VW-Umbau: Tausende Stellen und vier Werke auf dem Spiel
Quick Look
- Volkswagen erwägt einen tiefgreifenden Umbau mit möglichen Werksschließungen und dem Abbau von bis zu 120.000 Stellen.
- Gewerkschaften und Politik äußern sich besorgt und fordern Solidarität.
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Why It Matters
Volkswagen plant einen tiefgreifenden Umbau, der zur Schließung von vier Werken und zum Abbau von bis zu 120.000 Stellen führen könnte. Dies löst Proteste von Gewerkschaften und Besorgnis bei der Politik aus.
Die Protestwelle beginnt am Donnerstagvormittag noch vergleichsweise klein. Doch sie lässt schon erahnen, wie groß der Konflikt werden kann. Im niedersächsischen Osnabrück versammeln sich um halb zehn am Morgen rund achtzig Gewerkschafter vor dem Werk von Volkswagen, um gegen Einschnitte im Konzern zu demonstrieren. Für den eher kleinen Standort steht schon länger fest, dass die Autoproduktion in einigen Monaten endet. Als Alternative wird dort eine Rüstungsproduktion geprüft, doch noch hat die Belegschaft keinerlei Sicherheit. Auch deshalb will der örtliche IG-Metall-Chef Stephan Soldanski nun Solidarität mit den anderen Werken bekunden. „Die Beschäftigten an allen Standorten stehen zusammen und kämpfen um ihre Zukunft“, ruft er den versammelten Arbeitnehmervertretern zu.
Im Süden der Republik, in Ingolstadt, kommen in der Mittagspause dann mehrere hundert Beschäftigte von Audi für einen „Flashmob“ vor das Werk. Sie schwenken rote Fahren und zeigen ein Banner mit der Aufschrift „Vereint für unsere Zukunft kämpfen“. In Stuttgart setzt sich etwa zeitgleich ein Autokorso mit Beschäftigten der Branche in Bewegung. Und am VW-Sitz in Wolfsburg tritt am frühen Nachmittag die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo vor die Kameras. „Zehntausende Kolleginnen und Kollegen bei uns haben Angst um ihre Zukunft“, sagt sie. Allen sei klar, dass VW sich ändern müsse – doch es reiche eben nicht, sich als „Totengräber für die eigenen Standorte“ zu positionieren.
Mit den Aktionen läuft sich die Gewerkschaft für eine Auseinandersetzung warm, die das Land lange in Atem halten dürfte. Schon am Donnerstagvormittag tagt die Spitze des VW-Aufsichtsrats, das Präsidium. Am Nachmittag kommt dann das ganze Kontrollgremium zusammen, um über einen tiefgreifenden Umbau zu beraten. Vier Werke – Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm – könnten nach Vorstellung des Managements schließen, der schon beschlossene Abbau von 50.000 Stellen könnte stark anwachsen. Je nach Lesart stünden dann global in Summe 100.000 oder sogar 120.000 Stellen zur Disposition.
Autobranche sieht sich in Bedrängnis
Schon im Vorfeld der Sitzung hatte die Konzernführung bekräftigt, dass die Lage ernst und Einschnitte unausweichlich seien. Man wolle den Konzern mit seinen vielen Marken „schneller, robuster und wettbewerbsfähiger“ machen, teilt ein Sprecher mit: „Und ja, wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen.“
Zum Redaktionsschluss dauerte die Sitzung an. Erwartet wurde, dass das Treffen nur ein Auftakt für ein monatelanges Ringen sein wird. Der nächste wichtige Termin könnte eine Aufsichtsratssitzung im September werden. Danach folgt das turnusmäßige Treffen der Kontrolleure im November, wenn die jährliche Planungsrunde ansteht, ein traditionelles Ringen um Investitionen und die Belegung der Fabriken mit Automodellen. In der geplanten Neuordnung von VW spielen diese Themen eine Schlüsselrolle, genau wie die im Herbst beginnenden Tarifverhandlungen.
Betroffene Fabriken in Deutschland gelten als zu groß und zu teuer. Von Anfang des kommenden Jahrzehnts an könnten sie sukzessive auslaufen. So sehen es zumindest die Planspiele des Managements vor. Die IG Metall, die sich gleichzeitig auch mit einem neuen Sparprogramm von Mercedes und etlichen Zulieferern konfrontiert sieht, warnt schon vor einem „abgestimmten Generalangriff“ auf Beschäftigte der ganzen Branche. Dass der VW-Vorstand bislang öffentlich zu den Themen geschwiegen habe, sei „respektlos und unanständig“, hatte der Chef der Gewerkschaft in Niedersachsen, Thorsten Gröger, schon am Donnerstagvormittag auf dem Netzwerk Linkedin verbreitet. Man zeige nun „gemeinsam Kante gegen diese Konzernstrategie“.
Auch unter den Audi-Mitarbeitern herrscht Nervosität. Mit dem Standort in Neckarsulm, an dem 15.500 Menschen arbeiten, steht das größte der vier fraglichen Werke vor dem Aus. Unbestätigten Plänen zufolge könnte die Produktion dort im Jahr 2034 auslaufen. Für die aktuell gebauten Fahrzeugreihen gibt es keine Nachfolger. Die Fabrik ist vor allem auf die Fertigung der Verbrennermodelle Audi A5, A6 und A7 ausgelegt, reine Elektrofahrzeuge können nicht montiert werden.
Die Expansionspläne des Konzernvorstands in den Vereinigten Staaten, in denen Audi über kein eigenes Werk verfügt, sind für Neckarsulm eine zusätzliche Bedrohung. VW baut dort ein eigenes Werk für die neu belebte Geländewagenmarke Scout, das Audi künftig mitnutzen könnte. Audi-Modelle, die bislang von Neckarsulm in den US-Markt exportiert werden, fielen dann weg. Alles in allem, so ist am Donnerstag zu hören, will die VW-Konzernführung einen umfassenden Strategieschwenk in Amerika schaffen. Erwogen wird dafür laut einem Bericht der „Bild“-Zeitung auch eine Kooperation mit Partnern wie Ford oder Nissan.
Die Politik ist schon seit Wochen alarmiert und will sich gegen Werksschließungen stemmen. So hatte sich in dieser Woche schon Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir in die Debatte eingeschaltet. In einem Brief an VW-Chef Oliver Blume nannte der Grünen-Politiker die mögliche Schließung der Fabrik in Neckarsulm „ein fatales politisches Signal“. Ein solcher Schritt, so fürchtet Özdemir, würde die Debatte über die Deindustrialisierung Deutschlands verschärfen, heißt es in dem Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt. „Ich wende mich an Sie persönlich, verehrter Herr Dr. Blume, um ein solches Szenario nach Kräften zu verhindern.“
Südwest-Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) hatte am Mittwoch Vertreter der baden-württembergischen Automobilindustrie zu einem Gespräch in ihr Ministerium eingeladen. Anschließend kündigte sie an, einen Zukunftsdialog für den Standort Neckarsulm anzuberaumen. Ein erstes Gespräch soll nach der Entscheidung des VW-Aufsichtsrats stattfinden. Zudem regte die CDU-Politikerin an, die Zusammenarbeit der Automobilländer Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen weiter zu vertiefen. Eine solche politische Allianz könne gegenüber Bund und EU mit gemeinsamer Stimme für die Interessen der Standorte eintreten, lautet die Idee. Große Sorge herrscht auch in Ostdeutschland, vor allem im sächsischen Zwickau. Dort fürchten Beschäftigte schon lange um die Zukunft ihres Werks.
Das Management um VW-Konzernchef Oliver Blume sieht sich unter Druck, auf immer neue Einschläge im Weltmarkt reagieren zu müssen. Das Unternehmen müsse umsteuern, um seine Zukunft sichern zu können, heißt es intern. Wie die Sitzung am Donnerstagnachmittag verläuft, war zunächst offen. Es galt als wahrscheinlich, dass sie sich bis in den Abend hinzieht. An diesem Freitag will Konzernchef Blume seinen versammelten Managern in München den Zukunftsplan vorstellen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Monatelanges Ringen um die Zukunft der VW-Standorte und Arbeitsplätze.
Very likely · Within months
Politische Allianz der Automobilländer zur Vertretung gemeinsamer Interessen.
Likely · Medium term
Open Questions
- Wie viele Stellen werden tatsächlich abgebaut?
- Welche vier Werke sind konkret betroffen?
- Wann werden die Entscheidungen final getroffen?






