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Back|„So reiben wir Lehrkräfte auf“
„So reiben wir Lehrkräfte auf“
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Die Welt·2 days ago·Education·6 min read·🇩🇪Germany·

„So reiben wir Lehrkräfte auf“

Streit um Kürzungen bei Schulbegleitungen in Hamburg: Eine anonyme Sonderpädagogin schildert die Realität an Schulen, Überlastung und die Folgen für Kinder.

Quick Look

  • Kurz vor den Sommerferien eskalierte in Hamburg der Streit um Kürzungen bei Schulbegleitungen für Kinder mit Förderbedarf.
  • Eine anonyme Sonderpädagogin schildert im O-Ton die massiven Belastungen für Lehrkräfte, die Folgen für betroffene Schüler und die Problematik komplexer Widerspruchsverfahren.

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In Hamburg eskalierte der Streit um Kürzungen bei Schulbegleitungen, da die Ausgaben von 6,8 Millionen auf 44 Millionen Euro gestiegen waren.

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Kurz vor Beginn der Sommerferien eskalierte in Hamburg der Streit um Kürzungen bei den Schulbegleitungen für Kinder mit Einschränkungen und Förderbedarfen. Die Behörde begründet das Vorgehen mit der Entwicklung der vergangenen Jahre. Die Ausgaben für Schulbegleitungen hatten sich von 6,8 Millionen auf nun 44 Millionen Euro um ein Vielfaches gesteigert.

In mehreren Ländern und Kommunen wird inzwischen über dieselbe Grundfrage gestritten: Warum steigen Fallzahlen und Kosten der Schulbegleitung so stark, und lässt sich die Hilfe stärker bündeln, ohne den individuellen Unterstützungsbedarf von Kindern zu verfehlen? Im folgenden Text schildert eine Lehrerin, was ihr in der Diskussion zu kurz kommt. Sie ist Sonderpädagogin an einer Stadtteilschule in einer durchschnittlichen Hamburger Wohngegend und zuständig für die Antragstellungen von Schulbegleitungen. Sie möchte anonym bleiben. Lesen Sie hier den O-Ton.

Ich liebe meinen Beruf

Die Wahrscheinlichkeit, als Lehrerin in einen Burn-out zu schlittern, ist bei diesem Beruf sehr groß. Trotzdem liebe ich meinen Beruf. Weil ich weiß: Die meisten Schüler kommen eigentlich ganz gern in unsere Schule. Die wenigsten würden das so sagen. Aber ich sehe es ja: Sie schwänzen nicht, sie machen nicht krank, sie kommen her, weil sie hier ihre Freunde treffen und Menschen, die es gut mit ihnen meinen. Ich sage das so, weil Schule für erschreckend viele Kinder eine Art Ersatzfamilie ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Es ist richtig, dass die Stadt Sorge trägt, die Mittel für Schulbegleitungen dort einzusetzen, wo sie gebraucht werden, und darauf achtet, dass sie nicht aus dem Ruder laufen. Dabei wird aber völlig verkannt, mit welchen Realitäten wir es zu tun haben. Mein Dienstplan sieht zum Beispiel eine Arbeitszeit von 46 Stunden pro voraus, mit einem Nettogehalt von 3900 Euro ist das gut. Da ich aber im Schnitt 55 Stunden pro Woche arbeite, würde ich in der freien Wirtschaft mit meinem Einsatz mehr Geld verdienen und hätte zudem eine weitaus gesündere Work-Life-Balance, noch dazu bessere Aufstiegschancen. Das Pensum, das ich fahre, ist hart.

Aber ich weiß: Wenn ich Dinge liegen lasse, trifft das Kinder, die sowohl in der Gen- als auch in der gesellschaftlichen Klassen-Lotterie weniger Glück hatten.

Meine Überstunden nehme ich in Kauf, um meinen Unterricht gut vorzubereiten und ein offenes Ohr für die Probleme meiner Kollegen zu haben. Und das oft, ohne zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Mir geht es ebenso wie anderen Angestellten: Nichts demotiviert einen mehr, als wenn der Laden trotz guter Arbeit nicht läuft. In meinem Fall bemisst sich dies am Lernfortschritt der Schüler. Geht es da nicht voran, stresst mich das mehr, als wenn ich in meiner Freizeit guten Unterricht vorbereite. Gut heißt, den Stoff so aufzubereiten, dass es die Schüler auf mindestens drei unterschiedlichen Lernlevels abholt.

Es reicht nicht, etwa der Hälfte der Kinder zur Differenzierung, egal ob sie besonders schwach oder stark sind, einen Haufen Schwarz-Weiß-Kopien hinzulegen. Das tun aber viele. Warum, das erkläre ich später.

„Zieh dich aus“

Es ist nicht so, dass sie immer dümmer werden, aber der frühe und unbeaufsichtigte Smartphone- und Social-Media-Konsum führt dazu, dass ihre Aufmerksamkeitsspanne sinkt. Zudem gibt es mehr Schüler, die psychisch vorbelastet sind. Ich bin mir nicht sicher, ob es sie früher auch schon in der Menge gab und es die gesteigerte Awareness ist, die sie heute sichtbar werden lässt. Was aber klar ist: Schule muss heute viel mehr auffangen, was im Elternhaus nicht stattfindet. Nehmen wir beispielsweise die Klasse eines sechsten Jahrgangs: 17 von 23 Kindern haben eine Migrationsgeschichte, zwei sind geflüchtet. Die Eltern des einen sind Professoren, die des anderen Analphabeten.

Zwei Kinder haben Förderbedarf, das eine hat eine frühkindliche Form von Autismus. Es braucht jemanden, der aufpasst, dass es anderen nicht zu nahekommt, aber auch, dass es nicht tut, was andere ihm sagen. „Geh rüber zu ihm und frag ihn, warum er so fett ist“ oder „Zieh dich aus“ – wenn jemand das zu ihm sagt, würde es das tun. Ein anderes Kind ist mehrfachbehindert, sitzt im Rollstuhl und braucht Hilfe, um überhaupt zur richtigen Zeit im richtigen Raum zu sein und seine Materialien parat zu haben. Für diese beiden Kinder liegt eine behördliche Diagnose vor, das heißt für sie ist ein zusätzlicher Sonderpädagoge vor Ort, der sie unterstützt.

Das klingt so, als wäre für diese Schüler immer ein Kollege da. Tatsächlich ist es so, dass diesen Kindern einzelne Stunden zugeteilt werden.

Ich habe allerdings auch Kinder in der Klasse, bei denen ebenso ein Förderbedarf vorliegt, allerdings ohne schulbehördliche Diagnose. Manchmal gibt es nur eine ärztliche. Das heißt, die Schule kann keinen Förderbedarf geltend machen. Außerdem gibt es solche, die weder das eine noch das andere haben. Wir nennen diese Kinder „U-Boote“: Sie bräuchten auch Unterstützung, bekommen sie auch, müssen aber im regulären Unterricht ohne zusätzliche Ressource mitversorgt werden.

Der Grund: Ein Förderstatus kann nur während der Grundschulzeit diagnostiziert werden. Wenn die Grundschule oder die Eltern das verpasst haben, muss dieses Kind ohne Unterstützung zurechtkommen – und wir ohne zusätzliche Personalressourcen. Für verhaltensauffällige Kinder können wir als weiterführende Schule ebenso eine Diagnose stellen. Da wir für das Kind aber so oder so keine zusätzlichen Ressourcen bewilligt bekommen, macht das für die Schulen keinen Sinn, sondern nur mehr Verwaltungsarbeit.

Ich glaube, diese „Sieh zu, wie du das hinkriegst“-Haltung seitens der Politik ist das eigentliche Problem. Sie führt dazu, dass die Bereitschaft unter den Kollegen, noch mehr zu wuppen, gegen Null geht.

Ich schätze, dass Lehrkräfte deshalb auch in nicht gerechtfertigten Fällen schnell nach jeder Form von Unterstützung rufen. Man nimmt einfach jede Hilfe, die man bekommen kann.

Denn zu diesen eindeutigen Förderkandidaten kommt ungefähr noch einmal die gleiche Anzahl Kinder hinzu, die eine sozial-emotionale Entwicklungsstörung haben. In einer Klasse, in der ich viel unterrichte, gibt es zwei, die selbst- und fremdgefährdend sind. Zwei andere haben eine Impulskontrollstörung, das heißt, sie fühlen sich schnell getriggert durch irgendwas und geraten schnell mit anderen aneinander. Da hilft es enorm, diesen Schülern anzubieten rauszugehen, ein paar Körbe auf dem Schulhof zu werfen und zurückzukommen, wenn sie sich beruhigt haben. Das hilft ungemein! Und das braucht eben Zeit. Oft sind es hier Schulbegleiter. Sie können mit dem Schüler mitgehen, da ich die Klasse beaufsichtigen muss. Bin ich allein im Klassenraum, sind es genau solche Situationen, die den Unterricht sprengen. Darunter leiden alle Schüler.

Wenn eine Klasse mit einer Lehrkraft, einem Sonderpädagogen und, sagen wir mal, einem Schulbegleiter ein eingespieltes Team bildet, können wir mit dieser sehr herausfordernden Schülerschaft guten Unterricht machen. Das funktioniert. Und das ist eine enorme Leistung! Weil wir all diesen Kindern, so schwierig sie sind, Teilhabe ermöglichen. Sie wachsen mit anderen, auch bildungsstärkeren Kindern auf, schließen Freundschaften und haben somit eine viel größere Chance, etwas aus ihrem Leben zu machen. Wobei bildungsnahe Schüler nicht automatisch sozialer sind als bildungsferne, auch das ist ein Trugschluss. Schwierig wird es, wenn eine Person in diesem Zusammenspiel wegfällt oder sich nicht verantwortlich fühlt.

Sobald es schwierig wird, soll eine Schulbegleitung her

Guter Unterricht ist automatisch auch inklusiver Unterricht. Es gibt ältere Kollegen, die haben keine Fortbildung absolviert und machen seit jeher inklusiven Unterricht, bevor es dafür einen Namen gab. Wie in jedem anderen Betrieb auch gibt es Kollegen, die weniger guten Unterricht machen. Hier könnte man vieles besser machen, wenn es eine bessere Inspektion der schulinternen Konzepte und zu deren praktischer Umsetzung gäbe. Etwa vorgefertigte Unterrichtsmaterialien mit unterschiedlichen Lernstufen, die die Kollegen leicht abrufen könnten. Manche kommen zu mir und sagen: „Schüler Soundso braucht dringend eine Begleitung.“ Ich schaue, ob Kollegen ihren Unterricht differenziert aufbauen, ob es für alle Lernangebote gibt, die ihnen Teilhabe ermöglichen, und stelle fest: Da fehlt was.

Hinzu kommt eine Art Gewöhnungseffekt: Sobald es schwierig wird und Lehrkräfte in herausfordernde Situationen geraten, ruft gleich jemand: „Hier braucht es eine Schulbegleitung!“ Das kann nicht sein. Als Lehrer muss ich die Bereitschaft mitbringen, mich auch auf schwierige Persönlichkeiten einzulassen. Ich vermute, dass die massive Zunahme von Anträgen außerdem mit einem anderen Punkt zusammenhängt. Es scheint sich herumgesprochen zu haben, was man in so einen Antrag reinschreiben muss, damit er größere Aussicht auf Erfolg hat.

Wenn ich Schulsenatorin wäre und ausufernden Kosten einen Riegel vorschieben wollte, würde ich dafür sorgen, dass es klare Kriterien gibt, wann eine Schulbegleitung gerechtfertigt ist. Die gibt es, aber in Wahrheit ist es so, dass niemand so recht weiß, wann sie erfüllt sind und wann nicht. Aktuell heißt es: Voraussetzungen nicht erfüllt, weil kein Geld da ist. So steht es nirgendwo schwarz auf weiß, aber so wird es von allen interpretiert. Obwohl da jemand sitzt, der die Voraussetzungen sehr wohl erfüllt. Es darf allerdings auch nicht sein, dass einzelne Lehrkräfte Schülerinnen oder Schüler aus Überforderung als absolute Ausnahmefälle beschreiben, die Kriterien aber nicht erfüllt sind.

Denn: Schulbegleiter ersetzen zwar keine Lehrkraft, sie assistieren ihnen. Fakt ist aber: Nicht selten ist es genau diese Unterstützung, die dafür sorgt, dass die Lehrkraft überhaupt normalen Unterricht machen kann.

Schulbegleitungen entlasten die extrem auf Kante genähten Personalressourcen im System Schule. Jetzt fällt dieser Puzzlestein mit den Kürzungen der Schulbegleitungen weg, hinzu kommt, dass Lehrkräfte ab diesem Schuljahr eine Wochenstunde mehr arbeiten müssen. So reiben wir Lehrkräfte auf.

Der Unterricht muss bewältigbar sein. Ist er es nicht, geben die Leute auf. Die Folge ist: schlechter Unterricht und Leistungsabfall bei den Schülern. Dabei machen wir in Hamburg so vieles richtig! Nicht ohne Grund rangieren wir auf Platz 3 des bundesweiten Rankings.

Eine Alleinerziehende mit zwei Kindern und zwei Jobs legt keinen Widerspruch ein

Die Mittel für Schulbegleitungen sollen effektiver eingesetzt werden, heißt es aufseiten der Behörde. Seit der Kürzung ist nun das Gegenteil der Fall: Legten Eltern Widerspruch gegen die im Sommer ausgesprochene Kürzung ein, wird diesem in den meisten Fällen stattgegeben. Das aktuelle Beantragungsprozedere ist komplexer geworden, man muss noch mehr Nachweise erbringen. Eltern müssen sich umfassend informieren. Wenn man die entscheidenden Daten hat, kann jeder, der ein Smartphone hat, mithilfe von ChatGPT oder Google Translate einen Widerspruch für sein Kind formulieren. Aktuell bekommen jene Kinder eine Begleitung, deren Eltern dazu in der Lage sind.

Eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern mit zwei Jobs, die darüber hinaus schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht hat, ist dazu im Zweifel nicht in der Lage.

Die Folge: Wenn Eltern klagen, ist das gut, weil Kinder so weiterhin Unterstützung bekommen. Allerdings bittet das Gericht in Eilverfahren um Auskünfte seitens der Schule, oder die Behörde stellt Nachfragen. Dann müssen die Lehrkräfte alles stehen und liegen lassen und dem nachkommen. Das ist fatal: Weil einmal mehr Zeit draufgeht. Zeit, die uns in der Arbeit mit den Kindern ja ohnehin fehlt.

Open Questions

  • ?Wie will die Behörde künftig klare Kriterien für Schulbegleitungen definieren?
  • ?Wie soll die Mehrbelastung der Lehrkräfte langfristig ausgeglichen werden?

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Quick Look

  • Kurz vor den Sommerferien eskalierte in Hamburg der Streit um Kürzungen bei Schulbegleitungen für Kinder mit Förderbedarf.
  • Eine anonyme Sonderpädagogin schildert im O-Ton die massiven Belastungen für Lehrkräfte, die Folgen für betroffene Schüler und die Problematik komplexer Widerspruchsverfahren.

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