
Trotz normalisierter Rohölexporte aus der Golfregion bleibt der Ölpreis hoch. Der Grund: Eine massive Dieselknappheit, explodierende Transportkosten und knappe Tankerkapazitäten treiben den Markt.
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Die globalen Ölvorräte liegen deutlich unter dem Vorkriegsniveau. Gleichzeitig führen logistische Probleme und Raffinerieausfälle zu einer massiven Verknappung von Diesel.
Stabile Ölexporte und weitere Faktoren müssten den Ölpreis sinken lassen. Doch er klettert auf ein Fünfmonatshoch. Was hält den Preis oben?
Die hohen Dieselpreise treiben die Nachfrage nach Rohöl und halten die Preise am physischen Markt hoch, obwohl die Rohölexporte aus der Golfregion laut Kpler in der vergangenen Woche über dem Vorkriegsniveau lagen.
Laut Goldman Sachs haben sich die Transportkosten für Öl versiebenfacht. Der durchschnittliche Frachtsatz für Rohöl liegt bei mehr als 20 Dollar je Barrel, vor einem Jahr waren es drei Dollar.
Die Schifffahrt weicht auf teure Notlösungen aus; Tankerkapazitäten werden knapp.
Die G7-Staaten wollen gemeinsam mit der Internationalen Energieagentur innerhalb von vier Monaten bis zu 100 Millionen Barrel Notfallreserven freigeben. Das schafft aber kein zusätzliches Angebot, es beschleunigt nur die Auslieferung eines schon im Frühjahr beschlossenen Pakets von 400 Millionen Barrel.
Frankfurt. Der Brent-Ölpreis ist nach Drohnenangriffen auf ein saudisches Ölfeld, bei denen zwei Menschen getötet wurden, um mehr als drei Prozent auf über 112 US-Dollar gestiegen, der höchste Stand seit mehr als fünf Monaten.
Der Betrieb des Ölfelds wurde zwar nicht beeinträchtigt, wie das saudische Energieministerium mitteilte. Doch die erneuten Angriffe der Huthi-Rebellen bestätigen das Risiko einer weiteren Eskalation. Denn auch die Angriffe auf Tanker sind laut Zahlen der britischen Behörde UK Maritime Trade Operations (UKMTO) gestiegen: Seit Monatsbeginn gab es 32 Vorfälle, im Vergleich zu 16 im gesamten September.
Trotzdem normalisiert sich die Ölversorgung: Die Rohölexporte aus der Golfregion lagen laut Daten von Kpler in der vergangenen Woche mittlerweile sogar über dem Vorkriegsniveau. Für den gesamten Oktober beziffert der Datenanalyst die Exporte auf mehr als 80 Prozent des Niveaus vor Kriegsausbruch.
Das müsste sich eigentlich dämpfend auf den Ölpreis auswirken. Und es gibt noch weitere Nachrichten, die den Preis eigentlich sinken lassen müssten: Die Internationale Energieagentur (IEA) hat angekündigt, weitere Notfallreserven beschleunigt freizugeben. Und die USA haben Dieselsanktionen gegenüber Russland gelockert.
Warum kann das also den Ölmarkt nicht beruhigen?
Die Schwachstelle liegt längst nicht mehr beim Rohöl, sondern bei den raffinierten Produkten. Vor allem Diesel wird immer teurer. Eine Tonne des Diesel-Vorprodukts Gasöl wird an der Terminbörse ICE Europa zu über 1450 US-Dollar pro Tonne gehandelt, das Zweieinhalbfache im Vergleich zu Jahresbeginn.
Der europäische Diesel-Crack-Spread, also der Preisaufschlag von Diesel gegenüber Brent-Rohöl, liegt über 84 US-Dollar und damit höher als während der Energiekrise 2022.
Diese hohen Verarbeitungsmargen sind ein gewaltiger Anreiz für Raffinerien, jedes verfügbare Barrel Rohöl aufzukaufen und sofort zu verarbeiten. Der Dieselmangel wird somit selbst zum Treiber der Rohölnachfrage und hält die Preise auf dem physischen Markt extrem hoch. Die Preise für kurzfristig verfügbares Öl liegen mittlerweile deutlich über dem Benchmark-Terminkontrakt für Brent zur Auslieferung in zwei Monaten.
Der Preis für ein Barrel Brent würde dem Ausmaß der Versorgungskrisen gar nicht mehr gerecht werden, sagte auch der Ölexperte Jeff Currie, Gründer der Investmentfirma Real Macro, gegenüber Bloomberg. „Der Kontrakt hat nichts mehr mit der wahren Welt zu tun.“
Transportkosten versiebenfacht
Die Öllieferungen aus der Golfregion mögen sich normalisiert haben, aber die Kosten des Transports sind mittlerweile extrem hoch.
Laut den Analysten von Goldman Sachs haben sich die weltweiten Transportkosten für Öl versiebenfacht. So sei der durchschnittliche Frachtsatz für den Transport von Rohöl auf mehr als 20 Dollar je Barrel gestiegen, verglichen mit drei Dollar vor einem Jahr.
Denn um Öl auf den Weltmarkt zu bringen, weicht die Schifffahrt zunehmend auf teure Notlösungen aus. Im Persischen Golf wird Rohöl teils nachts und mit ausgeschalteten Transpondern durch die Straße von Hormus transportiert und anschließend auf größere Tanker umgeladen.
Hohe Exportmengen würden nicht zwangsläufig geringere Risiken bedeuten, schreibt Arne Lohmann Rasmussen, Chefanalyst bei Global Risk Management. „Die Schifffahrt bleibt Angriffen ausgesetzt, während außergewöhnlich hohe Frachtraten und Versicherungsprämien den Öltransport verteuern.“ Zudem könnte die Neuigkeit, dass die Exportmengen wieder auf Vorkriegsniveau liegen, den Iran zu einer weiteren Eskalation ermutigen.
Knappe Tankerkapazitäten
Wegen der Schiffstransfers und der verlängerten Routen werden zunehmend die Tankerkapazitäten knapp. Washington erwägt, zusätzliche Schiffe aus der sogenannten Schattenflotte für den regulären Markt nutzbar zu machen. Die Schattenflotte besteht aus Hunderten meist älteren Tankern, die russisches Öl unter Umgehung von Sanktionen und Preisobergrenzen transportieren. Doch hohe Compliance-Hürden, bestehende Verträge und das Alter vieler Tanker bremsen den Effekt.
Eine weitere Maßnahme der US-Regierung, die den Markt für Öl- und Ölprodukte beruhigen sollte, verpuffte direkt: Angesichts rekordhoher Kraftstoffpreise kündigte US-Präsident Donald Trump überraschend an, russische Dieselimporte wieder zuzulassen und neue Sanktionen vorerst auszusetzen.
Geplant war die schrittweise Freigabe russischer Dieselmengen ab 300.000 bis 500.000 Tonnen pro Monat – ein Vorstoß, der sowohl im US-Kongress als auch bei europäischen Verbündeten auf scharfe Kritik stieß. Zumal die Mengen im Vergleich zum weltweiten Verbrauch überschaubar sind.
Sanktionslockerung bringt wenig Erleichterung
Inzwischen sind die ersten russischen Diesellieferungen nach Lockerung der Sanktionen und Aufhebung des russischen Exportverbots bereits auf dem Weg zu Zielen wie der Türkei und Brasilien. Allerdings handelt es sich laut Rasmussen nur um rund 210.000 Tonnen Diesel, was etwa einem Tag US-amerikanischer Dieselexporte entspreche.
Russische Raffineriekapazitäten bleiben angesichts ukrainischer Drohnenangriffe beeinträchtigt. Die Diesellieferungen aus Russland sind laut Bloomberg im Vergleich zum Vorkriegsniveau um über 80 Prozent eingebrochen.
Russland produziert wegen der ukrainischen Angriffe rund zwei Millionen Barrel Diesel weniger. Aus dem Nahen Osten fehlt zusätzlich etwa dieselbe Menge. In der Spitze fielen laut IEA sogar drei Millionen Barrel Raffineriekapazitäten aus dem Nahen Osten weg.
Zudem haben sich zwar die Ölströme aus dem Nahen Osten normalisiert, nicht aber die Exporte raffinierter Produkte, die im September laut der Preisberichtsagentur Argus Media 73 Prozent unter Vorkriegsniveau lagen. „Der Hauptgrund dafür sind logistische Einschränkungen“, erklärt Sarah Raffoul, Senior-Analystin für Ölprodukte bei Argus. Bei raffinierten Produkten wie Diesel sei das Umladen von Schiff zu Schiff deutlich schwieriger, da Qualitätsvorgaben und das Risiko von Verunreinigungen diesen Prozess deutlich erschweren würden.
Markt könnte 2027 extrem angespannt bleiben
Und die Dieselknappheit dürfte vorerst weiter bestehen bleiben. So erwarten Analysten von Morgan Stanley, dass die Märkte für Ölprodukte selbst bei einem Nachlassen aktueller kriegsbedingter Störungen bis mindestens Mitte 2027 extrem angespannt bleiben.
Die Ausfälle dürften laut den Morgan-Stanley-Experten sogar noch zunehmen: um 3,4 Millionen Barrel pro Tag bis zum zweiten Quartal des kommenden Jahres. Denn Raffinerien haben ihre Wartungsarbeiten verschoben, um von den hohen Margen zu profitieren. Die Arbeiten könnten jedoch „nicht unbegrenzt aufgeschoben werden“, schreiben die Analysten.
Auch die IEA-Reservefreigaben dürften nicht für Linderung sorgen – weder auf dem Markt für Ölprodukte noch für Öl. Zwar wollen die G7-Staaten gemeinsam mit der IEA innerhalb von vier Monaten bis zu 100 Millionen Barrel Notfallreserven auf den Markt bringen, darunter rund 50 Millionen Barrel Diesel sowie etwa 40 Millionen Barrel Rohöl aus den USA.
Doch die Maßnahme schafft kein zusätzliches Angebot. Sie beschleunigt lediglich die Auslieferung eines bereits im Frühjahr beschlossenen Reservepakets von 400 Millionen Barrel, von dem rund 325 Millionen Barrel abgerufen wurden.
Vorräte 500 Millionen Barrel unter Vorkriegsniveau
Zudem sind die Ölvorräte bald erschöpft. Ende September lagen die Öllagerbestände weltweit bereits rund 500 Millionen Barrel unter dem Vorkriegsniveau, wie Bloomberg berichtet. Die Bestände an Land befinden sich laut IEA auf dem niedrigsten Stand seit mindestens 2016. Die US-Notfallreserve liegt auf dem niedrigsten Stand seit 1982 und nähert sich dem kritischen Niveau von 252,4 Millionen Barrel, ab dem nicht durch einen Notfall bedingte Entnahmen untersagt sind.
Vor diesem Hintergrund haben viele Analysten ihre Ölpreisprognosen nach oben korrigiert, so etwa die UBS, die für das laufende Quartal einen Brent-Preis um die 100 US-Dollar pro Barrel sieht. Auch die Bank of America hat ihre Prognose für dieses Quartal von 83 auf 95 US-Dollar pro Barrel angehoben. Sollte der Konflikt noch einmal stärker eskalieren und weitere Infrastruktur zerstört werden, sind laut den beiden Banken aber auch Preissprünge auf über 150 US-Dollar pro Barrel nicht ausgeschlossen.
AI outlook — possibilities, not facts
Ölpreisprognosen für das Quartal auf ca. 100 USD angehoben.
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