Mitleid hält sich hörbar in Grenzen. „Ich wollte es viel lieber mit Mäusen versuchen. Säugetiere sind doch viel spannender.“

Es folgte eine Bilderbuchkarriere. Die englische Eliteuni Cambridge warb sie an, noch bevor sie mit ihrer Doktorarbeit fertig war. Mit Mitte 30 kam das nächste Angebot, das sie nicht ausschlagen konnte. Seitdem ist sie Direktorin an einem Max-Planck-Institut in Göttingen und hat damit einen der begehrtesten Jobs überhaupt, die es für Forscher gibt. Mit Preisen wurde sie in den vergangenen Monaten geradezu überhäuft. Demnächst nimmt auch noch die altehrwürdige Royal Society in London sie in ihre Reihen auf. Und warum? Schuh erforscht immer noch Eizellen. Aber längst nicht mehr nur solche von Mäusen. Und wenn jetzt so viel über die Rente und über die fortschreitende Alterung der Bevölkerung in weiten Teilen der Welt geredet wird, muss man nicht lange nachdenken, um zu dem Schluss zu kommen: Melina Schuh, inzwischen 46, ist die Wissenschaftlerin der Stunde.

Es hat nämlich nicht zuletzt biologische Gründe, dass der alte Konrad-Adenauer-Satz nicht mehr stimmt, Kinder bekämen die Leute immer. Viele Paare bleiben heute ungewollt kinderlos. Rund 130.000 künstliche Befruchtungen im Jahr verzeichnet die Statistik für die sogenannten Kinderwunschzentren in Deutschland. Das sind aufreibende Verfahren, teuer obendrein, und nur ein knappes Drittel davon führt zu einer Schwangerschaft.

Dass die Fruchtbarkeit von Frauen mit steigendem Alter abnimmt, ist schon lange bekannt. Aber erst Melina Schuh ist im Labor dahintergekommen, woran genau das liegen dürfte. Und was noch aufregender ist: Sie hat aus ihren Erkenntnissen gleich mehrere praktische Ansätze entwickelt, um die Erfolgsquote von künstlichen Befruchtungen in Zukunft deutlich zu erhöhen.

Grundlagenforschung an Stachelhäutern ist aller Ehren wert, keine Frage. Aber das hier ist eine andere Hausnummer.

Wenn sich bewahrheitet, was Melina Schuh vermutet, dann werden eines Tages nicht nur viel mehr Babys auf die Welt kommen und viel weniger Paare die frustrierende Erfahrung einer fehlgeschlagenen Behandlung machen. Dann wird davon auch in erklecklichem Umfang ein Unternehmen profitieren, das Schuh im vergangenen Jahr zusammen mit zwei Kompagnons gegründet hat. Ovo Labs heißt das Start-up. Noch ist es klein. Umso größer ist der Markt für Reproduktionsmedizin. Auf rund 40 Milliarden Euro schätzten Branchendienste den weltweiten Umsatz zuletzt. Selbst für den Traditionskonzern Merck aus Darmstadt, der Hormonpräparate für Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch anbietet, ist dies eines der wachstumsstärksten Geschäftsfelder. Der Businessplan für Ovo Labs schrieb sich angesichts solcher Daten fast von selbst.

Na gut, ganz so einfach war es vielleicht doch nicht mit dem Gründen. Es galt, Investoren zu überzeugen, die von Biochemie wenig Ahnung hatten. Es galt, Patent- und Lizenzrechte zu klären. Es galt, Kinderwunschzentren zu finden, die sich auf die Zusammenarbeit einließen. Und es galt, umzuschalten von der Freiheit der Wissenschaft auf die Zweckgebundenheit der Wirtschaft.

Denn es ist so: Wer einmal Max-Planck-Direktor ist, bleibt es meist ein Leben lang. Wer einmal Geld für ein Start-up eingeworben hat, braucht schon bald die nächste Finanzierungsrunde. Erst recht, wenn es um ein neuartiges medizinisches Präparat geht, dessen Wirksamkeit und Sicherheit erst noch in aufwendigen Studien erprobt werden müssen. Anders gesagt: Ovo Labs hat noch eine Weile nichts zu verkaufen, aber jeden Tag viel zu bezahlen.

Von bis zu einer Million zusätzlichen Babys war in einer sehr optimistisch formulierten Pressemitteilung des Unternehmens zu lesen. Die beiden britischen Wagniskapitalfonds, die in Ovo Labs investiert haben, wissen hoffentlich, dass sie Geduld brauchen werden. „Vielleicht kommen wir im Jahr 2050 in diese Größenordnung“, sagt Melina Schuh.

Zum Gespräch über Forschung und Kommerzialisierung empfängt sie die F.A.S. im Max-Planck-Institut in Göttingen. Im Labor wird eifrig mikroskopiert, es ist die Welt der Pipetten und Petrischalen. Das Direktorinnenbüro nebenan ist geradezu klinisch aufgeräumt. Einziger Wandschmuck ist eine schlichte Tafel. Die bunten Linien darauf könnten eine vereinfachte Doppelhelix darstellen, die Struktur des Erbguts. Oder ist es ein stilisiertes Mitochondrium? Schuh lacht. „Neulich waren meine Kinder hier, sie haben die Anfangsbuchstaben ihrer Namen ausgemalt.“ Vierfache Mutter ist sie auch, das hätten wir fast vergessen zu erwähnen.

Schuh ist in Bad Pyrmont aufgewachsen, einer Kleinstadt in Niedersachsen, als ältestes von wiederum vier Kindern. Sie betont, wie bereichernd für sie das Familienleben immer gewesen sei, damals wie heute. Das gibt der Wahl ihres Forschungsschwerpunkts einen biographischen Halt. Sie berichtet, wie im Lauf der Jahre im Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder davon die Rede war, wenn sich ein Kinderwunsch nicht erfüllte. Es sei daher schon sehr früh ihr Wunsch gewesen, mit den Erkenntnissen aus der Forschung den Patientinnen zu helfen. Sie nennt das sogar eine Pflicht, eine gesellschaftliche Verantwortung. Und dafür sei eben zwingend ein Unternehmen nötig.

Dann erzählt sie von ihrem Vater. Er machte sich als Elektroingenieur selbständig, baute zusammen mit Geschäftspartnern eine Firma auf, ein Mann voller Einfälle. „Einmal wollte er uns dazu bringen, selbst gebaute LED-Lampen beim Stadtfest zu verkaufen“, sagt Schuh. „Es hat Spaß gemacht, im Kinderzimmer daran zu basteln. Aber einen eigenen Verkaufsstand haben wir damit dann doch nicht bestückt.“ Funktionstüchtig seien die Lampen zwar gewesen, doch an der Optik habe es gehapert.

Die erste Geschäftsidee schlug also fehl. Unternehmergeist und Durchsetzungsfähigkeit hat Schuh nachweislich trotzdem früh entwickelt.

Wie war das noch gleich mit den Seesternen? Jan Ellenberg muss es wissen. Er war es schließlich, der seiner angehenden Promotionsstudentin damals vorschlug, sich diesen Tieren zu widmen. Heute leitet er das „Science for Life Laboratory“ in Stockholm, eine der größten molekularbiologischen Forschungseinrichtungen in Europa. „Aus technischer Sicht hätte es viele Vorteile gehabt, die Studie an Seesternen durchzuführen“, sagt er am Telefon. Die Methodik dafür war etabliert, es gab Erfahrungswerte, die Eizellen von Seesternen sind vergleichsweise leicht zu gewinnen. Aber Schuh habe sehr schnell ein eigenes Konzept für die Untersuchung von Mauseizellen vorgelegt. „Dabei hatte sie keinerlei Maus-Erfahrung.“

Mehrere Monate hätten sie darüber diskutiert. Er habe seine Einwände nicht hinterm Berg gehalten, versichert Ellenberg. „Es waren sehr offene Gespräche“, sagt er trocken. „Am Ende haben wir vereinbart, dass sie zu den Seesternen zurückkehrt, wenn es mit den Mäusen nach einem Jahr noch nicht entscheidend vorangegangen ist.“

Als außergewöhnlich zielstrebig und furchtlos charakterisiert der Doktorvater im Rückblick seine ehemalige Schülerin. „Sie war bereit, ein großes Risiko einzugehen. Und sie zeigt seitdem immer wieder eindrucksvoll, wie weit man mit dem nötigen Einsatz kommen kann.“

Ihr Rat an junge Wissenschaftlerinnen? Melina Schuh muss nicht lange nachdenken, bevor sie sagt: „Seid mutig, traut euch was.“

Was Schuh herausgefunden hat, indem sie die Reifung der Eizelle im Detail untersuchte, zuerst bei Mäusen, später auch bei Menschen: In der Zelle ist eine ausgeklügelte Proteinstruktur dafür zuständig, vor der Befruchtung die Chromosomenpaare des Erbguts auseinanderzuziehen. Das weiß man noch aus dem Biologieunterricht: Bei der Befruchtung bilden sich neue Paare, die je zur Hälfte von Mutter und Vater stammen. Damit das passieren kann, müssen in der Eizelle, die anfangs noch einen kompletten mütterlichen Chromosomensatz hat, zuerst genau die richtigen Plätze für die im Spermium herannahenden väterlichen Chromosomen frei gemacht werden.

Dieser Vorgang ist, wie sich unter dem Mikroskop zeigte, fehleranfällig. Und zwar umso mehr, je älter die Eizelle ist. Das ist deshalb so problematisch, weil alle Eizellen schon bei Geburt angelegt sind und nicht erst im Lauf des Lebens produziert werden. Eine 40 Jahre alte Frau hat 40 Jahre alte Eizellen. Und mit 40 ist nur noch etwa jeder zehnte Versuch einer künstlichen Befruchtung erfolgreich.

Wenn Melina Schuh einen ihrer Vorträge darüber hält, zeigt sie von der Präzisionsarbeit der Proteinspindel in der Eizelle eine Videoaufnahme. Das ist spektakulär anzusehen. Sie hat das Talent, Spitzenforschung anschaulich zu machen. Es geht um Babys, nicht um Seesterne, das gibt ihr einen Vorschuss an Sympathie. Aber es geht eben auch um Biochemie, und das ist nicht auf Anhieb massentauglich. Schuh bekommt es beispielhaft hin.

Als sie im Mai die Carus-Medaille verliehen bekam, eine Ehrung der Wissenschaftsakademie Leopoldina, legten die örtlichen Honoratioren im Rathaus von Schweinfurt sogar ihre Handys weg, um ihr zu lauschen. Als „Reise an den Anfang des Lebens“ hatte Schuh ihren Vortrag angekündigt. Der Archivar der Akademie, der aus dem Stand Preisträger aus dem vorvergangenen Jahrhundert aufzählen kann, sagte danach, er könne sich an keine Rede erinnern, der so leicht zu folgen gewesen wäre wie dieser.

Zwei Wege hat Schuh im Sinn, um den vielen Fehlversuchen bei der künstlichen Befruchtung beizukommen. Mit einem bestimmten Protein sollen die Querverstrebungen in der Spindel stabilisiert werden, damit die Halbierung der Chromosomenpaare zuverlässiger funktioniert. Mit anderen Proteinkomplexen könnten die Chromosomen selbst davor bewahrt werden, bei der Zellteilung Schaden zu nehmen. Es geht jeweils um Präparate, die in einer Kinderwunschklinik nach der Entnahme der Eizellen und vor der eigentlichen Befruchtung in die Eizellen injiziert werden müssten.

Es werde nach aller Voraussicht nicht mehr lange dauern, sagt Schuh, bis die nächsten Forschungsergebnisse dazu in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht würden. Das ist die Währung, in der Wissenschaftler abrechnen. Ihr gehen inzwischen auch die Fachbegriffe aus der Finanzwelt geschmeidig über die Lippen, „pitch desk“ und „term sheet“ gehören zum Vokabular. Gleich danach betont sie allerdings, dass sie die wissenschaftliche Beraterin und nicht etwa die Geschäftsführerin des Start-ups sei, alles genau den Regeln der Max-Planck-Gesellschaft entsprechend.

Die Gesellschaft hat übrigens ein eigenes Förderprogramm für Ausgründungen. Das sei im Prinzip spitze, sagt Schuh, aber selbst habe sie keinen Gebrauch davon gemacht. Die darin vorgesehenen Schritte hätten ihr zu lang gedauert; sie habe schließlich schon seit einer Weile recht genau gewusst, worauf sie hinauswollte.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Ovo Labs erreicht bis 2050 eine signifikante Größenordnung.

    Speculative · Within years

  • Neue Forschungsergebnisse zur Stabilisierung der Spindel und zum Schutz der Chromosomen werden bald veröffentlicht.

    Very likely · Within weeks

Open Questions

  • Wann werden die nächsten Forschungsergebnisse veröffentlicht?
  • Wie lange wird die Entwicklung der Ovo Labs-Präparate dauern?
  • Wie erfolgreich wird Ovo Labs im Vergleich zu etablierten Unternehmen sein?

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This article was originally published by FAZ.

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