Nach seiner Finalniederlage bei der European Championship zeigt sich der deutsche Darts-Profi Martin Schindler verletzlich und reflektiert über seinen Weg zurück aus einem Leistungstief.
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Martin Schindler hatte im Vorfeld der European Championship mit einer Formkrise zu kämpfen und verpasste unter anderem den World Grand Prix.
Als Ross Smith zum Siegerinterview gebeten wurde, musste sich Martin Schindler wegdrehen. Nicht aus mangelndem Respekt, sondern aus dem Versuch heraus, seine Emotionen noch kontrollieren zu können. Doch in diesem Moment, in dem der Fokus nicht auf ihm lag, brach es aus Schindler heraus. Es waren Tränen der Befreiung und Tränen des Stolzes auf die historisch beste Leistung, die je ein deutscher Dartsprofi bei einem der großen Majorturniere vollbracht hat.
Auch als er dann auf der Bühne in der Dortmunder Westfalenhalle vors Mikrofon gerufen wurde, waren die Tränen noch nicht getrocknet. Mit verheulten Augen und stockender Stimme bilanzierte die deutsche Nummer eins: „Als ich vor zehn Jahren mit dem professionellen Darts angefangen habe, habe ich nichts erwartet. Jetzt war ich in einem Endspiel bei einem Major-Turnier. Ich habe alles getan, um es zu gewinnen. Aber ich bin einfach nur glücklich.“ Nach dem Interview reckte er mehrfach seinen Verliererpokal in die Höhe und verabschiedete sich gebührend von den 7000 Zuschauern, die die Halle bei seinen Spielen in ein Tollhaus verwandelt hatten.
Schindler präsentierte sich an diesem Abend nach der 8:11-Finalniederlage bei der European Championship als guter Verlierer und erinnerte daran, dass sich im Darts auch zweite Plätze gebührend feiern lassen – selbst wenn sie eigentlich wenig wert sind, weil es anders als in den meisten Sportarten keine Silber- oder gar Bronzemedaillen gibt. In der Vita der Stars zählen eigentlich nur Titel.
„Es ist ein großer Meilenstein“, sagte der immer noch emotionale Schindler trotzdem auf der Pressekonferenz. Er erinnerte an die schwierige Zeit in seiner Karriere. „Ich spiele kein gutes Jahr. Ich habe zu viele Spiele verloren, ich habe den World Grand Prix verpasst. Und jetzt habe ich es ins Finale eines verdammten Majors geschafft. Ich bin sehr glücklich darüber. Das ist Darts manchmal. Du hast nicht das Gefühl, dass du das spielst, was du kannst, und dann erreichst du das Finale.“
Tatsächlich konnte deutschen Dartsfans in diesem Jahr teilweise Angst und Bange werden angesichts des Leistungstiefs, in das Schindler gefallen war. Zu Beginn der Saison sorgte ein 0:6 mit einem 65er-Average beim ersten Players-Championship-Turnier für Rätselraten. Auch im Anschluss hagelte es auf Pro Tour und European Tour viele frühe Niederlagen. Immer wieder machten Schindler Ausreißer ins Fünfer-Segment zu schaffen. In der Weltrangliste rutschte er von Platz 13 aus den Top 20. Auch für die inoffizielle Europameisterschaft qualifizierte er sich durch einen Zittersieg im Do-or-die-Duell gegen den Tschechen Karel Sedlacek beim letzten European-Tour-Turnier.
Und dann kam dieses verlängerte Wochenende in Dortmund – und alle Probleme schienen wie weggeblasen. Erste Runde gegen Wessel Nijman, einen der Durchstarter dieses Jahres? Zittrig, aber überstanden. Zweite Runde gegen Jermaine Wattimena? Noch nicht überzeugend, aber doch souverän. Viertelfinale gegen Top-Star Jonny Clayton? Das wohl beste Spiel in Schindlers Major-Karriere. Halbfinale gegen Krzysztof Ratajski? Dominant und ungefährdet. Nur im Finale wurde er dann von Smith, die Nummer eins der Setzliste, gestoppt. Aber auch hier kämpfte Schindler, lag zwischenzeitlich schon 2:8 zurück und hätte das Spiel beinahe noch gedreht.
„Ich musste mich so lange durchkämpfen, um zu sein, wo ich jetzt bin“, sagte Schindler auf der Pressekonferenz noch. Für Schindler ist das vielleicht ein noch größerer Gewinn als die 80.000 Pfund Preisgeld und die sportliche Qualifikation für den Grand Slam im kommenden Monat, die er nun abgehakt hat.
Der 30-Jährige kann sich von seiner weichen Seite zeigen und wird dafür akzeptiert. Noch bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Winter dominierte der Sturkopf Schindler die Schlagzeilen. Der Strausberger war unzufrieden mit der Berichterstattung von Sport1, hatte den Sender dafür mit einem Interviewboykott belegt. Sein Ausscheiden in der dritten Runde ließ sich zumindest in Teilen auch damit erklären, dass er sich unnötig Nebenschauplätze aufgemacht hatte.
„Ich rede da für viele Männer: Wir sind verletzlich“
Nun zeigte er sich deutlich nahbarer. Schon nach dem Auftaktsieg gegen Nijman hatte Schindler erstaunlich offen vom Kampf gegen seine Selbstzweifel berichtet. „Ich spiele aktuell nur gegen mich, und es nervt“, sagte Schindler auf der Pressekonferenz am Freitag. „Es ist einfach eine lästige Situation, immer zu wissen, dass der einzige Legostein, der da im Weg steht, ist man selbst. Und der Legostein ist nicht ein Legostein, der ist eine ganz große Mauer.“
Er habe mit einem Mentalcoach gearbeitet und dabei eine Erkenntnis gewonnen, die weit über die richtige Technik am Oche oder die richtigen Gedanken auf der Bühne hinausgeht. „Es tut gut, über schlechte Erfahrungen, über schlechte Gefühle, über schlechte Erlebnisse zu reden. Und ich glaube, ich rede da auch gerade für viele Männer, dass das wirklich guttut, zuzugeben: Wir sind verletzlich, es kann uns mal schlecht gehen“, sagte Schindler. Auch nach dem Finale betonte er noch einmal: „In diesem Jahr war ich viel und häufig am Zweifeln. Gerade Denise und ihre Art haben mich sehr beflügelt. Sie hat mich auf ihrem Rücken getragen.“
Er sollte sich diese Offenheit behalten, denn genau durch solche sympathischen Einblicke zieht man die Fans auf seine Seite, auch wenn es mal nicht so läuft. Die Erwartungen aus Deutschland dürften jedenfalls kaum kleiner werden. Deutschland sucht immer noch den Darts-Superstar, einen wie Luke Littler, der Chancen hat, die großen Turniere in Serie zu gewinnen.
Es ist die letzte Ausbaustufe, die dem boomenden Sport hierzulande noch fehlt. Ein deutscher Sieg bei einem Majorturnier hätte sie schon zünden können. Vielleicht wäre mit Blick auf die Mitgliederzahlen und Umsätze in der Branche schon bald von einem kleinen Martin-Schindler-Effekt die Rede gewesen. Noch müssen sich alle gedulden. Geht es sportlich und menschlich bei Schindler aber so weiter wie in Dortmund, scheint ein großer Titel nur eine Frage der Zeit zu sein.
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Teilnahme am Grand Slam im kommenden Monat.
Very likely · Within weeks

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