
Roboter-Baristas erbitten Trinkgeld, New York zwingt Lieferapps zur Abfrage. Der freiwillige Dank wird in den USA zur Machtfrage und beschäftigt Gerichte – mit Signalwirkung für Deutschland.
In den USA und New York wird Trinkgeld zunehmend zum Politikum und Streitfall an Kassen, Liefer-Apps und Gerichten, während die digitale Bezahlung auch in Deutschland die Trinkgeldkultur verändert.
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In New York und den USA ist das Trinkgeld ein wesentlicher Bestandteil der Entlohnung im Dienstleistungssektor, der zunehmend durch Bildschirme und Gesetze reguliert wird.
Roboter-Barista erbitten Trinkgeld, New York zwingt Lieferapps zur Abfrage. Der freiwillige Dank wird in den USA zur Machtfrage und beschäftigt Gerichte – mit Signalwirkung für Deutschland.
New York. Im Monkey Cup gehört das Analoge zum Konzept: Ein WLAN-Netz bietet das kleine Café nördlich des Central Parks in New York seinen Gästen nicht an. Stattdessen stehen Bücher auf den Ästen eines Regals, das als Baum über die Wand wächst. „Lies ein Buch, lerne jemanden kennen“, rät ein Schild hinter der Theke.
Auch der Milchkaffee ist Handarbeit. Mit Kakaopulver zeichnen die Baristas den Kopf eines Äffchens auf den Schaum – in Anlehnung an den Namen des Cafés. Wer hier einkehrt, bekommt zum Kaffee eine Pause vom Bildschirm.
Doch die Pause endet an der Kasse. Dort dreht sich ein Tablet zum Gast. In der Mitte leuchten drei große Felder: ein Dollar, drei Dollar, fünf Dollar. Gemessen am Spanish Latte, dem Klassiker des Hauses für 6,75 Dollar, reichen die Vorschläge von knapp 15 bis 74 Prozent. „No tip“, also die Option, kein Trinkgeld zu geben, steht auch da. Kleiner. Über den Dank entscheidet der Gast hier nicht mit Kleingeld, sondern mit dem Zeigefinger – direkt vor den Augen des Personals.
Das Trinkgeld war in Amerika lange eine Selbstverständlichkeit. Jetzt ist es ein Politikum. New York zwingt Liefer-Apps neuerdings per Gesetz, ihre Kunden beim Bezahlen nach Trinkgeld zu fragen. Die Dienstleistungsunternehmen Uber und Doordash klagen dagegen. Präsident Donald Trump hat Trinkgeld wiederum steuerlich begünstigt. Und die Kundschaft hadert zunehmend mit Bildschirmen, die an immer mehr Orten nach immer mehr fragen.
„Die Verbraucher spüren den sozialen Druck dieser Aufforderungen und finden, dass sie überhandgenommen haben“, sagt Michael Lynn, Konsumforscher an der Cornell University, der zahlreiche Studien zum Trinkgeld veröffentlicht hat. Noch hätten die vielen Aufforderungen „nicht genug bewirkt, um die Trinkgeldnormen zu verändern“, sagt Lynn.
Die Gäste proben den Aufstand, leise und mit dem Zeigefinger. Denn hinter jeder Taste steht eine Machtfrage: Wer zahlt die Löhne: der Arbeitgeber oder der Gast? Die Antwort darauf fällt je nach Schauplatz anders aus. Ausgetragen wird der Streit an der Kasse, in den Restaurants, in der Politik – und in Deutschland, wo Kartenterminals inzwischen dieselbe Frage stellen.
1. An der Kasse
Im Chelsea Market, einer Markthalle im gleichnamigen New Yorker Trendviertel, arbeitete noch vor kurzer Zeit ein Barista unermüdlich. Jarvis hieß er, ein silberfarbener Roboterarm des Start-ups Artly. Mit ruckartigen Bewegungen zog er Espresso aus einer Maschine und schäumte Milch in einem Silberkännchen auf. Die Kunden bestellten an einem Bildschirm, für einen Cappuccino verlangte Jarvis knapp fünf Dollar – und ein Trinkgeld für seine Dienste.
Solche Abfragen stoßen Konsumforscher Lynn übel auf. Er selbst gebe bei Bestellungen zum Mitnehmen oder an der Theke fast nie Trinkgeld, versicherte er schon vor einigen Jahren. Damit ist er nicht allein. Beim Essen zum Mitnehmen sagen nur etwa 25 Prozent der Verbraucher, dass sie in der Regel etwas geben, sagt Lynn dem Handelsblatt. Üblich sei Trinkgeld erst, „wenn so viele Menschen Trinkgeld geben, dass diejenigen, die es nicht tun, als Abweichler gesehen werden“.
Weil die meisten Amerikaner mit Karte zahlen und kaum noch Scheine in der Tasche haben, fragt an vielen Theken heute ein Terminal statt eines Glases nach Trinkgeld. Der Bildschirm dürfte aber mehr Druck machen als das Glas, schreibt Lynn in seinem Buch „The Psychology of Tipping“.
Im Glas sehe jeder, wie wenig andere hineinwerfen, der Bildschirm dagegen verschweige es. Kunden nähmen daher an, dass die meisten etwas geben. Manche Restaurants beginnen ihre Vorschläge inzwischen sogar bei 20 Prozent, sagt Lynn – ein Satz, der seit Jahrzehnten als Obergrenze des Üblichen gelte. Die Großzügigkeit von gestern ist heute die kleinste Taste.
Bringt the Bildschirm also mehr Trinkgeld? Daten der US-Statistikbehörde zeigen zwar, dass mehr Beschäftigte als vor der Pandemie Trinkgeld erhalten, großzügiger werden die Kunden aber nicht: Bei vorgegebenen Beträgen gibt mehr als jeder Vierte nach eigenen Angaben weniger oder gar nichts. Nur jeder Zehnte gab mehr, wie eine Umfrage des Finanzportals Bankrate zeigt. Das Trinkgeld wird also verbreiteter, nicht höher.
Jarvis hat seine Dienste im Chelsea Market inzwischen eingestellt. An anderen Orten haben die Roboterarme zudem aufgehört, nach Trinkgeld zu fragen. Als Grund nennt Artly das Kundenfeedback. Gleichzeitig habe man „den Filialmitarbeitern eine Lohnerhöhung von 1,50 Dollar pro Stunde gewährt, um die geringeren Trinkgeldeinnahmen auszugleichen“, erklärt das Unternehmen auf LinkedIn. Denn aller Automatisierung zum Trotz: „In jeder Filiale arbeiten echte Menschen.“ Sie reinigen, füllen Bestände nach oder helfen bei Rückerstattungen. Für sie gibt es nun wieder physische Trinkgeldgläser.
2. In der Gastronomie
An der Allen Street in der Lower East Side wirkt das Bezahlen wie aus der Zeit gefallen. Seit 2015 serviert hier das Dirt Candy seine gehobene Gemüseküche an rustikalen Holztischen. Auf den Rechnungen suchen Gäste eines allerdings vergeblich: eine Aufforderung zum Trinkgeld. Was auf der Karte steht, wird bezahlt. Mehr nicht.
„Wir zahlen unseren Mitarbeitern einen existenzsichernden Lohn, der bei 29 Dollar pro Stunde beginnt“, begründet das Restaurant den Schritt. Auch biete man ihnen bezahlten Urlaub und Krankheitstage über das gesetzliche Mindestmaß hinaus sowie eine Krankenversicherung. „Wir sehen keine Notwendigkeit, unsere Gäste zu belügen. Ihr Essen kostet genau das, was auf der Speisekarte steht.“
In den meisten Restaurants der Stadt ist es umgekehrt. Der Mindestlohn liegt in New York City bei 17 Dollar. Wer Gäste bedient, muss vom Wirt aber nur 11,35 Dollar bekommen. Den Rest darf der Arbeitgeber mit dem Trinkgeld verrechnen. Bis zu einem Drittel des Mindestlohns zahlt in New Yorker Restaurants also der Gast. Erst wenn das Trinkgeld nicht reicht, muss der Wirt die Lücke schließen.
Ein Gesetzentwurf im Stadtrat will das ändern. Er sieht vor, die Verrechnung über Jahre auslaufen zu lassen. Die Wirte halten dagegen. „Die Trinkgeldanrechnung abzuschaffen, ist ein Desaster“, sagt Andrew Rigie, Geschäftsführer des Branchenverbands NYC Hospitality Alliance. Es würde „Chaos für Beschäftigte und kleine Betriebe“ verursachen. Zuständig sei ohnehin nicht der Stadtrat, sondern das Parlament des Bundesstaats in Albany.
Rigie verweist auf Orte, die es versucht haben. In Maine schafften die Wähler die Verrechnung 2016 per Volksentscheid ab, ein Jahr später führten Parlament und Gouverneur sie wieder ein. In Washington D.C. stimmten 2022 fast drei Viertel der Wähler für die Abschaffung, im vergangenen Jahr kassierte der Stadtrat das in großen Teilen wieder ein. Bürgermeisterin Muriel Bowser hatte darauf gedrängt. Seit Inkrafttreten der Reform hätten Restaurants und Bars mehr als 1700 Stellen abgebaut, argumentierte ihr Büro.
Auch Gastronomen, die freiwillig auf Trinkgeld verzichteten, gaben oft wieder auf. Danny Meyer, einer der bekanntesten Wirte New Yorks, begann 2015, es in seinen Restaurants abzuschaffen. Er wollte die Lohnlücke zwischen Service und Küche schließen, denn in New York darf das Trinkgeld nicht mit den Köchen geteilt werden.
Doch es sei „nie leicht gewesen, die Rechnung für alle Beteiligten aufgehen zu lassen, selbst in wirtschaftlich weit robusteren Zeiten“, schrieb Meyer 2020 in einem offenen Brief. Nach vier Monaten Corona-Schließung führte er das Trinkgeld wieder ein. Zum Abschied bat er seine Gäste: „Geben Sie so großzügig Trinkgeld, wie Sie können.“
Rigie kennt noch einen anderen Grund: Erhöhen Restaurants ihre Preise, um höhere Löhne zu zahlen, „schrecken die Gäste oft vor den höheren Preisen zurück, selbst wenn sie wissen, dass sie kein Trinkgeld geben müssen“. Wer ins Dirt Candy kommt, rechnet bereits mit höheren Preisen. Das trinkgeldlose Restaurant hat neuerdings einen Michelin-Stern.
3. In der Politik
Im April bekam Trump ungewöhnlichen Besuch. Sharon Simmons, eine Großmutter aus Arkansas, brachte Tüten von McDonald’s direkt vor das Weiße Haus, bestellt über den Lieferdienst Doordash. Der Präsident nahm das Fastfood in Empfang, dann zog er einen 100-Dollar-Schein aus der Tasche. Trinkgeld vom Präsidenten, in bar.
Simmons war gekommen, damit Trump für sein Steuergesetz werben konnte. Bis zu 25.000 Dollar Trinkgeld im Jahr bleiben seit 2025 und vorerst bis 2028 von der Bundeseinkommensteuer verschont, so hat es der Kongress beschlossen. Doch für die Show taugt das Thema besser als für die Statistik.
Nur rund vier Prozent der Steuererklärungen weisen überhaupt Trinkgeld aus, schätzt das Budget Lab. Am meisten profitierten mittlere Einkommen, sagt John Ricco, der dort die Politikforschung mitleitet. Geringverdiener zahlten ohnehin kaum Bundessteuer, Gutverdiener seien ausgeschlossen.
Damit Arbeitgeber nicht einfach Lohn in steuerfreies Trinkgeld umetikettieren, begünstigt die Steuerbehörde IRS nur Trinkgeld, das der Kunde auch auf null setzen kann. „Der begrenzende Faktor sind die Kunden“, sagt Ricco. Zwar mache die Steuerbefreiung Jobs mit Trinkgeld attraktiver, mehr Beschäftigte würden in solche Berufe wechseln wollen. Das Trinkgeld aber geben weiterhin die Gäste.
„Doordash macht einen guten Job“, lobte Trump bei dem Termin. In New York sieht man das anders. Seit Ende 2023 müssen die Liefer-Apps ihren Fahrern dort einen Mindestlohn zahlen, inzwischen 22,13 Dollar pro Stunde vor Trinkgeld. Kaum war die Regel in Kraft, rückte die Frage nach dem Trinkgeld bei Doordash und Uber Eats nach hinten: Gestellt wurde sie erst, wenn die Bestellung schon abgeschickt war.
Wer dann noch etwas gab, musste es also wirklich wollen. Die Fahrer merkten das sofort. Anfang 2026 bekamen sie bei den beiden Apps im Schnitt 76 Cent pro Lieferung, bei Konkurrenten, die schon beim Bezahlen fragen, waren es 2,17 Dollar. Mehr als 550 Millionen Dollar seien den Fahrern so entgangen, rechnet die städtische Verbraucherschutzbehörde vor.
Die Geschäftsmodelle einiger Liefer-Apps hätten stets darauf abgezielt, dass die Fahrer das Trinkgeld als Teil ihrer Bezahlung betrachten – und nicht als Zuwendung des Kunden, sagt James Parrott, Ökonom an der New School in New York. Unterm Strich verdienten die Fahrer laut Parrott trotzdem mehr als vor der Regulierung, weil der höhere Lohn das fehlende Trinkgeld mehr als ausglich.
Seit Januar schreibt die Stadt sogar die Höhe des Trinkgeld-Vorschlags vor: mindestens zehn Prozent. In den ersten sechs Monaten danach hat sich das Trinkgeld laut Behörde fast verdoppelt, 104 Millionen Dollar flossen zusätzlich an die Fahrer. „Jahrelang haben die Liefer-Apps den Trinkgeldknopf vergraben, um ihre eigenen Gewinne aufzubessern“, sagt Bürgermeister Zohran Mamdani.
Doordash hält dagegen. „Es sollte den Verbrauchern überlassen sein, nicht dem Stadtrat, ob sie in New York Trinkgeld geben wollen“, erklärte der Konzern im Dezember, als er gemeinsam mit Uber Klage einreichte. Schon 2024 hatte Doordash gewarnt, die Regeln würden das Trinkgeld „mehr zu einer Steuer“ machen. Im Eilverfahren scheiterten die beiden Unternehmen im Januar noch vor Gericht.
4. In Deutschland
Wer bis zum Frühjahr in manchen deutschen Starbucks-Filialen mit Karte bezahlte, bekam an der Kasse gleich mehrere Trinkgeldsätze vorgeschlagen. Nur das Nein war schwer zu finden: Eine klar beschriftete Taste dafür gab es nach Darstellung der Verbraucherzentrale Brandenburg nicht. Die Verbraucherschützer mahnten den Betreiber AmRest ab. Betroffen sei nur eine begrenzte Zahl von Filialen gewesen, teilte Starbucks Deutschland dem RBB mit. Man habe die Geräte fristgerecht angepasst, nun gebe es eine klare Darstellung aller Optionen, „einschließlich der Option ‚Kein Trinkgeld‘“.
Dass es ausgerechnet eine amerikanische Kaffeekette traf, passt ins Bild. Mit der Kartenzahlung ist ein Stück amerikanischer Trinkgeldkultur nach Deutschland gekommen. Den Weg dafür hat der Abschied von der Münze geebnet. 2025 zahlten die Deutschen ihre Einkäufe erstmals häufiger mit Karte oder Smartphone als in bar, ermittelte die Bundesbank.
Und die Trinkgeldtaste liefern die Anbieter der Terminals gleich mit. „Auf diese Weise können Sie Ihren Umsatz steigern und Ihren Servicemitarbeitern zu mehr Trinkgeld verhelfen“, wirbt etwa der Bezahldienst Sumup in einem Ratgeber.
„Voreingestellte Optionen machen aus einer offenen Entscheidung eine Auswahl mit Leitplanken“, sagt Alina Stephanie Bone-Winkel vom Digitalverband Bitkom. Doch die Deutschen wehren sich auf ihre Art: Sie zahlen die Rechnung mit Karte und den Dank in Münzen. 58 Prozent der Kartenzahler legen das Trinkgeld lieber bar auf den Tisch, wie eine Umfrage im Auftrag von Girocard ergab. Ausgerechnet das Trinkgeld wird so zum Rückzugsort des Bargelds.
Verbraucherschützer setzen indes auf Brüssel. Der Verbraucherzentrale Bundesverband will manipulative Designtricks in der EU verbieten lassen, ausdrücklich auch bei der Kartenzahlung. Gelegenheit böte der Digital Fairness Act, den die EU-Kommission für Ende 2026 angekündigt hat. Das Gesetz soll Verbraucher vor Abofallen, süchtig machendem Design und Bedienoberflächen schützen, die zu ungewollten Entscheidungen verleiten. Kartenterminals erwähnt die Initiative bislang aber nicht.
Im Monkey Cup dreht sich das Tablet weiter zum Gast. Wie lange die Kunden dort und anderswo auf die großen Felder tippen, entscheiden weder Kassenhersteller noch Gesetzgeber, sondern ganz allein der Kunde selbst. Oder wie Konsumforscher Lynn sagt: „Es gibt keinen Gott des Trinkgeld, der die Macht hätte, uns vorzuschreiben, was wir geben müssen.“
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