Schienenverkehr: „Mangelnde Investitionen, schlechte Planung“: Zugunglück setzt Spaniens Regierung unter Druck
Nach dem schweren Zugunglück bei Toledo mit 69 Toten wächst der Druck auf die Regierung von Pedro Sánchez. Experten kritisieren strukturelle Mängel und unzureichende Instandhaltungsausgaben.
Quick Look
- Bei einem schweren Zugunglück nahe Toledo kamen 69 Menschen ums Leben.
- Experten führen das Unglück auf strukturelle Probleme, mangelnde Instandhaltungsinvestitionen und menschliches Versagen nach einem Systemausfall zurück.
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Why It Matters
Spanien investierte 2022 pro Kilometer Schienennetz deutlich weniger in die Instandhaltung als der EU-Durchschnitt. Die Liberalisierung des Marktes führte zu einem starken Anstieg der Passagierzahlen.
Der Unfall bei Toledo bringt Ministerpräsident Pedro Sánchez in Erklärungsnot. Experten kritisieren mangelnde Investitionen in die Instandhaltung der Infrastruktur.
Beim Unglück bei Toledo fiel das Zugsicherheitssystem LZB auf einem Streckenabschnitt aus. Danach wies die Leitstelle einen Zug aus ungeklärten Gründen zur Weiterfahrt an – alles deutet auf einen menschlichen Fehler hin.
Experten kritisieren strukturelle Probleme in Spaniens Bahnnetz, darunter mangelhafte Investitionen, schlechte Planung und Misswirtschaft über mehrere Jahre.
2025 fuhren 44,5 Millionen Menschen mit Hochgeschwindigkeitszügen, doppelt so viele wie 2019. Zugleich häufen sich Verspätungen und Ausfälle.
Spanien investierte 2022 für die Instandhaltung seines Schienennetzes mit 95.860 Euro pro Kilometer weniger als der EU-Durchschnitt von 191.090 Euro.
Madrid. Das Zugunglück bei Toledo, das bislang 69 Menschenleben kostete, sorgt für Entsetzen. Bei der Suche nach den Ursachen für das zweite tragische Zugunglück in Spanien in diesem Jahr verweisen Experten auf unzureichende Investitionen in die Instandhaltung der Infrastruktur.
„Mich macht der Unfall fassungslos. Die Hochgeschwindigkeitszüge waren jahrelang der Stolz Spaniens“, sagt Raymond Torres, Chef für Konjunkturanalyse bei der Stiftung spanischer Sparkassen, Funcas, dem Handelsblatt. „Aber zwei große Unfälle hintereinander deuten darauf hin, dass es ein strukturelles Problem gibt.“
Noch deutlicher wird in der spanischen Zeitung El País Salvador García-Ayllón, Professor für Verkehrstechnik und Verkehrsinfrastruktur an der Polytechnischen Universität Cartagena (UPCT). Er kritisiert „mangelnde Investitionen, schlechte Planung und Misswirtschaft im System über mehrere Jahre hinweg“.
Spaniens Premier Pedro Sánchez erklärte am Mittwoch am Unfallort: „Für ein Land wie Spanien ist es nicht hinnehmbar, innerhalb eines Jahres zwei Unfälle mit Hochgeschwindigkeitszügen zu erleiden, wie es bei uns der Fall war.“
Am heutigen Donnerstag streiken die Lokführer des staatlichen Bahnbetreibers Renfe wegen Sicherheitsbedenken. Der Streik war bereits vor dem Unfall angekündigt.
Anfang des Jahres kamen auf derselben Strecke von Madrid nach Sevilla 46 Menschen ums Leben, als ein Hochgeschwindigkeitszug des italienischen Betreibers Iryo entgleist und mit einem entgegenkommenden Schnellzug des spanischen Betreibers AVE zusammengestoßen war. Ursache war nach bisherigem Stand ein Bruch in der Schweißnaht von zwei Schienenteilen.
Bei der aktuellen Katastrophe nahe Toledo, rund 100 Kilometer südlich von Madrid, ist das Zugsicherheitssystem LZB für einen Streckenteil ausgefallen. Sechs Züge wurden daraufhin automatisch angehalten.
Die Leitstelle, die nach dem Systemausfall die Koordination der Züge übernahm, wies aus bislang ungeklärten Gründen einen AVE an, weiterzufahren, obwohl vor ihm auf der Strecke noch ein Iryo stand. Alles deutet auf einen menschlichen Fehler hin – der allerdings erst durch den Systemausfall möglich wurde.
Das in Deutschland entwickelte LZB (Abkürzung für Linienzugbeeinflussung) gilt als sicher, ist aber ein Auslaufmodell. Der spanische Transportminister Óscar Puente erklärte, das LZB „wird derzeit erneuert“. Es soll durch ein moderneres System ersetzt werden.
Sánchez kündigte an, dass eine Regierungskommission für Eisenbahnunfälle nun untersucht, wie es zu dem Unfall kam. Die Frage nach möglichen Versäumnissen bei der Instandhaltung der Systeme und der Organisation der menschlichen Überwachung steht nun im Raum.
Das spanische Schienennetz galt bis vor einigen Jahren als eines der besten weltweit – schnell, sicher und extrem zuverlässig: Die erste Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge war just die von Madrid nach Sevilla, die 1992 eingeweiht wurde. Bis zum Jahr 2016 erhielten Passagiere bei einer Verspätung von fünf Minuten den kompletten Fahrpreis erstattet.
Durch den zunehmenden Netzausbau und vor allem durch die Liberalisierung des Hochgeschwindigkeitsverkehrs ab Ende 2020 ist die Zahl der Züge und Passagiere auf den Strecken aber deutlich gestiegen. Verspätungen und Zugausfälle häufen sich.
Im vergangenen Jahr reisten nach Angaben der spanischen Wettbewerbs- und Regulierungsbehörde CNMC 44,5 Millionen Menschen in Spanien in Hochgeschwindigkeitszügen – doppelt so viel wie im Jahr 2019.
Die Liberalisierung sei grundsätzlich zwar positiv gewesen, heißt es in einer Funcas-Studie zur spanischen Infrastruktur. Sie habe aber „die bereits bestehenden betrieblichen und finanziellen Probleme der spanischen Eisenbahn noch verschärft“. Die Studie bemängelt „gravierende Probleme hinsichtlich der Alterung (...) der Anlagen“ in den Bereichen Verkehr, Energie, Wasser und Digitalem.
Zum Verkehrsnetz heißt es dort, Entscheidungen würden zunehmend politisiert, „wodurch die Rolle der Fachleute in den Hintergrund gedrängt wird“. Das führe dazu, dass etwa der prestigeträchtige Hochgeschwindigkeitsverkehr bei Investitionen gegenüber denen für die Instandhaltung der Infrastruktur oder für den Güterverkehr bevorzugt würden.
Zahlen der EU-Kommission zeigen, dass Spanien weniger für die Instandhaltung seines Schienennetzes ausgibt als andere Länder. Im Jahr 2022 investierte Madrid für die Instandhaltung jedes Kilometers seines Schienennetzes 95.860 Euro, im EU-Schnitt war es fast doppelt so viel – 191.090 Euro.
Die beiden Zugkatastrophen in Spanien fallen in eine Zeit, in der die spanische Wirtschaft seit Jahren stärker wächst als die europäische – und die Staatskasse entsprechend gut gefüllt sein könnte. Nach der Pandemie hat das Land zudem 163 Milliarden Euro aus EU-Wiederaufbaufonds zur Verfügung gestellt bekommen.
„Die Mittel waren für den digitalen und grünen Wandel gedacht – das ist im Grunde auch der richtige Ansatz“, sagt Funcas-Konjunkturchef Torres. „Die Instandhaltung der bestehenden Infrastruktur ist zwar wesentlich weniger attraktiv, aber das Geld wäre da womöglich effizienter angelegt gewesen.“
Der neuerliche Unfall mit so vielen Toten erschüttert das Vertrauen der Spanier in ihre Züge. Eine der großen Anwaltskanzleien des Landes, die ihren Mitarbeitern bei Reisen bislang die Nutzung von Zügen vorschrieb, hat nach Informationen des Handelsblatts diese Regel am Mittwoch aufgehoben und erlaubt nun Flüge. Andere große Unternehmen erwägen nach Informationen aus Konzernkreisen sogar, ihren Beschäftigten die Nutzung der Züge vorerst zu verbieten.
Die Unsicherheit platzt mitten in den spanischen Vorwahlkampf. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hat für Ende November Neuwahlen angekündigt, nachdem zwei Gesetzdekrete zur Linderung des akuten Wohnungsmangels in Spanien keine Mehrheit im Parlament gefunden hatten.
„Nach dem Unglück wird nichts mehr so sein wie zuvor“, zitiert die Zeitung „El País“ aus Kreisen führender Mitglieder aller Parteien. Bis auf die rechtspopulistische Vox haben alle Parteien für die angesetzte dreitägige Staatstrauer sämtliche Veranstaltungen abgesagt. Der Unfall belastet vor allem die sozialistische Regierung, die hauptverantwortlich für das Eisenbahnnetz ist.
Eine mit Vox verbundene Gewerkschaft hatte bereits am Mittwochabend zu Demonstrationen vor dem Verkehrsministerium in Madrid aufgerufen, bei denen es zu Zusammenstößen zwischen den rund 1500 Demonstranten und der Polizei kam.
Die konservative PP, die seit Monaten in den Umfragen führt, hielt sich mit direkter Kritik zwar noch zurück. Auf X veröffentlichte sie aber in großen Lettern „Ya está bien“ (Jetzt reicht es).
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- Warum fiel das Zugsicherheitssystem LZB aus?
- Wer trägt die direkte Verantwortung für die Anweisung zur Weiterfahrt?




