
Steigende Ausgaben und knappe Rücklagen setzen die gesetzlichen Krankenkassen unter Druck. Ein exklusives DFSI-Rating zeigt, welche Kassen finanziell am besten aufgestellt sind.
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Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland stehen aufgrund steigender Leistungsausgaben und knapper Finanzreserven unter erheblichem Druck.
Steigende Ausgaben, knappe Rücklagen und wachsende Zusatzbeiträge setzen die gesetzlichen Krankenkassen unter Druck. Ein Rating zeigt, welche Kassen finanziell besonders gut dastehen.
Düsseldorf. Steigende Gesundheitsausgaben, knappe Finanzreserven und höhere Zusatzbeiträge – die finanzielle Situation der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) bleibt angespannt. Die Leistungsausgaben steigen seit Jahren deutlich stärker als die regulären Beitragseinnahmen. Die Zusatzbeiträge steigen weiter.
Doch die GKV auf ihre Finanzprobleme zu reduzieren, geht Thomas Lemke zu weit. „Die gesetzliche Krankenversicherung ist besser als ihr Ruf“, sagt der Geschäftsführer des DFSI Deutsches Finanz-Service Institut.
Rund 75 Millionen Menschen in Deutschland sind über die GKV abgesichert. Unabhängig von Alter, Einkommen oder Gesundheitszustand erhalten sie Zugang zu einer umfassenden medizinischen Versorgung. „Das ist ein starkes Fundament, das auch in Zukunft erhalten bleiben sollte“, sagt Lemke. „Allerdings wird dieses System zunehmend teurer.“
Die Entwicklung ist nicht überraschend: Die Menschen werden älter, chronische Erkrankungen nehmen zu und neue Behandlungsmöglichkeiten verursachen zusätzliche Kosten. Medizinischer Fortschritt kostet Geld. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für Personal, Krankenhäuser und Arzneimittel. „Problematisch wird es, wenn die Ausgaben dauerhaft deutlich schneller steigen als die Einnahmen“, sagt Lemke. „Genau das passiert derzeit.“
Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Leistungsausgaben der GKV um 7,4 Prozent, die Einnahmen stiegen nur um 4,1 Prozent. Zwar erzielten die Krankenkassen in diesem Zeitraum einen Überschuss von rund 2,6 Milliarden Euro. Doch der Überschuss ist vor allem auf höhere Beiträge zurückzuführen und wird benötigt, um die stark geschrumpften Finanzreserven aufzufüllen.
Ein exklusives Finanzkraft-Rating des DFSI für das Handelsblatt zeigt, wie gut die Kassen finanziell aufgestellt sind. Wie im Vorjahr erreichte keine Krankenkasse die Bestnote „exzellent“. Bei den bundesweit geöffneten Kassen liegt die Tui BKK mit dem einzigen „sehr guten“ Ergebnis an der Spitze. Mit „gut“ bewertete das DFSI sieben Kassen: Techniker Krankenkasse, Barmer, Audi BKK, HKK Krankenkasse, HEK Hanseatische Krankenkasse, MKK Meine Krankenkasse und SBK.
Bei den regional geöffneten Kassen schnitten wie im Vorjahr die Betriebskrankenkassen überdurchschnittlich gut ab. Die Note „sehr gut“ gab es für die BKK firmus, die BKK SBH, die BKK Public und die BKK Faber-Castell & Partner.
Die gesetzlichen Krankenkassen verfügten Mitte 2026 über Finanzreserven von rund 7,5 Milliarden Euro. „Das klingt zunächst nach einer beachtlichen Summe“, sagt Lemke. Tatsächlich entspricht dieser Betrag aber nur gut 0,2 Monatsausgaben und damit ungefähr der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestreserve. Entsprechend werden Liquidität und Vermögen für die finanzielle Stabilität der Krankenkassen im Rating zusammen mit 50 Prozent gewichtet.
Die Kassen müssen schließlich jederzeit ihre Verpflichtungen erfüllen können – unabhängig von Schwankungen der Kapitalmärkte, der Zinsen und Leistungsausgaben. Die Barmer, die bei der Liquidität die höchste Punktzahl erreicht, hat einen hohen Bestand an kurzfristig verfügbaren Anlagen bei zahlreichen großen Geldinstituten angelegt. „Seit der Zinswende werden auch wieder vermehrt längerfristige Anlagen getätigt“, sagt Unternehmenssprecher Athanasios Drougias.
Das DFSI hat die Finanzkraft der gesetzlichen Krankenkassen anhand der wirtschaftlichen Stabilität, Effizienz und Solidität analysiert. Grundlage der Bewertung ist eine Erhebung des DFSI auf Basis der erweiterten Rechnungslegung der Geschäftsjahre 2024 und 2025. Untersucht wurden insgesamt 72 bundesweit oder regional geöffneten Krankenkassen, von denen 40 Kassen den vollständigen Fragebogen ausgefüllt und sich damit aktiv dem Vergleich gestellt haben.
In die Analyse fließen 77 Einzelkennzahlen ein, die verschiedene finanzielle und strukturelle Aspekte abbilden. Die Liquidität wurde mit 30 Prozent gewichtet, das Gesamtvermögen einschließlich Rücklagen und Investitionsmitteln mit 20 Prozent. Die Verwaltungseffizienz gewichteten die Experten mit 15 Prozent, die Gewinn-und-Verlust-Rechnung mit 10 Prozent. Außerdem flossen die Mitgliederentwicklung (5 Prozent), die Finanztransparenz und die Beitragsstabilität (je 10 Prozent) ein.
Dabei steht das Thema Sicherheit im Vordergrund. Auch die Audi BKK setzt aktuell auf kurzfristige Anlagen und dabei vor allem auf Tagesgeld ihrer Hausbanken. „Damit verbinden wir eine sicherheitsorientierte Anlagepolitik mit hoher Liquidität und nutzen zugleich die bestehenden Zinsmöglichkeiten“, sagt die Vorstandsvorsitzende Anja Schramm. In der aktuellen Situation geht es den Kassen nicht um möglichst hohe Renditen. Das Geld muss sicher und bei Bedarf schnell verfügbar sein.
Aktuell planen die Versicherer ihre Budgets für 2027. Die Entscheidung über den künftigen Zusatzbeitrag trifft der jeweilige Verwaltungsrat in der Regel im Dezember. Jede Krankenkasse legt den Zusatzbeitrag selbst fest, den Versicherte zusätzlich zum allgemeinen Beitragssatz von 14,6 Prozent zahlen müssen. 2026 liegt er laut Bundesgesundheitsministerium im Schnitt bei 2,9 Prozent. Laut DFSI-Rechnung liegt der Schnitt sogar über 3 Prozent.
„Natürlich spielt auch der Preis eine wichtige Rolle“, sagt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse. Die Kassen sind bestrebt, ihren Zusatzbeitrag konstant zu halten. Für 2027 gibt es zumindest vorsichtig positive Signale. Nach der aktuellen Prognose des GKV-Schätzerkreises könnte der rechnerisch notwendige durchschnittliche Zusatzbeitragssatz stabil bleiben.
Der Zusatzbeitrag liegt bei der TK mit 2,69 Prozent aktuell unter dem Marktschnitt. Das gelinge vor allem aufgrund der schlanken Verwaltungsstrukturen und effizienten Prozesse. „Unsere Verwaltungskosten liegen mit 108 Euro je Versicherten deutlich unter dem durchschnittlichen Wert“, sagt Baas.
In der aktuellen DFSI-Untersuchung kamen die betrachteten Krankenkassen mit mehr als einer Million Versicherten auf durchschnittliche Verwaltungskosten von rund 198 Euro je Versicherten. Kassen mit 500.000 bis eine Million Versicherten lagen bei nur rund 168 Euro. Kleinere Krankenversicherer arbeiten im Schnitt effizienter.
In den kommenden beiden Wochen folgen Ratings zum Leistungsangebot sowie zu Service und Gesamtbewertung der gesetzlichen Krankenkassen.
AI outlook — possibilities, not facts
Entscheidung über künftige Zusatzbeiträge durch Verwaltungsräte im Dezember
Very likely · Within months
Veröffentlichung weiterer Ratings zu Leistung und Service in den kommenden zwei Wochen
Very likely · Within weeks

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