Rentenlücke schließen: Wie viel Geld kann man monatlich aus dem Depot entnehmen?
Über Jahre hat man immer wieder Geld zur Seite gelegt und durch kluge Investitionen - etwa in ETFs oder andere Kapitalmarktanlagen - eine solide Basis geschaffen, um die eigene Rentenlücke zu schließen. Doch was passiert dann wirklich beim Renteneintritt? Wie viel Geld kann man aus dem mühsam angesparten Vermögen monatlich entnehmen, damit es auch möglichst lange reicht? Diese Frage ist extrem relevant für Menschen, die von ihrem angesparten Vermögen leben wollen - übrigens nicht nur im Alter, sondern auch etwa während eines Sabbatjahres.
Auf den ersten Blick klingt das ganze relativ simpel: Die im Depot angesparten Vermögenswerte werden im Alter nicht direkt auf einen Schlag verkauft, sondern bleiben teilweise weiter investiert. Dadurch kann weiter Rendite erwirtschaftet werden. Das funktioniert dann wie ein ETF-Sparplan in umgekehrter Richtung - sozusagen mit einem "Entsparplan". Regelmäßig, zum Beispiel einmal im Monat, werden Anteile verkauft, und dafür hat man dann zusätzliches Einkommen zur gesetzlichen Rente. So profitiert man einerseits von seinem angesparten Vermögen und bleibt andererseits investiert, um weiter vom Zinseszinseffekt zu profitieren.
Wichtig zu wissen ist an dieser Stelle, dass es bei Depots keinen generellen Dauerauftrag für die Entnahme gibt. Laut Finanztip bieten aber einige Anbieter einen automatisierten Verkauf immer zu einem bestimmten Zeitpunkt an. Hier sollten sich Verbraucher vorab über die Konditionen ihres Depotanbieters informieren.
Wie der Staat mitverdient
Doch ganz so simpel, wie die Theorie klingt, ist die Praxis nicht. Denn jedes Mal, wenn man Anteile aus seinem Depot verkauft, will der Staat mitverdienen - und zwar in Form von Steuern. Beim Verkauf von Wertpapieren, die über die Jahre Gewinne erzielt haben, werden sie erhoben: "Die Erträge, die ich erwirtschaftet habe - egal, ob das Zinseinnahmen, Dividendeneinnahmen oder Kursgewinne sind - sie sind mit der Kapitalertragsteuer plus Kirchensteuer plus Solidaritätszuschlag zu versteuern", erklärt Professor Olaf Stotz von der Frankfurt School of Finance & Management im aktuellen Video des ARD-Finanzformats 50k auf YouTube.
Jedes Mal, wenn man ein Wertpapier verkauft, dass Gewinne gemacht hat, werden diese Gewinne also mit 25 Prozent Abgeltungssteuer, 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag auf die Steuer und gegebenenfalls mit Kirchensteuer besteuert. Insgesamt werden damit laut der Commerzbank zwischen 26,4 und rund 28 Prozent Steuern auf die Gewinne fällig.
Das gilt aber erst ab einer bestimmten Grenze. Denn bei Aktien-ETFs sind 30 Prozent der Gewinne steuerfrei. Und dank des Sparerpauschbetrages kann jeder Deutsche jedes Jahr 1.000 Euro an Kapitalerträgen steuerfrei erwirtschaften. Erst die Erträge, die oberhalb dieser Grenze liegen, werden besteuert. Damit man sich dieses Geld nicht mit der Steuererklärung zurückholen muss, kann man bei seiner Bank einfach einen Freistellungsauftrag einrichten - dann werden automatisch erst Gewinne ab der Grenze von 1.000 Euro besteuert.
Komplett ausgeben oder nicht?
Wohlüberlegt sollte die Höhe der monatlichen Entnahmen aus dem Depot sein. Olaf Stotz betont dabei, dass es wichtig ist, sich zu überlegen, ob man das angesparte Kapital über die Jahre komplett ausgeben will oder nicht. Welchen Unterschied das machen kann, zeigen Rechenbeispiele von 50k.
Die Basis für die Rechenbeispiele ist ein angespartes Vermögen von rund 584.708 Euro. Weitere Annahmen sind eine jährlichen Rendite von sechs Prozent, eine jährliche Inflation von zwei Prozent und zu zahlende Steuern von 28 Prozent auf die verkaufen ETF-Anteile. Dabei ist schon berücksichtigt, dass bei ETFs 30 Prozent vom Gewinn steuerfrei sind - das heißt Teilfreistellung.
Eine erste Orientierung dafür, wie viel Geld man aus seinem Depot entnehmen kann, ist die Vier-Prozent-Regel. Die Idee ist simpel: Wenn man jedes Jahr vier Prozent von seinem angesparten Vermögen entnimmt, geht einem mit großer Wahrscheinlichkeit nicht das Geld aus. Entwickelt hat die Regel in den 90ern der Finanzberater William Bengen.
Studien der Trinity University in Texas haben die Regel später bestätigt. Ihre Ergebnisse zeigen, dass ein breit gestreutes Portfolio aus ungefähr 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen bei einer Entnahmerate von rund vier Prozent in bis zu 30 Jahren höchstwahrscheinlich nicht aufgebraucht wird. Wichtig ist hier aber zu betonen, dass dies nur eine Faustregel ist und nicht immer so in der Realität zutrifft - Krisen oder Börsencrashs können auch bei Berücksichtigung der Vier-Prozent-Regel dazu führen, dass das Kapital früher aufgebraucht ist.
Wie viel monatlich zur Verfügung steht
Für das Beispiel von 50k lassen sich anhand der getroffenen Annahmen nun zwei verschiedene Szenarien zeigen: In Szenario 1 soll das gesamte Vermögen über 30 Jahre komplett aufgebraucht werden. Berechnungen mit einem Entnahmeplan-Rechner zeigen, dass man sich unter den getroffenen Annahmen monatlich rund 2.269 Euro nach Steuern auszahlen kann. Der Betrag steigt jedes Jahr um die Inflationsrate von zwei Prozent, womit auch die Kaufkraft stabil bleibt.
Nach 30 Jahren ist das Kapital dann komplett aufgebraucht. Aber das ist nicht ganz risikolos: Bei einer sehr schlechten Marktentwicklung könnte das Geld früher knapp werden. Und außerdem weiß man nie, wie alt man wirklich wird - das Geld könnte also aufgebraucht sein, bevor man gestorben ist. Und auch Rücklagen für möglicherweise anfallende Pflegekosten werden hierbei nicht gebildet.
Darum kann man die Depot-Entnahmen auch wie in Szenario 2 planen, dass sich an der bereits beschriebenen Vier-Prozent-Regel orientiert. Hierbei soll Kapital erhalten werden, im Prinzip lebt man nur von den Erträgen. Unter Berücksichtigung der Annahmen zeigt sich, dass sich die monatliche Entnahmerate deutlich reduziert: Pro Monat kann man sich ungefähr 1.636 Euro nach Steuern auszahlen - hat aber nach 30 Jahren sogar noch die 584.000 Euro übrig. Ob man sein Kapital verbraucht oder erhält, macht also einen großen Unterschied bei der monatlichen Auszahlung.
Nicht das gesamte Geld am Kapitalmarkt investieren
Experte Olaf Stotz rät im aktuellen 50k-Video außerdem dazu, immer einen Liquiditätspuffer zu haben: "Beim Entnahmeplan sollte man sich immer überlegen, dass man das Geld regelmäßig braucht. Da ist es durchaus sinnvoll, die monatlichen Ausgaben - vielleicht auf einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren - auf einem Geldmarktkonto vorzuhalten."
Der Grund: Kursschwankungen kann man so leichter aussitzen und auch größere Anschaffungen stemmen, ohne dass man bei niedrigen Börsenkursen zwingend verkaufen muss. "Je älter ich bin, desto flexibler sollte ich auch sein. Das heißt: desto mehr von meinem Vermögen sollte im Geldmarkt geparkt sein", betont Stotz deshalb.
Rente durch Dividendenzahlungen?
Neben den klassischen Entnahmeplänen gibt es aber noch eine weitere Möglichkeit, sich für das Alter ein zusätzliches monatliches Einkommen zu verschaffen, nämlich mittels Dividenden. Dividenden sind der Teil des Gewinns, den ein Unternehmen an seine Aktionäre ausschüttet. Auch sie gelten als Kapitalerträge - müssen also wie die Kursgewinne auch versteuert werden. Bei ausländischen Aktien kann noch die zusätzliche Quellensteuer anfallen.
Der Vorteil bei Dividenden ist: Man bekommt regelmäßig Geld, ohne Anteile verkaufen zu müssen. Allerdings sei an dieser Stelle betont: Dividenden sind nicht garantiert. Unternehmen können sie jederzeit kürzen oder ganz streichen - das ist auch schon passiert, auch bei eigentlich stabilen Firmen. Eine gute Alternative zu Einzelaktien können deshalb auch hier ETFs sein: Dividenden-ETFs bündeln Unternehmen, die regelmäßig Ausschüttungen liefern.
Allerdings braucht man viel Kapital, damit sich ein Investment in Dividendentitel lohnt: Realistische durchschnittliche Dividendenrenditen liegen bei drei bei fünf Prozent pro Jahr. Das heißt: Um 500 Euro im Monat aus Dividenden zu erhalten, braucht man ungefähr 150.000 Euro angelegtes Kapital. Rein auf Dividenden zu setzen, lohnt sich deshalb in der Regel kaum. Stattdessen ist es in der Praxis oft so, dass Dividendentitel als Ergänzung zu übrigen Anlagen gewählt werden.
Geld darf ausgegeben werden
Entscheidend für die richtige Strategie im Alter ist aber vor allem die Frage, wie viel man monatlich vom angesparten Vermögen ausgeben möchte. Olaf Stotz betont, dass man sich auch durchaus trauen kann, das angesparte Geld auszugeben: "Psychisch tun sich manche Menschen schwer damit, das Kapital, was sie vorher angespart haben, kontinuierlich auszugeben."
Dabei sei es ja gerade durch die eigene, gute Planung möglich geworden, dass man dieses Geld zur Verfügung hat. "Es ist auch nichts Schlimmes, wenn ich mein Kapital aufbrauche. Es ist sogar für mich vernünftig, weil dann habe ich auch was davon", so Stotz.





