Varta-Gläubiger verweigern Verhandlungen mit Investor Sergio
Quick Look
- Der Schweizer Investor Pino Sergio will den Batteriehersteller Varta retten und eine Natrium-Ionen-Fertigung aufbauen.
- Seine Allswiss-Gruppe hat den Gläubigern ein Angebot unterbreitet, doch die Deutsche Bank und britische Fonds verweigern Verhandlungen und sprechen von einer "vorläufigen Interessenbekundung".
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Why It Matters
Varta geriet 2022 in eine Krise, als Apple die Bestellungen für Knopfzellen reduzierte. Das Unternehmen wurde neu aufgestellt, wobei Aktionäre ihre Anteile verloren. Nun droht die Zerschlagung wegen erneuter Finanzprobleme.
Noch immer gibt es keine Verhandlungen zwischen den Gläubigern des angeschlagenen Batterieherstellers Varta und dem Schweizer Investor Pino Sergio, der mit seiner Allswiss-Gruppe die Darlehensgeber auszahlen und das Technologieunternehmen retten will, um eine Natrium-Ionen-Fertigung aufzubauen.
„Direkte Gespräche zwischen uns, der Deutschen Bank und Blantyre finden derzeit nicht statt“, sagte Sergio der F.A.Z.: „Ein solches Gespräch wurde uns zu keinem Zeitpunkt angeboten.“ Die Allswiss-Gruppe hat ihr Angebot am 11. Juni als Erstes an die Deutsche Bank und die britische Investmentgesellschaft Blantyre gerichtet, weil diese beiden Gläubiger die Verwertung ihrer Sicherheiten durch eine Meldung an das Bundeskartellamt Anfang Juni vorbereitet haben.
Die Deutsche Bank und Blantyre gehören neben den beiden ebenfalls von London aus agierenden Fonds Whitebox und Bluebay zu den vier wichtigsten Darlehensgebern von Varta. Bei ihnen liegt die Macht, über die Zukunft des baden-württembergischen Unternehmens zu entscheiden. Die drei Fonds und die Deutsche Bank haben vor mehr als zwei Jahren zu sehr günstigen Konditionen Darlehen übernommen, die andere Varta-Gläubiger verkauft haben, weil sie das Vertrauen in das Unternehmen verloren hatten.
Allswiss will mit Varta Natrium-Ionen-Fertigung aufbauen
Der Schweizer Investor Sergio ist nach eigenen Angaben mit seiner Allswiss-Gruppe bereit, sämtliche Forderungen der aktuellen Finanzierungsgläubiger aufzukaufen, um Varta als Ganzes zu erhalten. „Varta hat im Natrium-Ionen-Ansatz eine Zukunftstechnologie ausgearbeitet, die hoch skaliert werden kann und uns in der Batterietechnik ein Stück weit aus der Abhängigkeit von chinesischen Unternehmen befreit“, sagt Sergio im Gespräch mit der F.A.Z. In dem Angebot von Allswiss heißt es unter anderem, dass es um den „Erwerb sämtlicher Forderungen, Kaufpreis 100 Prozent, Nominalwert 298 Millionen Euro für 298 Millionen Euro, zahlbar Zug um Zug“ gehe.
Die Frage der F.A.Z., wie Deutsche Bank, Blantyre, Whitebox und Bluebay das Angebot aus der Schweiz bewerten, beantworten weder das Frankfurter Geldinstitut noch die drei britischen Fonds. Über die PR-Agentur Charles Barker lässt eine „Ad-hoc-Gläubigergruppe“ ausrichten, dass es kein Angebot aus der Schweiz gegeben habe, sondern allenfalls eine „vorläufige Interessenbekundung“. Für wen Charles-Barker-Direktor Jan P. Sefrin spreche, dürfe er nicht offenlegen, zudem wisse er nicht genau, wer sich hinter der „Ad-hoc-Gläubigergruppe“ verberge.
„Die Ad-hoc-Gläubigergruppe hat eine Interessensbekundung zum Erwerb sämtlicher finanziellen Forderungen und Sicherungsrechte gegenüber der Varta-Gruppe erhalten, die allen Gläubigern zur Verfügung gestellt wurde“, sagt Sefrin: „Die Ad-hoc-Gläubigergruppe arbeitet weiterhin zusammen und unterstützt unverändert konstruktive Bemühungen, um ein realistisches und nachhaltiges Ergebnis für das Unternehmen zu erzielen, das die Fortsetzung des Betriebs gewährleistet und eine faire Behandlung aller Beteiligten sicherstellt. In diesem Zusammenhang steht die Gruppe kontinuierlich im Dialog mit dem Unternehmen und anderen Stakeholdern.“
Landesbank Bayern ist Mitglied in der „Ad-hoc-Gläubigergruppe“
Zu den Stakeholder gehören unter anderem die Porsche AG und der österreichische Unternehmer Michael Tojner, die jeweils 50 Prozent an der Varta AG halten. Beide wollten sich auf Anfrage der F.A.Z. nicht zu dem Angebot aus der Schweiz äußern. Der Tojner-Sprecher fragte allerdings, was mit „Ad-hoc-Gläubigergruppe“ gemeint sei. Den Begriff kenne man in Österreich nicht. Nach Informationen der F.A.Z. aus Finanzkreisen gehört zu der Gruppe neben der Deutschen Bank und den drei Fonds mindestens noch die Landesbank Bayern, die sich aber auch nicht zu dem Angebot von Pino Sergio äußerte.
Nachdem die Deutsche Bank und Blantyre nicht auf die Gesprächsanfrage von Allswiss eingegangen sind, hat sich Sergio an die Global Loan Agency Service (Glas) gewendet, die die Sicherheiten von Varta – insbesondere den profitabel arbeitenden Geschäftsbereich Haushaltsbatterien – verwaltet. Der Schweizer schickte am 16. Juni das Angebot an Glas mit der ausdrücklichen Bitte, die Allswiss-Offerte an sämtliche Varta-Gläubiger – auch die im zweiten, dritten und vierten Rang – weiterzuleiten. „Derzeit stehen wir ausschließlich mit dem Sicherheiten-Treuhänder in engem Austausch“, sagt Sergio: „Ich gehe davon aus, dass wir im Laufe der Woche Einsicht in die relevanten Unterlagen erhalten werden.“ Zudem soll Allswiss bis Mitte Juli offenlegen, wie die Ablösung der Schulden finanziert werden soll.
Zwischenzeitlich habe Allswiss auch ein Gespräch mit Vertretern von Porsche geführt. „Das Gespräch in Zuffenhausen verlief sehr konstruktiv“, sagte Sergio: „Unser Eindruck ist, dass Porsche ein großes Interesse daran hat, zu einer tragfähigen Lösung für die Varta AG beizutragen.“ Positiv hervorzuheben sei, dass auch das Management der Varta den Prozess konstruktiv begleitet. Varta selbst äußerte sich auf Anfrage der F.A.Z. nicht. „Die Varta AG arbeitet weiterhin konstruktiv mit allen Stakeholdern zusammen, um eine Lösung im besten Unternehmensinteresse zu finden“, sagte ein Sprecher.
In die Krise gerutscht ist Varta im Herbst 2022, weil das Unternehmen vor allem auf wiederaufladbare Knopfzellen für Apple setzte. Das Unternehmen nahm Schulden auf, baute die Produktion in großem Maße aus. Als Apple sich aber dann entschied, einen zweiten Zulieferer zu suchen, brachen die Abrufe bei Varta ein. Das Unternehmen wurde im Rahmen des Gesetzes über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen (StaRUG) neu aufgestellt. Dabei verloren alle bisherigen Aktionäre einschließlich Mehrheitsaktionär Tojner ihre alten Anteile.
Aktionärsschützer kritisierten die Enteignung Tausender Kleinanleger scharf und prangerten vor allem an, dass sich Tojner, der die Krise im Aufsichtsrat mitverursacht hatte, wieder beteiligen konnte. Neben Tojner übernahm die Porsche AG 50 Prozent der Anteile. Der Sportwagenhersteller sichert sich durch den Einstieg den Zugriff auf die Hochleistungszellen V4Smart für den Turbo-Hybrid-Antrieb des Porsche 911.
Stillhalteabkommen der Gläubiger läuft bis zum 22. Juli
Die neuen Probleme begannen im November 2025. Durch den schwächeren Dollarkurs brachten die Geschäfte mit Apple, die Varta in Dollar abrechnete, weniger Geld in die Kasse. Das Unternehmen riss beim Gewinn (Ebitda) die Finanzierungsverpflichtungen („Covenants“). Hinzu kam im Frühjahr ein zweiter Covenant-Verstoß – und zwar in der Prognose, dass die langfristige Finanzierung von Varta, wie sie im StaRUG-Verfahren festgelegt war, stark gefährdet sei, weil Apple zwischenzeitlich angekündigt habe, die Bestellungen bei Varta ganz einzustellen. Die Investmentgesellschaften und die Deutsche Bank haben wegen der Covenant-Verstöße die Möglichkeit, die Kredite fällig zu stellen und Varta in die Insolvenz zu schicken – um dann die Sicherheiten zu verwerten. Ein Stillhalteabkommen läuft bis zum 22. Juli.
Wenn die vier Hauptgläubiger ihre Darlehen fällig stellen, droht dem Batteriehersteller die Zerschlagung, über die schon ein Plan existiert. Bei einer Besprechung am 9. Juni in Wien haben sich nach Informationen der F.A.Z. aus Finanzkreisen Vertreter von Blantyre, Bluebay und Whitebox sowie der Deutschen Bank unter anderem mit Vertrauten des Anteilseigner Tojner getroffen. Dort könnte auch der Plan Tojners besprochen worden sein, den die F.A.Z. einsehen konnte und der vorsieht, dass die Sparte Haushaltsbatterien zu 100 Prozent an die drei britischen Fonds und die Deutsche Bank geht, nachdem die vier Gläubiger selbst die Kredite fällig gestellt haben. Die Tojner-Gruppe würde dem Plan zufolge die übrigen Varta-Sparten für einen Euro kaufen und unter eigener Regie restrukturieren.
Sparkassen und Volksbanken könnten bei Zerschlagung leer ausgehen
Von den 298 Millionen Euro an Gesamtschulden halten die britischen Fonds und die Deutsche Bank 180 Millionen Euro. Sollte nun der Treuhänder Glas den Wert der Sicherheiten auf weniger als 298 Millionen Euro taxieren, könnten bei einer Übernahme nachrangige Gläubiger – im vierten Rang sind das auch Sparkassen und Volksbanken – leer ausgehen, während die Hauptgläubiger mit einem sogenannten Debt-Equity-Swap ins Eigenkapital der Sparte Haushaltsbatterien gehen und mit ihren Schulden bezahlen.
Für Blantyre, Bluebay, Whitebox und die Deutsche Bank wäre eine solche Lösung lukrativ. Denn die Sparte Haushaltsbatterien läuft gut. Sie hat im Jahr 2025 ein Ergebnis von 65 Millionen Euro erwirtschaftet. Bei einem Verkaufspreis zwischen dem Fünf- und Siebenfachen des Gewinns könnten die Gläubiger zwischen 325 und 455 Millionen Euro erlösen, was eine sehr gute Rendite wäre, da sie nur mit einem Bruchteil des Nennwertes ihrer Darlehen in Höhe von 180 Millionen Euro eingestiegen sind.
Während die britischen Fonds offenbar auf genau so eine Lösung spekulieren, ist sie für die Deutsche Bank eine argumentative Herausforderung. Das Geldinstitut wäre dann daran beteiligt, dass das Know-how von Varta, das das Management des Herstellers für den Aufbau einer deutschen Natrium-Ionen-Fertigung nutzen will, an chinesische und amerikanische Wettbewerber verkauft wird. Als einer der Initiatoren der Initiative „Made for Germany“ hatte aber Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing vor gerade einmal einem Jahr in Aussicht gestellt, alles dafür zu tun, dass der Standort Deutschland gestärkt und wichtige Technologie im Land gehalten wird.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Hauptgläubiger stellen Kredite fällig und leiten Zerschlagung ein.
Likely · Within weeks
Haushaltsbatterie-Sparte wird durch Debt-Equity-Swap an Gläubiger übertragen.
Likely · Within weeks
Open Questions
- Wie bewerten die Hauptgläubiger das Angebot von Allswiss?
- Wer verbirgt sich hinter der "Ad-hoc-Gläubigergruppe"?
- Wie wird die Finanzierung der Schuldenablösung durch Allswiss geschehen?






