
Drei Jahre nach dem Hamas-Überfall fordert Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot mit seiner neuen Partei 'Jaschar' Premierminister Benjamin Netanjahu heraus.
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Im Dezember 2023 verlor Gadi Eisenkot seinen Sohn Gal bei Kämpfen im Gazastreifen, woraufhin er aus dem Kriegskabinett austrat.
Es ist ein hochemotionaler Tag in Re'im im Süden Israels. Drei Jahre nach dem verheerenden Überfall der Terrororganisation Hamas auf das Nova-Musikfestival haben sich die Familien der Opfer am Rande des Gazastreifens versammelt.
Mittendrin steht ein unauffälliger Mann mit kurzen, weißen Haaren im schlichten schwarzen Hemd: Gadi Eisenkot. Während um ihn herum Hunderte Tafeln mit den Gesichtern der mehr als 350 Getöteten im Wind stehen, sucht der Politiker das Gespräch mit den Trauernden.
"Ich hoffe, dass uns dieser Tag stärker macht und uns noch enger zusammenschweißt", sagt Eisenkot ruhig. Er ist kein Mann der lauten Inszenierung oder der langen Worte. Würde er nicht von Fotografen umringt, er fiele zwischen den trauernden Angehörigen kaum auf. Doch seine Worte haben für die Menschen hier Gewicht - denn Eisenkots eigener Schmerz ist echt.
Vom Kriegskabinett in die Opposition
Im Dezember 2023 verlor der ehemalige Generalstabschef seinen 25-jährigen Sohn Gal bei den Kämpfen im Gazastreifen; wenig später fielen auch zwei seiner Neffen. Eisenkot saß zu diesem Zeitpunkt als Beobachter im Kriegskabinett und musste vor den Augen der Öffentlichkeit um sein eigenes Kind trauern. Kurz darauf trat er aus dem Kabinett aus.
Heute hat er die persönliche Tragödie zu einer politischen Mission gemacht. Sein zentrales Wahlkampfversprechen lautet, das beispiellose Sicherheitsversagen vom 7. Oktober lückenlos durch eine unabhängige, staatliche Untersuchungskommission aufzuarbeiten.
"Er hat aus der Familientragödie eine Lebensmission gemacht", erklärt Liane Pollack-David, die auf Platz 25 seiner Kandidatenliste steht. "Er bringt uns die Hoffnung, dass wir das nächste Kapitel für Israel aufschlagen."
"Wahl zwischen Einheit und Spaltung"
Eisenkots neu gegründete Partei trägt den Namen Jaschar, was übersetzt "Geradeaus" oder "Vorwärts" bedeutet. Die Bewegung zieht ein ungewöhnlich breites Spektrum an: Säkulare, Religiöse, Menschen aus allen Landesteilen. Sogar enttäuschte Wähler aus den traditionellen Hochburgen der Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wechseln das Lager.
So wie Stella Abidan, die 24 Jahre lang den Likud wählte und sich nun von Netanjahu betrogen fühlt: "Er hat nichts für unsere Sicherheit getan und nichts unternommen, um den 7. Oktober zu verhindern. Mit dieser Regierung kann man nicht weitermachen."
Um die gesellschaftliche Integration voranzutreiben, fordert der Ex-General das in Israel bisher Undenkbare: eine allgemeine Wehrdienstpflicht, die ausdrücklich auch für arabische Israelis und ultraorthodoxe Religionsschüler gelten soll. Eisenkot selbst sieht die kommende Wahl als historisches Referendum: "Wir werden die Wahl haben zwischen Zionismus und Herrschaftsanspruch, zwischen Einheit und Spaltung sowie zwischen nationaler Verantwortung und der Vernachlässigung von Sicherheit."
Netanjahus Gegenangriff
Amtsinhaber Netanjahu reagiert auf den neuen Herausforderer mit gewohnter Härte und setzt ganz auf Polarisierung. In KI-generierten Wahlwerbespots wirft sein Lager Eisenkot vor, schwach zu sein und heimlich die Gründung eines palästinensischen Staates zu planen - Vorwürfe, die Eisenkot als Verleumdung zurückweist. Netanjahu versucht, den Wahlkampf in das klassische Links-Rechts-Schema zu pressen: "Es geht hier um links oder rechts. Geradeaus gibt es nicht, das ist ein Bluff", rief er bei einem Wahlkampfauftritt.
Doch wer Eisenkot wegen seiner ruhigen, fast hölzernen Art für schwach hält, verkennt die militärische Vergangenheit des Mannes, der 41 Jahre lang in den israelischen Streitkräften diente und 2015 zum Generalstabschef aufstieg. Als Chef des Nordkommandos prägte er einst die sogenannte "Dahiya-Doktrin". Diese besagt, dass Israel auf Angriffe aus zivilen Gebieten mit massiver, asymmetrischer Zerstörung reagiert.
"Er sieht aus wie ein netter Typ, aber er ist sehr taff", betont der ehemalige Generalmajor der Luftwaffe, Gideon Scheffer, der Eisenkot seit fast drei Jahrzehnten kennt. "Er ist ein Anführer, aber ein leiser Anführer. Man muss nicht schreien, um ein Anführer zu sein."
Ein fragiles Zweckbündnis im Erfolgsfall
Obwohl Eisenkot in den Umfragen kontinuierlich zulegt und sich ein enges Rennen mit Netanjahu liefert, stünde er im Falle eines Wahlsieges vor einer gewaltigen Herausforderung. Für eine Regierungsbildung wäre er auf ein politisch äußerst heterogenes Bündnis angewiesen, das die tiefen Brüche der israelischen Gesellschaft widerspiegelt. Dazu würden wohl folgende Parteien zählen:
Ob dieser Spagat gelingen kann, bleibt offen. Eisenkot setzt pragmatisch darauf, dass die israelische Bevölkerung nach Jahren des permanenten Krisenmodus der lauten Versprechungen müde ist. Auf die Frage des Onlineportals YNET, ob ihm im Vergleich zu Netanjahu schlicht das nötige Charisma fehle, antwortete Eisenkot gewohnt nüchtern: "Ich weiß nicht, was das bedeutet, Charisma. Ich sehe ja, wohin Netanjahu den Staat Israel geführt hat. Was ist also Charisma?"
AI outlook — possibilities, not facts
Knappes Rennen bei den kommenden Wahlen zwischen Netanjahu und Eisenkot
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