Russischer Wirtschaftskrieg gegen die Ukraine: Raketen und Drohnen zielen auf Infrastruktur
Russland attackiert gezielt die ukrainische Wirtschaft, um den Widerstand zu brechen. Stahlwerke, Logistik und Landwirtschaft sind schwer getroffen, während Experten auf westliche Hilfe und Luftabwehr setzen.
Quick Look
- Russland eskaliert den Krieg durch gezielte Angriffe auf die ukrainische Wirtschaft.
- Raketen und Drohnen treffen Stahlwerke, Agrarbetriebe und Logistik, um den Staatshaushalt zu schwächen und den Widerstand zu brechen.
AI-generated summary
Why It Matters
Russland führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine und attackiert zunehmend die zivile und wirtschaftliche Infrastruktur des Landes.
Russland eskaliert seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine auf einer weiteren Ebene: Es versucht, die Wirtschaft lahmzulegen. Russische Raketen und Drohnen treffen Stahlwerke, Einkaufszentren, Fabriken, die Zulieferer von Supermärkten. Es geht gegen Pharmahersteller, Post und Logistik, Daten- und Telekomknoten, Eisenbahn, Häfen am Schwarzen Meer.
"Russland will unsere Wirtschaft töten und damit unseren Widerstand brechen", sagt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Wirtschaftsminister Olexander Krawtschenko schätzt den Schaden am Anlagevermögen allein in diesem Jahr auf zehn Milliarden US-Dollar (8,9 Milliarden Euro). Jede Stunde Luftalarm koste die Ukraine etwa 40 Millionen Euro, sagte er der Zeitung "Guardian": "Wenn die Leute im Bunker sind, steht die Wirtschaft." Die Sorge wächst, wie lange die Ukraine diesem Druck standhalten kann. Fragen und Antworten dazu:
Warum verschärft Russland den Wirtschaftskrieg?
"Weil es das kann", sagt Hlib Wyschlinskyj, Direktor der Denkfabrik Centre for Economic Strategies in Kiew. Es gebe die Debatte, ob verstärkte ukrainische Angriffe auf die russische Ölindustrie oder den Online-Händler Wildberries Russland provoziert hätten, sagt er. "Aber nicht wir haben diesen Krieg angefangen."
Seiner Einschätzung nach reagiere Moskau eher darauf, dass es bei den Kämpfen am Boden nicht vorankomme. "Es wird kein neues Gelände erobert." Und Russland habe derzeit mit schnellen Jet-Drohnen einen militärischen Vorteil. Moskau nutze die Zeit, bis die Ukraine ihre Abwehr entwickele. Der russische Staatschef Wladimir Putin hat immer wieder mit verstärkten Angriffen gedroht - zuletzt nach den Treffern ukrainischer Drohnen auf eine Raffinerie in Moskau am Tag der Parlamentswahl im September.
Welche Branchen in der Ukraine sind besonders betroffen?
Stahl: Es gebe keine Stahlindustrie mehr, sagte Olexander Wodowis aus der Führung des Stahlkonzerns Metinvest der "Financial Times" im September. Metall war immer ein wichtiges Exportgut der Ukraine. Schon die Blockade der Häfen am Schwarzen Meer stoppte die Ausfuhr. Seit August zerstörten russische Raketen die verbliebenen Stahlwerke von Metinvest in Saporischschja und von ArcelorMittal in Krywyj Rih. Viele Arbeiter kamen ums Leben. Mehrere zehntausend Jobs hingen an diesen Werken.
Agrar: Landwirtschaft ist eine Stärke der Ukraine, und die Ernte von Weizen, Mais und Sonnenblumen war in diesem Sommer gut. Wegen der Angriffe auf die Häfen am Schwarzen Meer und der Donau laufe der Export aber nur mit halber Kraft, sagt Landwirtschaftsminister Taras Wysozkyj. Die andere Hälfte der Ernte hängt in Betrieben fest. Wer jetzt nicht verkaufen könne, verdiene kein Geld für die Wintersaat und die kommenden Produktionszyklen, erläutert Experte Wyschlinskyj.
Verkehr und Logistik: Die Staatsbahn Ukrsalisnytsja hat die Ukraine seit Kriegsbeginn 2022 zusammengehalten. Doch nun bringen russische Angriffe auf Züge Fahrpläne und Finanzen durcheinander. 500 Lokomotiven versucht die Ukraine aufzutreiben. "Aber das größere Problem ist, dass es wahrscheinlich keine Fracht für diese Lokomotiven gibt", sagt Wyschlinskyj. Die Transporte von Metall und Getreide zum Schwarzen Meer entfielen. Russland versucht auch mit Attacken auf die Grenzübergänge nach Polen, Rumänien und Moldau, die Ukraine zu isolieren.
Treffen die russischen Angriffe auch deutsche Investitionen?
Zwölf deutsche Firmen berichteten in einer Umfrage der Deutsch-ukrainischen Industrie- und Handelskammer von Schäden an Gebäuden, Anlagen und Waren. Den direkten Schaden bezifferten sie auf 35,6 Millionen Euro, weitere Ausfälle auf 62,3 Millionen Euro. Der Geschäftsführer der Kammer, Rainer Perau, geht aber davon aus, dass es mehr Fälle gibt. "Es gibt eine hohe Dunkelziffer von Firmen, die betroffen sind", sagte er.
Öffentlich reden die deutschen Firmen nicht über die Schäden, schon gar nicht die Unternehmenszentralen in Deutschland. Die russische Armee soll im Unklaren bleiben über ihre Treffer. Man wolle nicht mit Informationen zum Ausmaß der Schäden und der Möglichkeit von Reparaturen "Anlass für weitere Angriffe geben", heißt es auf Anfrage bei einem betroffenen Unternehmen.
Was bedeutet der Wirtschaftskrieg für den Staatshaushalt?
Den Menschen in der Ukraine bringt der Wirtschaftskrieg bislang keine Versorgungsengpässe, aber das Leben wird gefährlicher, komplizierter und teurer. Der Besuch im Einkaufszentrum oder Baumarkt wird zum Risiko, weil dort Drohnen einschlagen können. Die Nationalbank sieht die Inflation derzeit bei 8,1 Prozent. Die Wachstumsprognose ist auf 1,3 Prozent gesenkt. Nach einem Einbruch zu Kriegsbeginn war die Wirtschaft 2025 noch um 12,3 Prozent gewachsen.
Nun drohen dem ukrainischen Staat, der seine Bevölkerung sozial schützen und einen teuren Krieg führen soll, wegen der Kriegsschäden die Steuereinnahmen wegzubrechen. Für 2027 rechnet Wyschlinskyj mit einem Minus von zehn Prozent im schlimmsten Fall.
Schon jetzt klafft ein Haushaltsloch bis Ende 2026. Selenskyj sprach anfangs von umgerechnet 23 Milliarden Euro, nach Angaben von Wirtschaftsminister Krawtschenko sind es eher 17,6 Milliarden Euro. Kiew hofft auf weitere finanzielle Unterstützung der Europäer.
Kann die ukrainische Wirtschaft unter dem Druck kollabieren?
"Wenn man in den Osten guckt, bin ich überwältigt, dass überhaupt noch Firmen dort arbeiten angesichts der Gefahren", sagt die Ombudsfrau der ukrainischen Wirtschaft, Anka Feldhusen. Doch the Punkt sei erreicht, dass die russischen Angriffe das Grundgefüge der ukrainischen Wirtschaft ins Wanken bringen, sagt die frühere deutsche Botschafterin in Kiew.
Ökonom Wyschlinskyj erwartet keinen Zusammenbruch - vorausgesetzt, die ausländischen Partner helfen der Ukraine weiter. "Wenn diese Balance bleibt, wird es keinen Kollaps geben." Für 2026 rechnet er mit Nullwachstum. Die Antwort auf die wirtschaftlichen Probleme lägen im militärischen Bereich: Die Ukraine brauche mehr Flugabwehr. Ähnlich sagt es AHK-Geschäftsführer Perau: "Das Schicksal der Wirtschaft wird unter anderem davon abhängen, ob es gelingt, Abfangmöglichkeiten für die russischen Jet-Drohnen zu entwickeln."
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Nullwachstum der ukrainischen Wirtschaft im Jahr 2026
Likely · Within months
Open Questions
- Wie hoch wird das endgültige Haushaltsloch der Ukraine bis Ende 2026 sein?
- Wird die westliche Finanzhilfe ausreichen, um einen wirtschaftlichen Kollaps zu verhindern?



