Sprachalter als Indikator für Hirngesundheit und Demenz
Forscher entwickeln eine „Sprachuhr“, die das biologische Alter anhand von Sprachmerkmalen schätzt und Zusammenhänge mit Demenzerkrankungen aufzeigt.
Quick Look
- Wissenschaftler haben ein Computermodell entwickelt, das anhand von Sprachmerkmalen wie Tempo und Wortwahl das „Sprachalter“ schätzt.
- Höhere Abweichungen korrelieren bei Alzheimer- und Demenzpatienten mit kognitiven Defiziten und biologischen Markern.
AI-generated summary
Why It Matters
Die Studie untersuchte 2928 spanischsprachige Probanden aus fünf lateinamerikanischen Ländern, um Zusammenhänge zwischen Sprachmerkmalen und kognitiver Gesundheit zu identifizieren.
Manchen Menschen hört man gerne zu. Wegen der Art, wie sie bestimmte Worte betonen, welche sie benutzen und nach denen sie eine besonders lange Pause einlegen. Doch ob jemand eine schöne Erzählerstimme hat, scheint weniger interessant als die Erkenntnis, dass sich aus diesen Merkmalen eine Art Sprachalter berechnen lassen könnte.
Das haben Forscher jetzt herausgefunden. Für die im Fachmagazin „Science Advances“ veröffentlichte Untersuchung werteten Forscher Sprachaufnahmen von 2928 spanischsprachigen Menschen aus Argentinien, Chile, Mexiko, Peru und Kolumbien aus. 1504 Teilnehmer waren kognitiv gesund, 1068 hatten eine Alzheimer-Demenz, 332 eine frontotemporale Demenz und 24 eine leichte kognitive Beeinträchtigung.
Die Teilnehmer mussten mehrere Sprachaufgaben absolvieren: eine kurze Geschichte nacherzählen, einen Film beschreiben und innerhalb einer Minute möglichst viele Tiere, Gemüsesorten oder Wörter mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben nennen.
Anschließend analysierten die Forscher mehr als 700 Merkmale der Aufnahmen, wie etwa Sprachtempo und Silbenlänge, Pausen, Tonhöhe, Wortwahl, emotionale Färbung und die Menge der gesprochenen Informationen.
Anhand dieser Merkmale trainierten sie ein Computermodell darauf, das chronologische Alter einer Person zu schätzen. So entstand eine Art „Sprachuhr“. Die Differenz zwischen dem vorhergesagten und dem tatsächlichen Alter nannten sie „Speech Age Gap“. Schätzte das Modell eine Person anhand ihrer Sprache älter ein, als sie tatsächlich war, ergab sich ein höheres Sprachalter. Präzise ist die Schätzung allerdings nicht: Im Schnitt lag das Modell beim Alter rund neun Jahre daneben.
Gesunde Teilnehmer hatten im Durchschnitt die geringsten Abweichungen. Bei Menschen mit Alzheimer oder frontotemporaler Demenz zeigte sich dagegen ein höheres „Sprachalter“. Besonders groß war die Abweichung bei Formen der frontotemporalen Demenz, bei denen Sprache selbst stark betroffen ist.
Das Sprachalter hing zudem mit der geistigen Leistungsfähigkeit zusammen. Je höher das errechnete Sprachalter ausfiel, desto schlechter schnitten die Teilnehmer bei Tests zu Gedächtnis, Aufmerksamkeit und anderen kognitiven Fähigkeiten ab. Bei Alzheimer und bestimmten Formen der frontotemporalen Demenz waren die Zusammenhänge besonders deutlich; am stärksten fielen sie bei Gedächtnisleistungen aus.
Auch biologische Marker spiegelten sich in der Sprache wider. Bei Alzheimer-Patienten ging ein höheres Sprachalter mit höheren Konzentrationen von phosphoryliertem Tau-217 im Blut einher – einem Biomarker, der mit Alzheimer-Veränderungen im Gehirn verbunden ist.
Noch deutlicher war der Zusammenhang mit sogenannten Hirnalterungsuhren. Diese schätzen anhand von MRT-Aufnahmen, ob ein Gehirn biologisch älter oder jünger erscheint als das tatsächliche Lebensalter vermuten lässt. Menschen mit einem höheren Sprachalter hatten auch bei strukturellen und funktionellen Gehirnscans häufiger ein höher geschätztes Hirnalter. Ähnliche, wenn auch schwächere Zusammenhänge fanden die Forscher mit epigenetischen Alterungsmarkern im Blut.
Damit könnte Sprache langfristig zu einem einfachen und kostengünstigen zusätzlichen Marker für die Hirngesundheit werden. Im Gegensatz zu MRT-Untersuchungen oder Bluttests lassen sich Sprachaufnahmen nahezu überall und ohne medizinische Geräte erheben.
Für einen Demenztest reicht die Sprachuhr bislang nicht aus. Die Studie zeigt zunächst nur, dass ein höheres Sprachalter mit kognitiven Leistungen und biologischen Markern zusammenhängt. Ob sich damit auch vorhersagen lässt, wer später eine Demenz entwickelt, lässt sich aus der überwiegend querschnittlichen Untersuchung nicht ableiten. Zudem wurden ausschließlich spanischsprachige Menschen aus fünf lateinamerikanischen Ländern untersucht. Ob das Verfahren in anderen Sprachen und Kulturen ähnlich funktioniert, müssen weitere Studien zeigen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Weitere Studien zur Übertragbarkeit auf andere Sprachen und Kulturen.
Likely · Within months
Open Questions
- Funktioniert das Modell in anderen Sprachen und Kulturen?
- Kann das Sprachalter Demenz frühzeitig vorhersagen?

