Russland rettet nigrischen Präsidenten vor Putsch – aber Abhängigkeit wächst
Quick Look
- Der nigrische Präsident Mohamed Bazoum wurde nach Angaben des Kreml und internationaler Experten vor einem Putschversuch durch das russische Afrika-Korps gerettet.
- Der Artikel beschreibt die wachsende Abhängigkeit der Sahel-Staaten Niger, Mali und Burkina Faso von russischer Militärhilfe im Kampf gegen islamistische Terrorgruppen, gleichzeitig jedoch zunehmende interne Spannungen in den Armeen und Zweifel an der Effektivität Russlands als Schutzmacht.
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Why It Matters
Seit dem Sturz Muammar al-Gaddafis 2011 haben islamistische Terrorgruppen im Sahel zunehmend Boden gewonnen. Früher versuchten Regierungen in Mali, Burkina Faso und Niger mit Unterstützung europäischer Partner wie Frankreich und Deutschland die Bedrohung zu bekämpfen, doch nach fehlendem Erfolg übernahmen die Militärs die Macht und ersetzten europäische durch russische Truppen.
Zu verdanken hatte Nigers Präsident das in erster Linie dem Eingreifen von Soldaten des russischen Afrika-Korps. Die Söldner aus dem hohen Norden, bis Sommer 2025 als Wagner-Gruppe bekannt, waren maßgeblich an der Niederschlagung des Aufstands beteiligt und retteten Tiani damit vor der Meuterei aus den eigenen Reihen. So stellte es hinterher nicht nur der Kreml dar, so sehen es auch viele internationale Experten. „Das war ein koordinierter Angriff auf die Schaltzentralen des Landes“, sagt Bakary Sambe, Leiter des Timbuktu Institute – African Center for Peace Studies in Senegal. „Die Regierung war auf die russische Hilfe angewiesen.“
Der vereitelte Putschversuch in Niger enthält zwei Nachrichten, die einander auf den ersten Blick widersprechen. Die erste handelt vom scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch der Islamisten in der Sahelzone, der die dortigen Militärregime immer weiter in die Ecke drängt – so weit, dass aus Angst vor den Islamisten selbst die eigenen Streitkräfte zur Bedrohung werden. Die zweite handelt von Russland, der Schutzmacht dieser Regime, die nach Jahren peinlicher Fehlschläge plötzlich einen militärischen Erfolg in Afrika vermelden kann. Man fragt sich nun: Wie passen die beiden Nachrichten zusammen?
2025 verzeichnete die Region mehr als die Hälfte aller Terrortoten weltweit
Alle politischen Entwicklungen im Sahel in den vergangenen 15 Jahren lassen sich nur vor dem Hintergrund der sich stetig verschlechternden Sicherheitslage verstehen. Begünstigt vom Sturz Muammar al-Gaddafis und dem beginnenden Zerfall des libyschen Staates im Jahr 2011 machen islamistische Terrorgruppen seither immer mehr Boden in den Ländern am Südrand der Sahara gut. Sie haben den Sahel binnen weniger Jahre in das Zentrum des weltweiten Terrorismus verwandelt. Im Jahr 2025 verzeichnete die Region mehr als die Hälfte aller Terrortoten weltweit. 2007 war es nicht einmal ein Prozent gewesen. So steht es im jüngsten Global Terrorism Index, den das australische Institute for Economics and Peace herausgibt.
Zunächst stellten sich die damaligen Regierungen in Mali, Burkina Faso und Niger der Bedrohung aus der Wüste mit Verstärkung aus Europa in den Weg, vor allem durch die einstige Kolonialmacht Frankreich, aber auch mit Soldaten der Bundeswehr. Doch nennenswerte Erfolge blieben aus. Der Frust darüber (sowie über Korruption und wirtschaftliche Stagnation) entlud sich zwischen 2021 und 2023 in allen drei Staaten in einer Machtübernahme durch das Militär, das die europäischen Partner umgehend feuerte – jeweils begleitet von einer ressentimentgeladenen antifranzösischen Kampagne – und durch Russland ersetzte. Das Versprechen der Putschisten: Jetzt wird aufgeräumt.
Doch einzig Burkina Faso, wo Schätzungen zufolge einige Hundert Soldaten des russischen Afrika-Korps stationiert sind, hat dieses Versprechen inzwischen teilweise einlösen können. Hatte das kleine Land 2023 und 2024 noch die meisten Terrortoten aller Staaten zu beklagen, fiel ihre Zahl 2025 deutlich – von 1532 auf 846.
Vor allem in Mali weist die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Die Regierung in der Hauptstadt Bamako und ihre russischen Verbündeten – mit geschätzt 1500 bis 2000 Soldaten kämpft hier das größte russische Kontingent in Afrika – erleben eine demütigende Niederlage nach der anderen. Vergangenen Herbst gelang es der al-Qaida nahestehenden Gruppe Dschamaat Nusrat al-Islam wal-Muslimin (engl. JNIM), Bamako einzukreisen und durch eine Benzin-Blockade weitgehend lahmzulegen. Im April startete die Miliz dann gemeinsam mit Tuareg-Separatisten Angriffe im ganzen Land, bei denen unter anderem Malis Verteidigungsminister getötet wurde. Das russische Afrika-Korps musste hinterher kleinlaut eingestehen, dass seine Soldaten vor den Kämpfen geflohen waren.
Auch in Niger kommen die Einschläge aus Sicht des Regimes immer näher. Der Flughafen der Hauptstadt Niamey war in diesem Jahr schon zwei Mal das Ziel islamistischer Angriffe, einmal durch eine Gruppe, die al-Qaida nahesteht, einmal durch einen Verbündeten des „Islamischen Staates“. Der militärische Teil des Flughafens ist strategisch besonders bedeutsam, weil dort nicht nur das russische Afrika-Korps sein Hauptquartier hat. Auf Airbase 101 sollen überdies 1000 Tonnen Uran lagern, die Nigers Regierung gerne exportieren würde, aber wegen eines Rechtsstreits mit dem französischen Konzern Orano aktuell nicht darf.
Viele Soldaten im Sahel wollen nicht mehr „Kanonenfutter“ im Kampf gegen die Islamisten sein
Der vereitelte Putschversuch am Wochenende war der dritte ernste militärische Zwischenfall auf dem Flughafen binnen eines Jahres. Doch dieses Mal kam die Gefahr für das Regime nicht von außen, sondern von innen. Russland ebenso wie die Regierung Nigers raunten zwar von äußerer Einflussnahme, womit sie mutmaßlich Frankreich meinten. Internationale Experten verweisen dagegen auf Spannungen innerhalb der Armee infolge der islamistischen Dauerbedrohung. „Auslöser der Meuterei“, schreibt Hannah Rae Armstrong, Sahel-Expertin des in Brüssel ansässigen Thinktanks International Crisis Group, „war – wie in der Sahelzone so oft – die Weigerung der Soldaten, weiterhin als Kanonenfutter zu dienen.“
Dass Nigers Armee die Meuterei mutmaßlich nur dank russischer Unterstützung ersticken könnte, ist für das Regime somit weniger ein Triumph als vielmehr ein Beleg seiner Entfremdung vom eigenen Volk und seiner wachsenden Abhängigkeit vom Afrika-Korps. Und es ist eine Warnung: Eine Wiederholung erscheint jederzeit möglich.
Für Moskau wiederum ist es eine dringend benötigte Erfolgsmeldung aus Afrika, insbesondere nach dem schmählichen Rückzug in Mali Ende April. Russland lässt sich die Entsendung seiner Soldaten nach Afrika in Bodenschätzen teuer bezahlen, in Gold oder Diamanten. Doch dieses Geschäft kann nur blühen, solange Moskau als schlagkräftiger Verbündeter angesehen wird – was zunehmend weniger der Fall zu sein scheint. So gibt es wegen der desolaten Sicherheitslage schon seit vergangenem Jahr vermehrt Zeichen einer Wiederannäherung der Sahel-Staaten an die USA. Auch der nördliche Nachbar Algerien und die Türkei werden als Partner Malis und Nigers immer wichtiger.
„Russland steht unter doppeltem Druck, sich als effektiver Partner zu erweisen“, sagt der Sahel-Experte Bakary Sambe. „Sowohl gegenüber der Öffentlichkeit in den Sahel-Staaten als auch gegenüber anderen potenziellen Partnern der dortigen Regierungen.“
Nun hat Russland in Niger immerhin eines unter Beweis stellen können: dass seine Soldaten in der Lage sind, ein Regime auf einem eng begrenzten Gebiet wie einem Flughafen zu schützen. Den Beweis aber, dass es im Kampf gegen Islamisten und Separatisten in der schier endlosen Wüste der bessere Partner ist, bleibt Moskau nach wie vor schuldig.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Es wird zu weiteren Spannungen innerhalb der nigrischen Armee kommen, wenn Soldaten weiterhin als "Kanonenfutter" eingesetzt werden.
Likely · Within months
Niger wird seine Abhängigkeit vom russischen Afrika-Korps nicht verringern können, solange die islamistische Bedrohung hoch bleibt und keine effektive Alternative vorhanden ist.
Likely · Within months
Open Questions
- Wie lange wird das russische Afrika-Korps in Niger bleiben können?
- Wird es zu weiteren internen Meutereien in der nigrischen Armee kommen?
- Kann Russland seinen Einfluss im Sahel langfristig halten angesichts der wachsenden Unzufriedenheit?







