Pharma: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an den Kanzler, Frau Garijo? „Wir sind kein Kostenfaktor“
Während andere Pharmakonzerne Investitionen zurückhalten, setzt Sanofi auf den Standort Deutschland und fordert einen konstruktiven Dialog mit der Regierung.
Quick Look
- Als einzige Pharmachefin nahm Belén Garijo am Investitionsgipfel von Kanzler Friedrich Merz teil.
- Trotz Kritik der Branche an der deutschen Gesundheitspolitik investiert Sanofi zwei Milliarden Euro in einen Standort in Frankfurt.
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Why It Matters
Die deutsche Pharmabranche kritisiert die aktuelle Gesundheitspolitik und droht mit Investitionsstopps. Sanofi investiert hingegen zwei Milliarden Euro in einen Standort in Frankfurt.
Fast die gesamte Pharmabranche hat dem Kanzler eine Absage erteilt. Nur Sanofi-Chefin Belén Garijo kam zum Investitionsgipfel der Regierung – mit einer klaren Forderung an Friedrich Merz.
Frankfurt. Sanofi glaubt an den Standort Deutschland. Als einzige Chefin eines internationalen Pharmakonzerns hat Belén Garijo am Dienstag an der Konferenz „Invest in Germany“ in Berlin teilgenommen. Ihre Botschaft an Bundeskanzler Friedrich Merz: „Wir sind kein Kostenfaktor.“
Im Gegensatz zu Pharmakonzernen, die damit drohen, Investitionen in Deutschland zurückzuhalten und Medikamente nicht mehr einzuführen, investiert das französische Sanofi zwei Milliarden Euro in eine Insulinproduktionsanlage in Frankfurt – laut Garijo die „größte Investition unserer Geschichte“. Naiv sei sie deshalb nicht, erklärt die 65-Jährige in ihrem ersten Interview als Sanofi-Chefin.
Frau Garijo, Ihre Konkurrenz zieht Investitionen aus Deutschland ab. Eli-Lilly-Chef Dave Ricks sagte im Handelsblatt kürzlich, sein Vertrauen in die Politik sei zerstört. Und ausgerechnet jetzt investieren Sie zwei Milliarden Euro in den Standort. Warum?
Es ist schlicht logisch, hier zu investieren. Deutschland ist für uns strategisch ein sehr wichtiges Land. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten und der Produktion ist es unser drittgrößter Markt. Mit unserem Insulingeschäft haben wir in Deutschland bereits eine bedeutende Präsenz und großes Wissen.
Ihre Kollegen übertreiben also?
Natürlich gehen wir dorthin, wo unsere Innovation anerkannt wird. Alle europäischen Pharmakonzerne investieren in den USA und in China. Trotzdem liegt der Großteil unserer Produktionsstandorte weiterhin in Europa.
Sind Sie bei diesem Thema befangen? Deutschland war schließlich 13 Jahre Ihre Heimat als frühere Chefin von Merck.
Nein. Ich bin überzeugt, dass die Regierung die Bedeutung der Pharmaindustrie zunehmend versteht. Natürlich hatten wir zeitweise mit der deutschen Bürokratie zu kämpfen. Aber die Regierung hat uns sehr unterstützt, ebenso die EU, die die Förderung unserer Investition letztlich genehmigt hat.
Das sehen Ihre Wettbewerber anders. Sie waren am Dienstag die einzige Pharmakonzernchefin auf dem „Invest in Germany“-Gipfel von Kanzler Friedrich Merz und dem Investitionsbeauftragten Martin Blessing. Alle anderen Pharmachefs haben ihre Teilnahme abgesagt. Was wollten Sie dort erreichen?
Es ist die größte Investition unserer Geschichte. Unser Ziel ist ganz klar: Wir wollen weiterhin zur Souveränität Europas beitragen. Gemeinsam mit Deutschland und der EU müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Weltregionen sichern, die sich so rasant weiterentwickeln. Europa braucht ein Umfeld, das Innovation fördert. Wir haben die wissenschaftlichen Talente, Krankenhäuser von Weltrang und hervorragende akademische Einrichtungen. Diese Stärken müssen wir nutzen, um zusätzliche Investitionen anzuziehen.
Was war Ihre wichtigste Botschaft an den Kanzler?
Herr Merz, erkennen Sie an, welchen Wert neue Medikamente für Gesellschaft und Wirtschaft schaffen. Wir sind kein Kostenfaktor. Sanofi hat 2025 in Deutschland 28 Milliarden Euro zur Wirtschaftsleistung beigetragen. Die Industrie versteht die finanziellen Grenzen des Gesundheitssystems, das sehr bürgerfreundlich ist. Lasst uns an einen Tisch setzen und gemeinsam Lösungen finden. Wir müssen Medikamente für Patienten in Europa zugänglich machen. So einfach ist das.
So einfach ist es offenbar nicht. 30 Prozent der weltweit vermarkteten Medikamente kommen gar nicht erst nach Europa...
Noch mehr besorgt mich, dass die Mitgliedstaaten zunehmend national denken. Diese Zersplitterung schwächt Europa im Wettbewerb mit den beiden Supermächten USA und China.
Was ist dann Ihr konkreter Vorschlag?
Die europäischen Länder sollten nicht in die Falle tappen, kurzfristig zu denken. Industrielle Investitionen sind langfristig geplant. Fabriken lassen sich nicht über Nacht von einem Ort an den anderen verlegen. Die Folgen von Hürden für Innovation werden langfristig deutlich zu spüren sein.
Andere Pharmachefs drohen daher offen. Astra-Zeneca-Chef Pascal Soriot will bestimmte Medikamente nicht mehr in Deutschland einführen, solange die Preise nicht steigen. Sie dagegen sagen, ein Verzicht auf den europäischen Markt sei keine Option. Ist diese Haltung naiv?
Ich bin nicht naiv. Ich muss auch für meine Aktionäre Wert schaffen. Aber als Ärztin und als Führungskraft in dieser Branche halte ich es für nicht richtig, eine Konfliktsituation zu schaffen, in der wir uns weigern, Patienten neue Medikamente zur Verfügung zu stellen. Ich weiß, dass viele meiner Kollegen mir da nicht zustimmen. Ich finde es einfach nicht wertegetrieben, Patienten Medikamente aus rein wirtschaftlichen Gründen vorzuenthalten. Man muss vorher Lösungen finden.
Sie haben in wenigen Monaten bereits die Zahl der Forschungsprojekte verringert und einen neuen Forschungschef geholt. Wie fällt Ihr Zwischenfazit nach fast sechs Monaten als Chefin bei Sanofi aus auf einer Skala von eins bis zehn?
Ich möchte das nicht in Zahlen bewerten. Es macht unglaublich Spaß und ist spannend, dorthin zurückzukehren, wo ich meine Karriere begonnen habe. Aber ich bin nicht hier, um die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen. Ich bin hier, um mit meinem Team ein neues Erfolgskapitel für Sanofi zu schreiben.
Sie gelten als Managerin, die Schwächen offen anspricht, auch beim Aufsichtsrat. Was muss sich bei Sanofi ändern?
Wir müssen in der Umsetzung konsequenter werden, Kapital disziplinierter einsetzen und Forschungsentscheidungen stärker an wissenschaftlichen Daten ausrichten. Heute arbeiten wir in vielen Krankheitsfeldern. Wenn wir uns stärker auf die Therapiegebiete fokussieren, in denen wir etwas bewirken können, sehe ich schnelle Erfolge.
Als Sanofi 2004 den deutsch-französischen Konzern Aventis übernommen hat, haben Sie in Ihrer ersten Amtszeit schon gezeigt, dass Sie Sanofi durch einen tiefgreifenden Wandel führen können. Was ist Ihr Erfolgsrezept, um die Mitarbeiter mitzunehmen?
Man muss den Mitarbeitern klarmachen, dass Wandel und Transformation Chancen bieten, nicht nur Herausforderungen. Das ist meine Führungsverantwortung, und die genieße ich.
Was sind Ihre drei wichtigsten Prioritäten für das kommende halbe Jahr?
Oberste Priorität ist, unsere Produktivität in Forschung und Entwicklung in den kommenden Jahren zu steigern. Das wird nicht einfach und braucht Zeit. Wir müssen von der Integration Künstlicher Intelligenz profitieren, durch Partnerschaften mit KI- und Tech-Unternehmen, die in diesem Bereich schneller sind als wir. Zweitens wollen wir Sanofis Präsenz in China ausbauen. Drittens: Übernahmen, um Wachstum auch nach 2030 zu sichern.
Vita Belén Garijo
Belén Garijo (65) ist seit dem 1. Mai Vorsitzende der Geschäftsführung bei Sanofi. Zuvor war sie Konzernchefin der Darmstädter Merck KGaA. Die gebürtige Spanierin ist ausgebildete Ärztin, wechselte aber schnell in die Pharmaindustrie. Nach mehreren Jahren bei der damaligen Sanofi-Aventis in Frankreich stieg sie 2011 bei Merck ein und rückte 2015 als Leiterin der Pharmasparte in die Geschäftsleitung auf. Garijo ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Der Pharmakonzern Sanofi mit Sitz in Paris fokussiert sich unter anderem auf Immunologie, seltene Erkrankungen und Impfstoffe. 2025 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 43,6 Milliarden Euro.
Anfang der 2030er-Jahre läuft der Patentschutz für Sanofis umsatzstärkstes Medikament Dupixent aus, das zur Behandlung von Hauterkrankungen und Asthma eingesetzt wird. Kommt die nächste Übernahme aus China?
In China sehe ich eher Partnerschaften als Übernahmen. Unabhängig davon suchen wir nach risikoärmeren Wirkstoffen in späten Entwicklungsphasen, um unser Wachstum nach 2030 zu sichern.
Kritiker der Branche warnen: „Wir füttern den Hund, der uns beißt.“ Westliche Konzerne finanzieren sozusagen mit ihren Geschäften Chinas Aufholjagd. Bereitet Ihnen das – als Verfechterin Europas – keine Sorgen?
Ich denke überhaupt nicht, dass wir den Hund füttern. Wir arbeiten in Partnerschaft. Meine langjährige Erfahrung mit chinesischen Unternehmen ist sehr positiv. Sie haben erkannt, dass es Vorbehalte gibt, die sie überwinden müssen. Aber über ihre Agilität und Geschwindigkeit hinaus haben sie sich fest darauf verpflichtet, Qualität zu liefern.
Sie standen kurz vor dem Ruhestand, als Sanofi anfragte. In der Branche fragen sich viele, ob Sie nur eine Übergangslösung sind. Wie lange wollen Sie den Konzern führen?
Ich bin langfristig hier – mit derselben Energie und Leidenschaft wie damals. Ich bin hier, um zu bleiben.
Sie haben den Vorstand neu aufgestellt. Soll auch Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger aus dem eigenen Haus kommen?
Ja, ich würde mir sehr wünschen, dass Sanofi die internen Talente nutzt, um die nächste Generation von Konzernchefs aus den eigenen Reihen heranzuziehen. Das ist mein Fokus.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Sanofi wird die Investition in die Insulinproduktion in Frankfurt fortsetzen.
Very likely · Within years
Open Questions
- Wie reagiert die Bundesregierung auf die Forderungen der Pharmabranche?
- Werden weitere Konzerne ihre Investitionen in Deutschland tatsächlich kürzen?





