TikTok-Hexen bieten Liebeszauber, Lebenshilfe und Flüche an. Sektenbeauftragte warnen vor Abhängigkeiten, psychischen Risiken und medizinischer Gefährdung.
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Das Internet und Plattformen wie TikTok verzeichnen einen starken Anstieg magischer und esoterischer Angebote rund um Hexentum und Lebenshilfe.
Solide Magie hat ihren Preis. Für ein „Trennungsritual“ beispielsweise muss man bei mancher Hexe 250 Euro hinlegen. Mithilfe magischer Intervention wird dabei eine Partnerschaft getrennt. Ist die Beziehung dann zerstört, empfiehlt sich die nächste magische Dienstleistung: die „Partnerrückführung“. Der Ex-Partner wird dadurch zu seinem oder seiner Verschmähten zurückgelenkt – ebenfalls für 250 Euro. Andere Hexen bieten sogar einen beziehungstherapeutischen Intensiveingriff an: den „Besessenheitszauber“ – in siebenfacher Ausführung 259 Euro. Der „Wunschpartner“ werde dann meist „intensiv an dich denken und dich stark begehren“, verheißen sie. Und wenn auch das nicht hilft, aktivieren einige Hexerei-Expertinnen einen „Liebes-Talismann“, woraufhin man oft „einigen sehr interessanten potenziellen Partnern“ begegne (für 200 Euro).
Digitales Hexentum – ein Massenphänomen
Die Hexen-Welt ist voller Versprechen, das Internet voller Hexen – und die Gruppe der Sektenbeauftragten voller Mahnungen zur Wachsamkeit. Die erklingen nun rund ums Halloween-Wochenende mit seinen Hexen-Kostümen und Hexen-Sprüchen. Allerdings beargwöhnen Experten nicht die Kinderkostüme, sondern das digitale Hexentum, für das Halloween eher ein günstiges kulturelles Umfeld bietet. So finden sich allein auf der Internetplattform TikTok unter dem Hashtag „Witchtok“ viele Millionen Videos, in denen Hexen „Lebenshilfe“ anbieten – mittels Zaubersprüchen, Tarotkarten, Pendeln und „Hellsichtigkeit“.
Mit deren Erstarken verbinden sich indes einige Irrtümer. Verbreitet ist die Annahme, Hexen seien eine Art spiritueller Feministinnen. In der Tat ist die Hexerei-Szene überwiegend weiblich geprägt, so bestätigt Andrew Schäfer, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche im Rheinland, gegenüber WELT. Heutige Hexen hätten aber „manche ihrer feministisch-politischen Anfangsimpulse aus den 70ern mehr oder weniger verloren“. Damals traten sie oft zugleich als Frauenrechtlerinnen auf. Inzwischen unterbreiten sie ihren Kunden jedoch völlig unpolitische Angebote, die auf private Bedürfnisse zielen, wie die Autoren, Esoterikexperten und evangelischen Theologen Fabian Maysenhölder und Philipp Kohler berichten – etwa durch Liebes- und Geldzauber.
Abhängig von einer Hexe?
Ein Vorurteil sei auch die Vermutung, dass es sich stets um Geldschneider und Schwindler handle. Ihm seien „überwiegend Menschen begegnet, die sich als Hexen verstanden, die das aus Überzeugung getan und die von da aus ein Geschäftsmodell entwickelt haben“, erzählt Schäfer. Diesen Sie-glauben-es-wirklich-Befund bestätigt auch die Psychologin Bianca Liebrand von der Sekten-Info NRW: Bei den Hexen könnten „unterschiedliche Beweggründe eine Rolle spielen. Eine persönliche spirituelle Überzeugung, der Wunsch, Menschen Unterstützung anzubieten, aber auch wirtschaftliche Interessen – diese Motive können gleichzeitig bestehen“.
Natürlich gehen damit auch Risiken einher. „Mögliche Gefährdungen ergeben sich vor allem, wenn persönliche Krisen, Ängste oder Unsicherheiten ausgenutzt werden. Problematisch kann es beispielsweise werden, wenn Menschen vor angeblichen Gefahren gewarnt werden, für deren Abwendung weitere kostenpflichtige Leistungen erforderlich sind“, berichtet Bianca Liebrand gegenüber WELT. Zudem kommt es laut den Experten immer wieder zu Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Hexen und Kunden, die sich auch finanziell verheerend auswirken könnten.
„Für Leib und Leben gefährlich“
Obendrein droht (nicht bei jeder Hexe, aber bei so mancher selbsternannten Magie-Expertin) massiver gesundheitlicher Schaden: „Wer sagt, ein Kerzenzauber wirke gegen eine schwere Krankheit, macht keine religiöse Aussage, sondern eine medizinische – und die ist falsch. Im schlimmsten Fall führt das zur Therapieverschleppung bis hin zum Tod“, warnt Maysenhölder. Entsprechende Fälle sind dokumentiert. Schäfer betont, „vermeintlich magische Praktiken“ seien „frei von evidenzbasierten Wirksamkeitsnachweisen. Wer ernsthafte medizinische oder psychische Probleme hat, bedarf eines Arztes oder eines seriösen Psychotherapeuten, anderenfalls kann es für Leib und Leben gefährlich werden“.
Eine schwere psychische Belastung droht bei vielen Formen magischen Denkens, zum Beispiel wenn „Menschen glauben, ihre Gedanken steuerten die Realität. In der Folge können dann irrationale Schuldgefühle entstehen“, aber auch Zwangs- und Persönlichkeitsstörungen kämen vor, so beobachtet Andrew Schäfer. Konkret könne sich dies etwa in der Überzeugung niederschlagen „Ich habe Krebs bekommen, weil ich nicht positiv genug gedacht habe“ oder „Ich muss dreimal klatschen, damit meiner Familie nichts passiert“. In Extremfällen führe diese maximale Überlastung der eigenen Gedankenwelt zu „Psychosen, bei denen die Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt pathologisch verschwimmt“.
Eine bedenkliche Auswirkung der Hexerei bestehe bisweilen auch in der Potenzierung von Aggression. Kohler und Maysenhölder warnen: „Wenn eine TikTok-Hexe 69.000 Followern erzählt, ein Zauber ‚durchbohre das Chakra‘ des Mannes und noch die eigenen Kinder müssten das mit ihrem Karma ausbaden“, sei das „eine Form spirituellen Missbrauchs“. Rache- oder Schadenszauber seien „kein gesunder Umgang mit Wut“, weil sie Aggressionen verstärkten, anstatt sie abzubauen. Vollends gelte dies für „Kanäle, die sich mit ‚dunkler‘ Magie beschäftigen“. Da entstehe „eine Dynamik, die uns schadet und die wir nicht im Griff haben“. So wurden in Großbritannien erst dieses Jahr Dutzende Fälle von Kindesmissbrauch bekannt, die von Schwarzmagiern und Hexen verübt worden sind.
Christen gehen, Hexen kommen?
Dass unter Hexen antichristliche Affekte verbreitet sind, überrascht da kaum. Originell ist allerdings, dass diese oft im Gewand vermeintlich aufgeklärter Religionskritik auftreten. Kirchen werden nicht selten als nutzloses Relikt abgetan, dessen Dogmen man als vernünftiger Mensch nicht mehr ernst nehmen könne – von selbsternannten Hexen, deren Metier der Geld-, Liebes- und Rachezauber ist. Was für ein Tausch: Die Christen gehen, die Hexen kommen.
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