Übernahmepoker zwischen BASF und Evonik: Gewerkschaftschef Vassiliadis in heikler Lage
Ein geplantes Treffen in Singapur gerät durch das Übernahmeangebot der BASF für Evonik in den Fokus der Öffentlichkeit.
Quick Look
- Michael Vassiliadis, IGBCE-Chef und RAG-Stiftungs-Kuratoriumsmitglied, trifft in Singapur den Evonik-Interimschef.
- Angesichts des 10,3-Milliarden-Euro-Übernahmeangebots der BASF für Evonik gerät Vassiliadis aufgrund seiner vielfältigen Rollen in Interessenkonflikte.
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Why It Matters
Die RAG-Stiftung hält über 43 Prozent der Anteile an Evonik und finanziert Ewigkeitskosten des Steinkohlebergbaus. BASF hat ein Übernahmeangebot in Höhe von 10,3 Milliarden Euro für Evonik unterbreitet.
In Singapur findet in diesen Tagen ein brisantes Treffen statt. Dabei war es in der Planung eigentlich ganz harmlos. Doch manchmal ändern sich die Umstände. Und so besucht Michael Vassiliadis, der Vorsitzende der Gewerkschaft IGBCE, der im Aufsichtsrat der BASF sitzt und im Kuratorium der RAG-Stiftung, den Interimsvorstandsvorsitzenden von Evonik in Singapur. Dem Spezialchemieunternehmen also, dessen Großaktionärin die RAG-Stiftung ist und das ein Übernahmeangebot von Deutschlands größtem Chemiekonzern, der BASF, bekommen hat.
10,3 Milliarden Euro hat BASF in einem ersten Angebot für den Essener Konkurrenten geboten. Der Vorstand von Evonik hat das Angebot prompt abgelehnt. Doch entscheidend ist vielmehr, wie sich die RAG-Stiftung zu dem Übernahmeinteresse aus Ludwigshafen verhält. Offizielle Gespräche gebe es derzeit nicht, heißt es von allen Beteiligten.
In Singapur wird es allerdings praktisch unmöglich sein, das Thema auszuklammern. Mitgereist in der Delegation sind nach Informationen der F.A.Z. ein weiteres Aufsichtsratsmitglied von Evonik und der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats der BASF. Die Gewerkschaft IGBCE macht jedes Jahr eine Reise mit leitenden Betriebsräten von Chemie- und Industriekonzernen wie Bayer, Clariant, Covestro oder Lanxess. Oder eben Evonik und BASF.
Als die Reise geplant wurde, war die Übernahme – zumindest öffentlich – noch kein Thema. Auch wollten die IGBCE-Vertreter bloß den Asienchef von Evonik treffen, Claus Rettig. Doch ist der inzwischen vertretungsweise zum Vorstandsvorsitzenden von Evonik aufgestiegen, weil der langjährige Chef Christian Kullmann aufgrund einer Operation mindestens bis zum Jahresende ausfällt. Aus Kreisen der IGBCE ist die Reise auf Anfrage bestätigt worden, allerdings auch mit dem Hinweis auf die lange Planungsphase.
Für Vassiliadis ist das trotzdem heikel. Denn der dienstälteste Vorsitzende einer deutschen Gewerkschaft hat in dem Übernahmepoker gleich mehrere Hüte auf. Im Aufsichtsrat der BASF hat sich der 62 Jahre alte Gewerkschafter schon als „conflicted“ gemeldet, wird in die Entscheidungsprozesse also künftig nicht mehr eingebunden. Das liegt daran, dass Vassiliadis auch den stellvertretenden Vorsitz im Kuratorium der RAG-Stiftung innehat, die mit etwas mehr als 43 Prozent der Anteile die Hauptgesellschafterin von Evonik ist.
Nach Informationen der F.A.Z. hat es bislang keine außerordentliche Kuratoriumssitzung gegeben, das nächste turnusmäßige Treffen würde erst Ende November stattfinden. Gut möglich, dass es angesichts des BASF-Angebots schon vorher Gesprächsbedarf gibt, wenngleich der Vorstand rund um Bernd Tönjes die Stiftung operativ steuert.
In Paragraph zwölf der Stiftungssatzung heißt es allerdings: „Die Entscheidung über die Höhe des Beteiligungsvermögens nach § 3 bedarf nach Satzung der RAG-Stiftung der Zustimmung des Kuratoriums.“ Und die Beteiligung an Evonik gehört zu den wichtigsten Vermögenswerten der Stiftung, im vergangenen Jahr flossen der Stiftung 252,5 Millionen Euro an Evonik-Dividende zu.
Satzungszweck der Stiftung ist die Finanzierung der Ewigkeitskosten des Steinkohlebergbaus im Saarland, dem Ruhrgebiet und in Ibbenbüren (Westfalen). Dazu gehören etwa Poldermaßnahmen als Hochwasserschutz und das Abpumpen des Grundwassers aus alten Steinkohleschächten, damit Häuser nicht absacken. Dafür wendete die Stiftung im vergangenen Jahr 309 Millionen Euro auf. Die RAG-Stiftung verwaltet ein Vermögen von rund 16 Milliarden Euro, hat Rückstellungen in Höhe von zehn Milliarden Euro und bislang rund zwei Milliarden Euro für Ewigkeitskosten bezahlt.
Die Zukunft von Evonik ist hochpolitisch, denn das Kuratorium ist mit vielen Amtsträgern besetzt. Die Ministerpräsidenten des Saarlands und Nordrhein-Westfalens gehören genauso zu den Mitgliedern wie der Bundesfinanzminister oder die Bundeswirtschaftsministerin – und der jeweilige Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie, ein Amt, das Vassiliadis schon seit 2009 innehat. Im BASF-Aufsichtsrat sitzt der Gewerkschafter auch schon seit mehr als zwölf Jahren.
Als Vorsitzender der Gewerkschaft muss er naturgemäß die starke Stimme der Beschäftigten in Deutschland sein. Die Zukunft des Chemiestandorts ist bei einer Übernahme dieser Dimension, bei der der größte Konzern den zweitgrößten schlucken will, natürlich ein Thema. Die Investitionen finden aktuell anderswo statt, hierzulande wird höchstens Geld in den Erhalt gesteckt. Sowohl BASF als auch Evonik bauen hierzulande Stellen ab, legen Werke still und legen den Fokus auf andere Märkte. Synergien von Unternehmen bedeuten meistens Einschnitte für Beschäftigte.
Entsprechend äußerte sich Vassiliadis nach Bekanntwerden des Übernahmeinteresses: Ein Kauf eines erfolgreichen Unternehmens durch ein anderes werde für Standorte und Beschäftigte nicht allein dadurch zu einer Zukunftsgeschichte, dass das neue Gebilde größer werde, sagte der Gewerkschafter. Für die Beschäftigten beider Konzerne müsse es Zukunftsperspektiven und Investitionszusagen geben. Richtig kampfeslustig klingt das noch nicht.
Es gibt einige Stimmen, gerade in Nordrhein-Westfalen, die dem mächtigen Gewerkschafter ein weiteres Interesse unterstellen: dass er neben seinen Rollen als Aufsichtsrat und Kuratoriumsmitglied eigentlich schon an seiner eigenen Zukunft arbeite. Und ein Auge geworfen habe auf den Vorstandsvorsitz der RAG-Stiftung.
Solche Gerüchte können freilich auch gesät werden, um dem Gewerkschafter zu schaden. Vassiliadis selbst war für eine Stellungnahme dazu nicht zu erreichen, weil er vor seiner Reise nach Singapur gerade erst in Israel war. Fünfmal hintereinander wurde er an die Spitze der IGBCE gewählt, sein aktuelles Mandat läuft bis 2029. Der Vertrag von Bernd Tönjes, 70, endet 2028.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Kuratoriumssitzung der RAG-Stiftung zur Prüfung des BASF-Angebots
Possible · Within months
Open Questions
- Wird die RAG-Stiftung das Übernahmeangebot der BASF offiziell prüfen?
- Wie positionieren sich die politischen Mitglieder des Kuratoriums?






