PISA-Schock und Bildungskrise in Deutschland: Abwärtstrend ohne Ende?
Deutsche Schüler schneiden bei PISA so schlecht ab wie nie zuvor. Was sind die Gründe für den stetigen Leistungsverlust und welche Hebel gibt es für eine Reform?
Quick Look
- Deutsche Schüler zeigen historisch schlechte PISA-Ergebnisse.
- Ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt Basiskompetenzen in Lesen und Mathematik.
- Experten fordern konsequente Sprachförderung, frühe Tests und mehr Disziplin.
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Why It Matters
Deutsche Schüler verzeichnen seit etwa zehn Jahren kontinuierlich sinkende Leistungen in internationalen Leistungsvergleichen wie PISA.
Noch nie haben deutsche Schüler bei PISA so schlecht abgeschnitten. Bei allen Leistungsvergleichen seit etwa zehn Jahren kennt die Entwicklung nur eine Richtung: nach unten.
Der Leistungsverlust ist ein internationales Phänomen, aber das ist kein Trost. Die ernüchternde Botschaft lautet: Was auch immer an Bildungsreformen und Neuerungen angestoßen wurde, nichts hat eine dauerhafte Verbesserung der Leistungsergebnisse gebracht.
Dabei war Deutschland nach dem großen PISA-Schock im Jahr 2000 eine Aufholjagd gelungen: 2015 stand es deutlich besser da. Offenkundig hat es am langen Atem gefehlt. Die Anstrengungen konnten nicht aufrechterhalten werden, weil die Konsequenz fehlte.
Bildung hat immer mehr an gesellschaftlichem Stellenwert eingebüßt. Das ist in den asiatischen Ländern ganz anders. Dass es auch in Europa ganz anders geht, zeigt das kleine Estland. Dort ist es gelungen, die Freude am Lesen dauerhaft zu kultivieren – trotz einer gerade in diesem Land weit fortgeschrittenen Digitalisierung, aber auch klaren Regeln zum Gebrauch des Handys in der Schule mit einem Nutzungsverbot in den Pausen.
Hierzulande lesen viel zu viele Eltern nie vor, und die Leseunfähigkeit und Leseunlust der Schüler sind erschreckend hoch. Hinzu kommen die veränderten Schülergruppen mit viel zu vielen Kindern, die am Ende der Grundschule schon aus sprachlichen Gründen nicht weiterbildungsfähig sind.
Es fehlt ihnen an Deutschkenntnissen, aber auch an sozialen und motorischen Voraussetzungen. Sie können nicht still sitzen, keine Schere halten und haben von zu Hause keinerlei Unterstützung. Es ist ein erschreckender Befund, dass ein Drittel der 15 Jahre alten Jugendlichen weder in Mathematik noch im Lesen über die Basiskompetenzen verfügt.
Das bedeutet, dass sie über das Niveau der ersten Grundschuljahre nie hinausgekommen sind. An der Leistungsspitze sieht es kaum besser aus. Sie ist immer schmaler geworden. Das bedeutet, dass die Förderung weder am untersten noch am obersten Ende der Leistungslatte gelingt. Dass das mit der Qualität des Unterrichts zu tun hat, liegt auf der Hand.
Aber was hilft es Lehrern, die schon genug im Kampf um Disziplin in ihren Klassen zu tun haben, gebetsmühlenartig zu empfehlen, sie sollten die Klassenführung verbessern, die Schüler konstruktiv unterstützen und einen kognitiv anregenden Unterricht machen? Bis eine durchgängige Lehrerfort- und Weiterbildung alle Lehrkräfte erreicht hätte, würde es eine weitere Dekade dauern. Das ist zu lang. Digitale Fortbildungsangebote, die pragmatisch und praxisnah sind, wären vonnöten.
Ein entscheidender Hebel ist eine verlässliche frühkindliche Bildung, an deren Ende die Einschulungsreife stehen muss. Verweigern sich Eltern der Sprachförderung, muss das konsequent sanktioniert werden. Angesichts des PISA-Befundes, dass es keinem Land so wenig gelungen ist, die Einwanderer der ersten Generation mit spätem Zuzug ausreichend zu integrieren, muss der Sprachbildung oberste Priorität zukommen. Nur wer die Sprache souverän beherrscht, wird auch die herkunftsbedingten Unterschiede ausgleichen können.
In der Grundschule muss regelmäßig der Lernstand erhoben werden. Es genügen kurze Tests, die nicht benotet werden, um dem Lehrer und der Schule zu zeigen, ob der Unterricht erfolgreich war oder nicht. Hamburg hat so seinen Aufstieg in die Spitzengruppe der deutschen Länder geschafft. In allen Ländern, wo auf Verbindlichkeit und Kontinuität gesetzt wird – auch in Bayern, Sachsen und neuerdings auch wieder in Baden-Württemberg – zeigt sich das in besseren Leistungsergebnissen.
Es geht nicht um einen riesigen Wust an Datenerhebungen, sondern um wenige aussagekräftige etwa im Lesen und Rechnen, die viermal im Jahr erhoben werden müssten. Das ist allemal besser als Reformaktionismus. Klar ist auch, dass daraus gezielte Förderung der Schwächsten, aber auch der Stärksten folgen und dass regelmäßig mehr geübt werden muss. Das sind ebenso einfache wie wirkungsvolle Mechanismen, die jede Schule von morgen an schon etablieren kann, wenn Schulleitung und Kollegium das wollen. Allerdings brauchen sie Ausdauer und Konsequenz.
Die Startchancenprogramme, Qua-Math für den Matheunterricht und Star-S für die Grundschule, laufen schon. Ob sie nur Milliarden verschlingen oder auch bessere Leistungen hervorbringen, steht derzeit in den Sternen. Bis dahin geht es darum, im Kleinen anzufangen, zu üben und Verpflichtung und Disziplin aufrechtzuerhalten.
Open Questions
- Wie effektiv sind die neuen Startchancenprogramme?
- Wann greifen verbindliche Standards bundesweit?

