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Selbst im Moment der Krönung ist Zverevs Ruf umstritten
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Die Welt4 hours agoSports5 min readGermanyView translation

Selbst im Moment der Krönung ist Zverevs Ruf umstritten

Jannik Sinner fällt verletzt aus, Carlos Alcaraz ist zu weit weg: Alexander Zverev steht vor dem Sprung an die Spitze der Weltrangliste. Es ist die Erfüllung eines Traums, aber sein Image ist belastet.

Quick Look

  • Alexander Zverev steht kurz davor, als erster Deutscher seit 35 Jahren die Nummer eins der Tennis-Weltrangliste zu werden.
  • Nach Jannik Sinners Saisonaus und Konkurrenzschwächen ist der Thronwechsel nur noch eine Frage von Wochen.

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Why It Matters

Boris Becker war 1991 der erste Deutsche an der Spitze der Tennis-Weltrangliste. Alexander Zverev steht nun kurz davor, als Nachfolger diese Position zu übernehmen.

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Montag, 28. Januar 1991: Der grinsende Boris Becker ziert die Titelseite der „Bild“-Zeitung. Auf seinen Kopf ist eine Krone montiert. Am Tag zuvor hatte Becker den großen Ivan Lendl im Finale bezwungen, obwohl sein Rücken zwischenzeitlich gestreikt hatte. Fünfter Grand-Slam-Erfolg, erstmals Nummer eins der Tennis-Weltrangliste. Ein neuer König ist geboren. „Boris I. König von Tennissanien“, titelt die „Bild“.

Ein Montag im November: Machtübergabe in Tennissanien. Jannik I. verlässt den Thron, sein Körper zwingt ihn, das Amt erst einmal ruhen zu lassen. Erstmals nach 35 Jahren steht wieder ein Deutscher als Nachfolger bereit. Es wird Zeit für König Sascha I. Dass Alexander Zverev die neue Nummer eins der Weltrangliste wird, steht seit dem vergangenen Dienstag fest. Jannik Sinner hatte per Videobotschaft sein Saisonaus verkündet, er müsse angesichts seiner komplizierten Knieprobleme an seine „Langzeitkarriere“ denken.

Sinner verliert bei den verbleibenden vier Turnieren in diesem Jahr 3050 Punkte, Zverev hat im selben Zeitraum nur 980 Zähler zu verteidigen. Es ist bei aktuell 1280 Punkten Rückstand einfache Mathematik, dass Zverev den schlaksigen Italiener früher oder später überholen wird, egal wie grausig der Hamburger bis Saisonende auch spielen mag. Die Verfolger, Ex-König Carlos Alcaraz und der US-amerikanische Emporkömmling Ben Shelton, sind zu weit weg, um Zverev noch in diesem Jahr gefährlich werden zu können. Die Frage ist jetzt nur noch, wann der 29-jährige Deutsche den Platz an der Sonne übernimmt.

Frühester Termin ist der 2. November, der Tag nach dem ATP-Turnier in Wien. Dafür bräuchte Zverev beim aktuell laufenden Masters in Shanghai, bei dem er sein Auftaktmatch gegen den Chinesen Wu Yibing 6:4, 7:6 (7:4) gewonnen hat, einen Titel und in Österreich ein Halbfinale – oder den Finaleinzug in China und den Titel in Wien. Nur diese zwei Kombinationen führen zur frühen Übernahme. Ansonsten müsste sich Zverev bis zum Turnier in Paris oder den ATP-Finals in Turin ab dem 12. November gedulden. Spätestens dann wird Zverev aber König der Tenniswelt sein.

Zverevs Image ist immer noch belastet

Es wird eine andere Regentschaft als unter Becker. „Bobbele“ lag das deutsche Volk in dessen Hochzeit zu Füßen. Bei Zverev mischt sich in gerechter Anerkennung für seine sportlichen Erfolge immer noch eine gewisse Distanz. Sie hat sich über Jahre aufgebaut. Sportlich durch rüpelhaftes Verhalten, das in einer Schlägerattacke in Richtung Schiedsrichterstuhl seinen negativsten Erguss fand (Acapulco 2022). Oder zuletzt durch sein intensives Ballgeticke vor jedem Aufschlag, das Gegner und Experten entnervte. Allein in den ersten fünf Spielen auf dem Weg zu seinem US-Open-Sieg habe Zverev den Ball laut ESPN-Statistik mehr als 12.000-mal aufspringen lassen.

Und dann sind da noch die Vorwürfe aus Zverevs Privatleben. Zwei Ex-Freundinnen warfen ihm häusliche Gewalt vor, vor Gericht endete die Angelegenheit mit Geldauflage, aber ausdrücklich ohne Schuldspruch. Dennoch kocht das Thema immer wieder hoch – wie nach dem French-Open-Sieg im Sommer, als er nach Fragen zu dem Thema ein Interview mit der französischen Zeitung „L’Équipe“ abgebrochen haben soll. Zverevs Image ist belastet.

Mit dem Ruf ist das bei Zverev auch vor der anstehenden Wachablösung so eine Sache. Kritiker sehen in ihm einen Lückenfüller, der nur deshalb ganz vorn stehen wird, weil Alcaraz mit einer Handgelenksverletzung in diesem Jahr fast fünf Monate raus war – und Sinner seit seinem Wimbledon-Sieg Mitte Juli kein Spiel mehr bestritten hat. Wäre einer von beiden oder wären gar beide fit geblieben, so die Argumentation, wäre Zverev nicht in die Nähe der Nummer eins gekommen.

Es ist eine Erzählung, die Becker in Rage versetzt. „Er kann immer nur den Gegner schlagen, gegen den er auf dem Platz antreten muss. Ich finde es eine bodenlose Frechheit und eine unglaubliche Respektlosigkeit gegenüber seiner Leistung“, sagte er vergangenen Monat im Podcast „Becker Petkovic“.

Es gibt zwei Wahrheiten: Natürlich kann Zverev nichts dafür, dass er sich im vielleicht besten Zustand seiner Karriere befindet, während die Kontrahenten körperlich wegbrechen. Andererseits hat Zverev gegen die absoluten Topspieler – Sinner, Alcaraz und Oldie Novak Djokovic – zuletzt nie gewonnen. Die vergangenen 13 Spiele gegen die drei hat Zverev in Serie verloren – neun davon gegen Sinner. Es gibt also ein gutes statistisches Argument, dass der Deutsche zumindest eine schwächere Nummer eins sein wird, als es die vergangenen waren.

Zverev dürfte das egal sein. „Der Unvollendete“, so der mittlerweile wenig zutreffende Titel einer in diesem Jahr erschienenen Biografie über Zverev, steht nach seinen ersten beiden Grand-Slam-Titeln in diesem Jahr vor der Vollendung seines letzten großen Traums.

Ein Rückblick: Zverev sitzt kurz vor Wimbledon im DeLorean. Nicht im Original aus den „Zurück in die Zukunft“-Filmen, sondern in einem Replika des Entertainers und Influencers Jens „Knossi“ Knossalla. Der hatte schon Größen wie Jürgen Klopp, Joko Winterscheidt oder Elyas M’Barek in seinem Auto zu Gast. Nun quetschen sich Zverevs 1,98 Meter in den eher für 1,80 Meter gemachten DeLorean. Der Kopf stößt nur knapp nicht an die Decke.

„Die Nummer eins der Welt ist das Einzige, was ich noch nicht erreicht habe. Ich war sehr nahe dran. Dann habe ich mich leider verletzt 2022. Das ist das Ziel, was ich noch erreichen möchte“, sagt Zverev in dem Interview, als er nach seinen nächsten Träumen gefragt wird. Er spielt auf das Halbfinale bei den French Open in jenem Jahr an. Hätte er das Turnier gewonnen, wäre er schon damals zur Nummer eins geworden. Zverev aber knickte im Halbfinale gegen Rafael Nadal böse um. In den Schmerzensschreien verlor sich die Hoffnung auf den Thron, für Monate konnte er nicht im Entferntesten daran denken.

Die Schreckensbilanz der Spieler aus den 1990ern

Statt ihm übernahm der Russe Daniil Medwedew den Spitzenplatz. Womit wir beim nächsten Bedeutungsstrang von Zverevs Aufstieg zur Nummer eins wären. Der Deutsche schwingt sich zum Retter einer verlorenen Generation auf. Die 1990er-Jahre haben einige gute Tennisspieler hervorgebracht. Neben Zverev und Medwedew vor allem noch Dominic Thiem, Casper Ruud, Stefanos Tsitsipas und Taylor Fritz. Außer Medwedew hat es aber noch keiner nach ganz oben geschafft. Überhaupt stehen nur vier Grand-Slam-Erfolge (Zverev 2, Medwedew 1, Thiem 1) zu Buche. Die 1980er liegen in dieser Statistik, angeführt von den „Big Three“ Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal, bei 80 Titeln, die 2000er kommen durch die „New Big Two“ Alcaraz und Sinner schon auf zwölf.

Zverev stand stellvertretend immer auch für eine Generation zwischen zwei Ären purer Dominanz, die selbst kaum etwas vom Kuchen abbekam. Gerade rechtzeitig ändert sich das für ihn jetzt. „Mit 29 weiß man nicht so richtig, wie viele Chancen noch kommen“, sagte Zverev in Knossallas DeLorean. Damals sprach er über den Druck, Roland Garros als Favorit im Finale gegen den Italiener Flavio Cobolli gewinnen zu müssen. Die Aussage lässt sich aber 1:1 auf den Status als Nummer eins übertragen. Zverev hat seine vielleicht letzte Chance genutzt, bevor Sinner und Alcaraz wieder uneinholbar werden.

Die Gratulation von höchster Stelle gab es bereits. „Glückwunsch Sascha“, schrieb Becker auf X zu einem Post, in dem Zverev als 30. Nummer eins im Männertennis angekündigt wird. Es ist alles bereitet für die Krönung. Nur Zverev selbst will davon noch nichts wissen.

„Es ist im Moment ein Gesprächsthema für alle. Das Einzige, was ich kontrollieren kann, ist, was ich auf dem Tennisplatz leiste“, sagte Zverev vor dem Turnierbeginn in Shanghai. Sascha I. übt sich in Zurückhaltung.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Alexander Zverev wird spätestens bei den ATP-Finals in Turin die Nummer eins der Weltrangliste.

    Very likely · Within weeks

Open Questions

  • Bei welchem Turnier übernimmt Zverev exakt die Weltranglistenführung?
  • Wie lange kann Zverev den Platz an der Sonne verteidigen?

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This article was originally published by Die Welt.

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