Der CDU-Bundestagsabgeordnete Pascal Reddig fordert eine Reform der Rente mit 63 und warnt vor kurzsichtigem Sozialpopulismus. Er betont die Notwendigkeit einer langfristigen Finanzierbarkeit der Rentensysteme.
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Die Rentenkommission arbeitet an einer Reform, die unter anderem die 'Rente mit 63' und die Einführung einer Kapitalrente nach schwedischem Vorbild umfasst.
Pascal Reddig, 30, ist CDU-Bundestagsabgeordneter aus Hessen und Vorsitzender der Jungen Gruppe der Unionsfraktion. Der Jurist gehört dem Bundestag seit 2025 an.
WELT: Herr Reddig, Sie haben in der Rentenkommission für die Union federführend an der geplanten Rentenreform mitgearbeitet. Wir haben jetzt erlebt, wie die Rentenpolitik in fast allen Landtagswahlkämpfen zu einem mitentscheidenden Faktor geworden ist. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass die Diskussion inzwischen nicht mehr so sachbezogen geführt wird?
Pascal Reddig: Wir haben bei der Rente generell den Fehler gemacht, dass wir in den vergangenen 20 Jahren gerade deshalb keine Reformentscheidungen getroffen haben, weil wir immer auf die nächsten Wahltermine geschaut haben. Wir hatten stets Sorge davor, Entscheidungen zu treffen, die vielleicht zunächst nicht auf besonders große Zustimmung stoßen, sondern sich vor allem mittel- bis langfristig auszahlen.
Und genau den gleichen Fehler macht jetzt ein Teil der Koalition wieder. Wir legen hier etwas vor, das nicht zu mehr Kürzungen führt, sondern vor allem dazu, dass das Rentenniveau für die Menschen wieder steigt. Dass manche jetzt in eine Art kurzsichtigen Sozialpopulismus verfallen und aus Angst wieder keine Reform machen wollen, werden uns die Wähler nicht honorieren.
WELT: Ist das auch etwas, das Sie Mitgliedern Ihrer eigenen Partei ankreiden? Schließlich haben auch Ministerpräsidenten aus CDU-geführten Ländern Teile der Reform infrage gestellt.
Reddig: Sehr viele Wähler wünschen sich, dass Politik verlässlich ist und wir endlich Entscheidungen treffen. Der Grund, warum viele zur AfD, aber auch zur Linkspartei abgewandert sind, ist doch nicht, dass wir in den vergangenen Jahren zu viele Reformen gemacht haben. Im Gegenteil: Viele Menschen sehen, dass wir strukturell massive Probleme haben und offenbar nicht mehr in der Lage sind, diese anzugehen. Vor der Sommerpause hatten wir einen Kompromiss, hinter den sich Lars Klingbeil, Friedrich Merz, Bärbel Bas, Markus Söder und der gesamte Koalitionsausschuss gestellt haben. Diesen anschließend wieder infrage zu stellen, habe ich nicht für besonders klug gehalten. Deshalb fand ich auch den Vorstoß einiger Ministerpräsidenten nicht richtig. Umso wichtiger war es, dass sich die Koalitionsspitzen bei ihrer Klausur Ende August nochmals hinter das Gesamtpaket gestellt haben.
Ich habe in den vergangenen Tagen häufig gehört, dass wir einen Gerechtigkeitscheck für die Reformen brauchen. Gerade wenn man bei der Rente mit 63 (abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren, d. Red.) einen solchen Gerechtigkeitscheck macht, muss man zu dem Ergebnis kommen, dass sie in ihrer Verteilungswirkung nicht fair ist. Die Gruppe mit dem höchsten Einkommen nimmt die Rente mit 63 heute viermal so häufig in Anspruch wie die mit dem niedrigsten. Das müssen wir beheben und die Rente mit 63 auf das zurückführen, was wir mit ihr ursprünglich bezwecken wollten: diejenigen abzusichern, die körperlich wirklich nicht mehr können.
WELT: Umfragen zeigen, dass viele Bürger die Reform als ungerecht empfinden. Muss man darauf nicht reagieren?
Reddig: Es ist völlig klar, dass eine solche Entscheidung in der Bevölkerung nicht auf große Zustimmung stößt. Ich verstehe jeden, der sagt: Ich stehe kurz vor dem Renteneintritt, habe mich darauf eingestellt, mein Leben lang gearbeitet und eingezahlt und erwarte jetzt, abschlagsfrei früher in Rente gehen zu können. Das sind die Leute, die jahrzehntelang den Laden am Laufen gehalten haben. Das sind enorme Lebensleistungen.
Trotzdem haben wir in den vergangenen Jahren Entscheidungen getroffen, die das Rentensystem immer teurer gemacht haben. Perspektivisch führt das dazu, dass die Beiträge aufgrund des demografischen Wandels weiter steigen und das Rentenniveau sinkt. Deshalb haben wir in der Kommission vorgeschlagen, eine Kapitalrente nach schwedischem Vorbild einzuführen. Dafür brauchen wir aber auch Beitrags- und Kostenstabilität, um den finanziellen Spielraum für die Schwedenrente zu schaffen. Die Rente mit 63 ist im Verhältnis zu ihrer Wirkung sehr teuer. Sie kostet jedes Jahr zehn Milliarden Euro. Wir haben gegenüber den Beitragszahlern die Verantwortung, das System langfristig finanzierbar zu halten. Gerechtigkeit ist eben auch, wenn sich junge Menschen, Kinder und Enkelkinder darauf verlassen können, dass sie eine gute Rente haben werden, und wenn sie sich selbst etwas aufbauen können, ohne von der immer weiter steigenden Abgabenlast erdrückt zu werden.
WELT: Bleiben wir bei der Rente mit 63. Berichten zufolge wird als Kompromiss über 46 oder 47 statt 45 Beitragsjahre diskutiert. Halten Sie das für sinnvoll?
Reddig: Die Rente mit 63 wurde eingeführt, damit Menschen, die lange und körperlich hart gearbeitet haben, früher abschlagsfrei in Rente gehen können. In der Praxis sehen wir aber, dass sie häufig gerade nicht vom viel bemühten Dachdecker oder der Pflegerin in Anspruch genommen wird. Genau diese Gruppen müssen aber die Rente mit 63 für Besserverdienende mitbezahlen. Unsere Idee ist deshalb nicht, die Rente mit 63 ersatzlos abzuschaffen. Wir wollen eine Härtefallregelung, eine Schutzrente für diejenigen, die tatsächlich nicht mehr arbeiten können. Diese Menschen sollen auch künftig vorzeitig abschlagsfrei in Rente gehen können.
WELT: Jetzt haben Sie mir noch nichts zu den 46 oder 47 Beitragsjahren gesagt.
Reddig: Wir haben uns das in der Kommission genau angesehen und einstimmig die Grundsatzentscheidung getroffen: Ein Renteneintritt allein nach Beitragsjahren ist nicht gerecht. Beispielsweise erreichen Frauen die 45 oder 47 Beitragsjahre häufig nicht. Entscheidend ist vielmehr, diejenigen zu erreichen, die körperlich hart gearbeitet haben und tatsächlich nicht mehr können – auch wenn sie vielleicht nur auf 40 Beitragsjahre kommen.
WELT: Haben Sie den Eindruck, dass aus der SPD konkrete Alternativen oder Kompromissvorschläge kommen?
Reddig: Wir hatten vor der Sommerpause eine feste Vereinbarung über ein Gesamtpaket, hinter dem alle standen. Das kann man nicht einseitig aufkündigen. Wenn die SPD einen Vorschlag hat, wie wir kurzfristig zehn Milliarden Euro im Rentensystem einsparen können, um die Beiträge zu dämpfen, sind wir gesprächsbereit. Bislang sehe ich den aber nicht.
WELT: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat erklärt, über die Rente mit 63 gar nicht mehr diskutieren zu wollen. Sehen Sie trotzdem noch Chancen für einen Kompromiss?
Reddig: Manuela Schwesig hat das mit Gerechtigkeit begründet. Gerade deshalb sollten wir uns die Details ansehen. Wenn wir vor allem Menschen unterstützen wollen, die lange gearbeitet haben und körperlich nicht mehr können, müssen wir die Regelung gezielt auf diese Menschen ausrichten. Ich glaube, dass wir dann zu einem Kompromiss kommen können. Ich gehe fest davon aus, dass auch Manuela Schwesig am Ende kompromissbereit ist. Sie trägt als Ministerpräsidentin eine gewisse Verantwortung.
WELT: Bis zum 7. Oktober soll der Gesetzentwurf vorliegen. Die Positionen wirken inzwischen ziemlich verhärtet. Kann bis dahin noch ein tragfähiger Kompromiss gelingen?
Reddig: Das kann auf jeden Fall gelingen. Nach der Vorstellung der Ergebnisse der Rentenkommission haben uns viele Menschen geschrieben, dass sie dankbar dafür sind, dass Politik endlich den Mut hat, nicht nur bis zur nächsten Wahl zu denken, sondern sich zu fragen: Wo stehen wir in zehn oder 20 Jahren? Wenn wir uns darauf zurückbesinnen und den Geist von vor der Sommerpause wieder aufnehmen, kann auch das Vertrauen in die Politik steigen.
WELT: Falls der Gesetzentwurf aus Ihrer Sicht zu weit vom vereinbarten Kompromiss abweicht: Halten Sie sich dann die Möglichkeit offen, über die knappe Mehrheit der Koalition Druck auszuüben?
Reddig: Entscheidend ist, dass wir im Bundestag etwas beschließen, das zukunftsgerichtet ist. Friedrich Merz hat das Ziel „Wohlstand für Junge“ ausgerufen. Und Wohlstand für Junge bedeutet, dass wir Systeme brauchen, die auch in Zukunft funktionieren. Deswegen werden wir alles, was wir verabschieden, daran messen, ob es gelingt, die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest auszugestalten, gerade die Rente. Die Grundvoraussetzung ist deshalb, dass alles in ein Paket kommt, inklusive der Kapitalrente. Damit setzen wir das klare Zeichen an die junge Generation: Ihr sollt eine Perspektive haben: Eure Beiträge zahlen sich aus in deutlich höheren Renten. Wenn sich das im Gesetzentwurf wiederfindet, stimmen wir natürlich gerne zu.
WELT: Und wenn nicht?
Reddig: Dann nicht.
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Vorlage des Renten-Gesetzentwurfs bis zum 7. Oktober.
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